Fridays for Future!

3. Mai 2019

Ob die Schüler, wenn diese Kolumne erscheint, immer noch auf die Straße gehen? Oder sind im Mai die Fridays for Future vorbei? Vielleicht werden dann aber auch Lehrer – und natürlich auch Lehrerinnen – dabei sein. Auf welche Weise? Die Schüler haben jedenfalls etwas Neues begonnen. Ich schreibe das Ende März. Wieder waren sie auf der Straße. In Hamburg mehr als 2000. Die Woche zuvor waren Ferien und es kamen 7000. So viel zum Thema Ernsthaftigkeit und vermeintliche Schulschwänzer, die in der Freizeit demonstrieren, aber freitags lernen sollten.

Die Schüler haben einen andern Lernprozess begonnen. Sie blicken auf die Sackgassen unserer Zivilisation und haben ihren Blick nicht gleich wieder abgewandt. Wie lange halten sie den Anblick aus? Sie haben Panik, sagt Greta Thunberg.

Greta hat das Asperger Syndrom. Ihr fehlt die Fähigkeit abzuspalten. Eine Strategie über die man in unserer Kultur umso müheloser verfügt, je »erwachsener« man geworden ist. Zum Beispiel ein Abendessen. Man ist sich über den desolaten Zustand der Welt einig. Weiter geht’s im Themenmenü zum Urlaub. Zwei- oder auch schon dreimal im Jahr? Die Flüge sind ja so günstig. Man nennt das einen »performativen Widerspruch«. Ganz anders reden als handeln. Wir sind gut im Kommentieren der Welt, aber schlechte Autoren unserer Skripte als Weltbürger. Peter Sloterdijk nannte es die zynische Vernunft. Wir haben die Welt analysiert und durchkritisiert und machen nun mit richtigem Bewusstsein das Falsche. Ist das die Signatur unserer Generation?

Die Schüler sind dabei, ihre Sprache zu finden. Zum Beispiel sagt eine ihrer Sprecherinnen, Luisa Neubauer: »Wir politisieren gerade eine ganze Generation. Wir bringen das Thema auf die Abendbrottische, in die Klassenzimmer und Rathäuser. Das bringt aber fürs Klima überhaupt nichts. Gesellschaftlich haben wir viel erreicht, medial auch, physikalisch praktisch nichts.« Wer so spricht, will keine Strohfeuer entfachen. Jedes Kind weiß, dass endloses Wachstum in einer endlichen Welt eine logische Unmöglichkeit ist. Die UN weist das nun mit der »größten Studie der Weltgeschichte« erneut nach. 8000 Seiten von 500 Forschern aus 50 Ländern bilanzieren unseren Weltverbrauch. Allein der Verlust von Bäumen, Weideland und Feuchtgebieten frisst zehn Prozent des globalen »Bruttoinlandsprodukts«, das taucht aber in den Preisen der Waren nicht auf. In 30 Jahren könnten, wenn es so weiter geht, 700 Millionen Menschen auf der Flucht vor Überschwemmungen oder Dürren sein.

Noch mal Sloterdijk. Er schrieb vor Jahren in seinem Buch »Die schrecklichen Kinder der Neuzeit«: »Es werden der Problemlösungsfähigkeit künftiger Generationen zunehmend mehr Aufgaben aufgebürdet, als diese durch die Übernahme eines Kompetenz-Erbes der vorangegangenen Generation und dessen Ergänzung durch eigene Erfindungskräfte meistern könnten.« Schrecklich war für ihn, wozu die allein gelassenen Kinder in der Lage sein könnten, ja welche Katastrophen diese nie wirklich erwachsen Gewordenen in der Neuzeit schon angerichtet haben.

Beginnt vielleicht mit dem Klimastreik etwas Neues? Lässt das Schreckliche nach, wenn man dem Schrecken ins Gesicht gesehen hat? Genau das wollen die Schüler: »Dass ihr unsere Panik habt«, wie es Greta aus Stockholm sagt, dass ihr nicht mehr wegguckt, dass auch ihr erschreckt.

Mit dem Streik wagen sie den Bruch und beginnen so ihre Politisierung. Politisierung ist seit 1968 der Begriff für die autodidaktische Selbstinitiation. Was ist denn Politik? Für Hannah Arendt war Politik die Unterbrechung üblicher Abläufe, der Neuanfang. Sie sprach sogar von Wundern in der Politik. »Jeder neue Anfang wird zum Wunder, wenn er gesehen und erfahren wird von dem Standpunkt der Prozesse, die er notwendiger Weise unterbricht.«

Und vielleicht ist diese Unterbrechung die Chance für ein Generationenbündnis, das wir noch nichtkannten. Wie wäre es: Lehrerinnen und Lehrer, die häufig schon pensionierten 68er, die vielen Menschen mit dem Wunsch nach sinnvollen Tätigkeiten, sie alle machen in den Schulen an Fridays for Future mit den Jugendlichen die Zukunft und sich selbst zum Thema.

P. S.

Ich habe an dieser Stelle mehrfach an den Vorschlag der beiden Erziehungswissenschaftler Prenzel und Zierer sowie des Philosophen Nida-Rümelin erinnert, 40 Prozent der Schulzeit von Stoff-, Lehr- und Stundenplänen zu befreien, um Zeit für die drängenden Fragen unserer Zeit zu gewinnen (PÄDAGOGIK 9/2018). Man könnte freitags damit beginnen. Mehr als 20 000 Wissenschaftler haben bereits als Scientists for Future unterschrieben, dass sie die Schüler unterstützen. Man könnte sie einladen. Man könnte Menschen aus der Umgebung der Schulen als Paten gewinnen, um Schulen zu Selbstversuchen einer Erneuerung zu machen, die groß sein muss und doch aus kleinsten Schritten besteht.

Trauen wir uns, den Normalbetrieb zu unterbrechen und anzufangen?

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