3´19Sekundarstufenpädagogik

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Skizziert wird eine sekundarstufenspezifische Lernkultur unter Aspekten der Zweigliedrigkeit sowie der gemeinsamen Herausforderungen an den Lehrerberuf und den Unterricht unter Bedingungen von Vielfalt, jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben und Digitalisierung.

Publikationen zur Grundschulpädagogik bzw. Primarstufenpädagogik sind selbstverständlich. Das Fehlen einer Sekundarstufenpädagogik ist bislang noch nicht einmal thematisiert worden. Dies ist erstaunlich angesichts der Gemeinsamkeiten der pädagogischen Arbeit in den Sekundarstufen.

Dazu einige Stichworte: Alle Pädagoginnen und Pädagogen in den Schulen der Sekundarstufen arbeiten mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die meisten betrifft der Ausbau ihrer Schulen zu Ganztagsschulen, der Abbau der Mehrgliedrigkeit zugunsten eines Systems der zwei Wege, der Umgang mit Vielfalt und die Herausforderungen von Inklusion und Digitalisierung. All dies erfordert eine Konzentration auf die Entwicklung einer gemeinsamen Pädagogik im Sekundarstufenbereich. Dazu will dieses Heft erste Anregungen bieten. Wir fragen deshalb:

Was wissen wir …

  • … über den Wandel der Schulstruktur und die Schaffung differenzierter Lernmilieus?
  • … über sekundarstufenspezifische Herausforderungen an den Lehrerberuf?
  • … über Jugendwelten in den Sekundarstufen und typische Entwicklungsaufgaben?
  • … über lernwirksamen Unterricht im Sekundarbereich und Impulse der Didaktik?
  • … über Schule und Lernen unter den Bedingungen von Heterogenität?
  • … über Schule und Lernen unter den Bedingungen von Digitalisierung?

Den Beiträgen gemeinsam ist der Bezug auf die Gestaltung einer sekundarstufenspezifischen Lernkultur.

Mit diesem Schwerpunkt verabschieden wir uns von der PÄDAGOGIK, für deren Gestaltung wir als Team und gemeinsam mit anderen gut 30 Jahre verantwortlich waren. Mehr dazu in der kommenden Ausgabe.

Katrin Wolter
als Verlagsredakteurin und Geschäftsführerin des Pädagogische Beiträge Verlags und
Johannes Bastian
als Leiter der wissenschaftlichen Redaktion der PÄDAGOGIK

Sekundarstufenpädagogik

Herausforderungen, Begriffe, Arbeits- und Forschungsfelder

Johannes Bastian

In der Einführung wird nach Nutzen und Notwendigkeit einer schulformübergreifenden Perspektive auf die pädagogische Arbeit in den Sekundarstufen gefragt. Was sind Gemeinsamkeiten bei der Gestaltung einer spezifischen Lernkultur? Was sind inhaltliche und pädagogische Bezugspunkte einer solchen Perspektive? Ein Fazit: Die Potenziale einer Sekundarstufenpädagogik sind erkennbar … ein Anfang ist gemacht.

Gemeinsamkeiten in den Herausforderungen der Sekundarstufenarbeit

Ausgangspunkt dieses Heftes ist ein Widerspruch:
Auf der einen Seite beobachten wir in der Sekundarstufe I einen deutlichen Trend zu einem zweigliedrigen Schulsystem und damit verbunden veränderte Herausforderungen an die pädagogische Arbeit insbesondere in der Sekundarstufe I. Beobachtbar ist die Tendenz zur Zweigliedrigkeit in 11 von 16 Bundesländern (zur Übersicht vgl. Tillmann in diesem Heft). Perspektivisch bedeutet dies den Ausbau eines zweiten Weges zum Abitur in einer integrierten Schulform neben dem Gymnasium. Diese firmiert aktuell unter verschiedenen Namen wie Gemeinschaftsschule, Sekundarschule, Stadtteilschule, Oberschule, Gesamtschule, Realschulen plus …

Auf der anderen Seite beobachten wir einen Mangel an systematischer Reflexion der pädagogischen und strukturellen Konsequenzen dieser Tendenz zur Zweigliedrigkeit. Es fehlt damit an einer schulformübergreifenden Perspektive auf die Schulen, die für alle Schülerinnen und Schüler einen mittleren Abschluss eröffnen sowie in vielen Fällen auch eine Weiterführung des Bildungsgangs bis zum Abitur anbieten.

Als Reaktion auf dieses Problem schlagen wir die Entwicklung einer schulform- und schulstufenübergreifenden Sekundarstufenpädagogik vor. Die diesem Vorschlag zugrunde liegende These ist, dass die pädagogischen Herausforderungen der Sekundarstufenarbeit bedeutsame Schnittmengen aufweisen; denn auch die Lehrkräfte an Gymnasien beobachten Veränderungen und einen damit verbundenen Handlungsbedarf.

Diese Schnittmengen sollen im Folgenden exemplarisch anhand von vier zentralen gemeinsamen – also schulformübergreifenden Herausforderungen skizziert werden. Eine erste gemeinsame Herausforderung ist die Entwicklung einer sekundarspezifischen Lernkultur unter den Bedingungen von Heterogenität. An allen Schulen der Sekundarstufen ist die Vielfalt von Verhaltensweisen und Voraussetzungen gestiegen. Selbst wenn der produktive Umgang mit Heterogenität eine besondere Herausforderung der Schulform(en) neben dem Gymnasium bleibt, so ist er doch auch für die Gymnasien relevant; denn das Gymnasium wird derzeit in den meisten städtischen Ballungsgebieten von über 50 Prozent der Eltern angewählt. (Zum Lernen unter den Bedingungen von Heterogenität siehe von der Groeben/Thurn in diesem Heft; zur Entwicklung einer bildungswirksamen Lernkultur siehe Heymann in diesem Heft.)

Eine zweite gemeinsame Herausforderung ist die Entwicklung einer sekundarspezifischen Lernkultur, unter den Bedingungen der besonderen Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Eine Reflexion der psychischen und körperlichen Entwicklungen in diesen Altersphasen sollte ein bedeutsamer Faktor für die Gestaltung der Lernkultur aller Schulen der Sekundarstufen sein und als ein wesentlicher Bezugspunkt einer Pädagogik der Sekundarstufenschulen akzeptiert werden (siehe Eikenbusch in diesem Heft).

Eine dritte gemeinsame Herausforderung ist die Entwicklung einer sekundarstufenspezifischen Lernkultur unter den Bedingungen der Digitalisierung. Eine Aufgabe, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen eine hohe und gemeinsame Bedeutung für alle Schulen der Sekundarstufen hat; aber auch eine Aufgabe, die neben der Ausbildung einer grundlegenden Medienkompetenz vor allem eine Lernkultur braucht, wenn digitale Medien zu einem lernförderlichen Teil einer Pädagogik der Sekundarstufenschulen werden sollen (vgl. dazu Eickelmann in diesem Heft).

Eine vierte gemeinsame Herausforderung ist die Entwicklung einer sekundarstufenspezifischen Professionalität der dort handelnden Pädagoginnen und Pädagogen. Neue schulstrukturelle, jugendspezifische sowie gesellschaftliche Gegebenheiten, wie sie in den drei gemeinsamen Herausforderungen genannt wurden, erfordern die Entwicklung von Unterstützungs- und Weiterbildungsangeboten ebenso wie Veränderungen in der Lehrerbildung. Dies gilt insbesondere für die Arbeit in multiprofessionellen Teams, deren Selbstverständnis über die Verteilung von Aufgaben hinausgehen sollte (vgl. Terhart in diesem Heft).

Damit sind vier Handlungsfelder für alle Schulen der Sekundarstufen skizziert, für deren Bewältigung die Sekundarstufenpädagogik notwendige und hilfreiche Anregungen geben müsste. Profitieren sollten davon sowohl Schulen des herkömmlichen Weges als auch Schulen, die neue Wege zum Abitur erproben.

Sekundarstufenpädagogik – eine erste Annäherung

Sekundarstufenpädagogik, wie sie hier vorgeschlagen wird, sollte explizit als Ergänzung der bereits etablierten Primarstufenpädagogik und damit als eine weitere Teildisziplin der Schulpädagogik verstanden werden – wobei auf die wechselseitige Anschlussfähigkeit von Primar- und Sekundarstufenpädagogik sorgsam zu achten ist. Dann kann eine Sekundarstufenpädagogik einen Rahmen bieten für eine systematische und an den Herausforderungen der Praxis orientierte Reflexion des Zusammenhangs von jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben, sekundarstufenspezifischen pädagogischen Handlungsmöglichkeiten, einer angemessenen Weiterentwicklung der Schulstruktur sowie eine auf diese Fragen bezogene Forschung und Theoriebildung.

