9/2019Regeln – Grenzen – Konsequenzen

Pädagogik 9/2019 Regeln - Grenzen - Konsequenzen
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Schule kann ohne Regeln nicht funktionieren. Wie man Regeln für die gesamte Schule oder die Klasse aufstellt und durchsetzt, welchen Sinn Strafen machen und welche Bedeutung dabei Rituale haben, damit beschäftigt sich diese Ausgabe.

Liebe Leserinnen und Leser

Mit diesem Heft geht auch für die PÄDAGOGIK die kleine Sommerpause vorbei. In den meisten Bundesländern hat die Schule bereits wieder begonnen, in den anderen bereiten sich die Kolleginnen und Kollegen auf die Herausforderungen vor, die das neue Schuljahr bereithält. Welche Aufgaben kommen auf mich zu? Was gibt es Neues an meiner Schule? Welche Schülerinnen und Schüler erwarten mich? Es sind solche und ähnliche Fragen, mit denen auch Sie sich vermutlich zu Beginn eines jeden Schuljahres beschäftigen.

Unseren Schwerpunkt haben wir in diesem Heft einem Thema gewidmet, das Sie ganz gewiss in diesem Schuljahr auch beschäftigen wird. Keine Schule kann ohne Regeln funktionieren – das ist eine Binsenweisheit, aber wie so oft wird es spannend, wenn es konkret werden soll. Welche Regeln sollen bei uns gelten? Und wie können wir sie durchsetzen? Welche Strafen sind angemessen, welche übertrieben oder sogar kontraproduktiv? Diese Fragen müssen in jeder Schule bearbeitet und beantwortet werden, und sie stellen sich erfahrungsgemäß immer wieder neu. Das liegt nicht nur daran, dass sich das Kollegium im Laufe der Zeit verändert, sondern auch das Verhalten der Schülerinnen und Schüler entwickelt sich weiter, weil z. B. neue technische Geräte in ihr Leben und damit auch in die Schule Einzug halten. Dadurch verschieben sich manchmal unter der Hand die Normen für „normales“ Verhalten. Das kann auch bedeuten, dass die in der Schule geltenden Regeln überdacht und möglicherweise auch überarbeitet werden müssen. Da wir wissen, dass Regeln und ihre (Nicht-)Einhaltung ein Dauerbrenner an vielen Schulen sind und damit auch ein wichtiger Belastungsfaktor für Kolleginnen und Kollegen, haben wir bei der Gestaltung dieses Schwerpunkts besonderen Wert darauf gelegt, Ihnen einfache und leicht umsetzbare Hinweise zu diesem Thema zu geben. Dabei stellen wir wie so oft den Aspekt der Schulentwicklung in den Mittelpunkt, denn wir unterstellen, dass Regeln vor allem dann handlungsleitend für die Schülerinnen und Schüler und somit entlastend für die Lehrkräfte wirken, wenn sie vom gesamten Kollegium gemeinsam getragen werden. Daher stellen wir in der Mehrheit der Erfahrungsberichte erfolgreiche Entwicklungsprozesse vor, die darauf abzielen, Regeln gemeinsam im Kollegium, aber auch unter Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler zu entwickeln und durchzusetzen.

Mit diesem Heft starten wir auch eine neue Serie, die die sogenannte Reformpädagogik in den Mittelpunkt rückt und nach ihren Auswirkungen auf heutige Schulen fragt. Es ist immer gut, wenn man sich ab und an seiner eigenen Wurzeln versichert, und als reformpädagogische Zeitschrift wollen wir mit den einzelnen Beiträgen auch ein wenig selbstkritisch fragen, ob die Reformpädagogik tatsächlich so wirkungsmächtig ist, wie wir manchmal unterstellen. Eine erste Einschätzung und einen Überblick dazu finden Sie auf S. 45.

Übrigens gibt es die PÄDAGOGIK jetzt auch bei Twitter. Unter redaktion_PÄDAGOGIK twittern wir regelmäßig spannende Neuigkeiten rund um Bildung und Schule, damit Sie auch zwischen den Erscheinungsterminen der einzelnen Hefte am Ball bleiben können, wenn es um innovative Ideen für die Weiterentwicklung von Schule und Unterricht geht.

