Unscripted

2. Juli 2018

Es gibt Wörter, die gehen nicht aus dem Kopf. Die hinterlassen eine Leuchtspur. So ein Wort ist »unscripted«, improvisiert, ungeschrieben, spontan. »Unscripted« hieß die Erklärung von Heinz-Otto Peitgen nach einem hinreißenden, aber in seiner Ermöglichung auch rätselhaften Abend in Bremen. Fast 500 Menschen waren beteiligt. In einem Viermastzelt, größer als das von Circus Busch, wurde vor 1 000 Menschen eine Stadtteiloper aufgeführt. Mitgewirkt hatten Schüler und Lehrer, Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie und für das Projekt engagierte Sänger sowie viele Menschen aus dem Stadtteil. Den nennt man »sozialen Brennpunkt«. Mehr als die Hälfte lebt von Hartz IV. Und dann auch das noch: In der Schule, es ist die Gesamtschule Ost, hat das Orchester, das inzwischen von manchen zu den zehn besten der Welt gezählt wird, seine Übungsräume und macht in der akustisch renovierten Aula CD-Aufnahmen, für die es regelmäßig den Echopreis bekam.

Das glaubt man doch nicht, oder? Als Story jedenfalls fände man es übertrieben. Utopiekitsch! Tatsächlich war es 2014 bereits die fünfte Stadtteiloper. Ich habe darüber an dieser Stelle vor vier Jahren geschrieben.(PÄDAGOGIK H. 6/2014.) Dieses Jahr war es die siebte. Man müsste noch von anderen Gemeinschaftsproduktionen dieser unglaublichen Wohngemeinschaft der Schule, die in diesem Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, und dem Orchester, zu dessen Proben Stardirigent Paavo Järvi in die Schule kommt, erzählen. (Ich habe die Geschichte im Nachwort zu Hartmut Rosa, Resonanzpädagogik, Weinheim 2016 erzählt. Bald gibt’s auch einen Film.) Wie war das alles möglich? Peitgens Antwort: Unscripted.

Dazu muss man wissen, Heinz-Otto Peitgen ist Mathematiker von Weltruhm. In seinen Arbeiten über Fraktale bzw. »nicht euklidische Mathematik«, auch als Chaos­theorie bekannt, ist er »selbstähnlichen Mustern« auf der Spur. Er war Präsident der »Jacobs University« und ist Vorsitzender des Freundschaftskreises der Kammerphilharmonie Bremen.

Geschichten

Aber was ist denn nun dieses Unscripted? Es sind Geschichten, die sich nur rückwärts erzählen lassen, die niemals nach vorne planbar sind. Wie hätte man gelacht, wenn vor 15 Jahren jemand in einen Masterplan zur Kulturellen Bildung diese Stichworte geschrieben hätte: Schulen in Not, auch baulich. Orchester in Not, Subventionen werden gestrichen. Suchen neue Bleibe. Bieten ihnen Räume in der Schule. Umbau kein Problem, saniert werden muss sowieso. Ziel: Schüler, Lehrer und Musiker laufen sich über den Weg und sollen sich befruchten. Dürfen machen, was sie wollen. (Wenn sie wirklich was wollen). Alles am besten in Stadtteilen, denen es schlecht geht, und in einem Bundesland, dem es auch schlecht geht. Also Bremen. Geld gibt´s nicht. Sollen sie sich besorgen. Sagen doch immer, sie seien kreativ.

Unscripted ist fast immer die Vorgeschichte dessen, was gelingt. Es gelingt, weil es schiefgehen darf. Es ist die List der Geschichte, dass das, was schiefgehen darf, seltener misslingt als die Nummersicher-Sachen, bei deren oft absehbarem Scheitern die Akteure sich damit entschuldigen, sie wären ja keine Risiken eingegangen. Eben. Während diejenigen, die ihre Geschichte wagen, sollte etwas schief gehen, sich anhören müssen: Ist doch kein Wunder.

Wunder

Meine Patronin Hannah Arendt nannte das Unscripted-Phänomen tatsächlich Wunder: »Jeder neue Anfang wird zum Wunder, wenn er von dem Standpunkt der Prozesse, die er notwendiger Weise unterbricht, gesehen und erfahren wird. Bereits die Entstehung der Erde ist eine unendliche Unwahrscheinlichkeit, wie die Naturwissenschaftler sagen – ein Wunder, wie wir sagen würden.« Und was passiert, wenn Wunder verboten werden? »Die außerordentliche Gefahr der totalen Diktaturen für die Zukunft der Menschheit ist nicht so sehr, dass sie politisches Handeln unterbinden, als dass sie die Elemente der Freiheit und des Handelns in allen Tätigkeiten ertöten.« (Hannah Arendt, Was ist Politik?, München 2003, S. 32 ff. und Politik radikal neu denken müssen. Köln.)

Jetzt noch zu den Einwänden: Natürlich ist in Stadtteilopern nicht alles unscripted. Die Musiker hatten Noten. Die Oper hatte ein Libretto und einen Komponisten. Es gibt viele Pläne, ohne die aus den Aufführungen nie etwas geworden wäre. Und dennoch unscripted? Jede Biographie ist letztlich unscripted. Man kann ja nicht wissen, was kommt. Zu viel Wissen steht im Weg. Wie würden wir handeln, wenn wir das Skript unseres Lebens kennen würden? Gar nicht. Wir würden nur funktionieren.

Biographien

Auch Institutionen, Bildungseinrichtungen zumal, sollten nicht nur das Recht auf eine eigene Biographie haben, sondern sogar die Pflicht, sie zu wagen. Wissen und Pläne sind Subsysteme, auf die wir nicht verzichten wollen. Im Gegenteil. Sie sind gerade dann zu kultivieren, wenn wir etwas wagen. Aber sie sollen gefälligst Subsysteme bleiben! Das Leben selbst ist unscripted. Es ist weniger von unvermeidlichen Risiken bedroht als durch seine Reduktion aufs Überleben, aufs bloße Funktionieren. Dieses Offene interessiert ausgerechnet den Mathematiker? Ja! Seine Mathematik ist nämlich keine Buchhaltung, in der alles aufgehen muss. Peitgen interessiert sich für die Entstehung von Mustern. Man könnte, aufs Soziale übertragen, sagen für Haltungen, die zu noch nie Dagewesenem führen. Wie kommt Neues zur Welt? Eben durch Wunder, die machbar sind. Wunder, von denen man gerne sagt, sie seien nicht möglich. Zumal Experten, die viel wissen, halten Wunder für unmöglich. Und sie wissen auch immer genau warum. Aber für das Neue gibt es keinen Masterplan.

P. S.

Wenn das Leben seinen Elan verliert, bleiben diese uns nicht unbekannten Haltungen von egal, scheißegal und irgendwie durchkommen. Wo werden sie nur eingeübt?

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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