Einen der seltenen Hinweise auf die Relevanz einer Sekundarstufenpädagogik findet sich bei Albrecht Wacker in dem gerade erschienenen Handbuch der Schulpädagogik (Wacker in Harring u. a. 2018), in dem er in seinem Beitrag zur Sekundarstufe I anmerkt, dass »eine Pädagogik der Sekundarstufe I weitgehend ein Desiderat darstellt« (ebd., S. 129). Im Handbuch selbst wird diese These dadurch bestätigt, dass in dem nahezu 1000-seitigen Werk die Begriffe Sekundarstufenpädagogik oder Pädagogik der Sekundarstufe(n) über den Beitrag von Wacker hinaus nicht zu finden sind.

Im Folgenden sollen zunächst Besonderheiten der Sekundarstufen thematisiert werden, die nur im internationalen Vergleich erkennbar werden.

Sekundarstufe I im gegliederten Bildungssystem

Die Existenz der Sekundarstufe I wird konstituiert durch eine Besonderheit: die Zäsur zwischen Primarstufe und Sekundarstufe I, die vor allem durch eine leistungsbezogene Aufteilung der Schülerinnen und Schüler geprägt ist. Die Bildungssysteme der Europäischen Länder haben in der Regel integrative Schulformen, in denen alle Schülerinnen und Schüler etwa bis zum Alter von 16 Jahren gemeinsam unterrichtet werden. So können sowohl die individuellen Bildungsgänge als auch die Möglichkeit unterschiedlicher Abschlüsse über die gesamte Pflichtschulzeit offengehalten werden. Solche eingliedrigen Systeme bis zum Ende der Pflichtschulzeit finden sich beispielsweise in Spanien, Finnland, Großbritannien u. v. a. m. (vgl. Wacker, S. 130). Alle skandinavischen Länder haben ihre Schulsysteme bereits in den 70er Jahren zu integrierten Systemen weiterentwickelt.

Vor diesem Hintergrund ist die Typik des deutschen Schulsystems und die daraus folgende Besonderheit der Sekundarstufen – insbesondere die Funktion der Sekundarstufe I klarer zu bestimmen. Die Pflichtschulzeit ist gestuft in eine Primarstufe für (fast) alle Kinder bis Klasse 4 bzw. 6, eine Sekundarstufe I mit den Klassenstufen 5 bzw. 7 bis 10 und der Sekundarstufe II mit den Klassenstufen 11 bis 12 bzw. 13.

Primar- und Sekundarstufenpädagogik sollten auf eine wechselseitige Anschlussfähigkeit achten.

Einer Klassifizierung der UNESCO folgend bezeichnete der Deutsche Bildungsrat in seinem Strukturplan von 1969 »den für alle Schüler gemeinsamen Teil des horizontal strukturierten Bildungswesens, der die Schuljahre 5 bzw. 7 bis 10 umfasst, als Sekundarstufe I« (Schaub/Zenke 2007, S. 597 zitiert nach Wacker, S. 129). Die Sekundarstufe I der alten Bundesrepublik war zu Beginn und über viele Jahre durch die Dreigliedrigkeit geprägt, wobei je eigene – allerdings unterschiedlich wertige – Abschlüsse erworben werden konnten. Die Struktur dieses horizontal gegliederten Systems – so Tillmann in seinem Beitrag – ist »gesellschaftlich umkämpft, weil damit Bildungs- und Lebenschancen verteilt werden. Gesellschaftliche Führungsschichten haben ein Interesse daran, für die eigenen Kinder hohe Bildungspatente zu sichern. Die wenig privilegierte Bevölkerung hat ein Interesse daran, den eigenen Kindern zusätzliche Bildungsmöglichkeiten und damit bessere soziale Chancen zu eröffnen. Dieser Hintergrund unterschiedlicher Interessen befeuert die bildungspolitische Auseinandersetzung über Schul­strukturen …«. Geht eine Sekundarstufenpädagogik von dem Grundverständnis einer inklusiven Schule aus, die gleiche Chancen unabhängig vom sozialen Hintergrund als Perspektive hat, dann wird der oben genannte Interessenwiderspruch ein internes Spannungsverhältnis der Sekundarstufe bleiben, solange es Strukturen gibt, die diesem Anspruch entgegenstehen. Wie sich eine Entwicklung, in der »kaum noch Schularten aufzufinden sind, die schulartspezifisch nur auf einen Schulabschluss bezogen sind« (Wacker, S. 131), auf diesen Interessenwiderspruch auswirkt, dies zu beobachten wird Aufgabe der Sekundarstufenpädagogik sein (auch dazu Tillmann in diesem Heft).

Zweigliedrigkeit als aktuelles Strukturmoment

Weil der Begriff der Zweigliedrigkeit für die Begründung der Sekundarstufenpädagogik eine wichtige Rolle spielt, soll er hier als eins der wesentlichen Momente der derzeitigen strukturellen Entwicklung kurz bestimmt werden: mit seinen Begriffen, Motiven, Varianten und seinen quantitativen Auswirkungen (ausführlicher dazu Tillmann; Wacker 2018, S. 134 f. und Nikolai 2018, S. 96 ff.).

Definition

Als zweigliedrig werden Schulsysteme bezeichnet, die neben dem Gymnasium eine zweite Schulart anbieten; diese zweite Schulart kann durch eine weitere integrierte Schulart (wie beispielsweise die Gemeinschaftsschule in Berlin) ergänzt werden. In der Bundesrepublik bestimmt die Zweigliedrigkeit – wie bereits erwähnt – die Schulstruktur in 11 von 16 Bundesländern.

Motive

Zunächst gab es nach der Vereinigung in den neuen Bundesländern aufgrund der Schulstruktur in der vormaligen DDR erhebliche Vorbehalte gegen das gegliederte System der westlichen Bundesländer, vor allem gegen die Hauptschule. Gleichzeitig aber gab es ein Interesse an der Einführung des Gymnasiums. Dem folgte die Einführung eines zweigliedrigen Systems mit Gymnasium und einer Schulform, in der Haupt- und Realschulen zusammengefasst wurden, wobei die zweite Schulform nur bis zur 10. Klasse führte.

In den westdeutschen Ländern waren es insbesondere Schwierigkeiten der Aufrechterhaltung eines wohnortnahen und gleichzeitig gegliederten Schulangebots im ländlichen Bereich sowie ein deutlicher Einbruch der Anmeldungen in den Hauptschulen der meisten Bundesländer, die das Interesse an einer zweiten Schulform neben dem Gymnasium aufkommen ließen.

Und schließlich führte auch die Veröffentlichung der PISA-2000-Studie bundesweit zu einer Wiederbelebung der Schulstrukturdiskussion. Das Konzept eines nach der 4. Klasse selektierenden gegliederten Systems stellte sich im internationalen Vergleich als wenig erfolgreich dar. Deshalb wurde der Zusammenhang zwischen früher Selektion und Bildungsgerechtigkeit erneut zur Diskussion gestellt.

Varianten

Die oben genannte Definition verweist auf Varianten der Zweigliedrigkeit. Tillmann bezeichnet diese in seinem Beitrag als »Zweigliedrigkeit pur« und »Zweigliedrigkeit erweitert« (vgl. die Tabelle auf S. 13). Die reine Zweigliedrigkeit sieht neben dem Gymnasium eine zweite Schulart vor, die die ehemaligen Haupt- und Realschulen ersetzt und gleichzeitig eine eigene Oberstufe bzw. einen eigenen Zugang zum Abitur anbietet; diese reine Zweigliedrigkeit findet sich in fünf Bundesländern. Die erweiterte Zweigliedrigkeit sieht neben dem Gymnasium zwei weitere Schularten vor: Eine, die die Haupt- und Realschulen ersetzt, einen Übergang in die Sekundarstufe II aber nur durch den Wechsel in ein Gymnasium eröffnet, sowie eine zweite integrierte Schulform von Klasse 5 bis 13; diese erweiterte Form findet sich in sechs Bundesländern. Varianten der Zweigliedrigkeit, die keinen eigenen Weg zum Abitur anbieten, unterliegen der Gefahr der Abwertung gegenüber dem gymnasialen Weg. Deshalb wurde für diese Systeme der Begriff der hierarchischen Zweigliedrigkeit geprägt (vgl. Edelstein/Nikolai 2013).

Zahlen

Bezogen auf die Schülerzahlen aller Bundesländer bedeutet Zweigliedrigkeit nach Berechnungen von Wacker (Stand 2016/17), dass inzwischen etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in zweigliedrigen Schulsystemen beschult wird (ebd., S. 134). In den Bundesländern, in denen die Zweigliedrigkeit umgesetzt wurde, liegt dieser Anteil zwangsläufig deutlich höher. In Bremen beispielsweise besuchen 74 Prozent der Altersgruppe die Oberschule – also die zweite Schulart neben dem Gymnasium (vgl. Tillmann in diesem Heft).

