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Wie kann Schule und Unterricht die Erfahrungen draußen mit der Arbeit drinnen verbinden? Welche Potentiale bieten regelmäßige Draußen-Tage, Anbindungen an Fachprojekte, Kooperationen mit Wildnis-PädagogInnen oder der Ankauf eines Wald-Grundstücks?

Erfahrungslernen in der Natur hat eine lange Tradition – schon in den reformpädagogischen Schulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte das Lernen durch Erfahrung einen bedeutenden Raum neben dem Lernen mit Büchern bekommen. Und was wissen wir heute über Naturerfahrungen im schulischen und im außerschulischen Leben von Kindern und Jugendlichen? Zum einen gibt es Hinweise auf eine wachsende Naturentfremdung, zum anderen wissen wir um die Wirkung von Natur auf die mentale, soziale und physische Entwicklung.

Die Beiträge des kommenden Heftes geben Anregungen dazu, wie Naturerfahrung durch Schule stark gemacht werden kann. Wir fragen:

  • Wie können Regelschulen Naturerfahrungen ermöglichen – beispielsweise an regelmäßigen »Draußen-Tagen«, mithilfe langfristiger Projekte oder in gezielter Kooperation mit Wildnis-Pädagog(inn)en und Förstereien?
  • Wie können Schulen mitten in der Stadt Erfahrung von Natur ermöglichen – beispielsweise durch die Anlage kleiner Biotope als Forschungsfelder und die Einführung einer Mitbringkultur?
  • Wie können Reformschulen Impulse geben durch ausgedehnte Naturerfahrungen – beispielsweise durch eine Anbindung an Fachprojekte, eine Ausweitung von Waldtagen zu einer Waldwoche oder den Ankauf eines Grundstücks.

Austausch über Erfahrungen mit Naturerfahrung ist eher selten. Unsere Recherchen und Beispiele zeigen aber, dass es eine Tradition von Erfahrungslernen in der Natur gibt, über deren Praxis der Austausch lohnt.

Johannes Bastian

Naturerfahrung

Erfahrungslernen in der Natur, von der Natur, über Natur

Ulrike Quartier/Susanne Thurn

Warum sollen wir uns in der Schule mit unmittelbarer Naturerfahrung »draußen« statt mit guter Wissensvermittlung über Natur »drinnen« auseinandersetzen? Oder liegt darin gar kein Widerspruch? Wie können eigene Erfahrungen gemacht werden? Wie lassen sich nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse gestalten? Wie können »draußen« und »drinnen« zu einem tieferen Verständnis von Natur zusammengeführt werden?

Klassenfahrt, eine 6. Klasse einer inklusiven Gesamtschule entscheidet sich nach sehr langem Bedenken und Zögern, in ein Haus mitten im Wald eines Naturschutzgebietes zu reisen. Dort gibt es keinen elektrischen Strom, kein fließendes Wasser und auch keinen Empfang für die doch eigentlich unverzichtbaren kleinen Gerätschaften, mit denen man sich ständig die Welt in die eigene Hand holen kann.

»Das geht doch überhaupt nicht … eine ganze Woche auch noch … was sollen wir denn da den ganzen Tag über machen …«, so die Schülerinnen und Schüler. »Und wenn da was passiert … eine ganze Woche lang keinen Kontakt zu meinem Kind … wie sollen sich denn Kinder in dem Alter gut ernähren …«, so die besorgten Eltern.

