Zusammenleben

3. September 2018

Kennen Sie Kylie Jenner? Vermutlich nicht. Fragen Sie Ihre Kinder, Enkel oder Schüler. Und kennen Sie Leander Scholz? Ein Schriftsteller und Philosoph, den Sie kennenlernen sollten.

Kylie Jenner wurde, während ich dies schreibe, 21 Jahre alt und wird, so das Magazin »Forbes«, noch in diesem Jahr die jüngste Selfmade-Milliardärin aller Zeiten werden. Mark Zuckerberg war 23, als er mit Facebook seine erste Milliarde zusammen hatte.

Leander Scholz wird im nächsten Jahr 50. Gerade ist sein Buch über seine Elternzeit erschienen. Auch bei ihm spielte das Geld eine Rolle. Seine Frau hatte kurz vor der Geburt einen besseren Job nicht ausschlagen wollen. So durchbrachen sie nicht ganz freiwillig die üblichen Rollenmuster. Er begann einen Selbstversuch. Eineinhalb Jahre zu Hause. Kylie Jenner gehört zu jenen Kindern des Internets, die dafür berühmt geworden sind, dass sie berühmt sind. Die erfolgreichste Familie dieser sozialen Pfeiftonrückkopplung ist der Kardashian-Jenner-Clan. Er kombiniert die Reality-TV-Show »Keeping up with the Karadashians« im alten Medium Fernsehen mit den neuen »sozialen« (sic) Medien Youtube, Instagram, Twitter & Co.

Patchwork

Leander Scholz gehört zur Generation Zeitvertrag & Patchwork. Er ist Autor von zwei beachteten Romanen. Davon kann man nicht leben. Er hat den Tropen Verlag mitgegründet und ist Mitarbeiter an einer Uni. Auch als Philosoph hat er ordentlich publiziert. Er ist wirksam, aber kein Star.

Auf nichts anderes, als ein Star zu werden, und zwar auf dem direktesten Weg hatte es Kylie abgesehen. Das ­worldwide beliebteste Foto ist von ihr. Sie ist auf dem Foto und sie hat die Rechte. Auch auf dem zweitbeliebtesten Foto im Internet ist sie. Auf Instagram hat sie doppelt so viele Follower wie Barack und Michelle Obama zusammen. Bei jedem Klick klingelt die Kasse, denn immer ist eine Werbebotschaft dabei. Puma, Calvin Klein und vor allem ihre eigene Marke mit Kosmetika.

Angeblich aus Unzufriedenheit mit ihren Lippen kreierte sie einen Lippenstift. Das sei eines der »authentischten Dinge« ihres Lebens. Und somit ist der Fettstift kein Fettstift, sondern Authentizität. Oder eben ein Fetisch. Mit Kosmetika kamen die meisten ihrer vielen hunderttausend Dollar zusammen. Und so geht es weiter. Immer mit Millionen. 31 Millionen likten die beiden ersten Aufnahmen, die sie Anfang des Jahres von ihrer neugeborenen Tochter Stormi hochlud. Weltrekord!

Absichtslos

Bei Leander Scholz gab es nicht die Verwertungsabsicht, ein Vaterbuch zu schreiben. Er war erst mal irritiert vom Leben als tagsüber allein erziehender Vater und Hausmann, der den ganzen Tag voll beschäftigt war und am Abend nicht sagen konnte, was er gemacht hatte. Die übliche Zeitstruktur des Um-zu löste sich auf. »Womit ich schnell umgehen lernen musste, war der Umstand, dass ich zwar sehr viel planen musste, sich aber zugleich vieles nicht planen ließ. Im beruflichen Alltag war ich es gewohnt, Projekte lange im Vorhinein in Gang zu bringen. Jetzt wurden meine Vorhaben ständig durchkreuzt, einfachste Handlungen unterbrochen, und ich konnte mich bei niemandem beschweren.« Seine Projekte wurden immer fertig. Nun wurde irgendwie nichts fertig. Das war das eine. Aber es war gar nicht die Hauptsache. Das andere war keine Sache. Das Kind.

Er macht die Erfahrung, was es heißt, ganz da zu sein. Für das Kind und dadurch selbst, wenn »das eigene Herz nicht mehr nur im eigenen Körper schlägt.«. Und er denkt darüber nach, warum dieses nicht auf Ergebnisse spekulierende Leben auf dem Rückzug ist und was daran so wertvoll ist. »Kinder halfen bei der Bewältigung der eigenen Sterblichkeit … Familien haben einen anderen Zeithorizont als Einzelmenschen.« Er macht eine doppelte Erfahrung. Eine des Seins im Unterschied zu den herrschenden Mustern der Vermittlung. Und er macht die Erkenntnis, dass dieses Muster bedroht ist, uns fast fremd geworden ist. Die alltägliche Entfremdung ist uns vertrauter.

Genial

So hat er ein geniales Buch voller Beobachtungen, Erkenntnisse und schließlich auch mit politischen Vorschlägen geschrieben. »Zusammenleben – Über Kinder und Politik«, Hanser Berlin, 158 Seiten, 19,– €. Zum Buch kam es, weil Scholz über seine Ängste und Überraschungen mit dem Vatersein einen Zeitungsessay geschrieben hatte (zu langer Link, einfach »Scholz echte Väter« ­googlen!). »Unter der Woche stand ich nachts auf, an den Wochenenden meine Frau. An manchen Tagen war ich derart aggressiv, dass ich am liebsten auf der Straße wahllos irgendjemanden angebrüllt hätte. Einfach so. Ohne Vorwarnung.« Aber auch in dem kurzen ­Essay leuchtete schon durch, was dann im Buch ausgeführt wird: das Kind. »Wenn er am Nachmittag auf meinem Bauch eingeschlafen ist, hat mich das enorm beruhigt, als wäre ich für einen Moment an dem einzigen richtigen Ort auf der Erde.« Auf den Zeitungsessay hin meldet sich dann der Verleger.

P. S.

Wir wissen natürlich nicht, was Kylie Jenner denkt. Ob sie überhaupt denkt? Denn Denken, so Platon, ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst. Es setzt voraus, dass ich mit mir nicht einer Meinung bin. Sonst geraten wir in jene Pfeiftonrückkopplung. Mikrophon und Lautsprecher stehen zu nah beieinander. Das Besondere verschwindet, wenn man in den Effekt investiert, um noch mehr Rendite rauszuholen. Im Unterschied zum Funktionieren und Überleben, das mit Geld und Rekorden erträglich gemacht werden soll, das Leben. Es geschieht, wenn man sich und anderen keine fertige Welt verspricht, wenn man das Risiko zusammen zu leben wagt.

P. P. S.

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