Konsequenzen der neuen Schulstruktur

Die Entwicklung der Zweigliedrigkeit zeigt, dass es sich hier derzeit um einen stabilen, nicht umkehrbaren Trend handelt, da das längere gemeinsame Lernen sowohl dem Interesse an einer wohnortnahen Schulorganisation in den ländlichen Bereichen als auch, bei Formen der Zweigliedrigkeit mit Abituroption, dem Interesse an einer Vermeidung der frühen Selektion entgegenkommt. Damit kann zugleich ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit geleistet werden, wie die Befunde der Gemeinschaftsschulen in Berlin zeigen (vgl. Bastian u. a. 2016).

Die Beschreibung der Varianten der Zweigliedrigkeit weist unter anderem auf die Gefahr einer hierarchischen Zweigliedrigkeit hin. Eine Funktion der Sekundarstufenpädagogik wäre also, die Entwicklung der Zweigliedrigkeit in der Sekundarstufe I genau zu beobachten, um forschungsbasierte Anregungen für den Umgang damit geben zu können. Zentrale Kriterien dafür könnten Antworten auf die Frage sein, welche Struktur den besten Beitrag zur individuellen Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler und damit einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leistet. Die Akzeptanz von integrierten Systemen neben dem Gymnasium ist schon jetzt hoch (vgl. Bohl u. a. 2018). Es gibt darüber hinaus Hinweise, dass sogenannten »Langformen«, die einen durchgehenden Bildungsgang von Klasse 1 bis Klasse 13 ermöglichen und gleichzeitig einen Wechsel nach Klasse 4 auf ein Gymnasium nicht ausschließen, als besonders attraktiv gelten. Eine Variante also, wie sie die Gemeinschaftsschulen in Berlin seit 2008 (vgl. Bastian u. a. 2016), aber auch reformorientierte Gesamtschulen – wie beispielsweise die Max-Brauer-Schule in Hamburg – bereits seit den 90er Jahren mit Erfolg praktizieren.

Es gibt derzeit kaum noch Schularten, die schulartspezifisch nur auf einen Schulabschluss bezogen sind.

Fragen der strukturellen und der pädagogischen Gestalt der Sekundarstufenschulen sollten in einem Diskurs bearbeitet werden, in die pragmatische Überlegungen einer wohnortnahem Schulversorgung, Erfahrungen mit dem Schulwahlverhalten der Eltern und forschungsbasierte Erkenntnisse zum Lernerfolg und zur Bildungsgerechtigkeit von Bildungsgängen der Schülerinnen und Schüler einfließen. Dabei lassen alle Erfahrungen mit der Entwicklung von strukturellen Veränderungen erkennen, dass keine Struktur alleine von der Überzeugungskraft der äußeren Form lebt – Bezugspunkt dessen, was eine Schulform, vor allem aber die einzelne Schule ausmacht, ist die Anschlussfähigkeit an die Interessen der Eltern und damit stark verbunden die Überzeugungskraft der Lernkultur und die darauf basierende Wirksamkeit des Unterrichts.

Sekundarstufe II

Spezifizierungen eines oberstufenspezifischen Anteils einer Sekundarstufenpädagogik müssen hier eine Leerstelle bleiben. Stattdessen drei Hinweise:

  • Strukturelle Fragen – wie sie in der Sekundarstufe I noch immer mitgedacht werden müssen – sind in der Sekundarstufe II des allgemeinbildenden Schulwesens weniger bedeutsam. Stattdessen gilt es hier, die Anforderungen von gemeinsamen fachlichen Standards sowie die Möglichkeit von altersgemäßen individuellen Schwerpunktsetzungen sowie individuelle Bildungsgänge in eine Balance zu bringen.
  • Die Bildungsziele der Sekundarstufe II müssen anhand der Trias von Wissenschaftspropädeutik, vertiefter Allgemeinbildung und Studierfähigkeit (KMK 1995) ausdifferenziert werden. Interessant wäre hier ein Bezug auf Innovationen und Schulversuche, die Möglichkeiten einer Anschlussfähigkeit nach zwei Seiten erprobt haben: an die Lernkultur der Sekundarstufe I sowie an die Herausforderungen der nachfolgenden Bildungsgänge. Bosse (2018) führt hier drei Modelle an: Das »Seminarfach als besondere Lernleistung«, das forschendes Lernen mit Lebensbezug ermöglicht, an Wissenschaft ausgerichtet ist und das Verfolgen individueller Interessen ermöglicht; die »Profiloberstufe«, bei der fächerübergreifendes und projektorientiertes Arbeiten im Zentrum steht, sowie »das Abitur im eigenen Takt«, das bessere Rahmenbedingungen einer inklusiven Bildung in der Sekundarstufe II in den Blick nimmt (ebd., S. 143 f.).
  • Die Beiträge des vorliegenden Heftes (ausgenommen Tillmann) beziehen sich auf beide Stufen.

Bezugspunkte und Perspektiven

Dieser Schwerpunkt versteht sich als Ansatz einer zu entwickelnden Sekundarstufenpädagogik. Dafür haben wir Expertinnen und Experten gebeten, wesentliche Aspekte einer gemeinsamen Grundlage pädagogischen Handelns in den Sekundarstufen anhand thematischer Kernbereiche zu entfalten.

Was die PÄDAGOGIK in der Regel in einer siebenteiligen Serie in Folge thematisiert, wird hier im Rahmen eines Themenschwerpunkts kompakt entfaltet. Dabei geht es um grundlegende Informationen zu den folgenden Arbeitsfeldern:

  • Klaus-Jürgen Tillmann zur strukturellen Entwicklung der Sekundarstufe I vor dem Hintergrund differenzierter Lernmilieus,
  • Ewald Terhart zum professionellen Handeln von Lehrkräften im Kontext von multiprofessionellen Teams und heterogenitätssensiblen Lernarrangements,
  • Gerhard Eikenbusch zu Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie deren Bezug zu einer altersangemessenen Schul- und Lernkultur,
  • Hans Werner Heymann zur Entwicklung einer Didaktik der Sekundarstufen als Grundlage eines wirksamen Lehrens und Lernen in Sekundarstufenschulen,
  • Annemarie von der Groeben und Susanne Thurn zur Entwicklung von heterogenitätssensiblen Lernarrangements sowie einem entsprechenden inklusiven Lernverständnis,
  • Birgit Eickelmann zur Entwicklung von mediengestützten Lernarrangements und eines entsprechenden selbstbestimmten Umgangs mit neuen Technologien.

Damit liegen Ansätze zur Gestaltung einer sekundarstufenspezifischen Lernkultur vor, die sich einem integrierten Bildungsgang von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuwendet, der in Phasen gegliedert ist und gleichzeitig als Langform verstanden wird, bei dem die Abschlüsse so lange wie möglich offengehalten werden.

Herausforderungen, denen sich die PÄDAGOGIK schon seit vierzig Jahren zuwendet – von der Wiederentdeckung schulstufen- und schulform­unabhängiger Formen des Lernens in den 80er Jahren – beispielsweise des Projektunterrichts – bis hin zur Initiierung und Mitgestaltung des Heterogenitätsdiskurses einschließlich der Herausforderungen einer inklusiven Schule (vgl. Bastian 2018).

Ein Angebot, das zum Ende meiner Arbeit als Leiter dieser Redaktion Vergewisserung ermöglichen und als Anregung zu neuen Perspektiven verstanden werden kann.

Literatur

Die Beiträge zum Themenschwerpunkt Sekundarstufenpädagogik von Eickelmann, B., Eikenbusch, G., von der Groeben, A./Thurn, S., Heymann, H. W., Terhart, E., Tillmann, K. J., in: PÄDAGOGIK H. 3/2019, S. 10 –37
Bastian, J. (2018): 70 Jahre Pädagogische Beiträge/PÄDAGOGIK. Biographie einer schulpädagogischen Fachzeitschrift – Teil II: 1990 bis 2018. In: PÄDAGOGIK H. 12/2018, S. 36 f.
Bastian, J./Brümmer, F./Herrmann, J./Killus, D./Nikolova, R./ Vieluf, U. (2016): Wissenschaftliche Begleitung der Pilotphase Gemeinschaftsschule Berlin, Abschlussbericht hg. von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Berlin
Bastian, J. (2007): Einführung in die Unterrichtsentwicklung. Weinheim und Basel
Bohl, T./Rohlfs, C./Wacker, A. (2018): Gemeinschaftsschulen. In: Harring, M./Rohlfs, C./Gläser-Zikuda, M. (Hg.): Handbuch Schulpädagogik. Münster/New York, S. 164 ff.
Edelstein, B./Nikolai, R. (2013): Strukturwandel im Sekundarbereich. Determinanten schulpolitischer Reformprozesse in Sachsen und Hamburg. In: ZfPäd 4/2013, S. 482 – 495
Harring, M./Rohlfs, C./Gläser-Zikuda, M. (2018) (Hg.): Handbuch Schulpädagogik. Münster/New York
KMK = Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland. (1995): Weiterentwicklung der Prinzipien der gymnasialen Oberstufe und des Abiturs. Abschlussbericht der von der Kultusministerkonferenz eingesetzten Expertenkommission. Bonn
Nikolai, R. (2018): Zweigliedriges Schulsystem. In: Harring, M./Rohlfs, C./Gläser-Zikuda, M. (Hg.): Handbuch Schulpädagogik. Münster/New York, S. 96 ff.
Schaub, H./Zenke, G. (2007): Wörterbuch Pädagogik. München
Wacker, A. (2018): Sekundarstufe I. In: Harring, M./Rohlfs, C./Gläser-Zikuda, M. (Hg.): Handbuch Schulpädagogik. Münster/New York, S. 118 ff. Vortext

