Der Boden unter unseren Füßen

3. Juni 2019

Es ist kurz nach Ostern. Die Radionachrichten melden einen Rekord, der wärmste Apriltag. Das schöne Osterwetter haben wir genossen. Aber dann folgte diese Unruhe, wie sie wohl Tiere haben, wenn sie Anzeichen eines Wetterumschwungs fühlen oder wenn sie das tektonische Pochen vor Beben präziser spüren als es die geophysikalischen Instrumente aufzuzeichnen vermögen. Vorahnungen. Müssen wir uns zwischen der Freude am schönen Wetter und den grummelnden Gedanken an den Klimawandel und an die anderen angekündigten Plagen entscheiden?

Über den Landstraßen braune Wolken. Die aufgewirbelte Ackerkrume. Der Boden ist – immer noch oder schon wieder – viel zu trocken. Waldbrandwarnungen. Osterfeuer wurden in einigen Gegenden verboten. Prognosen warnen vor Wüsten in Brandenburg. Das sind Landstriche, in denen die Landwirtschaft aufgegeben werden müsste, wenn wieder so ein schöner, langer, trockener Sommer wie im vergangenen Jahr käme. Aber der sei wahrscheinlich. Aber bitte, kein Alarmismus! Wir wollen uns doch nicht ständig die Stimmung verderben lassen. Wir machen also weiter. Aber auch das schwächt. Zu viele »aber«. Was nicht stimmig ist, verdirbt die Stimmung. Der Pegel alltäglicher Gereiztheit steigt – oder?

Und weiter jeden Freitag, auch am Karfreitag, der Marsch der Schüler in ihre (noch) heitere Autodidaktik. Diesem Marsch weg vom Abgrund schließen sich immer mehr Erwachsene an. Aber passt hier eigentlich noch die Unterscheidung von Erwachsenen und Anfängern? Die Meldungen über den Boden jedenfalls machen alle genauso hilflos. 20 Prozent der Agrarflächen weltweit sind schon mehr oder weniger »degradiert«, wie es die Experten der »Pedosphäre« nennen, jener Haut der Erdkruste, die ebenso unglaublich lebendig ist wie skandalös bedroht.

Jedes Jahr gehen weltweit 10 Millionen Hektar Äcker verloren. Die Fläche von 15 Millionen Fußballfeldern wird Ödland. Böden werden zu Wüsten, oder sie werden versiegelt. Allein in Deutschland macht man täglich rund 60 Hektar Forst- und Landwirtschaftsareal zu Siedlungs- und Verkehrsflächen. Diese Bilanz zog die des Alarmismus unverdächtige Maria Flachsbarth, Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium.

Und auf der anderen Seite ein so pralles Leben der Erde, dass wir es uns gar nicht vorstellen können. In einer Schaufel Humuserde sind weit mehr Lebewesen enthalten, als Menschen auf dem Globus leben. Milliarden von Bakterien, Wurzelfüßlern und Wimperntierchen, viele Tausend Rädertiere, Fadenwürmer, Springschwänze, bis hin zu den »Großen«, den Regenwürmern, Asseln und Käfern. Diese Organismen verarbeiten die mineralischen und organischen Bestandteile des Bodens zur durchlüfteten, lockeren, nahrungsreichen, speicherfähigen Schicht Humus, meistens nur 15 bis höchstens 40 Zentimeter dick, jene dünne »Haut der Erde«, von der alles Leben abhängt. Auf ihr wachsen die Pflanzen, die durch Photosynthese die Energie des Sonnenlichts unter Aufnahme von CO2 zur Nahrung für andere Lebewesen umwandeln und die jenen Sauerstoff abgeben, den wir mit der Luft einatmen. Man lese weiter bei Ludwig Fischer, dem ich diese Informationen verdanke (»Natur im Sinn«, Matthes & Seitz), und bei Emanuele Coccia, der das wunderbare Buch »Die Wurzeln der Welt« (Hanser) geschrieben hat.

Mut macht auch Ralf Otterpohl »Das neue Dorf« (Oekom). Der Wissenschaftler an der TU Harburg gilt weltweit als führender Experte in Wasserwirtschaft und sagt über unsere Grundstoffe Wasser und Boden: »Es ist viel schlimmer, als wir denken, aber wir haben auch viel mehr Möglichkeiten, als wir uns derzeit vorstellen.«

Wenn ich träume und mir was wünschen dürfte, dann würde ich diese und andere Wissenschaftler an Freitagen in Theater, Messe- oder Kongresshallen einladen, damit die Fridays-for-Future-Demos auf Future@Friday-Versammlungen ankommen. Irgendwann werden die Märsche weg vom Abgrund ermüden. Dann braucht es für weitere Expeditionen Basislager. Das sollten bald die Schulen selbst sein. Zum Beispiel ein Freitag über den Boden und über den Zusammenhang von Humus und dem Humanen, auf das Bruno Latour in seinem Buch »Das terrestrische Manifest« (Suhrkamp) hinweist. Denn, so der große französische Soziologe, allenthalben spüren wir, wie uns der Boden unter den Füßen entzogen wird.

P. S.

Future@Friday, wäre das nicht ein enormer Schritt der Schulen hin zu den Schülern, hin zur Gesellschaft und weg von der maroden Lehrplanwirtschaft, der letzten Planwirtschaft, die uns geblieben ist? Seit Monaten zitierte ich hier den immer noch unerhörten Vorschlag der drei geisteswissenschaftlichen Tenöre Prenzel, Nida-Rümelin und Zierer, 40 Prozent der Schulzeit für interessante, zeitgenössische Projekte frei zu machen. Wann steht eigentlich Klimawandel auf dem Lehrplan? In der 8. oder 11. Klasse? – Nein, jetzt!

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