Egal, ob Sie schon in das Schuljahr gestartet sind oder sich noch darauf vorbereiten: Im Namen der Redaktion der PÄDAGOGIK wünsche ich Ihnen viele spannende Begegnungen mit Ihren Schülerinnen und Schülern, eine produktive Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen sowie allen gemeinsam ein erfolgreiches Jahr!

Dr. Jochen Schnack
Redaktionsleiter

Regeln – Grenzen – Konsequenzen

Eine Einführung

Keine Schule ohne Regeln – darauf können sich vermutlich alle schnell einigen. Doch welche Regeln sollen gelten, und für wen? Wenn es ins Detail geht, wird die Sache komplizierter. Und spätestens dann muss auch über den Umgang mit Regelverstößen gesprochen werden – ein heißes Thema, mit dem sich aber alle Schulen beschäftigen müssen. Was ist dabei zu beachten? Ein Überblick. Jochen Schnack

Mit dem Unterrichtsbeginn um 7:30 Uhr wird die Tür des Schulportals geschlossen und kann von außen nicht geöffnet werden. Jeder Verspätete wird also bemerkt! Ein verspäteter Schüler klingelt, betritt das Schulhaus und trägt sich in einen Laufzettel ein. Er darf zu diesem Zeitpunkt nicht in seine Klasse gehen, wo er den laufenden Unterricht stören würde, sondern er wartet, bis die Schulstunde beendet ist, und geht dann pünktlich in die zweite Stunde. In der Wartezeit leistet er einen gemeinnützigen Dienst, z. B. durch Reinigungsarbeiten auf dem Schulhof.

Ohne Regeln, ihre Einhaltung und bei Bedarf auch Durchsetzung kann keine soziale Gruppe funktionieren.

So beginnt der Erfahrungsbericht des Schulleiters der Friedrich-Bergius-Schule in diesem Heft (vgl. S. 10). Die Friedrich-Bergius-Schule in Berlin ist bundesweit bekannt geworden, aber auch umstritten für ihre klaren Regeln und deren konsequente Durchsetzung. Der ehemalige Staatssekretär in der Berliner Bildungsverwaltung, Mark Rackles, hat diesen Ansatz als „Steinzeitpädagogik“ bezeichnet.

Dieser Streit ist typisch und zeigt einmal mehr: Der Ruf nach klaren Regeln und harten Konsequenzen für Regelverstöße in der Schule klingt in manchen Ohren konservativ, ja reaktionär. Mit ihm lässt sich in der politischen Debatte – und auch am Stammtisch – leicht punkten, wenn über die angebliche „Verwahrlosung der Jugend“ geklagt wird. Wenn diese Forderung an Schule herangetragen wird, ist dies zumindest teilweise das Echo der reflexhaft ertönenden Rufe in der Politik nach „schärferen Gesetzen“ und „mehr Polizei“ von der konservativen Seite, immer wenn in der Presse von einer besonders schweren Straftat, einem Mord oder einer Kindesentführung zu lesen ist. Analog wird von den Lehrkräften verlangt, dass sie die Schülerinnen und Schüler dazu erziehen, sich ordentlich zu benehmen und für ihre Missetaten geradezustehen. Die Erziehung soll sich an allgemein gültigen Werten und Normen orientieren und streng auf deren Einhaltung pochen.
Ohne Regeln, ihre Einhaltung und bei Bedarf auch Durchsetzung kann keine soziale Gruppe funktionieren.
Sie merken es am Vokabular: Bei Thema „Regeln – Grenzen – Konsequenzen“ verändert sich fast unter der Hand die Sprache, es schleichen sich Vokabeln wie „streng“, „sich benehmen“ oder „Missetaten“ ein, die eher aus einer vergangenen Zeit zu stammen scheinen. Doch Vorsicht: Bevor wir hier vorschnell urteilen, sollten wir uns klarmachen:

  • Ohne Regeln, ihre Einhaltung und bei Bedarf auch Durchsetzung kann keine soziale Gruppe und letztlich auch kein Gemeinwesen funktionieren.
  • Gemeinsam getragene und durchgesetzte Regeln schaffen Orientierung und Handlungssicherheit für alle Beteiligten; dies gilt für die Schulklasse ebenso wie für die gesamte Schule.
  • Gemeinsam getragene und durchgesetzte Regeln erleichtern die Arbeit im Lehrerkollegium erheblich. Dies ist ein zentraler Aspekt, denn Lehrkräfte nennen häufig „nicht funktionierende Klassen- und Schulregeln“ als wichtigste Ursache für eine hohe Arbeitsbelastung.
  • In der Schule können die Schülerinnen und Schüler durch Regeln lernen und am eigenen Leib erfahren, was „Gleichheit vor dem Gesetz“ und „Gerechtigkeit“ bedeuten: Sie werden von allen Lehrkräften gleich behandelt, gleiche Regelverstöße werden in gleicher Weise geahndet. Auf diese Weise werden sie in zentrale Prinzipien des Rechtsstaates, eines Fundaments unserer demokratischen Ordnung, eingeführt (siehe dazu auch den Beitrag von Edler in diesem Heft).

Wenn es um Regeln und um Konsequenzen bei Regelverstößen geht, müssen sich Schulen vor allem mit drei Fragen beschäftigen:

  1. Welche Regeln sollen bei uns gelten, und zwar sowohl auf der Ebene der jeweiligen Lerngruppe als auch in der Schule insgesamt?
  2. Wie gehen wir mit Regelverstößen um? Wie stellen wir insbesondere sicher, dass wir im Kollegium „am gleichen Strang ziehen“, also unabhängig voneinander in gleicher Weise eingreifen, wenn wir Regelverstöße feststellen?
  3. Wie kommen unsere Regeln und die angedrohten Konsequenzen zustande – wer entscheidet darüber?

Welche Regeln sollen gelten?

Wichtig ist hier zunächst einmal, dass es eine ganze Reihe von Regeln gibt, über die die Schule nicht selbst entscheiden kann. Was allgemein gesetzlich geregelt ist, gilt auch in der Schule. Wenn es um Gewalt geht oder um Diebstahl, gibt es für Lehrkräfte und Schulleitungen nur einen begrenzten Handlungsspielraum, und in vielen Ländern ist dieser durch das Schulgesetz bestimmt. So gilt z. B. in Hamburg, dass die Schulleitung einen Gewaltvorfall zwingend melden muss. Als Gewaltvorfall gelten vor allem eine Straftat gegen das Leben, ein Sexualdelikt, Körperverletzungen, die Bedrohung anderer, Verstöße gegen das Waffengesetz, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Diebstahl, ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, ein schwerer Fall der Beleidigung, ein schwerer Fall von Sachbeschädigung, eine politisch motivierte Straftat sowie Tierquälerei. All dies sind sicherlich keine alltäglichen Situationen an Schulen, aber sie kommen gelegentlich vor und müssen dann immer gemeldet werden, und sie ziehen immer noch Konsequenzen nach sich. Dazu später mehr.

Unterhalb dieser von außen vorgegebenen Regeln haben die Schulen einen großen Gestaltungsspielraum, aber zugleich auch einen Regelungsbedarf. Schließlich geht es darum, das Zusammenleben und -lernen im Schulalltag und vor allem auch im Klassenraum zu regeln. Dabei sind alltägliche Fragen zu klären, wie z.B.:

  • Wie wollen wir uns morgens begrüßen und generell ansprechen?
  • Wie wollen wir die Lautstärke im Klassenraum regulieren?
  • Welche Regeln gelten auf dem Pausenhof?
  • Aber auch: Wollen wir die Nutzung von mobilen Telefonen in der Schule erlauben oder verbieten?

Klassenregeln sollten konkret, situationsbezogen, verhaltensnah, leicht umsetzbar sein.