Dr. Johannes Bastian ist Professor (i. R.) für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg und bis Ende März 2019 gemeinsam mit Katrin Wolter für die Redaktion der PÄDAGOGK verantwortlich.
Adresse: Heinrich-Barth-Str. 8, 20146 Hamburg
E-Mail: bastian@uni-hamburg.de

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Überschrift

Thüringen legt Mindestgrößen für Schulen fest

Das neue Schulgesetzentwurf in Thüringen sieht die Einführung von Mindestgrößen für Schulen vor. Geplant ist unter anderem, dass die Grundschulen des Bundeslandes mindestens 80 Schülerinnen und Schüler(inne)n haben müssen. Für Regelschulen liegt die Mindestgröße bei 240 Schüler (inne)n und für Gymnasien bei 540 Schülerinnen und Schülern. Gemeinschaftsschulen müssen für die Klassen 5 bis 10 mindestens 240 Schüler haben, Gesamtschulen 400. Zugleich sieht der Gesetzentwurf auch zahlreiche Ausnahmeregelungen und eine längere Übergangszeit vor. Bei der Vorstellung des Gesetzentwurfs erneuerte Bildungsminister Helmut Holter (Linke) sein Versprechen, dass keine Schulen geschlossen würden.

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Studierenden-Rekord an den Hochschulen

Noch nie waren so viele Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben wie im vergangenen Wintersemester. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag die Zahl bei 2 867 500 Studentinnen und Studenten. Das sind 0,8 Prozent oder 22 600 mehr als im Wintersemester 2017/18. Allerdings ist die Zahl der Studienanfänger im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent auf 508 800 leicht gesunken.

Angesichts der seit Jahren steigenden Studentenzahlen bezeichnete der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, die Konzeption des Hochschulpaktes als zeitlich begrenztes Sonderlastprogramm als »endgültig überholt«. Er forderte eine langfristige Planungssicherheit für die Hochschulen und eine bessere Ausstattung, um das Zahlenverhältnis zwischen Hochschullehrern und Studenten zu verbessern.

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Schule oder Ausbildung?

Das Ergebnis dieser Wahl beeinflusst die Persönlichkeit

Ob Jugendliche nach dem Besuch der zehnten Klasse weiterhin zur Schule gehen oder sich für eine Ausbildung und damit den Eintritt in das Berufsleben entscheiden, wirkt sich langfristig auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit aus. Eine Studie des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen zeigt, dass Jugendliche, die sich für das Arbeitsleben entschieden hatten, zwar gewissenhafter wurden, ihr Interesse an forschenden, unternehmerischen und sozialen Tätigkeiten jedoch abnahm, verglichen mit Gleichaltrigen, die bis zum Abitur die Schule besuchten.

Dass die Entscheidung, welchen Weg wir wählen, von unserer Persönlichkeit abhängig ist, war seit langem bekannt. Dass aber auch umgekehrt der von uns gewählte Weg beeinflusst, wie sich unser Denken, Fühlen und Verhalten, also unsere »Persönlichkeit«, verändert, ist eine neue Erkenntnis. Sie beruht auf komplexen Datenanalysen, bei denen die Tübinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Hilfe von statistischen Verfahren in den Ausgangsvoraussetzungen vergleichbare Gruppen hergestellt haben. Auf dieser Grundlage wurden die Jugendlichen zunächst zum Zeitpunkt der Entscheidung für eine weiterführende Schule oder berufliche Ausbildung und dann sechs Jahre später befragt. Knapp 2 100 Schülerinnen und Schüler aus 46 Realschulen und Gymnasien nahmen zum ersten Zeitpunkt an der Umfrage teil, bei der zweiten Befragung nach sechs Jahren waren es noch 508 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 224 von ihnen entschieden sich dafür, die Schule bis zum Abitur zu besuchen, 284 für eine berufliche Ausbildung. 

Es zeigte sich zum einen, dass die Entscheidung für Schule oder Beruf abhängig war von der Schulleistung, dem schulischen Selbstkonzept und dem familiären Hintergrund. Hatten die Eltern selbst einen niedrigeren Bildungsabschluss, waren die Schulleistungen schlechter und war das Vertrauen in die eigenen schulischen Fähigkeiten geringer, wurde eher der berufliche Weg eingeschlagen.

Zum anderen zeigte sich, dass die beiden verschiedenen Lebenswege einen substanziellen Einfluss auf die Persönlichkeit hatten. Die Jugendlichen, die sich für den Eintritt in das Berufsleben entschieden hatten, wurden gewissenhafter: Die sogenannten Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin waren nach sechs Jahren ausgeprägter als bei denjenigen, die weiterhin zur Schule gingen. Der Grund dafür könnte sein, dass Auszubildende eine Umwelt erleben, in denen es klar definierte Anforderungen und strengere Verhaltensregeln als in der Schule gibt und die Zuverlässigkeit einzelner Personen für das gesamte Team wichtig ist. Hinsichtlich anderer Persönlichkeitsmerkmale wie emotionale Stabilität, Verträglichkeit oder Offenheit konnten keine Unterschiede festgestellt werden. 

Dafür interessierten sich die Jugendlichen, die sich für eine Ausbildung entschieden hatten, nach sechs Jahren weniger für forschende Tätigkeiten, zum Beispiel in einem Labor zu arbeiten oder Sachverhalte zu beobachten und zu analysieren. Auch zeigten sie weniger Interesse an sozialen Tätigkeiten, wie sich um andere Menschen zu kümmern oder sie zu unterrichten und sie waren weniger an unternehmerischen Tätigkeiten interessiert, die man Geschäftsführern oder Managern zuschreibt, wie beispielsweise ein Team zu führen oder mit anderen zu verhandeln. Diese Entwicklung dürfte in vielen Fällen nicht im Interesse der jeweiligen Arbeitgeber liegen.

Studienleiter Ulrich Trautwein zufolge zeigen die Befunde erneut »die Bedeutung der Lernumgebung auf die Entwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen auf – auch jenseits der erworbenen Fähigkeiten.«

Die Studie ist im Journal Psychological Science veröffentlicht worden (doi:10.1177/0956797618806298).

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Stress im Studium

Jeder vierte Student fühlt sich stark unter Druck

Einer vor kurzem erschienenen Studie zufolge fühlt sich jeder vierte Student in Deutschland stark gestresst, und der Anteil derjenigen, die von Erschöpfung berichten, ist fast gleich hoch. Insbesondere bei Studentinnen ist demnach die psychische hoch: Jede Fünfte von ihnen habe Symptome einer generalisierten Angststörung aufgewiesen – die Frauen berichteten von häufiger Nervosität, Ängstlichkeit oder Anspannung sowie einem Mangel an Kontrolle über die eigenen Sorgen. Jede sechste Studentin zeigte sogar Anzeichen eines depressiven Syndroms, habe sich also oft niedergeschlagen, schwermütig oder hoffnungslos gefühlt und Interesse und Freude verloren. Nach Ansicht eines der Studienleiter, Burkhard Gusy, kommen Orientierungslosigkeit und Überforderung durch den Beginn eines neuen Lebensabschnitts als mögliche Ursachen in Frage, aber auch Prüfungsdruck und Zukunftsängste.

Für die Studie, die gemeinsam vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), der FU Berlin und der Techniker Krankenkasse (TK) durchgeführt worden ist, waren im Sommer 2017 knapp 6 200 Studenten online zu ihrer Gesundheit und ihrem Gesundheitsverhalten befragt worden.

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Betreuungsquote bei Kleinkindern steigt an

Immer mehr Eltern schicken ihre Kleinkinder in eine Kita. Zum Stichtag 1. März 2018 besuchten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 789 600 Kinder unter drei Jahren eine Tageseinrichtung. Im Vergleich zum Jahr 2017 war dies eine Zunahme um rund 27 200. Die Betreuungsquote stieg damit von 33,1 Prozent auf 33,6 Prozent.

