Über PÄDAGOGIK

60 Jahre PÄDAGOGIK

Wandel und Kontinuität einer schulpädagogischen Zeitschrift

Johannes Bastian

Die Geburtsstunde

Es ist Anfang des Jahres 1948, als vier Pädagogen in Hamburg zusammenkommen und eine pädagogische Zeitschrift planen, für die sie sich bei der Britischen Besatzungsmacht um eine Lizenz bemühen wollen. Carl Schietzel, ein Universitätsdozent, zwei Schulräte – Hans Sprenger und Otto Wommelsdorf – sowie Fritz Kappe, ein Schulpraktiker, erhalten die Lizenz und begründen 1949 die Pädagogischen Beiträge im Westermann Verlag, Braunschweig. Sie geben ihr den Untertitel: »Zeitschrift für die Volksschule« – eine Schulform, die damals noch nahezu eine Schule für alle war.

Die 50er bis Mitte der 60er Jahre

Offensichtlich besteht bei Lehrerinnen und Lehrern Bedarf für eine solche Zeitschrift, die Diskussionen eröffnet und vor allem Ideen und Hinweise für eine demokratische Unterrichts­praxis liefert. Westermanns Pädagogische Beiträge – kurz WPB – begleiten viele Lehrerinnen und Lehrer in den 50er und frühen 60er Jahren bei der Gestaltung und Reflexion ihres Unterrichts und ihrer Schule – und das nahezu konkurrenzlos. Gleichzeitig gibt es in der Zeitschrift auch immer wieder kritische Hinweise auf die Notwendigkeit von Strukturreformen. Im Rückblick lesen sie sich wie eine Kritik an der vertanen Chance zu einer grundlegenden Bildungsreform.

1968 bis 1980

1968 bekommen die Pädagogischen Beiträge mit »betrifft:erziehung« aus dem Beltz Verlag eine spürbare Konkurrenz. Das junge Magazin ist Teil der Studentenbewegung und wird vor allem an den Universitäten gelesen.

In b:e geht es um eine grundlegende Kritik von Gesellschaft und Schule, weniger um die Suche nach konkreten Veränderungsmöglichkeiten. Aber die enge Bindung an die Studentenbewegung hat ihren Preis: Je mehr Studierende aus der Phase der radikalen Kritik in die Alltagspraxis von Schule und Unterricht wechseln, um so stärker verändern sich auch ihre Bedürfnisse. Damit stößt b:e an die eigenen Grenzen.

Westermanns Pädagogische BeiträgeAnders die Pädagogischen Beiträge. Sie sind (zwangsläufig) die Zeitschrift derer, die während der Studentenbewegung in der Schule arbeiten; derer, die die Spannung austragen zwischen den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen und den Anforderungen des schulischen Alltags. Sie sorgen dafür, dass trotz aller Intensität der Diskussion die Hilfe für den Alltag nicht verlorengeht.

Vor diesem Hintergrund gilt die Zeitschrift als eher konservativ, obwohl sie schon 1968 bildungspolitisch Farbe bekennt und den Untertitel »Eine Zeitschrift für die Volksschule« ablegt. Im Vorwort der Herausgeber zur Ausgabe 1/68 heißt es dazu: »Die neue Gesellschaft erfordert eine horizontale Gliederung des Schulsystems mit beweglichen Übergängen und vielfältigen Schulabschlüssen.« Es ist ein Zeichen für Wandel und Kontinuität, dass WPB die Diskussion der Zeit aufnimmt, gleichzeitig kritische Distanz bewahrt und diese Diskussion mit der Schulwirklichkeit verbindet, ganz im Sinne der Ausgangspostulate von 1949:

»Aufgeschlossenheit und Wirklichkeitssinn«. Diese Beachtung von Wandel und Kontinuität sind eine letzte große Herausforderung für die erste Herausgebergeneration. Sie beendet 1980 ihre Arbeit und überlässt es einer neuen Schriftleitung, die Zeitschrift neu zu konzipieren.

Die 80er Jahre

Westermann Pädgogische BeiträgeDas neue Leitungsteam aus H. Gudjons, R. Teske und R. Winkel – ergänzt durch eine beratende Redaktion mit J. Bastian und K.  J. Tillmann (ab `82) – entwickelt und gestaltet das bis heute wirksame Konzept einer schulpädagogischen Fachzeitschrift, bei dem ein differenzierter schulpraktischer Themenschwerpunkt im Zentrum steht, der durch Rubriken, eine Serie und einen Magazinteil ergänzt wird.