Als Faustregel kann gelten: Klassenregeln sollten konkret, situationsbezogen, verhaltensnah, leicht umsetzbar sein und aus zeitlich abgrenzbarem Verhalten bestehen. Bewährt haben sich folgende „Regeln für Regeln“:

  • So wenige Regeln wie möglich
  • So einsichtige Regeln wie möglich (dazu unten mehr)
  • So knapp formulierte Regeln wie möglich

Bewährt hat es sich an vielen Schulen auch, Regeln als „Ich“-Sätze und positiv zu formulieren, also z. B. nicht: „Nicht rennen!“, sondern: „Im Schulhaus gehe ich langsam“.

Manche Regeln lassen sich über definierte Rituale einführen und durchsetzen. Rituale haben den Vorteil, dass sie Regeln erfahrbar machen, indem die Schülerinnen und Schüler sie unter Anleitung einüben. Sie vereinfachen den Alltag, weil die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrkräfte in wiederkehrenden Situationen genau wissen, was von ihnen erwartet wird. Ein einfaches Beispiel hierfür ist die Einführung eines Begrüßungsrituals, wenn die Lehrkraft die Klasse betritt. Aber Rituale lassen sich auch gezielt zur Lernförderung einsetzen, wie der Beitrag von Schute in diesem Heft zeigt. Arwen Schnack wiederum stellt in ihrem Erfahrungsbericht dar, welche Rituale besonders geeignet sind, um bei zugewanderten Schülerinnen und Schülern Vertrauen und Sicherheit in dem neuen kulturellen Umfeld aufzubauen.

Wie gehen wir mit Regelverstößen um?

Wer Regeln setzt, muss dabei immer schon mitbedenken, wie sich diese Regeln im Alltag auch durchsetzen lassen. Dies gilt einerseits für jede einzelne Lehrkraft, andererseits ist es von großer Bedeutung, dass möglichst alle Lehrkräfte einer Schule einheitlich agieren, um den Schülerinnen und Schülern eine klare Orientierung zu geben.

Für die normalen, alltäglichen Störungen verfügen erfahrene Lehrkräfte über ein breites Repertoire an Handlungsmöglichkeiten, um Störungsanlässe frühzeitig zu erkennen, gegenzusteuern und damit zu verhindern, dass sich daraus gravierendere Störungen entwickeln. Unter anderem Nolting (2002) betont, dass für eine solche Prävention von Störungen ein motivierender und zügiger Unterrichtsablauf, kognitiv aktivierende Aufgaben sowie eine breit gestreute Aufmerksamkeit für das Geschehen in der Klasse erforderlich sind. Ebenfalls sehr hilfreich ist es, die Klassenregeln und mögliche Konsequenzen bei Regelverstößen gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern festzulegen (siehe Tab. 1; vgl. auch Thiel/Ophardt 2019).

Thomas (2016) schlägt in seinem Stufenmodell (vgl. Tabelle 1) verschiedene Strategien für den Umgang mit harmlosen und weniger harmlosen Störungen und Regelverstößen vor. Das Modell ordnet einem Situationstyp jeweils bestimmte Interventionen zu, wobei zwischen lehrergesteuerten und kooperativen Präventionsstrategien unterschieden wird. Der ansteigende „Schwierigkeitsgrad“ von Stufe A nach Stufe E erfordert eine Erweiterung und Intensivierung der Interventionen.