Und dann passiert das Wunder: Die Türen des Busses öffnen sich am Eingang, aber doch schon inmitten von Wald – und die Kinder stürmen los! Der Wald hat sie ganz ohne »Unterricht« und »Pädagogik« für sich gewonnen. Eine Woche lang entdecken sie ihn, spielen in ihm, bauen kleine Staudämme am Bach und Zelte aus Zweigen, beobachten Tierspuren auf der Wiese und abseits der Waldwege, sammeln Beeren und Pilze, ohne sie gleich zu verspeisen, schauen nachts in einen Himmel voller Sterne in mehrdimensional sichtbaren Schichten … Sie hacken Holz für den großen Herd mit den Pfannen an der Wand und für den Kachelofen, kochen in riesigen Töpfen, wärmen später darauf das Brunnenwasser zum Spülen, kehren die Hütte, bevor sie in ihre Zelte drum herum schlüpfen. Sie phantasieren sich Waldgeschichten und spielen sie – sie versuchen, die Grüntöne in ihrer Vielfalt zu mischen und auf Papier zu bannen – sie finden sich in immer neuen Kleingruppen zusammen, erinnern sich gegenseitig an notwendige Verhaltensregeln im Wald zum Schutz der Tiere und Pflanzen, wie der Förster sie ihnen erklärt hat, erzählen sich ganz nebenbei viel aus ihrem Leben, lernen sich neu kennen und: spielen, spielen, spielen, wirken dabei wie befreit. Das unverzichtbar wichtige Fußballspiel, das vorab als Kompromissangebot für alle im Dorf angesehen werden sollte, wird einfach vergessen, Smart­phones nicht vermisst, Heimweh mit Hilfe der anderen gemeistert.

Die weitgehend unberührte Natur hat diese Stadtkinder, deren Leben sich vor allem in Räumen und auf Straßen, zudem viele Stunden in irrealen Sphären von Medien abspielt, für sich gefangen genommen.

Unvorstellbar? Nein, nicht wirklich. Wildnispädagoginnen und -pädagogen setzen darauf, dass Natur auf Menschen eine Wirkung hat, die sinnlich erfahrbar und geistig nachvollziehbar, deutlich spürbar und elementar bereichernd ist. »Natur wirkt«: Stress vermindernd, seelisch ausgleichend, wahrnehmend von Umgebung und selbst, Blockaden lösend, Probleme relativierend, Neues entdeckend, den Verstand fordernd, alle Sinne aktivierend und erweiternd, Mitmenschen neu sehend, den Körper aktivierend und kräftigend. Sie wirkt in schulischem Zusammenhang dann auf uns, wenn Pädagoginnen und Pädagogen um ihre Wirkung wissen, Kindern und Jugendlichen ihre je eigenen Erfahrungen ohne »Curriculum« ermöglichen.

Natur und Kultur verbinden

In indigenen Kulturen sind »das Land, die Lieder, die Rituale, die Feste und die Sprache von Natur aus miteinander verwoben und nicht von ihrer kulturellen Identität zu trennen.« (Hawken 2010, S. 147). Wir erleben und kennen ebenfalls einen starken Bezug zum Land und zur Natur in den überlieferten Märchen, Erzählungen, Bräuchen, Tänzen und mundartlichen Dialekten. Viel davon gerät im Schulalltag immer mehr in den Hintergrund und geht dabei auch verloren. Im »7. Jugendreport Natur 2016« werden Ergebnisse empirischer Studien vorgelegt, die die zunehmende Naturentfremdung mit wachsender Distanz von Kindern und Jugendlichen gegenüber Natur behandeln. In der Diskussion um dieses vielschichtige Thema in Deutschland wird die »Natursoziologie« noch nicht als eigene Disziplin anerkannt, sondern bisher anderen Disziplinen zugeordnet. Wie Naturerfahrung auf die mentale, soziale und physische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nachweisbar wirkt, beschreiben Raith und Lude (2014). Inzwischen haben selbst Krankenkassen erkannt, welche therapeutische Wirkung Naturerfahrungen haben können: Mecklenburg-Vorpommern hat als erstes Bundesland Kur- und Heilwälder im Waldgesetz verankert (Ärztezeitung 3. 3. 2016) und die AOK Nord-West finanziert viertägige Waldaufenthalte für 8. Klassen in der Nähe einer Umweltbildungsstätte, betreut von Team- und Naturtrainern (nach Armin Lude, Vortrag auf der Tagung »Natur verbindet!« Bielefeld 2016).