Weiterhin gibt es große Unterschiede zwischen den Regionen: In den westlichen Bundesländern lag die Betreuungsquote bei 29,4 Prozent und damit deutlich unter der Quote in Ostdeutschland (51,5 Prozent). An der Spitze steht Sachsen-Anhalt mit einem Anteil der Kita-Kinder von 57,1 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Schlusslichtern Bayern und NRW liegen die Quoten bei 27,5 Prozent bzw. 27,2 Prozent. Hohe Werte verzeichnen auch die Stadtstaaten Hamburg (44 Prozent) und Berlin (43,9 Prozent). Das westdeutsche Flächenland mit der höchsten Betreuungsquote ist Schleswig-Holstein mit 33,7 Prozent.

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Studienanfänger überfordert?

Die Zahl der Studiengänge in Deutschland hat sich in den letzten Jahren erheblich vergrößert. Damit stehen Abiturientinnen und Abiturienten heute vor einem riesigen Fächerangebot, das sie nach Beobachtung von Experten zunehmend überfordert. Inzwischen gibt es nach Auskunft der Leiterin des Präsidialbereichs der Universität Hamburg, Ariane Neumann, fast 20 000 verschiedene Studiengänge an den deutschen Unis und Hochschulen. Das breite Angebot sei ihrer Auffassung nach kaum durchschaubar und fachlich nicht immer sinnvoll.

Aber auch für Absolventen kann die zunehmende Spezialisierung zum Problem werden, denn sie finden möglicherweise schwerer einen Job, wenn sie in einem kleinen und unbekannten Studiengang abgeschlossen haben. Auch die Suche nach einem Job ist mit einem Spezialabschluss nicht immer einfach. Auch aus diesem Grund hat der Wissenschaftsrat, ein Beratungsgremium der deutschen Hochschulen, inzwischen die kritische Durchsicht der hohen Zahl an Studiengängen empfohlen.

Neumann kritisiert, dass die Vielzahl der Angebote vor allem bei den Bachelor-Studiengängen kaum nachvollziehbar sein, denn ein Grundstudium müsse vor allem breites Basiswissen und keine Spezialisierungen vermitteln.

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NRW führt das Fach Wirtschaft ein

Die nordrhein-westfälische Landesregierung will das Fach Wirtschaft in den Stundentafel aller weiterführenden Schulen verankern. Bereits zum kommenden Schuljahr 2019/20 wird nach Angaben von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) an den Gymnasien im Zuge der Rück-Umstellung auf G9 ein neues Fach Wirtschaft-Politik eingeführt. An Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen soll das Fach dann ein Jahr später eingeführt oder gestärkt werden.

Die Ministerin begründet dieses neue Angebot für die Schülerinnen und Schüler damit, dass diese »bestmöglich auf ihre Zukunft und den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet» werden sollen. Hierzu seien Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge unverzichtbar. Die schwarz-gelbe Landesregierung setzt mit dieser Maßnahme ein Projekt aus dem Koalitionsvertrag um.

Die neue Stundentafel für Gymnasien sieht in der Sekundarstufe I mehr Wochenstunden in der Fächergruppe Erdkunde, Geschichte und Wirtschaft-Politik vor. An Realschulen wird der Stundenumfang ebenfalls erhöht; hier soll das neue Fach Wirtschaft zu Geschichte, Erdkunde und Politik dazukommen. An den Hauptschulen soll der Bereich Arbeitslehre mit den Fächern Wirtschaft, Technik und Hauswirtschaft zum neuen Lernbereich Wirtschaft und Arbeitswelt weiterentwickelt werden.

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MINT-Berufe: Fachkräfte-Lücke wächst

Der schon seit längerem bestehende Mangel an naturwissenschaftlich-technischen Fachkräften in der deutschen Wirtschaft nimmt weiter zu. Nach einer Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) fehlten den Unternehmen im Oktober 2018 rund 337 900 Arbeitskräfte in den Feldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Dies ist nach Angaben des Instituts ein neuer Rekord; die Zahl sei im Vergleich zum selben Monat im Vorjahr um fast sechs Prozent gestiegen.

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  Studie: Migranten immer besser integriert Eine Untersuchung des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung kommt zu dem Ergebnis, dass die Menschen mit ausländischen Wurzeln heute in der Summe besser integriert sind als vor zehn Jahren. Der Anteil derjenigen, die sich anpassen und am Leben der eingesessenen Bevölkerung teilhaben wollen, wachse kontinuierlich. Zugleich aber sei es den Migranten wichtig, die eigenen kulturellen Wurzeln zu behalten. Nach Ansicht der Autoren betrachte sich die große Mehrheit als völlig selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Im Rahmen der Studie waren rund 2 000 Migranten aus verschiedenen Gruppen befragt worden – vom »Gastarbeiter«-Kind bis zum Flüchtling. Der Blick in die Details zeigt aber: Bestimmte Gruppen haben resigniert und koppeln sich ab.

Wie bei der eingesessenen Bevölkerung fallen auch bei den rund 19 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln die Lebenswelten immer stärker auseinander. Die Autoren der Studie zählen insgesamt zehn Milieus auf, die in unterschiedlichem Grad integriert sind, darunter Nachkommen der einstigen »Gastarbeiter« und Religiös-Verwurzelte, aber auch eine bürgerliche Mitte und die Szene der kosmopolitischen Intellektuellen. Rund 80 Prozent der Befragten vertreten die Auffassung, dass Migranten sich der übrigen Bevölkerung anpassen sollten. Zugleich aber forderten sie, dass die Deutschen sie an ihrem Leben vollständig teilhaben lassen. Die Bräuche des Herkunftslandes – von Musik über Speisen und Getränke bis zur Kultur – bleiben für mehr als 70 Prozent aber weiterhin wichtig. Ähnlich viele sind »stolz auf ihr Herkunftsland«. Die eigenen kulturellen Wurzeln bewahren, das ist neun von zehn Migranten wichtig. Angesichts dieser doppelten Bindung sprechen die Autoren der Studie von »hy­briden Identitäten«.

Nur eine kleine Minderheit der Menschen mit ausländischen Wurzeln zieht sich der Studie zufolge in eine kulturelle Nische zurück. Für diese Gruppe gilt, dass die traditionellen und prekären Milieus sich ihrer Herkunftskultur insgesamt deutlich stärker zugehörig fühlen als noch vor zehn Jahren. Die deutsche Kultur sei ihnen fremd. Westliche Werte wie die Gleichberechtigung von Frau und Mann würden von dieser Gruppe klar abgelehnt. Insgesamt veranschlagen die Forscher die Größe dieser Gruppe mit etwa 900 000 Migranten. Ihre Probleme würden jedoch in der deutschen Öffentlichkeit oft auf die gesamte, viel größere Gruppe der Menschen mit ausländischen Wurzeln projiziert. Hier werde leicht übersehen, dass die ganz überwiegende Mehrheit sehr gut in den Alltag inte­griert sei. Dies gelinge übrigens in kleineren Orten oft besser als in den großen Städten, weil es mehr Kontakt zwischen den Milieus gebe.

Die Autoren der Studie betonten, dass die Beherrschung der deutschen Sprache der entscheidende Schlüssel für die Integration sei. Unter den beruflich Erfolgreichen und im Milieu der Angepasst-Pragmatischen versuchen 80 Prozent, nur deutsch zu sprechen. Bei denen in prekären Verhältnissen liege dieser Anteil lediglich bei 44 Prozent, bei den Religiös-Verwurzelten sind es nur 12 Prozent. Weil sie die deutsche Sprache kaum beherrschen, hat diese Gruppe kaum Kontakt zum Rest der Bevölkerung. Nicht immer ist diese Isolation allerdings selbst gewählt: Vor allem Nordafrikaner, Araber und Türken berichteten in der Befragung von Diskriminierung.

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Mehr Studiengänge ohne NC

Zum vergangenen Wintersemester ist der Anteil der zulassungsbeschränkten Studienangebote in Deutschland erneut leicht zurückgegangen. Nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) waren etwa 42,1 Prozent der weit über 10 000 grundständigen Studienangebote nicht frei zugänglich. Ein Jahr zuvor waren es noch 44,2 Prozent, im Wintersemester 2014/15 49,5 Prozent.

Der Statistik zufolge war der Anteil der Zulassungsbeschränkungen besonders hoch in Berlin (64,6 Prozent) und Bremen (62,0 Prozent). Demgegenüber sind die Hochschulen in Thüringen weiterhin besonders zugänglich für Studienanfänger. Dort sind acht von zehn Studienangeboten ohne Beschränkung zugänglich; in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind es jeweils circa sieben von zehn. Nach dem Beginn des Aufbaus von gestuften Studiengängen ändert sich deren Anteil an den Studienmöglichkeiten kaum noch: Er liegt bei fast 92 Prozent. Unter den restlichen Studiengängen sind nach Angaben der HRK überwiegend solche mit staatlichen oder kirchlichen Abschlüssen sowie exakt 346 Studienangebote mit traditionellem Abschluss (Diplom, Magister, künstlerischer Abschluss).

