Was heißt hier Bildung?

3. September 2018

»Entrümpelt die Lehrpläne!«, verlangt die 1. Stimme. Die 2. konstatiert: »Die Kurzatmigkeit des Systems erhöht die Gefahr, dass der Neugier als intrinsischer Motivation extrinsische Anreize den Rang ablaufen.« Die 3. Stimme klingt resigniert: »In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich häufig gefragt: Wozu das Ganze?«

Noch eine Runde mit den noch nicht genannten Stimmen. Die 1. warnt, »das Bestreben, ein Fach in der Schule umfassend behandeln zu wollen, führt zwangsläufig zu trägem Wissen.«. Die 2. ist abstrakter: »Insgesamt bedroht die Maximierung von messbaren Größen die Vielfalt.« Und die 3. bleibt persönlich: »Wir machen den höchsten deutschen Schulabschluss, aber manchmal werden wir wie Kleinkinder behandelt.«

Wer war’s? Die 3. Stimme, ganz klar, ist die jüngste. Ein Abiturient. 18 Jahre alt und irgendwie schon überdrüssig blickt Johann Aschenbrenner aus Hamburg auf seine Schulzeit zurück. Die Süddeutsche Zeitung druckte seinen Rückblick. Die zweite Stimme? Vielleicht hilft noch eine kleine Gewebeprobe: »Die geförderte Unkultur einer ›Selbstoptimierung‹ gefährdet die Risikobereitschaft und die Neugier auf überraschende Erkenntnisse.« Genau, das ist eine Stimme aus der Wissenschaft, sie gehört dem Quartett der Chefs von DFG, Volkswagenstiftung, Leopoldina und Max-Delbrück-Zentrum. Es sind die Herren Strohschneider, Krull, Hacker und Lohse. Zwei Geistes- und zwei Naturwissenschaftler. Sie schlugen in der FAZ vom 12. Juli Alarm. Enge Evaluationen, Publikationszwänge und fassadenhafte Selbst­optimierungen in der Forschung führen dazu, dass »Scheitern nicht mehr möglich ist«. Wenn Scheitern nicht sein darf, verführt es zum Bluff. Dann kippt das System.

Weniger

Und wem gehört die erste Stimme? Einem fulminanten Trio, dessen Mitglieder die Leser der PÄDAGOGIK kennen. Wer wohl aus der Pädagogenszene traut sich zu verlangen, dass 40 Prozent des Unterrichts »an Schlüsselproblemen unserer Zeit wie soziale Gerechtigkeit oder ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtet werden«? Wer will damit ernst machen, dass weniger »Stoff« mehr ist und dass man mit »Entschleunigung« besser ans Ziel kommt? Wer sagt heute noch oder wieder: »Lernen braucht Zeit«.

Zum Trio gehören Manfred Prenzel, der über Jahre die Pisa-Studien in Deutschland geleitet hat und zuletzt Vorsitzender des Wissenschaftsrates war, Klaus Zierer, der sich als Botschafter von John Hattie einen Namen gemacht hat, und schließlich Julian Nida-Rümelin, Philosophieprofessor, der auch schon mal Kulturreferent in München und Kulturstaatsminister unter Schröder war. Sie schwimmen tatsächlich gegen den Strom: »Wir reden vor allem über die MINT-Fächer, andere Fächer aber bewegen sich am Existenzminimum.« »Warum«, fragen sie, »wird dem musischen, ästhetischen, sportlichen oder moralischen Bereich weniger Aufmerksamkeit geschenkt als Mathe, Physik und Chemie?«. Veröffentlicht wurde ihr Appell Ende Juni im »Spiegel«.

Nix

Alle drei Texte kamen an prominenter Stelle in die Medien. Aber wo ist die Resonanz? Wo ist der Diskurs, wo die Debatte, die einstimmt, die auch widerspricht, die jedenfalls die blöden Sonntagsreden über »Bildung« in den Alltag trägt und die offensichtlichen Systemfallen zur Sprache bringt? Ich habe die Suchmaschinen laufen lassen. Nix. Die zitierten Erkenntnisse sind vielleicht gar nicht so enorm. Die meisten Praktiker wissen es irgendwie. Aber sie machen mit. Und diejenigen, die oben sind und vom Mitmachen am meisten profitieren? Sie machen gewöhnlich erst recht mit.

Hier nun melden sich einige von denen zu Wort, die an der Spitze sind und denen es reicht. Sie wollen es nicht weiter stumm mit ansehen, wie das hochtourige System leer läuft. Ihre Wortmeldung ist neu und bemerkenswert. Aber wieso bleibt die Resonanz auf die Interventionen der besorgten Wissenschaftsmanager, Bildungswissenschaftler und des politisch umtriebigen Philosophen aus? Sind denn alle so cool und wissen eh, dass es halt genauso immer weiter läuft, bis es gegen die Wand läuft? Dass sich Debatte und Engagement nicht lohnen? Wollen die vom Glauben an eine bessere Welt Abgefallenen nur noch irgendwie durchkommen? Sind sie mangels Alternativen und Handlungsmöglichkeiten verstummt?

Los geht’s

Es ist an der Zeit, eine starke, neue Debatte über »Bildung« zu initiieren! Und zwar eine mit vielen Stimmen und mit dem Ziel vieler ungewöhnlicher Bündnisse. In der Praxis wie auf den großen Diskursbühnen und vor allem zwischen ihnen. Also die Thesen der zitierten Texte in den Alltag tragen! Und fragen, wer macht mit? Wer macht dabei mit, 40 Prozent der Unterrichtszeit für die wichtigen Fragen unserer Zeit zu nutzen? Wie fangen wir damit an? Sofort! Nicht nur drüber reden und schöne arte-Dokumentationen über Ökokrisen und Nachhaltigkeit zeigen, sondern die Schulen und andere Bildungseinrichtigen zu Laboren der gesellschaftlichen Erneuerung machen! Wie geht das? Da sind nun die 5 300 Zeichen dieser Kolumne schon wieder rum. Aber es geht weiter. Genau mit dieser Frage. Und bitte schon mal notieren: Am Wochenende vom 1. bis 3. März 2019 wird es den sechsten großen »Archiv der Zukunft«-Kongress geben. Zum zweiten Mal zusammen mit der Leuphana Uni in Lüneburg im schönen, neuen Libeskindbau. Mit Partnern. Eben ungewöhnliche Bündnisse. Der Kongress heißt »Was heißt hier Bildung?«.

P. S.

»Der Mensch ist mehr als ein Intelligenztest misst«, sagt die erste Stimme.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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