Einerseits können wir die Ursprache der Natur noch erkennen, die in ständigem Wandel eine unerschöpfliche Quelle für Ausdrucks- und Empfindungsmöglichkeiten bereithält. An­de­rerseits rückt die von Fachausdrücken geprägte Fachsprache in systematisierender und forschender wissenschaftlicher Arbeit zunehmend in den Vordergrund, selbst in Schulbüchern und Richtlinien. Das Thema und die Beiträge dieses Heftes versuchen, Brücken zu bauen zwischen den keineswegs unvereinbar gegensätzlichen Polen: »Explanation is the essential and vitally important work of the rational mind, but we must not loose sight of an equally important need for understanding, for contact with the realm of meaning, where we seek intimacy and connection with what has been ex­plained.« (Harding 2013, S. 19).

Draußenzeiten ermöglichen

Draußen beginnt alles mit Ruhe und Zuhören. Wenn wir es schaffen, bei uns selbst und den Schülerinnen und Schülern einmal den ständigen Gedankenfluss in seiner überwältigenden Dominanz zur Ruhe zu bringen, uns gemeinsam auf die Natur und ihre Geräusche, Gerüche und Berührungen einzulassen, gelingt es vielleicht, wieder klar und ohne Ablenkung wahrzunehmen. Diese Klarheit ist vor allem bei der ersten Erfahrung sehr beeindruckend. Selbst die Sprache, in der man sich ausdrückt, findet oft eine neue Form, die sich der Harmonie der natürlichen Geräusche und Klänge angleicht. Die Vielfalt der Natur ruft zudem Bilder hervor, die individuell geprägt und von großem ideellen Wert sind. Das Erlebte den anderen in einer Runde am Ende der Draußenzeit mitzuteilen vergrößert das Wissen innerhalb der Gruppe. Fühlen sie sich dadurch wertgeschätzt und gehört, erleben sie durch den Naturbesuch zudem Geborgenheit in der Gemeinschaft.

Erleben der Natur – tieferes Verständnis für sie und über sie – nachhaltigeren Umgang mit ihr.

Zukunftsweisende Schulen haben erkannt, wie notwendig es ist, Kindern und Jugendlichen in unserer Zeit Erfahrungs- und Bewährungsmöglichkeiten außerhalb von gemauerten Räumen und Straßenschluchten zu schaffen. Die Montessori-Schule Potsdam hat sich dafür am Schlänitzsee schon 2008 einen eigenen Raum erobert und lässt ihren Schülerinnen und Schülern im Schulcurriculum viel Zeit für verschiedenste Projekte an diesem besonderen Ort: alle Gruppen der Grundstufe verbringen dort einen Tag pro Woche, für Jugendliche in der Pubertät sind in ihrem 7. und 8. Schuljahr jedes Jahr acht ganze Wochen reserviert und auch die 9. und 10. Jahrgänge arbeiten an Projekten in der »Jugendschule« am Schlänitzsee statt nur aus Büchern im Klassenzimmer. »Jugendliche in der Phase der Pubertät lernen am Besten mit Gleichaltrigen zusammen sowie in Projektarbeit und, wenn irgend möglich, in der Natur, wo es für den ganzen Körper und den Geist etwas zu tun gibt. Das ermöglicht zugleich, ein tieferes Verständnis für die Natur zu entwickeln und einen nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt zu lernen und ganz konkret zu erproben.« (www.potsdam-montessori.de – Konzept – Geschichte und Perspektiven der Jugendschule am Schlänitzsee). Ein Motto hat sich diese Schule gegeben, das für alle Naturprojekte gelten sollte: »Freude am Wachsen«.

Beispiele, die Mut machen

Hat eine Schule einmal erkannt, wie wichtig es ist, über Natur nicht nur aus Büchern zu lernen, sondern Natur zu erfahren, sinnlich sich von ihr berühren zu lassen, sie für sich zu erkunden durch genaues Beobachten, Wahrnehmen, Entdecken, dann macht im Anschluss auch das Wissen darüber Sinn und vor allem, die Notwendigkeit, sie zu schützen als unseren Lebensraum, ohne den wir nicht leben können. Wenn es vor allem Schulprojekte in privater Trägerschaft oder mit besonderem Versuchsschulstatus sind, die hier Pionierarbeit leisten, ist das leider kein Zufall, sondern eher systembedingt. Dennoch: Ihr Wirken strahlt aus und macht Mut. Daher beschreiben die ersten drei Beiträge in diesem Heft die Arbeit von Regelschulen mit ihren eingeschränkteren Möglichkeiten.

