Golden Times

3. April 2019

Theater Freiburg. Mark Scheibe, Pianist, Komponist und Sänger aus Berlin probt mit Jugendlichen die »Zeitgeisterbahn«. Aus ihren Träumen und Ängsten entsteht ein »opernhaftes Konzertspektakel« mit Ideen für die Zukunft und Abscheu vor einer Welt des bedingungslosen Funktionierens. Schon Vierzehnjährige spüren, dass das bloße Funktionieren schon bald nicht mehr funktionieren könnte.

14 Jahre alt ist Jeanne. Die Schule hat sie satt, und ihre Mutter hat alle Müh, sie morgens auf den Weg zu bringen. Man denkt natürlich erst mal psychologisch: die Pubertät. Stimmt aber nicht. Es ist existenziell. Jeanne ist davon überzeugt, dass ihre Schule zutiefst nicht stimmt. In einer Probenpause erzählt sie von einer Schule in Dänemark. Dort laufe vieles wie Theater. Rollenspiele und große Projekte.

Später erfahre ich von ihrer Mutter, sie ist die Intendantin des Theaters, dass Jeanne durchgesetzt hat, in den Ferien nach Dänemark zu fahren und eine Woche in der Østerskov zu hospitieren. Es ist eine »Efterskole«, Nachschule, freiwillig nach der neunjährigen Gesamtschule. Eine Errungenschaft der dänischen Bauernund Bildungsbewegung im 19. Jahrhundert, die das Schulrecht erkämpft hat. Eine Schulpflicht gibt es in Dänemark bis heute nicht. Nur Unterrichtspflicht.

Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen und ich lese in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Februar 2019 einen Bericht von Jeanne über ihr Jahr in der Østerskov-Schule im Norden von Jütland. Nach ihrer einwöchigen Visite hat sie Dänisch gelernt und dann ein Jahr dort gelebt, gelernt und ja, sie hat sich gebildet.

»Natürlich wird dort nicht den ganzen Tag gespielt«, schreibt Jeanne. »Es ist ein Wechsel aus Spielphasen und Unterricht.« Jede Woche wird ein neues Thema eingeführt, und der gesamte Stoff dem Wochenmotto untergeordnet. »Die Deutschlehrerin hat den ›Antifaschistischen Wall‹ konzipiert. Ich schlüpfte in die Rolle einer braven DDR-Bürgerin. Ein Perspektivwechsel, der einen ganz neuen Blick auf die Ereignisse eröffnet.« Sie schreibt davon, wie sie gelernt hat, in der Gruppe zu arbeiten, zu recherchieren und »dass es vollkommen okay ist, Fehler zu machen«. Sie hat gelernt »sich zurückzunehmen und zuzuhören – eine kleine Herausforderung für mich als Einzelkind.« Das erste Mal in der Schule, »dass ich das Gefühl hatte, ich muss mich nicht verteidigen für das, was ich bin.«

Nun wieder in Freiburg, jetzt in der Oberstufe, hat sie mit ihrer nach wie vor ungeliebten Schule einen Modus gefunden. Trotz der einjährigen Entfernung vom Lehrplan – oder gerade deshalb – sind die Noten besser denn je. »Ich habe gelernt, wieder Spaß zu haben am Lernen, ich habe überhaupt gelernt zu lernen. Autonom zu sein – aber nicht allein.«

Kurz nach der Lektüre von Jeannes Artikel treffe ich in Wolfsburg Schüler, die Interesse haben, an einer Veranstaltung der »Autostadt« mit dem Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer mitzuwirken: »Weniger Stoff – Mehr Tiefgang«. Die Schüler sind keine Schulkritiker wie Jeanne. Sie sind überwiegend besorgt, dass der Unterricht sie mit zu wenig Wissen »für später« ausstatten könnte. Zugleich leiden sie darunter, dass der Tag so vollgestopft sei und »man gleich wieder so viel vergisst«. Je länger sie darüber sprechen, desto mehr entweicht der Glaube ans Vorratslernen. Der anfängliche Nebengedanke, dass davon so wenig bleibt, gerät ins Zentrum.

Irgendwann fällt das Stichwort »Golden Time«. Das sind an der »Neuen Schule Wolfsburg« Stunden, zuweilen auch ein ganzer Tag, an denen die Schüler jeweils ihren Themen nachgehen. Da kommt Intensität auf. Auch aus Gymnasien wird von Rollenspielen berichtet. Den »Wiener Kongress«, erzählt einer, sehe er immer noch vor sich. Da war er Diplomat. Aber Rollenspiele seien ganz selten. Keine Zeit, sagten ihre Lehrer.

Das ist später für Klaus Zierer das Stichwort: Zeit geben! Mehr Tiefe! Innere Beteiligung und Erfahrung! So erschließe sich die Welt, und eben das sei Bildung. Deshalb schlagen er und sein Kollege Manfred Prenzel sowie der Philosoph Julian Nida-Rümelin vor, 40 Prozent der Unterrichtszeit für Projekte zu zeitgenössischen Fragen frei zu machen. Von der Diskussion der Schüler ist er überrascht. Sie hätten die Misere klar herausgearbeitet und schlagen beste Lösungen vor.

Warum nicht mehr auf die Schüler hören, fragt er und empfiehlt mehr Zutrauen. Denn von »Golden Time« und Rollenspiel, dieser unbedingten Bildung, bleibt nicht nur so viel mehr im Gedächtnis als vom zielgerichteten, lehrplanhörigen, scheinbar so effektiven »Wir-müssen-den-Stoff-durchkriegen-Unterricht«. Im Handeln, Denken und Erleben bildet sich das Weltverhältnis.

PS

Einen Hinweis findet man im neuen Buch des Bonner Philosophen Markus Gabriel »Der Sinn des Denkens«: »Wir können Gedanken nicht produzieren, beim Denken erzeugen wir nicht Gedanken, sondern fassen sie.« Deswegen muss man sie fliegen lassen, um sie dann zu fassen und sich mit ihnen zu beschäftigen.

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