Vita activa oder passiva? Bildung vor der Digitalisierung

3. Dezember 2018

Bald übertrifft die Laufzeit der Maschinen die Arbeitszeit der Menschen. Davon sind die Strategie- und Personalmanager überzeugt, die zusammen 70 Prozent der Weltwirtschaft repräsentieren. Gefragt wurden sie im Auftrag des Weltwirtschaftsforums, das alljährlich in Davos tagt. Derzeit entfallen global 29 Prozent der Arbeit auf Maschinen. Im Jahr 2025 werden es 52 Prozent sein. Was für ein Tempo. Was für eine Umwälzung. Der Anteil menschlicher Arbeit sinkt in knapp sieben Jahren von 71 auf 48 Prozent. Aus Maschinen, die bisher bedient wurden, werden mit Algorithmen gefütterte Systeme.

Aber entstehen nicht auch neue Jobs in der digitalisierten Wirtschaft? Die Manager setzen darauf. Wie viele Jobs? Das hänge vom Wirtschaftswachstum ab. Lohnarbeit soll bei sinkendem Anteil menschlicher Arbeit die erste Integrationskraft bleiben. Also Wachstum des Wachstums! Schon, weil wer keine Arbeit hat, als Konsument verloren geht. Wachstum bleibt die Letztbegründung des Kapitalismus. Aber wie lange kann eine sich ständig steigernde Steigerung gut gehen? Das wird gar nicht erst gefragt. Gefragt wird auch nicht, wer all die Waren braucht. Im Zweifelsfall wird das Marketing schon Bedürfnisse erzeugen.

Die Megamaschine

Keine Rede von der Endlichkeit der Stoffe und der Reaktion des Klimas auf die hochtourigere Megamaschine. Gerät alles gar nicht erst in den Horizont. Ach was, es gibt gar keinen Horizont. Ein Zug rast in den Tunnel. Wie Mark ­Twain sagte: Wenn wir die Orientierung verlieren, steigern wir das Tempo. Dieweil laufen auf den Interfaces in den zum Teil prächtigen Waggons des Express die tollsten Sachen. Nur nicht rausschauen.

Damit es immer so weiter geht, werden die Provinzen der Lebenswelt für die Warenform erschlossen und kolonisiert. Die Kommunikation. Die Aufmerksamkeit. Die Interessen. Schließlich das Verhalten. Der digitale Kapitalismus definiert »persönliche menschliche Erlebnisse, die bisher außerhalb des Marktes in der Privatsphäre unserer eigenen Erfahrungen stattfinden, nun als freies Rohmaterial, das in den Markt übernommen und in Produkte umgewandelt wird, die auf neuen Märkten gekauft und verkauft werden können.« Das schreibt Shoshana Zuboff, brillante Ökonomin in Harvard, in ihrem gerade erschienenen, wirklich überragenden Werk »Das Zeitalter des Überwachsungskapitalismus« (Campus). Dessen Ziel besteht darin, »uns selbst zu automatisieren«. Werden wir zu Quasi-Maschinen? Prothesensüchtig und selbst Prothesen? Funktionieren statt zu leben? Wenn Arbeiter und Angestellte fürchten, von Maschinen ersetzt zu werden und sich mit ihnen vergleichen, setzen sie sich dann nicht selbst schon mit ihnen gleich?

Arbeiter singen

Gegen diese düstere Vision wäre der Horizont aufzureißen. Als Erstes die Angst stoppen, dass die Maschinen uns die Arbeit wegnehmen. Die Angst in die hoffnungsvolle Perspektive verwandeln, dass Maschinen uns Arbeit abnehmen. Der Versuch dieses Perspektivwechsels vom Wegnehmen zum Abnehmen ist das große Thema unserer Zeit!

Statt der Angst, ohne Job aus der Welt zu fallen, wären Schritte in eine vielgestaltige Tätigkeitsgesellschaft, der alten Vita activa, zu machen. Ideen, Experimente und Selbstversuche für den Abschied von jenem Maschinenhaften, das wir Menschen im Laufe der arbeitsteiligen Industrialisierung am eigenen Leib erlitten – uns selbst zugefügt haben. Abschied von der Vita passiva der Rädchen im System, des Lebens als Endverbraucher, Weltverbraucher, Weltendverbraucher. Wie könnten wir die Zwangsjacke des Industriezeitalters wieder ablegen? Wie ließe sich der harte Bildungsprozess vom empfindsamen Leib zum funktionierenden Körper unterbrechen und umkehren. Hin oder zurück zu jener »Bildung«, die häufig nur proklamiert wurde?

»Maschinen arbeiten und die Arbeiter singen.« Davon träumten die Frühsozialisten. Gehören solche Träume nicht ins Programm der Medien, auf die Tagesordnung der Politik und vor allem in den Alltag der Schulen? Ein schöner Traum! Das mögen viele jetzt denken.

Die Auflösung

Ist das hier ein Traum? »Lehrer, stellt Sport, Musik, Malerei und Kunst ins Zentrum Eurer Schule.« Weiter: »Wir können Kindern nichts beibringen, was Maschinen besser können.« Und dann noch: »Ändern wir nicht, wie wir unterrichten, dann haben wir in 30 Jahren große Probleme.« Es spricht Jack Ma aus China. Er ist Gründer und Boss von Alibaba, der größten Handelskette der Welt. Er begründet seine Aussage mit der Digitalisierung, die bis 2030 bis zu 800 Millionen Jobs vernichten werde, und er verlangt, dass Kinder etwas Einzigartiges lernen sollen, etwas, das Maschinen niemals können. In China kritisiert man neuerdings die »Entenstopfpädagogik«. Statt dessen: »Werte, Überzeugung, unabhängiges Denken, Teamwork, Mitgefühl – Dinge, die nicht durch reines Wissen vermittelt werden.« Jack Ma war selbst mal Lehrer.

Man reibt sich die Augen. Wenn wir wieder klar sehen, erkennen wir den Kapitalismus als das in sich höchst widersprüchliche System, das zur Auflösung drängt. So oder so. Auflösung seiner Widersprüche oder Auflösung total. Im Übergang zum Maschinenzeitalter verlangen die Unternehmen intelligente und kreative Mitarbeiter. Und zugleich den idiotischen Konsumenten. Beides geht nicht. Auf welcher Seite stehen die Schulen? Bei den Prothesen der Vita passiva? Oder bei der vitalen Vita activa, dem tätigen Leben, diesem alten Ziel?

P. S.

Vita activa! Das soll mein Thema für 2019 werden!

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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