Jakob von Au hat zusammen mit seiner Kollegin Uta Gade das Heidelberger Outdoor Education-Konzept entwickelt, forscht an der Pädagogischen Hochschule, setzt praktisch in seinem Gymnasium um, was er theoretisch erarbeitet hat, und bietet Fortbildungen für Kolleginnen und Kollegen an, die sich ebenfalls auf den Weg zu einem Outdoor-Konzept für ihre Schulen machen wollen. Durch seine Arbeit zeigt er, wie Forschung die Praxis und Praxis die Forschung bereichern kann – und sollte. Zugleich kann sein Beitrag ermutigen, Vorbehalte und Zweifel, ob Naturerfahrung in das strenge Reglement von Schulen passen kann, abzubauen. »Draußentage – Lernen mit Herz, Hand und viel Verstand« gibt vielfältige Anregungen, Lernen anders anzulegen und mehr Lernfreude zu schaffen.

Benno Dalhoff und Ulrich Dellbrügger haben schon seit Jahren in ihrem Gymnasium die Arbeit an der Natur, mit der Natur und in der Natur zu einem lebendigen Schwerpunkt gemacht. Ihr Beitrag »Renaturierungsprojekt Soestbach in Soest/Westfalen« beschreibt ihn. Die Ergebnisse ihrer Arbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern, und das ist das ganz Besondere daran, vermodern nicht folgenlos in Schulheften und Schulordnern, sondern werden durch politische Aktionen ins Bewusstsein der Bevölkerung und gefordertes Handeln der Gemeinde getragen, wirken also auf vielfältige Weise nachhaltig, nicht nur für die jungen Menschen.

Eine Schulpreis-ausgezeichnete Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg hat Naturerfahrung fest in ihrem Schulkonzept verankert, das gemeinsam mit Wildnispädagoginnen und -pädagogen sowie dem Forstamt der Gemeinde in einem fortdauernden, unabgeschlossenen Entwicklungsprozess entstanden ist. »Die Gemeinschaftsschule in der Taus ist wild auf Wald« – hier erleben nicht nur Kinder vielfältig, was Natur bewirkt und für sie leistet, sondern hier entdecken Jugendliche den Wald als Lernort und zudem ihre eigenen Stärken in seiner Pflege – manche finden dabei ihren Beruf. Astrid Szelest, die Autorin des Beitrages, leitet die Schulverwaltung der Stadt Backnang. Als Wildnispädagogin weiß sie zugleich, wie wichtig Naturerfahrungen für die Entwicklung junger Menschen sind: Ein besonderes Glück für diese Schule.

Viele unserer Schulen mitten in Städten liegen umgeben von gepflasterten Schulhöfen. Wald, Wiesen, Parks sind weit entfernt und nur mit viel Schulzeit-, Planungs- und Kraftaufwand erreichbar – unabhängig davon, wie wichtig man Naturerfahrungen für seine Schülerinnen und Schüler findet. Oft scheitern gute Vorsätze an den Gegebenheiten. Jürgen Klühr und Hagen Stenzel beschreiben in ihrem Beitrag »Immer mittwochs ist Waldtag. Naturverbindung an der Freien Naturschule im StadtGut«, wie mitten in Berlin Naturerfahrung möglich werden kann, auch wenn die eigene Schule im Grünen liegt. Mitten in der Großstadt kann man kleine Biotope schaffen, lässt sich Natur erleben und ihre Wirkungsweise erforschen an dem, was sich bei erhöhter Aufmerksamkeit »drumherum« finden lässt, wenn Freiräume für Entdeckungen ermöglicht werden.

