7-8/2019Unterricht im Alltag planen – Zuhören

Pädagogik 7-8/2019 Unterricht planen Zuhören
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Das Sommerheft enthält wie immer zwei Themenschwerpunkte: Der erste Schwerpunkt »Unterricht im Alltag planen« bietet eine Fülle von Anregungen für die Weiterentwicklung der eigenen Planungsroutinen. Der zweite Schwerpunkt stellt verschiedene Zuhörstrategien für Lehrkräfte vor und diskutiert das Zuhören als zentrale Kompetenz in der Lernprozessberatung und in der Streitschlichtung.

Liebe Leserinnen und Leser

Endlich Ferien! Diesen Stoßseufzer werden nicht wenige von Ihnen in diesen Tagen ausstoßen, denn ein langes und ereignisreiches Schuljahr geht zu Ende, und die Sommerwochen beginnen. Zeit zum Erholen, zum Abtauchen und Auftanken, Zeit für alle die Dinge, die in den Wirren der letzten Wochen liegengeblieben sind. Zeit auch für das Sommerheft von PÄDAGOGIK.

Wenn wir in der PÄDAGOGIK-Redaktion einen Jahrgang planen, achten wir stets darauf, dass das Sommerheft mit seinen zwei Schwerpunkten mindestens zwei Kriterien erfüllt: Es soll den Leserinnen und Lesern ganz konkrete Hilfen für die Planung des nächsten Schuljahres geben und damit den Start nach dem Sommer erleichtern. Und es soll zweitens auch einmal über den Tellerrand schauen, indem es Themen aufgreift, die etwas abseits vom Mittelpunkt der pädagogischen Debatte angesiedelt sind. Damit wollen wir Neuland erforschen und Sie dazu anregen, in den entspannten Wochen des Sommers auch einmal über Aspekte Ihres Berufs nachzudenken, die Sie bisher möglicherweise wenig beachtet haben. Beide Aspekte werden von den beiden Schwerpunkten dieser Ausgabe geradezu musterhaft abgedeckt.

Im ersten Schwerpunkt steht die konkrete Planung des Unterrichts im Mittelpunkt. Und wie Sie es von uns erwarten dürfen, geht es nicht um irgendeinen Unterricht, sondern um die Gestaltung von schülerorientierten, aktivierenden Lernarrangements. In den Erfahrungsberichten zeigen wir beispielhaft für die drei Hauptfächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprache, mithilfe welcher Instrumente und Routinen sich der so oft geforderte binnendifferenzierte Unterricht gestalten lässt. Eine Autorin berichtet von ihren positiven Erfahrungen mit der gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung im Team. Außerdem lernen Sie digitale Hilfsmittel kennen, die sich für die Planung und Dokumentation von Unterricht einsetzen lassen und mit denen sich viel Aufwand und Zeit sparen lässt. Mit diesem Schwerpunkt wollen wir Sie in der Planung des kommenden Schuljahres konkret unterstützen. Der zweite Schwerpunkt widmet sich einem bisher kaum beachteten, jedoch gleichwohl zentralen Aspekt der Lehrertätigkeit: dem Zuhören. Die Lehrerarbeit ist ein sozialer Beruf, und wie in den meisten anderen sozialen Berufen auch verbringen Lehrkräfte einen großen Teil des Tages damit zuzuhören: den Schülerinnen und Schülern, den Kolleginnen und Kollegen, den Eltern. Doch Zuhören kann man in sehr unterschiedlicher Weise, mit unterschiedlichen Interessen und Zielen. Diesen verschiedenen Weisen des Zuhörens spüren wir in diesem Schwerpunkt nach. Sie lernen unterschiedliche Arten des Zuhörens kennen und erhalten konkrete Hinweise für die Gestaltung des Zuhörens in typischen Situationen des Alltags. Der Schwerpunkt schließt mit einer grundsätzlichen Reflexion über das Verhältnis von Reden und Zuhören im Lehreralltag. Nicht nur dieser Beitrag regt zum Nachdenken über die eigene Praxis an, wofür im Sommer vielleicht etwas mehr Zeit ist als im oft übervollen Alltag.

