​ Adieu, liebe PÄDAGOGIK-Leserinnen und Leser ​

13. September 2019

Dies ist meine 297. Kolumne. Die erste erschien im Oktober 1992. Ab Oktober 2019 wird es mich hier nicht mehr geben. Eine Art „Änderungskündigung“ des neuen verantwortlichen Redakteurs sah vor, dass ich künftig drei bis vier Mal im Jahr im Wechsel mit anderen schreibe. Aber ich brauche die Aktualität. Dem nachspüren, was in der Luft liegt, um mich dann an Auskristallisierungen der Beobachtungen zu versuchen. Also ziehe ich mit dem PS auf meine Homepage um: www.reinhardkahl.de.

Schade. Aber erst mal vielen Dank an Johannes Bastian und Katrin Wolter, den ausgeschiedenen Umgründern der PÄDAGOGIK. 27 Jahre konnte ich schreiben, was ich denke. Freier Lauf. Gelegenheit zum Verwandeln der Gedanken beim Schreiben. Das Schönste an dieser Tätigkeit.

Manch einer mag meinen Sound nicht. Anderen gefällt er. Von denen kam einige Resonanz. Danke. Schließlich ist der Mensch ja das resonanzbedürftige Tier. Der Scheidung in Zustimmung und Ablehnung entgeht nur, wer seine Stimme neutralisiert und auf das unsichere Eigene verzichtet. Sapere aude! Diese 2 000 Jahre alte Aufforderung von Horaz, „Weisheit wagen!“, hat Immanuel Kant aktualisiert: „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Friedrich Schiller gebrauchte das Wort „erkühnen“. Etwas Eigenes zu wagen ist eben riskant. Es kann schiefgehen, wird aber belohnt. Dass etwas schiefgehen darf, ist schon lange mein Mantra: „Lob des Fehlers“. Langsam wuchs die Einsicht, wenn Scheitern erlaubt ist, wird das Gelingen wahrscheinlicher, eigenwilliger und schöner. So kommt Neues zur Welt. So wird Überliefertes anverwandelt und erneuert. Und Großes gelingt überhaupt nur auf die je eigene Weise. „I did it my way“, sang Frank Sinatra. Sollte das Eigene zu wagen nicht Ziel jeder Pädagogik sein? Was für eine Atmosphäre, was für eine Gesellschaft (Umgebung), was für eine Schule ist dafür ein „Treibhaus“?

Natürlich gibt es in den Kolumnen Marotten und Wiederholungen. Wenn mich jemand darauf aufmerksam macht, tröste ich mich damit, dass selbst Mozart immer nach Mozart klingt.

Der Blick von außen wurde zur Passion – also Leiden und Leidenschaft –, auch um den immerzu nachwachsenden mentalen Inzest in den Pädagogenszenen aufzuspüren und seine Verklumpungen zu lösen. Es zumindest zu versuchen. Der Außenblick ist ein Privileg, hat allerdings auch seine blinden Flecken. In diesem Nachteil liegt wiederum die Chance für das nicht endende Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Bitte mehr davon. Schon weil es verlangt genau hinzusehen. Also weniger auf Standpunkten beharren! Auf das Déjà-vu, mit sich selbst richtigzuliegen, verzichten! Die Sprache ist wieder mal aufschlussreich. Stehen? Liegen? Lieber gehen! Sich bewegen! Gedanken, die nicht beim Gehen überprüft worden sind, misstrauen! Überhaupt prüfen! Die ursprüngliche Weisheit des Prüfens entdecken und es von seinen pädagogischen Perversionen befreien.

Ich habe es immer als Vorteil meiner Arbeit als Journalist und Filmemacher angesehen, dass es ohne Recherche vor Ort nicht geht. Sich aufmachen. Aber auch ankommen. Und dann wieder los zu Expeditionen. Mein nächstes Filmprojekt heißt „Bildung in Zeiten der Digitalisierung“. Gewissermaßen „Treibhäuser der Zukunft II“. Das PS wird diese Expedition begleiten. „Über allen Wipfeln ist Nebel“ war die Überschrift meiner ersten Kolumne. Helmut Kohl hatte einen Bildungsgipfel angekündigt. Zeit der Gipfelflüchter. Weit entfernt von Gipfelstürmern. Viel Bildungsrhetorik. Dann fielen sie in den Graben. Timms, Pisa und Co. Erst Irritation. Bald vielversprechender Aufbruch. Als dann Pisa zum Synonym für Standardisierungen und Regulierungen wurde, war man wieder im Flachland angekommen. Hochtouriger Leerlauf und „Bulimielernen“. Das Wort hatte ich 1994 für einen taz-Kommentar und diese Kolumne erfunden. Es ist bei Schülern und Studenten ein Schlagwort zur Beschreibung ihrer absurden Befindlichkeit geworden. In den Schulen geht es schon einige Zeit vor allem um bescheidene Optimierungen und ums Überleben des Alltags. Das Hauptfach heißt Durchkommen. Auch für Lehrer. Aber nun: Fridays for Future!

​P.S.

​ Hat die neue Schülerbewegung das Zeug zum folgenreichen Handeln? Bewirkt sie gar eine nachhaltige Veränderung des Generationsverhältnisses? Die Art des Generationsverhältnisses bringt die Grundmuster von Bildung und Erziehung hervor und bildet so die Gesellschaft. Das schrieb Margret Mead vor 50 Jahren – ein 68er-Nachhall. Vielleicht eröffnen derzeit die Schüler den nächsten Akt im Wandel dieser Gesellschaftsgrammatik? Die Schüler entdecken, wie Lernen und Handeln verwoben sind. Kompetenz erwerben sie im Dialog – ohne Belehrung.

Jetzt sind die Erwachsenen dran.
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