Töne! Neue Töne!

2. Januar 2019

Manchmal wünschte ich mir über den Buchstaben Noten. Denn der Ton macht nicht nur die Musik. Der Ton offenbart auch den Sinn. Wenn eine Lehrerin zum Beispiel über die Kinder sagt, »die machen, was sie wollen«, liegt da in ihrer Stimme Angst vorm Chaos oder erklingt Freude, weil sie tatsächlich etwas wollen? Man hört es sofort. Aber Buchstaben allein erzählen es nicht. Und wie sähe erst eine Partitur mit Zwischentönen aus? Verwandlungen von Ängsten in Freude. Götterfunken?

Was meint ein Lehrer, wenn er sagt: »Auf euch haben wir gewartet«. Spricht da ein Misanthrop oder der Gastgeber? Man hört es, aber liest es nicht.

Noch ein Satz, je nach Betonung aus ganz verschiedenen Welten. »Was hast du für Fehler gemacht?«. Die Frage nach den Fehlern donnert aus Schulräumen und Schauprozessen. Selbst beim Abendbrot lauert sie, die Fehlerinquisition. Ganz anders klingt die Fehlerfrage bei der Mittagsmeditation im Management einer »learning organization«. Die gibt es ja. Wer da von keinen Fehlern berichten kann, gerät in den Verdacht, noch gar nichts gemacht zu haben. Und doch, Fehler bleiben Fehler. Aber keine Fehler zu machen, das wäre der größte Fehler.

Partituren

Und schließlich Bildung. Was für Partituren gibt es da? Dieses so schöne und variationsfähige Wort bleibt häufig stimmlos. Es gibt auch den Verzicht auf Töne. Zum Beispiel in automatischen Sätzen wie »Unsere Zukunft hängt an der Bildung.« Welche Zukunft denn? Welche Bildung? Oder ist vielleicht doch bloß lautloses Funktionieren gemeint? Man kann es schon an der Ankündigung hören.

Auch das hohe Lied von Bildung als Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung klingt häufig tönern. Es fehlt Resonanz, denn es gibt keine Selbstverwirklichung ohne Weltverwirklichung. Ohne dieses Dritte, die Welt, gerät die Performance in die Nähe der Pfeiftonrückkopplung. Zu der kommt es, wenn das ­Mikro zu nahe am Lautsprecher steht. Erst wenn die Welt, die wir bilden wollen, und Menschen, die sich gegenseitig bilden, in der gleichen Arena auftreten, kommt Musik auf. Die Frage, in welcher Welt wir leben wollen, kann nicht ständig explizit sein, aber im Sound klingt die Zukunft immer schon an. Die Arena für dieses Bildungsdoppel von Selbst- und Weltverwirklichung, das ist die Schule. Oder sie sollte es werden!

Misstöne

Was diese Arena häufig so entwertet, ist der berühmte performative Widerspruch. Eine Lehramtsstudentin erfährt ihn so: »Mein Studium kurz zusammengefasst: Ich lerne im Frontalunterricht, wie schlecht Frontalunterricht ist, und ich muss auswendig lernen, wie schlecht auswendig lernen ist«. Ein bisschen zu schwarz-weiß? Immerhin im Internet wurde diese Bemerkung in kurzer Zeit 10 000-mal kommentiert und gelikt. Was sie vermisst ist eine Werkstatt.

Die Misstöne dieses Widerspruchs, also anders zu sprechen als zu handeln, sind ein Zeichen unserer Zeit, ja ihrer Not. Die Dissonanz gab es natürlich immer schon. Aber da spitzt sich heute etwas zu.

Wir haben im vergangenen Sommer am eigenen Leibe den Unterschied zwischen schönem Wetter und bedrohlichem Klima gelernt. Wahrlich, wir leben bestens, also die allermeisten in Deutschland, und genießen das Leben. Und wir hören so ein unüberhörbares tektonisches Grummeln, wie manche Tiere ein Beben wahrnehmen, bevor es kracht. Wir reden besorgt und kritisch. (Ich auch gerade.) Wir wissen ganz viel. Und setzen doch das Immer-weiter-so-Spiel fort. Das kann für die nächste Generation keine gute Initiation sein. Aufwachsen unter Zynikern? Das ist eine Definition für Menschen, die an das, was sie sagen, nicht wirklich glauben, die also ihre Rede nicht durch ihre Handlungen beglaubigen. Wir sind häufig objektiv Zyniker. Ein erster Ausweg wäre, das Dilemma nicht zu verschweigen und nicht in Rhetorik abzugleiten. Auch aus Misstönen eine neue Melodie machen, sich zum Handeln verabreden!

40 Prozent

Schulen zu einem guten Ort machen. Mit Werkstätten, Laboren, Ateliers. Zu einem einmaligen und schönen Ort. Zu einem, in den Lehrer, natürlich auch Lehrerinnen, andere Erwachsene, Botschafter aus der tätigen Welt, hinein holen. Ihnen dort ebenfalls einen Ort geben, zum Beispiel für ein Repair Café. Menschen, die dort ihr Ding machen und an denen Kinder und Jugendliche angesteckt werden. Auch aus diesem Basislager herausgehen. Zierer, Prenzel und Nida-Rümelin haben vorgeschlagen, 40 Prozent der Zeit in der Schule an den Schlüsselproblemen unserer Zeit auszurichten (P. S. in PÄDAGOGIK 8/18).

Aber aus all dem wird nichts, wenn nicht die Menschen in den Schulen zusammen mit denen, die sie hinein holen, dort mit Selbstversuchen des Bildungsdoppels anfangen. Und das kann nicht nur die Unterrichtseinheit über Ökologie sein, wenn man weiter das minderwertige Essen vom Billigcaterer bestellt. Ein neues Lied beginnen!

P. S.

»Der mutige Anfang ist die Hälfte des Ganzen.« (Aristoteles) »Der Anfang ist auch ein Gott, wo er waltet, rettet er alles.« (Platon) »Jedem Anfang liegt ein Zauber inne.« (Hermann Hesse). Werden wir Anfänger. Auf immer höherem Niveau. Sich langsam emporirren und sich nicht länger runterperfektionieren!

P. P. S

Einen Anfang, der zugleich ein Neufang ist, macht das Netzwerk »Archiv der Zukunft« am ersten Märzwochenende in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg mit dem Bildungskonvent »Ein guter Ort!«. Klaus Zierer zum Beispiel (40 Prozent für die Werkstatt) ist auch dabei.

P. P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>