Apropos übervoller Alltag: Die hohe Belastung von Lehrkräften ist ein wichtiges Thema, das nicht nur Schulleitungen und Gewerkschaften beschäftigt. Im letzten Teil unserer Serie zur Lehrerbelastung geht der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm auf die Folgen des zunehmenden Lehrermangels ein, insbesondere auf die Belastungssituation derjenigen, die z. B. Lücken kompensieren oder Seiteneinsteiger einarbeiten müssen – ein bisher wenig beachteter Aspekt der aktuellen Entwicklung.

Doch auch wenn dieses Thema wichtig ist, steht für Sie nun erst einmal das Gegenteil im Vordergrund, nämlich Entspannung. Ich wünsche Ihnen eine erholsame und kreative Sommerzeit!

Dr. Jochen Schnack
Redaktionsleiter

Lehrer als »Weltmeister im Komplexitätsmanagement«

Unterricht im Alltag planen

Guten Unterricht zu planen ist die tägliche Heraus-, oft Überforderung aller Lehrer*innen. Schulische Strukturen, Weitergabe von Erprobtem, Austausch von Erfahrungen und gegenseitige Beratung können den Alltag erleichtern. Wenn bewährter Unterricht von einst nicht mehr reicht, um auf wachsende Vielfalt angemessen zu antworten, helfen Beispiele, wie er ganz anders, aber ohne Mehraufwand gelingen kann. Susanne Thurn

In fünf Tätigkeitsfeldern müssen sich Lehrer*innen als Komplexitätsmanager*innen täglich bewähren: Erziehen – eine Aufgabe, die offenbar ständig zunimmt durch die kulturelle Vielfalt der Schüler*innen mit entsprechend unterschiedlichen Erziehungsvorstellungen – durch die wachsende Armut in unserer Gesellschaft, die viele Familien von kultureller Teilhabe abkoppelt – durch zunehmende Orientierungslosigkeit und Verwahrlosung von Kindern quer durch alle Schichten – durch vielfältige »Sprachlosigkeiten« – durch wachsende Auswüchse wie soziale Deprivationen, Ausgrenzungen, Mobbing – durch Verführungen zu einfachen Antworten extremistischer »Heimaten« – durch Identifizierungen von »Schuldigen« für die eigene Zukunftslosigkeit und zunehmend gewaltbereites Handeln – … eine längst nicht erschöpfte Aufzählung.

Beurteilen und Beraten – eine Aufgabe, für die Lehrkräfte erst in letzter Zeit auch ausgebildet werden. Nicht zuletzt die PISA-Studien bestätigen, wie mäßig die Diagnosefähigkeit vieler Lehrer*innen ist, die aber doch die Leistungsfähigkeiten der ihnen anvertrauten Schüler*innen gut einschätzen müssen, um ihnen herausfordernde und passgenaue Aufgaben zuzuordnen, an denen sie wachsen können – um Schwächen rechtzeitig zu entdecken, auf die man möglichst frühzeitig präventiv reagieren sollte – um Leistungspotenziale zu entdecken, die sonst vielleicht verschüttet bleiben – um pädagogisch sachgerecht beurteilen und beraten zu können. Beteiligung an der Schulentwicklung – nur eine Schule, die sich ständig selbst prüft und weiterentwickelt – die die Bedürfnisse ihrer Schüler*innen, aber auch ihrer Mitarbeiter*innen erkennt und darauf mit entsprechenden Angeboten antwortet – die sich um multiprofessionelle Zusammenarbeit aller Pädagog*innen bemüht – die Eltern und Schüler*innen ernst nimmt und in die Entwicklungsarbeit auf Augenhöhe einbindet –, ist ein guter Ort zum Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Das kostet viel Zeit – und deutlich mehr an administrativem Vertrauen in die pädagogische Kompetenz der Mitarbeiter*innen mit entsprechenden Freiheiten für die Gestaltung. Weiterbildung – ein Studium und Referendariat als Grundlage für die Praxis von Jahrzehnten können in unserer sich rasend schnell verändernden Welt mit entsprechend rasend schnell sich verändernden Ansprüchen an die Profession nicht ausreichen. Kontinuierliche Weiterbildung ist dringend geboten, etwa für die Entwicklung umfassender Diagnosefähigkeiten, für die Entwicklung von Unterricht für inklusive Lerngruppen, für die Entwicklung bildungsförderlicher digitaler Strukturen.