Insgesamt schreitet die Expansion der akademischen Ausbildung in Deutschland voran, denn die Zahl der Absolventinnen und Absolventen steigt kontinuierlich. Im Prüfungsjahr 2017 haben der Statistik zufolge mehr als 470 000 Studierende ihr Studium erfolgreich beendet. Das bedeutet einen eindrucksvollen Anstieg um rund 80 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Der Anteil derer, die mit Bachelor oder Master abschließen, liegt inzwischen bei 82,1 Prozent.

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Hamburg baut Vorbereitungsdienst aus

Um einem drohenden Lehrermangel entgegenzuwirken, will Hamburg will deutlich mehr Referendare ausbilden. Geplant ist eine Erhöhung der Plätze im Vorbereitungsdienst um rund 40 Prozent bis zum Jahr 2020. Nach Angabe von Schulsenator Ties Rabe (SPD) können dann jedes Jahr bis zu 810 statt bisher 570 Nachwuchslehrkräfte ihre Ausbildung abschließen. Dadurch entstünden im Vergleich zur aktuellen Situation Zusatzkosten von 3,5 bis 4,0 Millionen Euro pro Jahr.

Hamburg befindet sich derzeit noch in der im Vergleich zu anderen Bundesländern glücklichen Situation, dass es deutlich mehr Bewerber für den Vorbereitungsdienst gibt als Plätze. Nach Ansicht von Rabe liege dies an der Attraktivität der Stadt und der Qualität der Ausbildung. Zudem verbeamte Hamburg zügig, zahle gut und biete bessere Aufstiegschancen als andere Bundesländer. In dieser Situation wolle er nicht warten, bis das Problem eines Bewerbermangels auch in Hamburg ankomme.

Neben dem Ausbau der Ausbildung hat die Hamburger Landesregierung weitere Maßnahmen ergriffen, um einen künftigen Lehrermangel zu verhindern. So können seit 2018 einfacher als bisher pensionierte Lehrer über Stundenverträge in der Schule unterrichten. Referendare haben die Möglichkeit, ihr Stundenkontingent gegen Extra-Bezahlung aufzustocken. Rabe betonte aber auch, dass in Hamburg ein Quereinstieg – also ein Referendariat ohne Lehramtsstudium – auch weiterhin nur in Mangelfächern möglich sein soll.

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Niedersachsen: Stimmtraining für Lehrer

Das niedersächsische Kultusministerium startet eine Präventionskampagne, um die Lehrkräfte des Landes besser zu befähigen, mit den teilweise hohen Lärmpegeln in den Klassenzimmern umzugehen. Die Unruhe im Unterricht gehört zu den größten Belastungsfaktoren im Lehrberuf. Lehrerinnen und Lehrer müssen an einem Vormittag oft mehrere Stunden in Räumen mit bis zu 30 Schülern verbringen, und die Unterrichtsräume verfügen oft nur über eine schlechte Raumakustik. Unabhängige Institute haben eine Lärmbelastung von bis zu 75 Dezibel in Klassenräumen gemessen, das entspricht dem Verkehrslärm einer Schnellstraße. Um besser mit dieser Belastung umzugehen, können sich Lehrkräfte aller Schulformen künftig für ein kostenloses Stimmtraining anmelden. In diesem Zusammenhang appellierte die Bildungsgewerkschaft GEW an die Kommunen, beim Bau und bei der Sanierung von Schulen auch für einen zeitgemäßen Lärmschutz zu sorgen. So könnten zum Beispiel regelhaft Akustikdecken eingezogen werden, die den Lärm erheblich reduzieren würden. Die GEW sieht vor allem Sportlehrer als gefährdet an, einen Hörsturz zu erleiden, da die Situationen im Sportunterricht besonders belastend sei. Notwendig sind nach Auffassung der GEW zudem mehr Aus- und Fortbildungen auch für Quereinsteiger sowie Klassen mit weniger Schülern.

Wissenschaftler der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) haben festgestellt, dass etwa jede dritte Lehrkraft im Laufe ihres Lebens an einer Stimmstörung leide. Die Folgen können schwerwiegend sein und bis hin zur Arbeitsunfähigkeit reichen. In den geplanten Seminaren, die mit Unterstützung der HAWK entwickelt worden sind, können die niedersächsischen Lehrkräfte unter anderem lernen, wie sie ihre Stimme gezielt einsetzen und den Unterricht so organisieren können, dass die Lärmbelastung für alle Beteiligten reduziert wird. Wie aufmerksam die Schülerinnen und Schüler sind und wie gut sie den Stoff verstehen, hängt nach Einschätzung der Wissenschaftler nicht nur, aber auch vom Stimmklang des Lehrers ab.

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Gericht: Keine Rechtsgrundlage für Kopfnoten

Das Verwaltungsgericht Dresden hat in einem vor kurzem ergangenen Urteil festgestellt, dass es für Kopfnoten in Zeugnissen von Schülern, die sich um Ausbildungsplätze bewerben, keine ausreichende Rechtsgrundlage gibt. In ihrer Bewertung eines konkreten Falls kamen die Richterinnen und Richter zu der Auffassung, ein Schüler könne für die Bewerbung um eine Lehrstelle zu Recht ein Zeugnis der 9. Klasse ohne diese Bewertung verlangen (Az.: 5 K 1561/18). Dies nahm der sächsische Landesschülerrat zum Anlass, die Abschaffung der Kopfnoten insgesamt zu fordern. Nach Auffassung des Gerichts stellen Kopfnoten einen Eingriff in die Freiheit der Berufswahl eines Schülers dar, wenn sie in einem Dokument erscheinen, das auch für Lehrbetriebe oder spätere Arbeitgeber wichtig sei. Über solch wesentliche Eingriffe in Grundrechte müsse nach Ansicht der Richterinnen und Richter der Gesetzgeber entscheiden, im sächsischen Schulgesetz fehle jedoch eine Norm, die Kopfnoten ausdrücklich erwähnt.

In dem verhandelten Fall hatte ein Oberschüler auf Entfernung der Kopfnoten aus dem Zeugnis der 9. Klasse geklagt, mit dem er sich bei Unternehmen um eine Ausbildung nach dem Realschulabschluss bewerben will. Er erhält nun bis zur Entscheidung in der Hauptsache vorläufig ein Zeugnis der 9. Klasse ohne Kopfnoten, wie das Gericht mitteilte.

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Mehr Fachkräfte aus Nicht-EU-Ausland

Die Zuwanderung von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland ist in den letzten Jahren gewachsen, liegt jedoch insgesamt noch auf einem niedrigen Niveau. Einer vor kurzem veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge sind im Jahr 2017 fast 545 000 Menschen aus Staaten außerhalb der EU nach Deutschland gekommen, darunter auch rund 118 000 Geflüchtete. Von den 545 000 Zugewanderten erhielten rund 38 100 Personen – das sind etwa 7 Prozent – 2017 als Fachkräfte einen Aufenthaltstitel. 2015 hatte dieser Anteil bei nur drei Prozent gelegen. Ebenfalls im Jahr 2017 zogen mit 635 000 Personen deutlich mehr Menschen aus EU-Ländern nach Deutschland als früher. Davon seien rund 60 Prozent Fachkräfte, verfügten also über einen Hochschul- oder Berufsabschluss. Bei der Einwanderung aus EU-Ländern sind Rumänen, Polen, Bulgaren, Kroaten und Italiener stark vertreten. Bei den Drittstaaten waren Herkunftsländer der Fachkräfte vor allem Indien, Bosnien-Herzegowina, USA, Serbien und China.

Insgesamt kommen die Autorinnen und Autoren der Studie zu dem Schluss, dass sich seit 2017 eine Normalisierung bei der Migration gegenüber den Vorjahren abzeichnet, die vom Zuzug Geflüchteter geprägt waren. Der Anteil der Flüchtlinge an der gesamten Zuwanderung sei deutlich im Jahr 2017 auf rund 10 Prozent gesunken. Die Bundesregierung will mit einem Fachkräfte-Einwanderungsgesetz die Anwerbung von qualifizierten Erwerbstätigen aus EU-Ländern und Drittstaaten für offene Stellen in Deutschland erleichtern.

Die Studie »Fachkräftezuwanderung aus Drittstaaten nach Deutschland 2017« ist über die Website www.bertelsmann.de zu beziehen.

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Wegweiser im Dschungel der Fachliteratur

Jörg Schlömerkemper verabschiedet sich von den Leserinnen und Lesern der PÄDAGOGIK

Jörg Schlömerkemper ist Professor für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Goethe-Universität Frankfurt und seit 2008 im Ruhestand; seitdem ist er als Autor mit seinen »Empfehlungen« in jeder Ausgabe der PÄDAGOGIK präsent.

