Unbedingt und bedingungslos

4. März 2019

Reisen bildet! Ich lade zu zwei Routen ein. Auf den Spuren von »bedingungslosem Grundeinkommen« und »unbedingter Bildung«. Verschiedene Wege, aber ähnliche Himmelsrichtungen. Reisen bildet? Wie abgegriffen. Tausendmal missbrauchte Floskel. Wie so manch bigotter Satz über Bildung. Reisen bildet nur, wenn man die Ziele und die Route nicht genau kennt. Wenn man also Erfahrungen macht. Wenn Fremdes und Bekanntes zusammen kommen. Bildung ist Anverwandlung. Nur Philister wollen ganz komplett werden. Sich zu bilden heißt, sich zu öffnen. Das geht nur, wenn die Lücke ihr Recht behält, wenn sich die Leere gegen die Lehre immer wieder behauptet und es eben deshalb weiter geht.

Aber die Leere darf nicht zu groß sein. Immer größer wurde sie bei Michael Bohmeyer. Er hat seit seinem 16. Lebensjahr Internetfirmen gegründet. Mit 29 verkaufte er sie, wollte raus aus dem Hamsterrad. Der Verkauf bescherte ihm kein großes Vermögen, aber ein regelmäßiges Einkommen. Also ausgesorgt? Nur noch Urlaub? Nein. Er konnte endlich machen, was er wollte. Nicht gleich. Erst mal wusste er gar nicht, was er wollte. Er hatte gelernt zu funktionieren, sich zu steigern, immer erfolgreicher zu werden. Mehr! Aber wovon eigentlich? Das machte ihn leer und krank. Nach dem Ausstieg allerdings war erst recht Leere. Doch bald genoss er die Freiheit sein, Ding zu suchen. Ich kürze den Weg ab. Sein Ding wurde, was er gerade erlebte: Die Sicherheit eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Wollen

Er blieb unternehmerisch, gründete den Verein »Mein Grundeinkommen«. Rief auf zu spenden. Immer wenn zwölf Mal 1 000 € zusammen sind, werden diese Euronen als Grundeinkommen für ein Jahr verlost. Jeder kann sich bewerben, ohne es weiter begründen zu müssen. Bedingungslos. Inzwischen haben die Spenden fast 300 Menschen ein Jahres-Grundeinkommen ermöglicht. Seit vier Jahren. Mehr als 120 000 Menschen haben gespendet.

Im vergangenen Jahr besuchte Boh­meyer mit seiner Mitstreiterin Claudia Cornelsen Menschen, die ein Grundeinkommen erhalten haben. Ihr Buch »Was würdest du tun?« (Econ Verlag) erzählt von dieser unglaublichen Bildungsreise. Vieles war anders als gedacht. Kaum einer entsprach dem Bild, das sich die Autoren zuvor etwa so gemacht hatten: Jetzt habe ich Sicherheit und mache, was ich wirklich, wirklich will.

Die meisten erfüllten sich Wünsche, bei denen die Besucher erst mal dachten, oh je, haben wir den Verein dafür gegründet? Es wurde gereist. Auch sehr weit. Konzertkarten wurden gekauft. Oder das Geld wurde auf die Seite gelegt. Aber fast alle berichteten, dass sie besser schlafen. Sie stellen ihren Job in Frage, ihre Ehe, manche ihr ganzes Dasein. »Viele strampeln sich erst mal frei. Dann merken sie: Nur freistrampeln ist es nicht.« Es kam etwas in Gang.

Freiheit

»Man muss die Freiheit auch aushalten«, sagt Michael Bohmeyer, »denn es ist gar nicht so leicht, viele Möglichkeiten zu haben.« Langsam entwickelte sich Tatendrang. »Sie lernen, sich besser um sich selbst zu sorgen« und sich zu fragen: »Was kann ich, was will ich?«. Für diese Reisen – Achtung Pathos – zu sich selbst, ins eigene Leben und in die Welt ist der Grundeinkommensscheck die Fahrkarte. Jede dieser Reisen, das ist das Schöne, ist so einzig und individuell wie der Fingerabdruck der Reisenden. Diese Geschichten muss man lesen. Unbedingt! Die Grundidee, sagt Bohmeyer, »ist gar nicht das Geld. Die große Wirkung entfaltet die Bedingungslosigkeit. Es geht nicht so sehr ums Haben, sondern ums Sein.« Umsteigen! Vom bedingungslosen Grund­einkommen zur unbedingten Bildung. Das erste Drehkreuz heißt »Nein!«. Nein sagen zu dürfen ist die Voraussetzung »Ja« sagen zu können, ohne ein Jasager zu werden.

Ich fahre nach Potsdam zur staatlichen Montessori-Schule. Verabschiedung der Schulleiterin Ulrike Kegler. In dieser Schule habe ich erstmals ein kluges und beherztes Pädagogenlob des Neins gehört. Da schwärmte ein Landwirt, der mit Schülern ein Seegrundstück kultiviert, vom aufrichtigen Interesse der meisten und vom aufrichtigen Desinteresse weniger. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Freude

Zur Verabschiedung sind auch 16 Schüler der ersten Montessori-Klasse von 1993 gekommen. Die Schulrätin hatte damals der neuen Leiterin der Schule, die noch »Karl-Liebknecht-Oberschule« hieß, die Freiheit zugestanden, eine Klasse nach Montessori zu unterrichten, also keine Noten zu geben, anderes Material zu benutzen, selber zu denken und frei zu handeln. Nicht nur ein paar Methoden aufzusatteln.

Die Ehemaligen sind zum Teil weit angereist. Eine aus Toronto. Sie sind Opernregisseurin, Geologen (gleich mehrere, da gab es wohl guten Unterricht) oder Lokführer geworden. Einer beginnt noch mal ganz neu und studiert im ersten Semester Lehramt. Auch Eltern sind gekommen, die sich an ihr Bangen erinnern, was wohl aus ihren Kindern wird, wenn niemand mehr was muss. Ulrike Kegler erinnert sich an ein Mädchen, das in der ersten Klasse vier Wochen aus dem Unterricht wie verschwunden war. Dann präsentierte sie freudig, dass sie sich die Buchstaben erobert hatte. Sie konnte lesen und schreiben. Ein Junge war in der dritten Klasse noch nicht soweit. Zu ihm sagte die Lehrerin: »Nun wird es aber Zeit.« Dann ging´s ganz schnell und auch aus ihm ist was geworden.

P. S.

Die Spalte zu Ende. Deshalb geht es auch weiter mit dem PS. Vorläufig jedenfalls. Im April dann mehr »Unbedingte Bildung«. Für sie gilt, wie fürs Grundeinkommen: Zugehörigkeit und Basissicherheit ermöglichen Eigensinn und die Bereitschaft, Unsicherheit zu wagen.

P. P. S.

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