Unterricht planen – jeden Tag trotz aller anderen Aufgaben

Die höchst umfangreichen zahlreichen Herausforderungen und daraus folgenden Aufgaben in den hier kurz beschriebenen Tätigkeitsfeldern sind zusammengenommen »statistisch« im Umfang von ungefähr zwei Drittel der zugedachten Arbeitszeit von Lehrer*innen zu erledigen: schon das lässt schaudern. Zwei Drittel der Arbeitszeit sind der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung im demnach wohl wichtigsten Tätigkeitsfeld zu leisten: Unterrichten – Immer noch werden die Lehrkräfte fast überall in Deutschland nach der Anzahl der zu erteilenden Unterrichtsstunden alimentiert, und das höchst ungerecht nach Schulformen: Diese bestimmen die Höhe des Gehaltes und die Anzahl der zu erteilenden Unterrichtsstunden. Ungerecht auch, weil nicht berücksichtigt wird, wie viel Korrekturaufwand mit der einzelnen Unterrichtsstunde verbunden ist, auf wie viel unterschiedlichen Niveaus der Unterricht vorbereitet werden muss und erst recht nicht, wie viel an Erziehungsarbeit zu leisten ist, bis Unterricht überhaupt möglich wird. Seit der Umorientierung von der Input- zur Output-Orientierung behördlicher Vorgaben werden die Ergebnisse des Unterrichtens mit Kontrollen überschwemmt, die unterrichtliche Freiheiten deutlich einschränken, zu befürchteten und beklagten Auswüchsen führen wie »teaching to the test« – »learning for the test«. »Bildung« von Menschen als Ziel von Unterrichten droht dem verwertbaren und abtestbaren Wissen geopfert zu werden: gegen den Willen wohl der Mehrheit aller Lehrer*innen, soweit sie nicht resigniert haben.

Kein Wunder also, wenn Hilbert Meyer, dessen Bücher Generationen von Student*innen, Referendar*innen und Lehrer*innen dabei unterstützt haben, »guten Unterricht« zu erkennen und anzustreben, zusammenfasst: »Alle Wissenschaftler sind sich einig, dass das Unterrichten ein hochkomplexer Prozess ist und Lehrer*innen Weltmeister im Komplexitätsmanagement sein müssen (Meyer 2018, S. 3 – vgl. dazu auch die aktuelle Serie »Lehrerbelastung«, PÄDAGOGIK 1 bis 7-8/2019).

Unterricht planen durch Entzerren von Komplexität

Drei Beiträge in diesem Heft helfen mit erfahrungsgesättigten Vorschlägen, übertragbaren Ideen, hilfreichen Tipps und konkreten Angeboten, wie man guten Unterricht trotz dieser Aufgabenvielfalt planen kann, ohne an der Komplexität der zugemuteten Aufgabenvielfalt zu verzweifeln.

Guten Unterricht planen, ohne an der Komplexität zugemuteter Aufgabenvielfalt zu verzweifeln.