Dem sinkenden Reformoptimismus setzt das neue Konzept eine konsequente Orientierung an den Fragen der inneren Schulreform entgegen. Themen der Umweltbewegung nach Tschernobyl, der (Pädagogen-)Friedensbewegung, der ersten Diskussionen über die Neuen Medien sowie der Neuen Jugendkultur werden in Schule und Unterricht übersetzt. Darüber hinaus steht die Veränderung des Unterrichts durch neue Unterrichtsformen wie Projektlernen, Handlungs­orientierung und Offenen Unterricht im Zentrum der Schwerpunkte. Das innovative und unterrichtsbezogene Konzept findet starke Resonanz und ermöglicht es der Redaktion, sich 1987 aus dem Westermann Verlag zu lösen und die Zeitschrift auf eigene Verlags-Füße zu stellen. Die Zeitschrift erscheint seitdem in dem von R. Teske gegründeten Pädagogische Beiträge Verlag, Hamburg. Damit kehren Redaktion und Zeitschrift wieder an ihren Gründungsort zurück.

1988: Die PÄDAGOGIK – ein Kooperationsprojekt

Die Geschäftsführungen des Pädagogische Beiträge Verlags in Hamburg und des Beltz Verlags in Weinheim schließen 1988 einen Kooperationsvertrag. Darin wird vereinbart, die Abonnentenstämme der beiden Zeitschriften Pädagogische Beiträge sowie betrifft:erziehung/Pädagogik heute zusammenzulegen.

Die Redaktion der Pädagogischen Beiträge – erweitert um den Leiter der b:e Redaktion, Peter E. Kalb – arbeitet auf der Basis des bewährten Konzepts unter dem neuen Namen PÄDAGOGIK weiter. Die Kooperation zwischen der Redaktion im Pädagogische Beiträge Verlag Hamburg, in der die Zeitschrift bis zur Druckvorlage fertiggestellt wird, sowie dem Beltz Verlag besteht nun seit 20 Jahren und hat sich bewährt.

Historisch interessant ist, dass die PÄDAGOGIK seit Ende der 80er Jahre über ihre Leserinnen und Leser in der Tradition von zwei großen schulpädagogischen Zeitschriften verwurzelt ist. Beide Zeitschriften haben in ihrer besonderen Rolle zur Entwicklung von Schule und Schulpädagogik beigetragen; für ein getrenntes Auftreten gibt es seit den 90er Jahren keinen Grund mehr.

Die 90er Jahre bis heute

Das Konzept der PÄDAGOGIK, übertragen aus den 80er Jahren in die Gegenwart, lässt sich in drei Leitlinien skizzieren, nach denen jedes Themenheft konzipiert wird.

  1. Jedes Heft soll am aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion orientiert sein und diesen in die Fragestellungen und Anforderungen der schulischen Praxis übersetzen.
  2. Jeder Schwerpunkt soll in Erfahrungsberichten so ausdifferenziert werden, dass Lehrerinnen und Lehrer zur Reflexion und Erprobung in der eigenen Praxis anregt werden.
  3. Jeder Schwerpunkt soll Materialien, Vorschläge und praktische Hilfen vorstellen, die zur Veränderung der eigenen Arbeit und zur Erprobung geeignet sind.

So wie die Pädagogischen Beiträge in den 80er Jahren das Konzept des Projektlernens und anderer alternativer Unterrichtsformen geprägt, aber auch dem Wandel des Lehrerberufs und vielen pädagogisch brisanten Themen Impulse gegeben haben, so hat die PÄDAGOGIK seit Mitte der 90er Jahre vor allem die Schulentwicklungsdiskussion in Deutschland mitgestaltet.

Bildungspolitische oder pädagogische Neuerungen werden zunächst einmal auf ihre Anschlussfähigkeit an die Tradition einer demokratischen Reformkultur hin geprüft, wie sie an vielen Schulen lebendig ist. Dabei gilt: Schule braucht Veränderungen und Lehrerinnen und Lehrer arbeiten – oft bis an den Rand der Erschöpfung – daran. Aber eine ständig wechselnde Konfrontation mit neuen und nicht selten auch schulkulturfernen Anforderungen ist kontraproduktiv.

So gibt es in der PÄDAGOGIK bezüglich der Schulentwicklungsdiskussion eine behutsame Annäherung an Perspektiven der Unterrichts- und Schulentwicklung in der Tradition innerer Schulreform, d. h. konsequent am eigenständigen Lernen des Schülers orientiert und auf den Unterricht bezogen. Eine Reihe von Heften mit Praxishilfen zu Fragen der Schulentwicklung bietet immer wieder eine Übersetzung der gro­ßen Programmatik in unterrichtsbezogene Handlungsmöglichkeiten.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie die Redaktion mit Herausforderungen und Themen der Zeit umgeht. Traditionsorientiert im Sinne einer demokratischen Schulkultur, kritisch gegenüber einer Marktförmigkeit so genannter Reformen, radikal im Sinne einer Parteilichkeit für die heranwachsenden Menschen, ihre Gegenwart und ihre Zukunft und unabhängig von Einflussnahmen jeder Art.

Dies kann nur gelingen, wenn wir weiterhin so viele und mehr Leserinnen und Leser haben, die ein solches Forum für notwendig halten.

Anmerkungen

Dr. Johannes Bastian, Jg. 1948, war Haupt- und Realschullehrer und ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg.
E-Mail: bastian@uni-hamburg.de