Einladung zur Utopiekonferenz

4. Juni 2018

»Wir haben keine Zeit zu verlieren. 40 000 Schulen und rund 11 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland warten darauf«, sagt die neue Ministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek. Und worauf warten die Schülerinnen und Schüler und die Schulen (können Schulen warten?)? Auf den Digitalpakt. Mit 5 Mrd. sollte er ausgestattet werden, nun vielleicht doch nur mit 3,5 Mrd. Euronen für Geräte und vor allem für WLAN.

Wie wäre es, sich endlich mal Zeit zu nehmen, um über Digitalisierung und Bildung nachzudenken? »Zeit verlieren, um Zeit zu gewinnen«, wie Rousseau empfiehlt. Dazu ein Vorschlag. Eine Einladung. An drei Tagen im August, vom 20. bis zum 22. sollen sich 300 Stundenten (und natürlich auch Studentinnen) aus dem ganzen Land Zeit nehmen und nach Lüneburg in die Leuphana Universität zu einer Utopiekonferenz kommen. Hoffentlich werden viele künftige Lehrer dabei sein! (Liebe Dozenten, Seminarleiter und Professoren, bitte Studenten und Referendaren weiter sagen!) Man muss sich bewerben: www.leuphana.de/utopie.

Die Idee für die Utopiekonferenz hatte Richard David Precht, nebenher Professor an der Leuphana. Drei Tage im Sommer eine Art Matratzenlager mit den Studis und dazu Leute einladen, die mitdenken, die Ideen und was zu sagen haben. Erwachsen gewordene Erwachsene, das wäre doch was! Großes Brainstorming. Wenn es sein muss, auch die Nacht durchmachen. Sich zum Leben und zu Initiativen verabreden. Was in Gang setzen. Sascha Spoun, der Uni-Präsident hat sich der Idee angenommen. Auch das Netzwerk Archiv der Zukunft lädt mit ein.

Digitalisierung

Die Grundidee ganz kurz: Die Digitalisierung führt zur vierten industriellen Revolution. Sie wird allerdings überwiegend wie ein Naturereignis wahrgenommen. Man fragt sich vielleicht noch, was kommt da auf uns zu, und fügt sich. Wo findet die Debatte darüber statt, was wir wollen? Wie entsteht denn ein Wille, der bekanntlich vom Volke ausgeht? Wo werden die Fragen so gestellt, dass sie zu guten Antworten führen können? Muss man nicht ein paar Mal blinzeln, um das gewohnte Framing zu lockern und um sich vorzustellen, dass der älteste Menschheitstraum wieder auf die Tagesordnung gehört?

Sich von harter Arbeit, so gut es geht, befreien. In der Antike wurde die Arbeit den Sklaven aufgeladen. Später besorgten es die Leibeigenen dem Feudaladel. Die Arbeiter arbeiten nun schon lange nicht mehr nur für die Reichen. Sie schuften mehr und mehr auch für ihren eigenen Konsum: Etwas leisten, um sich was leisten zu können! Allerdings immer noch im Status der Entfremdung. Im Modus des Um – Zu. Arbeiten, um Urlaub machen zu können. Und Urlaub machen, um arbeiten zu können. Ohne wirklich im eigenen Leben anzukommen. Gewiss, nahezu wohlhabend ist inzwischen der kleine Mann (und die kleine Frau) zumindest in Deutschland, aber sie sind mehr und mehr erschöpft. Auf der einen Seite ein Reichtum an Dingen, wie ihn die Evolution noch nicht gesehen hat. Und auf der anderen Seite die Reduktion des Lebens aufs Überleben. Und nun auch noch die Digitalisierung – das enorm erweiterte Maschinensystem.

Supernova

Man blickt zum Horizont, ist geblendet und wendet den Blick gleich wieder ab. Geht da die Supernova auf? Noch mal alles in gleißendem Licht bevor sich Herr Elon Musk (Tesla) und die Seinen zum Mars absetzen? Big Data kennt unsere Bedürfnisse und formatiert die Kommunikation. Geht sie in den Blasen in Rückkopplungen über, die als Pfeifton enden? Werden Computer intelligenter, lernfähiger und schneller als wir unvollkommenen, fehleranfälligen Menschen? Diesen Dystopien übrigens hat Richard David Precht in seinem gerade erschienenen Buch viel Raum gegeben (Richard David Precht (2018): Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. München). Mehr wohl, als er eigentlich wollte. Mit der Utopie fällt es nicht so leicht. Ein Grund mehr, im August nach Lüneburg zu fahren.

Auch ganz kurz: In der Antike hieß Scholae so etwas wie Muße, frei sein von Geschäften. Ein Ort der Kultivierung und Bildung. Inzwischen heißt die häufigste Selbstbeschreibung des Alltags von Schülern – und auch von Studenten – »Bulimielernen«. Lernen und Vergessen. Durchkommen! Irgendwie. Man soll halt funktionieren und übt sich im alltäglichen Überleben statt im Leben.

Morgenröte

Die Digitalisierung könnte Arbeit und Alltag vom Funktionieren entlasten und eine Tätigkeitsgesellschaft mit Muße anbahnen. Schulen könnten dafür große Selbstversuche werden. Wenn viele in der Digitalisierung eine bedrohliche Supernova sehen, so wäre doch mit Phantasie und Energie auch eine Morgenröte zu erblicken! Und es ist nicht so sehr die Frage, was da kommt, sondern was wir daraus machen!

Könnte es nicht ein Chance für die Schulen sein, Orte zu schaffen? Der Utopie, also dem Nirgendwo, dem Nicht-Ort, den kultivierten Ort zugesellen? Orte von Schönheit. Orte, die Zukunft vorwegnehmen. Orte, die Zugehörigkeit, Verlässlichkeit und eine gewisse »Verwurzelung« ermöglichen. Gewissermaßen verwirklichte »Utopien«. In meinen Selbstgesprächen nenne ich es »Polder« im Sinne der holländischen Landgewinnung.

P. S.

In einem unserer Gespräche sind Elisabeth von Thadden und ich kürzlich auf diese Unterscheidung gekommen. Es gibt drei Hauptströmungen in der Gesellschaft: Gleichgültigkeit (Resignation, Rückzug ins Private), Verfeindungen (überall an der gereizten »Weltseele« zu beobachten) und schließlich Verabredungen. Aus ihnen könnte wieder Politik werden. Vielleicht eine vielstimmige Polytik. Das kann übrigens auch Spaß machen. Bestimmt!

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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