Mandy Schütze beschreibt in ihrem Beitrag Effiziente Unterrichtsvorbereitung im Alltag, was ihr hilft, dem »Anspruch meiner Schülerinnen und Schüler auf guten Unterricht« gerecht zu werden. Ihre Schule ist ein Gymnasium, alle Klassen sieht sie nur zweimal in der Woche für je eine Unterrichtsstunde. Wie viel Vorbereitung da zusammenkommt, lässt sich leicht ausrechnen – und auch, wie viel Zeit noch bleibt für die anderen vier Tätigkeitsfelder. Sie nutzt die Segnungen des Internets für ihre Unterrichtsplanung, tauscht sich nicht nur mit den Kolleg*innen vor Ort in ihrer Schule aus, sondern durchsucht gezielt das gesamte Netz, um gute Unterrichtsideen zu sammeln, mit eigenen Unterrichtsentwürfen aus vergangenen Tagen zu verbinden, sodann alles so zu archivieren, dass sie wiederfindet, was sie braucht, und schnell zur Verfügung hat, selbst während des Unterrichts, wenn es gerade sinnvoll ist. Das ermöglicht ihr nicht nur, guten Unterricht immer mal wieder auch ohne lange Vorbereitung zu halten, sondern auch, flexibel auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Die gewonnene Planungszeit kann sie so schwerpunktmäßig für Unterricht in neuen Gruppen mit neuen Inhalten einsetzen. Hilfreich ist zudem, dass sie ebenso unaufwendig ihre Unterrichtsplanungen noch vor Ort in ihrem iPad reflektieren und evaluieren kann.

Anja Devantié beschreibt, wie sie Unterricht für äußerst heterogene Klassen plant. Sie arbeitet in einer Gesamtschule, in der das Tätigkeitsfeld Erziehen besonders viel Einsatz erfordert. Strukturen der Schule helfen, die Unübersichtlichkeit großer (in diesem Fall achtzügiger) Systeme zu reduzieren: durch Jahrgangsteams, in denen Lehrer*innen schwerpunktmäßig arbeiten und mit sozial- und sonderpädagogisch ausgebildeten Pädagog*innen zu multiprofessionellen Teams zusammenwachsen können – durch veröffentlichte und leicht zugängliche Jahresübersichtspläne und vereinbarte Unterrichtsvorhaben für die Jahrgangsstufen – durch gemeinsame Räume mit entsprechender Ausstattung für schnelle Zugriffe auf Materialien – durch die Weitergabe von Unterrichtsplanungen und Materialangeboten vom vorhergehenden Jahrgangsteam auf das nachfolgende. Kann eine solche Teamarbeit verordnet werden?

Unterrichtsvorbereitung im Team: einer für alle – alle für einen? Anja Devantié plädiert für Einsicht und Freiwilligkeit als Gelingensbedingung effektiver Entlastung im Alltag. Von anderen Schulen weiß man, dass wöchentlich verordnete Zeit dafür wirksam ist, aber auch gefunden werden muss im engen Konferenzplan. Eine Anwesenheitspflicht von etwa 35 Zeitstunden in der Schule würde zumindest solche entlastende Teamarbeit leichter ermöglichen (diskutiert in Eikenbusch 2019).

Kann Teamarbeit verordnet werden, oder führen nur Einsicht und Freiwilligkeit zu effektiver Entlastung?

Dietmar Kückzeigt in seinem Beitrag Kollegiale Unterrichtsvorbereitung mit digitalen Medien , dass Unterrichtsvorbereitung im Alltag auf diese Weise deutlich entlastet werden kann, wenn Fach- und Jahrgangsfachteams sich gemeinsam auf den Weg machen, die darin liegenden Chancen zu entdecken und für das Schulcurriculum zu adaptieren. Im Unterricht können digitale Medien Lehrer*innen für mehr individualisiertes Arbeiten mit entsprechender Begleitung freisetzen. Schüler*innen erhalten durch adaptive Lernsysteme lernförderliches direktes Feedback, was motivierend und leistungssteigernd wirken und zudem die Lehrer*innen von allzu vielen Korrekturarbeiten entlasten kann. Bis das alles aber wirklich greift, sind langer Atem für Schulentwicklungs- und Unterrichtsentwicklungsprozesse notwendig und gemeinsame Weiterbildung in Kollegien unabdingbar. Für beides hält der Beitrag Beratung, zugängliche Angebote und Hinweise bereit, wie Schulen sich auf den Weg in die digitale Zukunft machen können.

