Freitag, der 20. September 2019

10. Juli 2019

Der Tag könnte in die Geschichte eingehen. Ja, ich bin mir sicher, er wird es. Schüler und Wissenschaftler, Studenten, Lehrer (immer auch *Innen) und eine wachsende Zahl von Initiativen rufen zum Klimastreik auf. Der 20. September 2019 wird wohl der Tag der größten internationalen Demonstrationen werden. Wird er sogar der Tag einer politischen Wende, ja einer Wende in der politischen Architektur? Schon jetzt ist seit dem 20. August 2018, dem Beginn von Fridays for Future mit nur einem einzigen 15jährigen Mädchen in Stockholm, ein in der kulturellen Evolution ohnehin stattfindender Wandel unverkennbar: Ein Tripelpunkt im Generationsverhältnis.

Zwei Aufrufe sprechen eine deutliche Sprache. Der erste von Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Aktivistinnen aus 110 Ländern. Ja, Aktivistinnen! Es sind ganz überwiegend junge Frauen. Der zweite von Wissenschaftlern und anderen profilierten Köpfen, wieder international, Männer und Frauen wie Noam Chomsky und Nancy Fraser, Naomi Klein und Bruno Latour. Sie sind in Boston, Stanford, Paris oder in Johannesburg zu Hause.

Die Schüler – interessant, dass man auch Aktivistinnen wie Luisa Neubauer, die inzwischen studieren, Schüler nennt, es ist wohl der hoffnungsvolle Blick auf die Absolut Beginners – schreiben: „Jahre sind mit Gerede vergangen, mit unzähligen Verhandlungen, mit nutzlosen Vereinbarungen zum Klimawandel… Politiker wussten seit Jahrzehnten Bescheid. Sie haben ihre Verantwortung für unsere Zukunft bereitwillig Profiteuren überlassen, deren Suche nach schnellem Geld unsere Existenz bedroht … Wir haben das Gefühl, dass viele Erwachsene noch nicht ganz verstanden haben, dass wir jungen Leute die Klimakrise nicht alleine aufhalten können. Das ist keine Aufgabe für eine einzelne Generation… Deswegen ist dies unsere Einladung. Am Freitag, 20. September, werden wir mit einem weltweiten Streik eine Aktionswoche für das Klima beginnen. Wir bitten Sie, sich uns anzuschließen.“

Die Intellektuellen und Wissenschaftler folgen ihren Kindern und Enkeln subito: „Am Freitag, dem 20. September werden wir auf Bitte der jungen Menschen, die rund um die Welt Schulstreiks organisieren, unsere Arbeitsplätze und Wohnungen verlassen, um einen Tag lang Maßnahmen gegen den Klimawandel zu fordern, die große, existenzielle Bedrohung der gesamten Menschheit. Es wird ein eintägiger Klima-Streik sein und der Auftakt zu einer Woche mit Klima-Aktionen auf der ganzen Welt. Wir hoffen, damit eine Zeitenwende einzuleiten. Und wir hoffen, dass sich uns viele Menschen anschließen und ihre Büros, Bauernhöfe und Fabriken verlassen; dass Politiker ihren Wahlkampf unterbrechen und Fußballstars ihre Spiele; dass sich Schauspieler abschminken und Lehrer ihre Kreide niederlegen; dass Köche ihre Restaurants schließen und für die Protestierenden kochen; und dass Rentner ihren Alltagstrott unterbrechen.“

Nun wissen wir doch, was wir in diesem Sommer vorzubereiten haben – oder? Ferienarbeit! „Es ist der Schlüssel“, heißt es im Aufruf, „unsere gewohnten Abläufe zu unterbrechen. Es sind die Routinen, die uns ermatten.“ Also andere Ferien, vielleicht eine Stunde täglich? Und was hieße das alles nach den Sommerferien für die Schulen? Eigentlich ist es doch klar. „Fridays for Future“ in „Future @ Friday“ verwandeln. Es geht ja nicht nur ums Klima! Es geht darum, wie wir leben, lernen und arbeiten wollen. Es geht tatsächlich um die Zukunft. Bei „Future @ Friday“ sind schon einige dabei. (Mehr auf www.adz-netzwerk.de) Zum Beispiel Theater. Denen fällt es naturgemäß, nein kulturgemäß, leichter, ihre Programme zu ändern. Aber auch die Schulen müssen ihre Programme ändern. Nicht nur den Stundenplan. Nicht nur mal eine Projektwoche vor den Ferien. Freitags also Zukunftsschulen?!! Nicht nur wegen der nötigen Verstetigung der Freitagsdemos. Ihnen ein Asyl geben. Wir brauchen Zukunftswerkstätten und dafür gute Orte. Das sollten Schulen sein oder werden. Sozusagen Bildungszentren, in denen nicht nur Kinder und Jugendliche gebildet werden, einer der Orte, in denen sich unsere Gesellschaft neu bildet. Also nicht nur für Schülerinnen und Schüler. Und lernen nicht nur von Lehrern. Wie gelernt werden kann – anders als jenes Bulimielernen, das inzwischen das wichtigste Stichwort zur Selbstbeschreibung vieler Schüler und Studenten ist, kann man derzeit von den Schülern lernen. „Sie können es mit dem Kenntnisstand eines durchschnittlichen Bundestagsabgeordneten locker aufnehmen,“ sagt der Klimaforscher Ottmar Edenhofer, der auch die Bundesregierung berät über die Aktivistinnen, mit denen er ebenfalls im Gespräch ist.

P. S.

Aus dem Aufruf der Erwachsenen: „Wir sind die Menschen, die zufällig in einem historischen Moment leben, in der unsere Entscheidungen die Zukunft noch auf Zehntausende Jahre hin beeinflussen: wie hoch die Meeresspiegel ansteigen, wie weit sich die Wüste ausbreitet, wie schnell die Wälder abbrennen. Ein Teil unseres Wirkens muss darin bestehen, die Zukunft zu bewahren.“

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