Typ Situation Lehrergesteuerte Strategie Kooperative bzw. präventive Strategie
A Harmlose Störungen, auf viele Schülerinnen und Schüler verteilt („Lärmteppich“) Proaktive und soziale Unterrichtsgestaltung; nonverbale Präsenz- und Stopp-Signale; deeskalierende Äußerungen; Klimaförderung Schülersicht ermitteln, Situation analysieren und gemeinsam Änderungsvorschläge erarbeiten; kooperative Lern- und Arbeitsformen
B Hartnäckig wiederholte Störungen einzelner Schülerinnen und Schüler Klärung der Motive beziehungsweise Hintergründe; je nach Ergebnis „ernstes Gespräch“ oder „Problem- beziehungsweise Beratungsgespräch“ Lernentwicklungs-Gespräch mit Verhaltens-Vertrag beziehungsweise Lernvereinbarung, gegebenenfalls als Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräch
C Viel Streit und Konflikte, auch als Phase der Gruppenentwicklung Klassengespräche, Konfliktanalyse und -klärung, Gruppenprozess phasengerecht beeinflussen Vertieftes Kennenlernen, kooperative Übungen und Arbeitsformen, Klassenrat, Streitschlichtung; kooperative Verhaltensmodifikation
D Gehäufte mittelschwere Störungen mit negativen Folgen, wenig Einsicht beziehungsweise Aussicht auf Besserung Einführung eines Regel- und Sanktionskatalogs mit Schüler-/Eltern-Information; Sicherung der Regeleinhaltung; konfrontative Gespräche bei Regelverstößen; dosierter und situationsgerechter Einsatz von Sanktionen Gemeinsame Erarbeitung von Klassenregeln und Konsequenzen bei Verstößen; Einführung des Trainingsraum-Programms an Schule; Arbeit an Erziehungskonzept, Schulcharta beziehungsweise -programm
E Gefährliche Vorfälle mit Aggression bzw. Gewalt; ausgeprägtes Mobbing mit Schädigungsabsicht Entschiedene Erstreaktion mit Eingreifen, emotionaler Selbstkontrolle und Allparteilichkeit; Aufschub und Klärung wirksamer Folgemaßnahmen; Meldung an die Schulaufsicht sowie gegebenenfalls Einschalten der Polizei; Einbeziehung von Fachleuten Konfliktmoderation; Trainingsprogramme (Gewaltprävention, Sozialtraining, Anti-Aggressions-Training); Täter-Opfer-Ausgleich; Wiedergutmachung von Schäden;

Tab. 1: Stufenschema zum Umgang mit Regelverstößen (nach Thomas 2016)

Neben diesen Varianten einer pädagogischen Herangehensweise hat es sich bewährt, an einer Schule für leichtere Regelverstöße eine klare und den Schülern bekannte formale Eskalation von pädagogischen Maßnahmen zu etablieren. Damit wird gewährleistet, dass häufige Regelbrecher nicht nur hinsichtlich des aktuellen Regelbruchs, sondern eben auch für den wiederholten Regelbruch zur Rechenschaft gezogen werden. So stellen Proll/Brkitsch (2014) eine Variante vor, die an der Hamburger Lessing-Stadtteilschule entwickelt worden ist und die vermutlich ähnlich an vielen anderen Schulen etabliert ist (vgl. Tab. 2).

Stufe Maßnahme Schulische Beteiligte Für die Schülerin /Für den Schüler
Stufe I protokolliertes pädagogisches Gespräch und Information der Eltern KlassenlehrerIn SchülerIn
Stufe II Einbeziehung des Beratungsdienstes und Information der Eltern über den Vorfall KlassenlehrerIn, Beratungsdienst SchülerIn
Stufe III Gespräch mit den Erziehungsberechtigten KlassenlehrerIn, gegebenenfalls FachlehrerIn, Schulleitung, Beratungsdienst SchülerIn, Erziehungsberechtigte, gegebenenfalls ÜbersetzerIn
Stufe IV Klassenkonferenz gemäß den Regelungen des Schulgesetzes Schulleitung, KlassenlehrerIn FachlehrerIn, Beratungsdienst SchülerIn, Erziehungsberechtigte, gegebenenfalls ÜbersetzerIn, ElternvertreterIn, SchülervertreterIn

Tab. 2: Maßnahmeneskalation bei Regelverstößen (nach Proll/Brkitsch 2014)