Unterricht planen für heterogene Gruppen

Unterricht für heterogene Gruppen so zu planen, dass er möglichst allen Schüler*innen gerecht wird, ohne Lehrer*innen heillos zu überfordern, ist sicherlich die größte Herausforderung unserer Zeit. »Heterogen« sind inzwischen alle Schulklassen zusammengesetzt, selbst jene in den Gymnasien der besseren Großstadtviertel. »Homogene« Lerngruppen hat es nie wirklich gegeben, existieren jedoch immer noch in der Vorstellung: Zielgleich und im Gleichschritt soll im Raster von Zeiteinheiten geplant werden. Es ist kaum zu schaffen, für alle Schüler*innen einer Gruppe und für mindestens 24 Unterrichtsstunden Woche für Woche passgenaue Aufgaben zu erstellen, um sie optimal zu fördern. Nicht nur Aufgabenstellungen, sondern auch entsprechende Leistungsüberprüfungen werden in Schulen, die mehrere der früheren Schulformen verbinden, auf mindestens zwei, meistens drei und bei inklusiv arbeitenden Klassen auch vier Niveaustufen angeboten. Geht es nicht vielleicht auch anders? Drei Unterrichtsbeispiele aus so unterschiedlichen Fächern wie Deutsch/Soziale Studien, Mathematik und Englisch zeigen, dass dies möglich ist. Ausgangspunkt ist für alle je ein gemeinsames Unterrichtsthema: Umgang mit Längeneinheiten – »Chocolate« – Religion als Orientierung für Menschen. Die innere Differenzierung ergibt sich durch Aufgabenvielfalt und selbst differenzierende Aufgaben. Schüler*innen sind in allen drei Beiträgen an der Planung ihres Unterrichts beteiligt. Sie erfinden selbst vielfältige Aufgaben – entdecken unterschiedliche Lösungen zu gestellten Problemen – entwickeln didaktisch ausgereifte Präsentationen, um andere von ihren Ergebnissen zu überzeugen – sind auf ihrem je eigenen Leistungsvermögen herausgefordert durch sie interessierende und von ihnen zu bewältigende Aufgaben, durch Feedback von Peers und Lehrer*in, durch Zusammenarbeit mit anderen, durch Erfolg, der zu noch mehr Lernfreude und erstaunlichen Leistungen ermutigt.

Die Schüler erfinden selbst vielfältige Aufgaben und entdecken unterschiedliche Lösungen.

Mathematik gehört wie Englisch zu jenen Fächern in der Schule, die nach Meinung vieler Lehrer*innen am ehesten Gleichschritt in der Erklärung und nachfolgend bei den Übungen benötigen, da »eins auf dem anderen« aufbaut, das »nächste« nicht ohne das »vorhergegangene« verstanden werden kann. Anne-Katrin Reicheentwickelt ihren Mathematikunterricht in Zusammenarbeit mit Susanne Prediger von der Universität Dortmund ganz anders. Entstanden ist dabei Unterricht, der vielfältige Wege zu Längeneinheiten aufzeigt und ein Beispiel für alltagstaugliche, offene Differenzierung darstellt. In ihrem Beitrag beschreiben sie, zu welchen höchst verschiedenen Lösungen Kinder im Ausprobieren, Entdecken und Nachdenken über eine gestellte Aufgabe kommen können, wenn ihnen der Raum gelassen wird, sich etwas selbst zu erarbeiten, das sicherlich nachhaltiger im Gedächtnis bleibt als »nur« Gelerntes, Wiedergegebenes und somit alsbald Vergessenes. Dieses Beispiel ist gut übertragbar auf andere mathematische Inhalte, aber auch andere Fächer, wenn man sich die zugrunde liegende Vorstellung von Unterricht zu eigen macht. Und nicht zuletzt: Dieser Unterricht ist unaufwendiger zu planen als die ständige Produktion differenzierter Arbeitsblätter für unterschiedliche Leistungsniveaus zum oft nur Abarbeiten.