Leichter haben es freie Reformschulen, zumal dann, wenn sie von Natur umgeben sind und ihr Name Franz von Assisi schon Programm ist! Sie können ihr Umfeld naturnah gestalten, in andere Naturregionen reisen und dort eine zeitlang leben, weitreichendere Naturerfahrungen ermöglichen, diese mit dem eigenen Curriculum verbinden, Gelerntes und Erfahrenes eher als Regelschulen so aufnehmen, dass es nachhaltig im Sinne von Natur-bewahren wirkt. Gundula Rieche und Maritta Vierlinger beschreiben, wie »Natur in der Schule und Schule in der Natur« verwirklicht werden kann. Das kostet Zeit … was seltsamerweise die Schülerinnen und Schüler offenbar nicht darin hindert, »am Ende« auch die staatlichen Vorgaben zu bewältigen: Vielleicht jedoch ganz und gar nicht »seltsamerweise«, vielleicht sogar »deswegen«. Folgerungen aus dieser Tatsache könnten für alle Schulen wichtig werden.

Einfach ab und zu in den Wald gehen gelingt jedoch schon lange nicht mehr: Zu viele naturschützende, forstrechtliche, unfallverhindernde und sonstige Bestimmungen verhindern spontane Unternehmungen. Will eine Schule einen dauerhaft festen und vielfältig geeigneten Ort für Naturerfahrungen und -projekte finden, muss sie sich mit langem geduldigem Atem auf einen steinigen Weg begeben. Die Schulprojekte an der Universität Bielefeld beschreiten ihn gerade. Ulrike Quartier, Rainer Devantié und Ian Voß beschreiben, was sie warum und für wen wollen, mit wem sie zusammenarbeiten, welche Hürden es zu überwinden galt und wie sich das Konzept im Vollzug mit allen Beteiligten entwickeln soll: »Ein Naturerfahrungsraum in der Stadt. Vom Konzept zur praktischen Umsetzung.«

Wissen und Zugehörigkeit entstehen und wachsen lassen, statt es auf einem vorgegebenen Weg vermitteln.

Besonders konsequent und vorläufig noch weit weg von deutschem Schulalltag sind Natur- und Gemeinschaftserfahrungen, die Jugendliche während ihres jeweils neunten Schuljahres verschiedener Schulformen in unberührter norwegischer Natur erleben dürfen. Günther Hoffmann beschreibt sein »Outdoor College – sieben Monate Schule in der Wildnis«. Nach ihrer intensiven Zeit in der »Wildnis« Norwegens kehren die Jugendlichen in den deutschen Schulalltag zurück, in ihre alten Schulen und selben Klassen, ohne Zeitverlust, jedoch vielfältig gewachsen an unersetzlich wichtigen Erfahrungen für ihr zukünftiges Leben. Sollte uns das nicht ermutigen, Schule wenigstens phasenweise neu zu denken und anders zu organisieren, gerade in der für alle Beteiligten schwierigen Zeit der Pubertät? Die Pläne von Günther Hoffmann jedenfalls sollen ähnliche Erfahrungen für Jugendliche demnächst mitten in Deutschland im Bundesland Hessen statt weit entfernt in Norwegen ermöglichen. (Projekte mit ähnlichen Zielen gibt es unter anderem zum Beispiel als ein Schulhalbjahr auf einem Segelboot www.ocean­college.eu – auch manche Internate bieten ihren Schülerinnen und Schülern Naturerfahrungen der besonderen Art außerhalb des Schulalltages – immer ist dies jedoch mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden und also nur für sehr privilegierte Familien möglich.)

