Quer und queer – Heterogenität im Lehrerzimmer

5. November 2018

Wenn man Enja Riegel, die der Helene Lange Schule in Wiesbaden Glanz verliehen hat, nach den kleinen Mutationen fragt, die diese Schule so lebendig und erfolgreich gemacht haben, dann fällt ihr gleich der fachfremde Unterricht ein. Der kam nicht aus irgendeiner Not mit Quereinsteigern, sondern aus einer irritierenden Erfahrung. Schüler lernten von einem Nichtmathematiker nachhaltiger als von einem Fachmann oder einer Fachfrau. Das wurde untersucht. Der Grund für diesen unerwarteten Erfolg lag im Lehrerteam, das in dieser Schule jeweils einen Jahrgang von vier Klassen unterrichtet. Wenn sich Fachfremde von Fachleuten beraten lassen, finden diese Lehrer eigene Lern- und Lehrwege. Genau das, was man Schülern mehr und mehr zugesteht, ja von ihnen erwartet. Den partiellen Laien geht es darum zu verstehen, was dem Fachpersonal selbstverständlich ist. Sie staunen zuweilen wie Wissenschaftler vor ihren Entdeckungen und sie stellen Fragen, wie sie bei Wissenschaftlern auf Entdeckungen folgen. Albert Einstein sprach dann von noch größeren Rätseln. Das sind Fragen, wie sie Kinder haben – und hoffentlich auch Jugendliche. Fragen, die Lehrern in ihren Unterrichtsroutinen häufig verloren gehen.

Wege

Aus fachlicher Distanz und auf eigenen Wegen kommen Pädagogen den Schülern näher als die fertigen Fachdidaktiker, wenn – das ist wichtig – diese Wege zugleich abgesichert sind. Nicht der fachfremde Unterricht an sich ist die kleine Mutation mit großer Wirkung, sondern das gemischte Team und die in ihm entstehenden Gespräche. Echte Gespräche unter Erwachsenen. In der Zusammenarbeit von Verschiedenen – wenn es um Schüler geht, nennt man es Heterogenität – liegt eine noch wenig entdeckte Produktivkraft.

Kürzlich feierte in Wiesbaden der Campus Klarenthal sein zehnjähriges Jubiläum. Er ist aus der Helene Lange Schule entstanden. Enja Riegel gehörte zu den Gründern, wurde dann eine Art Patin. Ihr ehemaliger Kollege Uwe Brecher ist dort für die Oberstufe verantwortlich. Als er mich kürzlich übers Gelände führte – schöne Häuser, viele Tiere und ein wunderbarer Garten – erzählte er gleich von den multiprofessionellen Teams. Ausgesuchte Leute. Etwa eine englisch sprechende Opernsängerin. Die Teams sind paritätisch mit Staatsexamen-im-Fach-Lehrern und Quereinsteigern besetzt. Als dann zwei Schüler aus der sechsten Klasse die Führung übernahmen, zeigten sie mir zuerst die Bilder eines »tollen Künstlers«. Auf seine Spuren stießen wir in Fluren, im Kunstraum und vor allem in der Metall- und in der Holzwerkstatt, »der beste Ort in der Schule«.

Sein

Und dann kommt ein noch ganz anderes Mitglied aus dem multiprofessionellen Team auf uns zu. Ganz schwarz. Lässt sich streicheln. Und wedelt. Der Schulhund. Der sei doch einfach nur da, sagt jemand. Aber das ist es doch. Er ist da. Einfach nur da. Kein Um-zu. Er will nichts vermitteln. Bloßes Sein. Wie wohltuend, freundlich und ansteckend. Die staatliche Montessori-Schule in Potsdam, hat derzeit, wie die Schulleiterin Ulrike Kegler in ihrem gerade erschienenen Buch »Lob den Lehrer*Innen« (Beltz) schreibt »52 Erwachsene, davon dreizehn festangestellte Quereinsteiger«. Darin sieht sie einen Segen und eine Chance für unsere Schulen, die man allerdings auch verspielen kann. Ein Landwirt und ein Bootsbauer haben auf einem Seegrundstück einen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut. Es gibt Lehrer, die auch Designer, Chorleiterin, Musiker, Fotografin, Computerfachmann, Architektin und natürlich Künstler sind. Diese Dritten bringen die Dimension des Dritten in die Schule. Ein altes theologisch/philosophisches Problem, ob tertium datur, also ob es etwas Drittes neben dem eineindeutigen richtig oder falsch gibt, was die theologische und häufig auch noch die pädagogische Tradition verneint, oder ob es noch andere Möglichkeiten gibt?

Zum Quer kommt nun auch die Schule Queer. Das Wort bezeichnet im Englischen Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. Ursprünglich drückte es eine negative Einstellung dazu aus. Inzwischen signalisiert es die Erweiterung des Möglichkeitsraums.

Mischung

Und noch ein Wort ist neuerdings in Umlauf, der Lovler (»Lehrer ohne volle Lehrbefähigung«). Vielleicht haben viele «Lovler« eine besondere Liebe zur Schule? Vielleicht wollen sie mit Kindern und Jugendlichen was auf die Beine stellen und haben Freude daran? Sicher gilt das nicht für alle! Wie findet man solche Leute und nimmt nicht jeden, das ist doch die Frage!

Stellen wir uns die »Lovler« nicht nur als Aushilfen und Notnägel vor, als die sie derzeit angeworben werden, nur mit Blick auf die Statistiken des Unterrichtsausfalls. Blicken wir auf die Chance. Ein Kollegium als eine gemischte Gruppe, die mehr Welt repräsentiert, als es die Monokultur der Lehrer (und natürlich auch der Lehrerinnen) bisher darstellt. Damit sollen Lehrer gar nicht herabgesetzt werden. Es gibt sehr viele tolle, die aus ihrem Beruf was machen, die nicht nur lehren, sondern auch lernen, die neugierig sind und die nicht nur den Stoff und die Lehrpläne im Kopf haben. Aber die Welt, die »vermitteln« sie zumeist nur aus zweiter Hand.

P. S.

Vincent Klink ist Sternekoch, Musiker, Schriftsteller und war Schulversager. In seinem wunderbaren Lokal auf der Wielandshöhe in Stuttgart, wer kocht da? »Lauter Quereinsteiger«, sagt er. »Biologen, Philosophen, Theologen. Der dümmste in der Küche bin ich.«

P. P. S.

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