Auch Christoph Suter von der Pädagogischen Hochschule Thurgau begleitet eine Lehrerin zu neuer Einsicht: Guter Unterricht in inklusiv zusammengesetzten Gruppen ist auch im Englischunterricht für alle Kinder ohne erhebliche Mehrarbeit möglich. Ausgangspunkt bleibt das übliche Lehrwerk, das nun aber nicht mehr nacheinander durchgearbeitet, sondern zunächst inhaltlich vorstrukturiert wird. Die Kinder erhalten einen Überblick über das Thema der Unit und die angebotenen Materialien. Ihre Aufgabe ist es nun, sich den Inhalt in bewusst heterogen zusammengesetzten Kleingruppen weitgehend selbstbestimmt zu erarbeiten und abschließend ihre Ergebnisse zu präsentieren. Unterstützung erhalten sie durch verschiedene sprachliche und lernmethodische »Gerüst«-Angebote, auch für zielführende Gruppenarbeit, und natürlich durch die kontinuierliche Begleitung der Lehrerin. Es gelingt sogar, dass die Kinder selbst während ihrer Gruppenarbeit Englisch miteinander sprechen, notfalls »irgendwie«. Ein solches Vorgehen lässt sich auf alle Lehrbucheinheiten hin planen. Und auch dies wird für die Lehrerin zur neuen Erfahrung: Ihre Klasse lernt selbstbestimmt mindestens so viel wie im vorherigen Unterricht, ist zudem mit deutlich mehr Kreativität, Lust an der Sprache, Freude und Anstrengungsbereitschaft bei der Sache. Bewiesen wird wieder einmal: Kinder lernen von anderen Kindern in einem guten Lernklima mindestens so viel wie von den Erwachsenen: Gemeinsam lernen in einem gemeinsam gestalteten Englischunterricht.

Kinder lernen von anderen Kindern in einem guten Lernklima mindestens so viel wie von den Erwachsenen.

Thomas Makowski erlebt, wie intensiv und kreativ seine Schüler*innen sich selbst bilden an den sie bewegenden Themen, wie sie andere daran teilhaben lassen und zu Einsichten begleiten durch Unterrichtsplanung, die zum selbstständigen Urteilen verführt: »Ich habe mir so viele Wege im Denken eröffnet«. Er wählt einen eher ungewöhnlichen Einstieg, der die Gruppe motivieren soll, sich mit Religionen auseinanderzusetzen, ein Thema, das die Schülerinnen und Schüler zunächst nicht sonderlich interessiert. Das Folgende kann er nicht mehr wirklich vorausplanen, wenn er seinen Schüler*innen den nötigen Freiraum geben will, ein eigenes, sie bewegendes Thema selbst zu finden. Er gibt ein Gerüst vor: Gemeinsam werden Kriterien für die Präsentation erarbeitet, die später auch der Evaluation und Bewertung dienen. Er verhindert Ausweichen durch regelmäßige individuelle Besprechung der Zwischenergebnisse. Seine Vorbereitung zu Hause besteht neben der Vorbereitung von Feedbacks für die Zwischenergebnisse vor allem darin, zusätzliche brauchbare Texte für die Themen der Schüler*innen zu finden, diese notfalls umzuformulieren in einfache Sprache. Oft ist das deutlich spannender als die übliche routinierte Unterrichtsvorbereitung.

Unterricht im Alltag planen

Drei Beispiele in diesem Heft geben also hilfreiche Erfahrungen und Einsichten weiter, wie die Komplexität der Aufgaben zu managen ist und was dabei hilft. Drei weitere Beispiele verführen zu einem Unterricht, der unter Beteiligung der Schüler*innen deren Vielfalt zu nutzen weiß und keineswegs aufwendiger und zeitraubender zu planen ist.

Immer aber sollten bei der Planung von Unterricht zunächst die wichtigsten Fragen am Anfang stehen: Warum sollen sich diese Kinder oder diese Jugendlichen gerade jetzt mit diesem Thema und wie auseinandersetzen – was kann der Inhalt für ein gelingendes Leben jetzt und erst dann mit Blick auf ihre Zukunft beitragen – worin liegt das unbedingt wichtige Bildungsangebot für sie. Wenn wir Lehrer*innen diese Fragen für uns überzeugend beantworten können, ohne auf staatliche Vorgaben verweisen zu müssen, werden wir auch die Schüler*innen erreichen.