Seit 11 Jahren also erscheinen seine »Empfehlungen« von etwa zehn aktuellen Neuerscheinungen neben den ebenfalls monatlich erscheinenden Sammelrezensionen. Die Sammelrezensionen konzentrieren sich auf ein für Lehrerinnen und Lehrer bedeutsames schulpädagogisches Thema und besprechen dazu ausgewählte Publikationen.

Anders die »Empfehlungen«: Hier geht es nicht um die Vorstellung von Neuerscheinungen zu spezifischen Themenschwerpunkten, sondern um eine themenübergreifende Sichtung schulpädagogischer Neuerscheinungen unter der Frage, was für Lehrerinnen und Lehrer empfehlenswert sein könnte.

Mit den »Empfehlungen« hat sich Jörg Schlömerkemper jeden Monat mindestens zwei Herausforderungen gestellt:

Zum einen musste er sich in den schulpädagogischen Neuerscheinungen einen Überblick verschaffen. Eine nahezu unmögliche Aufgabe; denn: »Die Vielzahl an Publikationen in der Erziehungswissenschaft … ist selbst für Insider kaum noch überschaubar. Lehrerinnen und Lehrer wären mit einer solchen Aufgabe neben ihrer praktischen Tätigkeit erst recht überfordert, …«, so Schlömerkemper.

Zum anderen gleicht jede einzelne Empfehlung einem sprachlichen Kunstwerk. Dazu Schlömerkemper: »Mein Anspruch ist, jede Empfehlung in einen Satz zu fassen, mit möglichst vielen inhaltlichen Hinweisen auf historische, theoretische, bildungsreformerische oder schulpraktische Aspekte und in einem kurzen »Nachklapp« anzudeuten, wie ich die Bedeutung des jeweiligen Buches sehe.« Dabei hat es ihm immer wieder Freude bereitet, an diesem Satz so lange zu feilen, bis er trotz der Länge gut lesbar war und man sich das Buch in seinen wesentlichen Intentionen und Aussagen vorstellen konnte.

Insgesamt hat Jörg Schlömerkemper mit seinen Texten in 11 Jahren den Leserinnen und Lesern der PÄDAGOGIK ca. 1 240 profunde Empfehlungen gegeben.

In der Auswahl und in seinen Formulierungen wird erkennbar, dass er mit seinen Empfehlungen zur Reform-Entwicklung der Schule beitragen will. Hin und wieder schimmert dabei auch seine Neigung zu »antinomischem« Denken durch, wie er es in seinem Buch »Pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung. Begriffliche Klärungen und Entwürfe für Lernen und Lehren« (Beltz/Juventa 2017) ausführlich entwickelt hat. Da ein Rezensent sein eigenes Buch nicht empfehlen darf, hier eine Empfehlung des Laudators: Wer an einer Kurzrezension dieses Buches interessiert ist, der kann eine solche in 10 Thesen auf der Homepage: www.jschloe.de nachlesen. In These 7 heißt es, dass in antinomischer Sicht unproduktive Kontroversen z. B. über »Leistung«, »Selektion«, »Homogenität« oder »Heterogenität«, »soziale Selektivität«, »Kompetenzen« oder »Wissen«, »Individualität« oder »Sozialität« differenzierend diskutiert und kons­truktiv-produktiv überwunden werden können.

Jörg Schlömerkemper und die ihm eigene Art der Empfehlungen werden fehlen. Deshalb herzlichen Dank für die kundigen und überraschenden Führungen durch den Dschungel schulpädagogischer Neuerscheinungen. Johannes Bastian

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Bayern akademisiert die Hebammenausbildung

An drei bayerischen Hochschulen werden demnächst auch Hebammen ausgebildet. Dieser neue Bildungsgang wird an der Katholischen Stiftungshochschule für angewandte Wissenschaften in München, der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg und an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Landshut eingeführt. Durch eine Ausbildung an einer Hochschule will die bayrische Landesregierung den Beruf attraktiver machen und dazu beitragen, den Hebammenmangel in Bayern zu abzumildern. Dazu hat die Regierung ein 30 Millionen Euro umfassendes »Zukunftsprogramm Geburtshilfe« beschlossen, das auch die Kommunen bei der wohnortnahen Geburtshilfe unterstützen soll.

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Berlins Polizeischüler sollen Deutsch lernen

Das ist kein gutes Zeugnis für die Berliner Schulen: Die Polizeischülerinnen und -schüler in der Hauptstadt sollen künftig weniger Englisch- und dafür mehr Deutschunterricht erhalten. Nach Aussage der Leiterin der Polizeiakademie, Tanja Knapp, gebe es bei vielen Polizei-Azubis »grundsätzliche Schwierigkeiten im sprachlichen Bereich, bei Rechtschreibung, Zeichensetzung und beim schriftlichen Verfassen von Texten. An der Polizeiakademie werden fast 2 500 junge Nachwuchspolizisten von 230 Lehrkräften und Dozenten ausgebildet. Viele der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund; der Zugang zum Polizeidienst ist je nach Einstieg mit verschiedenen Schulabschlüssen möglich.

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Materialien

Salafismus online

Onlinepropaganda für den Dschihad, Jugendliche und junge Erwachsene, die sich dem sogenannten Islamischen Staat anschließen, Terroranschläge in Hamburg oder Berlin – der Salafismus ist eine Herausforderung für die demokratische Gesellschaft. Während dschihadistische Anschläge die Sicherheitsbehörden beschäftigen, stellen sich auch Fragen an Erziehung und Bildung. Denn salafistische Propaganda richtet sich nicht zuletzt über soziale Netzwerke im Internet an ein junges Publikum und führt nicht erst bei Gewaltbereitschaft zu Konflikten. Dort werden Jugendliche, die unabhängig von Herkunft und Religionszugehörigkeit auf der Suche nach Orientierung, Identität und Gemeinschaft sind, gezielt adressiert, um sie von den demokratiefeindlichen und menschenverachtenden Positionen des Salafismus zu überzeugen. Um hierzu aufzuklären, hat die Initiative Klicksafe vor kurzem die Broschüre »Salafismus online: Propagandastrategien erkennen – Manipulation entgehen« veröffentlicht. Sie soll Pädagoginnen und Pädagogen dabei unterstützen, das Thema Salafismus im Unterricht aufzugreifen und einen Beitrag zur Prävention religiös extremistischer Einstellungen und Haltungen zu leisten. Nach ersten pädagogischen Vorüberlegungen im Kapitel 1 finden sich im Kapitel 2 Hintergrundinformationen über Salafismus in Deutschland und zentrale Themen der Szene. In Kapitel 3 wird dargestellt, wie Jugendliche im Internet mit salafistischen Ansprachen in Kontakt kommen. Im Serviceteil sind Informationen über Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen, weitere Informationsstellen und hilfreiche Internetseiten aufgelistet. Die Broschüre ist zum kostenlosen Download auf der Seite www.klicksafe.de zu finden.

Informationen rund um die Berufswelt

Die Internetseite www.berufsreport.com bietet eine Fülle von aktuellen Informationen rund um die Berufswelt. So werden einzelne Ausbildungsberufe ausführlich vorgestellt, es finden sich Interviews mit Vertretern von interessanten Berufsfeldern und Berichte über aktuelle Themen wie z.B. die Auswirkung der Digitalisierung auf die verschiedenen Branchen, Probleme bei der Studienwahl oder die Rolle der Eltern bei der Berufswahl. Abgerundet wird die Seite durch Unternehmensporträts und einen kontinuierlich aktualisierten Veranstaltungskalender. Das umfassende Angebot macht die Seite lesenswert sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern. Am besten gleich bookmarken.

Materialien zum Globalen Lernen, Frieden und Menschenrechten

Auf der Internetseite https://bibliotheken.baobab.at/Medientipps hat die österreichische Initiative »Baobab – Globales Lernen« eine Fülle von Materialien rund um die Themen Globales Lernen, Politische Partizipation und Menschenrechte zusammengestellt. Dort gibt es u. a. auch die Zeitschrift »Globales Lernen« zum kostenlosen Download, in der die Initiative Medien aus der Baobab-Bib­liothek, Links und Workshopangebote zu je einem Thema des Globalen Lernens vorstellt und Filme für die Bildungsarbeit präsentiert, die bei der Initiative erworben werden können. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift finden sich Hinweise auf zahlreiche Materialien zum Thema Demokratie mit den Schwerpunkten Partizipation, Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft, Menschenrechte und Gefahren für Demokratie.