Es ist gut, wenn die möglichen Eskalationsstufen von Strafen für alle Beteiligten vorhersehbar sind.
Ein solches Vorgehen hat den Vorteil, dass es die möglichen Eskalationsstufen für alle Beteiligten offenlegt und damit vorhersehbar ist.
Bei den von den Lehrkräften verhängten Konsequenzen gibt es eine große Vielfalt; sie reichen von zusätzlichen Aufgaben, dem Schreiben eines Entschuldigungsbriefes, der Veränderung des Sitzplatzes bis hin zu sozialen Diensten und der zeitweiligen Entfernung aus dem Unterricht. Verallgemeinert lassen sich folgende Grundsätze für die Gestaltung von Strafen bzw. Konsequenzen formulieren: Sie sollten

  • zeitnah verhängt werden, um den Bezug zum Regelbruch zu wahren,
  • verhältnismäßig sein im Hinblick auf die Schwere des Regelverstoßes,
  • zugleich aber auch spürbar sein
  • transparent sein, also für den Regelbrechenden vorhersehbar,
  • sachlogisch sein, also möglichst einen inhaltlichen Bezug zum Regelbruch haben,
  • reflexionsfördernd sein, da das vorrangige Ziel eine Wiedergutmachung (Täter-Opfer-Ausgleich) sowie eine zukünftige Verhaltensänderung ist.

Wie kommen Regeln zustande?

Wie bereits angedeutet, helfen die besten Regeln nichts, wenn sie nicht vom Kollegium gemeinsam getragen werden. Dies kann durch regelmäßige schulinterne Fortbildungen oder Trainings zu diesem Thema gefördert werden, bei denen z. B. das konkrete Handeln in den in Tabelle 1 genannten Situationen geprobt und erörtert wird. Noch besser ist es freilich, wenn auch die Schülerinnen und Schüler die Regeln nicht nur kennen, sondern auch anerkennen und auf ihrer Durchsetzung bestehen (siehe dazu die Beiträge von Thomas sowie Eichhorn/von Dawans in diesem Heft). Dafür ist es hilfreich, wenn zumindest die elementaren Regeln gemeinsam mit ihnen erarbeitet werden. Dies kann anlassbezogen im Klassenrat geschehen, z. B. wenn es in der Klasse häufiger schwierige Situationen gibt, die einer generellen Regelung bedürfen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, jeweils zu Beginn des Schuljahres eine „Schulvereinbarung“, die die wichtigsten Regeln und auch Konsequenzen bei Regelverstößen aufführt, mit den Schülerinnen und Schülern zu diskutieren und dann von ihnen unterzeichnen zu lassen. Auch die Eltern können hier einbezogen werden. Dieses Vorgehen gewährleistet eine große Transparenz und hat den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler bei Regelverstößen an ihre Unterschrift unter der Vereinbarung erinnert werden können.
Heute gibt es viele Schulen, die einen solchen modernen „Schulvertrag“ entwickelt haben (vgl. auch Lohmann 2011, S. 160). Damit bekennen sie sich ausdrücklich zum Erziehungsauftrag der Schule und zugleich auch zur Anerkennung der Grundrechte von Kindern und Jugendlichen. Letztlich dokumentieren sie damit eine klare pädagogische Haltung der Schule.

Literatur

Hamburg macht Schule 4/2014: Regeln – Grenzen – Konsequenzen.
Lohmann, G. (2011): Mit Schülern klarkommen. Berlin: Cornelsen Scriptor, 8. Aufl.
Nolting, H.-P. (2002): Störungen in der Schulklasse. Weinheim/Basel: Beltz.
Proll, B./Brkitsch, K. (2014): Schulregeln entwickeln und verankern. Wie verständigt sich eine Schulgemeinschaft auf einen gemeinsamen Rahmen? In: Hamburg macht Schule 4/2014, S. 7 ff.
Thiel, F./Ophardt, D. (2019): Bewährte Präventions- und Interventionsstrategien bei Unterrichtsstörungen. Pädagogische Führung, Heft 2.
Thomas, L. (2016): Unterrichtsstörungen mit System begegnen. Reihe „Perspektive Lehramt“, 2. Aufl., Berlin: Raabe-Fachverlag für Wissenschaftsinformation.

Dr. Jochen Schnack ist Oberschulrat in Hamburg und Leiter der Redaktion von PÄDAGOGIK.
jochen.schnack(at)gmx.info

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