Literatur

Eikenbusch, Gerhard (2019): Sind Präsenzzeiten und Vierzig-Stunden-Woche besser? Lehrerarbeitszeitregelungen in Schweden und ihre Wirkungen. In: PÄDAGOGIK 3/2019, S. 42–46.
Meyer, Hilbert (2004): Was ist guter Unterricht? Berlin: Scriptor.
Meyer, Hilbert (2018): Wohin geht die Reise? Und wie gestalten wir den Weg? Pädagogische Woche Oldenburg 2018, Handout zum Eröffnungsvortrag.
Zum Thema sind auch interessant: die PÄDAGOGIK-Hefte 10/2007: Unterricht vorbereiten und 11/2009: Neue Tipps für guten Unterricht.
Prenzel, Manfred (2016): Leistung als Dimension und Qualitätsmerkmal guter Schulen. Die Perspektive der Wissenschaft. In: Beutel, Silvia-Iris et al. (Hrsg.): Handbuch gute Schule. Sechs Qualitätsbereiche für eine zukunftsweisende Praxis. Seelze: Kallmeyer.

Dr. Susanne Thurn war Lehrerin, Hochschullehrerin, Schulleiterin der Laborschule Bielefeld, arbeitet jetzt in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und ist Mitglied der Redaktion von PÄDAGOGIK.
susanne.thurn(at)uni-bielefeld.de

Lehrer als »Weltmeister im Komplexitätsmanagement«

Unterricht im Alltag planen

Susanne Thurn
Guten Unterricht zu planen ist die tägliche Heraus-, oft Überforderung aller Lehrer*innen. Gelungene Beispiele zeigen, wie die Planung ganz anders, aber ohne Mehraufwand gelingen kann
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Effiziente Unterrichtsvorbereitung im Alltag

Mandy Schütze
Die Digitalisierung bringt auch einen Überfluss an Materialien. Hier wird gezeigt, wie man das findet, was man braucht, und wie man es so speichert, dass man es wiederfindet
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Einer für alle – alle für einen?

Unterrichtsvorbereitung im Team

Anja Devantié
Wenn die schulischen Strukturen Teamarbeit fördern, können Lehrerinnen und Lehrer einander entlasten durch geteilte Unterrichtsvorbereitungen und gemeinsame Absprachen
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Kollegiale Unterrichtsvorbereitung mit digitalen Medien

Dietmar Kück
Wie lässt sich die Arbeit der Fachkonferenzen und Jahrgangsteams so weiterentwickeln, dass sie den digitalen Wandel gestalten können?
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Vielfältige Wege zu Längeneinheiten

Ein Beispiel für alltagstaugliche, offene Differenzierung

Anne-Katrin Reiche und Susanne Prediger
Differenzierung muss nicht immer aufwendig sein, insbesondere dann nicht, wenn man fachlich durchdachte, didaktisch reichhaltige Arbeitsaufträge mit vielfältigen Lösungswegen anbietet
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Englischunterricht mit Schülern gestalten

Christoph Suter
Wie können Schülerinnen und Schüler mit sprachlichen und methodischen Kompetenzen für die selbstständige Arbeit im Fremdsprachenunterricht ausgestattet werden?
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»Ich habe mir so viele Wege im Denken eröffnet«

Eine Unterrichtsplanung, die zum selbstständigen Urteilen verführt

Thomas Makowski
Jugendliche wollen selbst entdecken, was für sie wichtig sein und Orientierung geben könnte. Ein offener Unterricht kann ihre Neugier, Kreativität und Lernbegeisterung freisetzen
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Zuhören muss man lernen – und pflegen

Wie Lehrpersonen ihren Schülern zuhören können

Gerhard Eikenbusch
Lernen in der Schule gelingt nur, wenn Lehrkräfte sich aufs Zuhören verstehen und damit umgehen können. Was macht gekonntes Zuhören in der Klasse aus?
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Zuhörstrategien im Unterrichtsalltag