Fake News entlarven

Fake News sind ein Phänomen unserer Zeit und auch schon Gegenstand eines PÄDAGOGIK-Schwerpunktes (7 – 8/2018). Nicht nur in der Schule stellt sich die Frage, wie man mit ihnen umgehen und wie man sie entlarven kann. In dem vor kurzem veröffentlichten Buch »Fake News. Moderne Lügen entlarven und entspannt reagieren« bietet Thorben Prenzel eine leicht verständliche Schritt-für-Schritt Anleitung, wie man gekonnt die richtigen Argumente zur richtigen Zeit anbringt. Der Autor stellt dafür die Triple-A-Methode vor, eine einfach zu handhabende Handlungsanleitung für den Alltag. Abgerundet wird das Buch durch ausführliche Hintergrundinformationen zum Thema. Leicht verständlich erklärt der Autor, wie unser Gehirn funktioniert und warum letztlich jeder auf Fake News hereinfallen kann. Das Buch ist im Wochenschau-Verlag erschienen und kann zum Preis von 12,90 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-7344-0699-7).

Materialien zur Suchtprävention

  Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat zur Förderung der schulischen Suchtprävention weitere 80 Koffer mit Kompakt-Versionen des »KlarSicht«-MitmachParcours an die Landeskoordinationsstellen der Bundesländer verteilt. Der »KlarSicht«-Koffer wurde gemeinsam mit den Bundesländern für die Präventionsarbeit an Schulen entwickelt. Er beinhaltet verschiedene Mitmach-Stationen, bei denen sich Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahren zum Beispiel in Rollenspielen, einem Quiz und in Diskussionen zu den Themen Alkohol und Rauchen einbringen. Mit einer Rauschbrille, die Wahrnehmungsstörungen nach Alkoholkonsum simuliert, können sie versuchen, einen Hindernis-Parcours zu meistern. Fakten zu den gesundheitlichen Risiken und Wirkungen von Alkohol und Nikotin runden das Angebot des »KlarSicht«-Koffers ab. In einem beigefügten Praxisleitfaden wird das Konzept erläutert, so dass vorab speziell geschulte Präventionsfach- und Lehrkräfte sowie schulische Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter danach mit dem Koffer eigenständig arbeiten können. Weitere Informationen dazu sind unter www.klarsicht.bzga.de zu finden.

Deutschunterricht mit Berufsorientierung verknüpfen

Bei mangelnder Lebensweltorientierung im Deutschunterricht zweifeln Schüler schnell an der Brauchbarkeit des Lernstoffs für ihr weiteres Leben. Anstatt der Zusicherung, dass die Inhalte sehr wohl später benötigt werden, helfen hier konkrete Beispiele, damit die Schülerinnen und Schüler sich ernst genommen fühlen. In dem Buch »Deutsch 7/8 berufsbezogen« wird beispielhaft gezeigt, wie sich Themen und Aspekte der Berufsorientierung ganz leicht und ohne Aufwand in den Deutschunterricht integrieren lassen. Auf diese Weise lernen die Schülerinnen und Schüler eine breite Auswahl an Berufen kennen und erfahren, wofür sie ihr Schulwissen in der Zukunft anwenden können. Insgesamt werden 24 Berufe mit ihrem Bezug zum Fach Deutsch erläutert. Nach Auskunft der Autorin Verena Euler werden alle wichtigen Lehrplanthemen des Fachs Deutsch in den Klassen 7 und 8 durch die Aufgaben aus der Berufspraxis abgedeckt. Das 88-seitige Buch ist im Auer Verlag erschienen und kann zum Preis von 21,40 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-403-08044-2).

Dokumentarfilmreihe »Aus dem Kopf gefallen«

»Als Mensch mit einer Behinderung bist du anders, aber ich bin noch mal anders anders«, sagt Vivien. Sie ist 15 Jahre alt und hat FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder). Ihre leibliche Mutter hatte während der Schwangerschaft Alkohol getrunken, was eine häufige Ursache für angeborene Fehlbildungen, geistige Behinderungen, hirnorganische Beeinträchtigungen, Entwicklungsstörungen und extreme Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern ist. Viviens Alltag muss ihre Pflegemutter gestalten und begleiten. Auf Zetteln hat sie notiert, was zu tun ist: Zähneputzen, Abschminken, Bettmachen – alltägliche Sachen, die viele Menschen verinnerlicht haben. Viviens Problem ist, dass vielen ihre Einschränkungen nicht auffallen. Sie wirkt sehr angepasst, auch in der Schule kommt sie mit. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen mit FASD soziale Regeln schlecht einhalten können und auch leichter beeinflussbar sind. Vivien hat zudem ein hohes Aggressionspotenzial, wodurch sie starke Beruhigungsmittel nehmen muss. 

Die dokumentarische Filmreihe »Aus dem Kopf gefallen« über junge Menschen mit FASD porträtiert Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit FASD zwischen 8 und 36 Jahren in ihren (Pflege-)Familien. Der Fokus liegt auf dem Erleben der Betroffenen. Die Kamera begleitet die Jugendlichen in die Schule, in eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme und eine Behindertenwerkstatt. Gefragt werden die Menschen nach ihren Perspektiven und nach ihren beruflichen Träumen und Lebenszielen. Wie gestaltet sich das soziale Leben außerhalb der Familie und Institutionen in Beruf und Schule? Wie ist der Kontakt zu Freunden in einem von außen unterstützten Alltag? Wie ist der Umgang mit Sexualität und Partnerschaft? Geschildert wird das Spektrum FASD aus der Sicht der betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst. Im Zentrum stehen ihr Umgang mit ihren Beeinträchtigungen und ihr Erleben des Alltags. 

Die vom Medienprojekt Wuppertal produzierte Filmreihe ist auf DVD (für den Preis von 32,– Euro für die nicht-gewerbliche öffentliche Aufführung) und als Video on Demand per Streaming (für 9,– Euro) bzw. zum Download erhältlich. Weitere Informationen sind unter www.medienprojekt-wuppertal.de zu beziehen.

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Sven Pauling/Till-Sebastian Idel

Jahrgangsmischung in der Langform

Erfahrungen aus dem Schulversuch PRIMUS

Das altersgemischte Lernen ist in den letzten Jahren – auch in Schulen der Sekundarstufe I – ein beliebtes und erfolgreiches Element der pädagogischen Profilierung geworden. In den PRIMUS-Schulen in NRW ist dieses Prinzip Kern eines neuen Schultyps, der den Verbleib von Klasse 1 bis 10 ermöglicht, den belastenden Übergang von Klasse 4 nach 5 entdramatisiert, auf Noten bis Klasse 8 verzichtet und alle Abschlüsse anbietet. Der Beitrag berichtet von Potenzialen und Herausforderungen dieser Schulen des gemeinsamen Lernens.

Lehrerbelastung: Befunde – Ursachen – Folgen | 3. Folge Gerhard Eikenbusch

Sind Präsenzzeiten und Vierzig-Stunden-Woche besser?

Lehrerarbeitszeitregelungen in Schweden und ihre Wirkungen

Ein Teilthema der Diskussion über Lehrerbelastung ist die Frage nach Modellen zur Regelung der Arbeitszeit. Was Außenstehenden oft als Privileg gilt, ist für die Betroffenen selbst meist ein Belastungsfaktor: Die freie Einteilung der Arbeit außerhalb der Unterrichtsverpflichtung; denn es ist schwierig, für diese »entgrenzte Arbeitszeit« sinnvolle Strukturen zu schaffen. Eine Folge ist das Gefühl, nie fertig zu sein. Mit Blick auf die Lehrerarbeitszeitregelungen in Schweden haben wir in Folge 3 der Serie geprüft, welche Vorteile und Voraussetzungen eine räumliche und zeitliche Begrenzung der Arbeitszeit auf den Arbeitsort Schule haben kann.

Externe anonyme Zweitkorrekturen im Abitur?

Die Korrekturpraxis bei den schriftlichen Abiturprüfungen unterscheidet sich vor allem bei der Zweit- und der Drittkorrektur. Das aufwendige Korrekturverfahren mit anonymen Zweit- und Drittkorrekturen – wie es in Baden-Württemberg praktiziert wird – verspricht ein Höchstmaß an Gerechtigkeit und Objektivität und damit höchste Qualitätsstandards. Dagegen stehen Argumente, die in einem solchen Verfahren die Verbreitung einer Illusion von Objektivität, einen Mangel an Diskurs über Bewertungsmaßstäbe, die Beförderung von Angst und Misstrauen sowie einen unproduktiven Aufwand sehen.

Julia Schweitzer/Nicole Valdorf

Mit Störungen im Unterricht umgehen

Drei Aspekte strukturieren diese Rezension zum Umgang mit Unterrichtsstörungen: Es geht um Anregungen zur Prävention, zur Intervention und zur Beobachtung von Unterrichtssituationen und Schülerverhalten. Anregende Ressourcen bieten u. a. Befunde der Bildungsforschung zu hilfreichen Handlungsmustern, Strategien der Klassenführung, Hinweise zur Verbesserung von Lernsituationen und Beziehungsgestaltung sowie eine professionelle Wahrnehmung von Störungen im Unterricht.

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