Das Kollegium gewinnen

Schulentwicklung beginnt damit, dass Schulleitungsmitglieder, einzelne Pädagoginnen und Pädagogen oder eine Gruppe aus ihnen eine auf Zukunft weisende Idee haben – beispielsweise erwachsen aus der Überzeugung, dass Erleben von Natur in der Natur seelische, körperliche und geistige Wirkungen erzeugt. Schulentwicklung kann aber nur gelingen, wenn möglichst das ganze Kollegium dafür gewonnen werden kann, das Neue zunächst einmal zuzulassen, später selbst an der Umsetzung mit zu arbeiten. Berichte, Erzählungen und Erfahrungen aus anderen Schulen – wie in diesem Heft – können die Vorstellungskraft anregen: Geht das auch bei uns an der Schule? Wie kann ich verwirklichen, was mir dazu spontan einfällt – und mit wem? Leider bleibt es oft bei der Inspiration, die nach einiger Zeit wieder verfliegt, wenn daraus nicht Motivation wächst, die ansteckt.

In unserer Schule hat eine Gruppe dafür einen Fortbildungstag gestaltet, an dem das ganze Kollegium in Gruppen als erstes begleitet in den Wald gehen sollte, um selbst jene Erfahrungen zu machen, die Wirkungen erzeugen. Die Vorbereitungsgruppe hat auf dem Weg Natur verfremdet, beispielsweise Äste mit Beeren in »falsche« Sträucher gesteckt oder Pflanzen in den Boden »gepflanzt«, die dort nicht wachsen können, oder einfach farbige Bänder in Bäume eingeflochten. Wer aus dem Kollegium hat was überhaupt entdeckt? Daraus entstanden Gespräche und Einsichten über allzu flüchtiges Wahrnehmen oder eigenes Unwissen. Im Wald wurde das Kollegium angeregt, barfuß zu laufen und zu spüren, was sich auf dem Boden alles tut – ganz ruhig zu werden, Augen zu schließen, den Geräuschen des Waldes zu lauschen, Stille zu erfahren – den Blick einmal ungezielt schweifen zu lassen – den eigenen Blickhorizont bewusst wahrzunehmen – Spuren von Tieren zu finden, zu speichern oder abzuzeichnen, ihnen zu folgen und Bauten zu entdecken … Für viele Kolleginnen und Kollegen waren das Naturerfahrungen ganz neuer oder lange verschollener Art. Einige reagierten körperlich auf die Eindrücke und spürten, wie ein Gefühl früherer, aber verschütteter Naturverbundenheit zurückkehrte.

Die Vorbereitungsgruppe hatte sich auf die »Zauberkraft« des Waldes verlassen – und damit richtig gelegen: Das Kollegium konnte sich danach neu aufgeschlossen auf das einlassen, was ihnen an Inhalten durch Wildnispädagoginnen und -pädagogen vermittelt wurde. Am Ende des Tages hat sich so manche skeptische Haltung hin zu mehr Mut gewandelt, Neues auszuprobieren, gab es große Bereitschaft, Schulentwicklung in Richtung mehr Naturerfahrung aktiv mitgestalten zu wollen oder zumindest passiv zuzulassen.

Wildnispädagoginnen und Wildnispädagogen bieten über Wildnisschulen bundesweit Projekte als Fortbildungen für Schulen an, arbeiten mit Kollegien, vor allem mit Schülerinnen und Schülern. Ihr Konzept ist, auf leise und wertfreie Weise zu helfen, Wissen und Zugehörigkeit entstehen und wachsen zu lassen, statt es auf einem vorgegebenen Weg zu vermitteln, wie wir es aus dem Unterricht eher gewohnt sind. Wenn sie mit Schülerinnen und Schülern unterwegs sind, können sie dieses Vorhaben draußen meist selbstverständlicher zum Gelingen bringen, als Lehrerinnen und Lehrer, die einen (noch) anderen Anspruch an ihre Arbeit haben. Gut, wenn sie diese Erfahrung gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern machen. Mit der Zeit wächst das Verständnis füreinander und die Notwendigkeit der unterschiedlichen Zugänge an die Begegnung mit der Natur. Daraus kann ein rundes Konzept für eine Schule wachsen.