Abhören – Nachhören – Einhören – Mithören – Weghören – Anhören – Heraushören

Michael Krelle
Wie können Lehrpersonen professionell zuhören (lernen)? Wie können sie ihr eigenes Zuhören beobachten und darüber reflektieren?
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Zuhören als Element von Lernprozessberatung

Wie man in Gesprächen auf Verstehen fokussieren kann

Marie-Joan Föh
Welche Rolle spielt Zuhören bei der Beratung von Lernprozessen? Was kann die Lehrkraft dafür tun, dass die Schüler zu Wort kommen und konkrete Hilfen erhalten?
mehr

Feedback einfordern und dabei gut zuhören

Mit Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern aufmerksam und konstruktiv umgehen

Corinne Wyss
Lehrpersonen brauchen ein Werkzeug, um den Schülerinnen und Schülern gezielt zuzuhören und um mehr über ihr Zuhören zu erfahren. Hier bietet sich besonders das Schülerfeedback anbr /> mehr

Zuhören im Klassenrat, bei Streitschlichtungen oder Moderationen

Haltungen, Strategien sowie Gesprächs- und Zuhörtechniken für Lehrpersonen

Wolfgang Wildfeuer
Wie können Lehrkräfte ihre Klassen unterstützen, zuhörerzugewandt zu kommunizieren? Und wie können die Lehrkräfte selbst in solchen Fällen gut zuhören?
mehr

Zuhören 2.0

Wie digitale Medien das Zuhören in der Schule verändern

Andreas Dertinger
Digitale Medien verändern die Kommunikation im Unterricht. Welche Konsequenzen für das Zuhören der Lehrkräfte hat es, wenn Programme den Schülern automatisiert »zuhören«?
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Kollegiales Zuhören

Wie Zuhören unter Lehrkräften gelernt und gestaltet werden kann

Adolf Bartz
Wenn sich an Schulen eine Kultur des kollegialen Zuhörens entwickeln soll, geht es nicht nur darum, dass mehr zugehört wird
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»Nur wer gut zuhören kann, dem wird auch zugehört«

Erfahrungen in der Gesprächsführung mit lehrenden und helfenden Berufen

Ein Gespräch mit Astrid Seeberger
Erfahrungen in der Gesprächsführung mit lehrenden und helfenden Berufen
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Wovon man nicht sprechen kann, darüber kann man auch nicht zuhören

Über die Logik des Lehrer-Zuhörens (und -Redens) in der Schule

Gerhard Eikenbusch
Gutes Zuhören ist eine Frage des LehrerHandwerks, denn es geht darum, Reden und Zuhören in Kommunikations- und Arbeitsprozessen zu verbinden
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Jeder hat Talent

Erste Ergebnisse eines Schulversuchs zur Talentförderung an der Mittelschule

Katrin Valentin, Marina Mahling und Thomas Eberle
In der Schule stehen oft eher die Schwächen eines Schülers im Mittelpunkt. Dies ändert sich, wenn zum Beispiel im Rahmen eines Schulversuchs gezielt die Stärken gesucht und gefördert werden. Dabei setzt allein die Aufforderung, Talente zu fördern, viel Energie frei. Wie lässt sich diese Energie zugunsten der Schülerinnen und Schüler nutzen? Welche Angebote sind besonders Erfolg versprechend?
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Lehrerbelastung | 7. Folge

Alles für die Katz?

Neue Belastungen durch den aktuellen Lehrermangel

Klaus Klemm
Dass in den letzten Jahren wieder viele Lehrerstellen unbesetzt blieben und vielerorts durch Seiten-/Quereinsteiger oder durch befristete Vertretungen notdürftig Abhilfe geschaffen wird, ist bekannt. Welche Auswirkungen wird diese noch einige Zeit anhaltende Mangelsituation auf die Belastung der Lehrerinnen und Lehrer im Dienst haben? Muss man davon ausgehen, dass sich die Situation verschlechtert?
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