Literatur

Harding, Stephan (2013): Animate Earth. Science, Intuition and Gaia. Cambridge
Hawken, Paul (2010): Wir sind der Wandel. Emmerdingen
7. Jugendreport Natur 2016: Erste Ergebnisse. Natur Nebensache? Schriftenreihe der Universität Köln (www.natursoziologie.de)
Raith, A./Lude, Armin (2014): Startkapital Natur – wie Naturerfahrung die kindliche Entwicklung fördert. München

Vielfältige Anregungen für die eigene Weiterarbeit an unserem Thema finden sich darüber hinaus in:
Cornell, Joseph (2006): Mit Kindern die Natur erleben: Naturerfahrungsspiele mit Kindern und Jugendlichen. Mülheim an der Ruhr
Gebhard, Ulrich/Höttecke, Dietmar/Rehm, Markus (2017): Pädagogik der Naturwissenschaften: Ein Studienbuch. Wiesbaden
Louv, Richard (2012): Das Prinzip Natur: Grünes Leben im digitalen Zeitalter. Weinheim und Basel
Louv, Richard (2013): Das letzte Kind im Wald: Geben wir unseren Kindern den Wald zurück. Freiburg
Young, John/Haas, Ellen/McGown, Evan (2014): Grundlagen der Wildnispädagogik. Mit dem Coyote-­Guide zu einer tieferen Verbindung zur Natur. Extertal

Ulrike Quartier ist Diplom-Designerin, vielfältig im wildnispädagogischen Bereich ausgebildet und hat viele Jahre an der Laborschule Bielefeld gearbeitet. Heute koordiniert und begleitet sie das Projekt »Alter Schulgarten«.
Adresse: Laborschule Bielefeld, Universitätsstr. 21, 33615 Bielefeld
E-Mail: ulrike.quartier(at)uni-bielefeld.de

Dr. Susanne Thurn war Lehrerin, Hochschullehrerin, Schulleiterin der Laborschule Bielefeld, arbeitet jetzt in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und ist Mitglied der Redaktion von PÄDAGOGIK.
Adresse: Voltmannstr. 123e, 33619 Bielefeld
E-Mail: susanne.thurn(at)uni-bielefeld.de

Inhalt Magazin

 

Lang lebe die grüne Tafel!

Befürworter des Lernens mit digitalen Medien betonen deren Vorteile gegenüber traditionellen. So ist z. B. das interaktive Whiteboard ein multifunktionales Medium, das Tafel, CD/DVD-Player, Projektor und Karte (inkl. Ständer) in sich vereint: Funktionen plotten per Klick, Bildbetrachtung in HD-Qualität, Schulfernsehen immer verfügbar, interaktive Vulkanausbrüche und die ganze Welt des Internet, alles in einem. Per WLAN werden kompatible Endgeräte der Lernenden mit dem Whiteboard als gemeinsamem Präsentationsmedium verbunden. Der Visualisierung von Lerninhalten eröffnen sich neue Möglichkeiten, die digitale Unterrichtsplanung wird per Klick aufgerufen und die Kreidetafel zu einem Relikt aus alten Zeiten, das am besten abmontiert wird, um den Weg in die Digitalisierung zu symbolisieren (vgl. z. B. Mugge-Dinn 2017).

Intelligente Software wandelt Handschrift in Druckschrift um und Mathetools binden den Strich fix ans Lineal: Egal wie man die Hand schwingt, es entsteht immer eine Gerade. Dank der Technik entstehen Kreise aus einer ovalen Handbewegung. Die künstliche Intelligenz optimiert das Mängelwesen Mensch und zeichnet für ihn mit größter Präzision. Doch ist ein Oval kein Kreis und eine krumme Linie keine Gerade. Die Haptik, sprich die Tätigkeit der menschlichen Hand, entspricht nicht mehr ihrer Ursprünglichkeit. Kritiker mögen einwenden, dass auch auf der grünen Tafel oder im Heft Lineal und Zirkel benutzt werden. Es bedarf jedoch handwerklichen Geschicks und Konzentration, um eine exakte Zeichnung anzufertigen; verrutscht das Lineal, entsteht keine Gerade. Gleichsam müssen die analogen Medien nicht ständig kalibriert werden, um dann doch mit einer minimalen Abweichung oder Zeitverzögerung aufzuwarten.

»Begreifen« und »Ergreifen«

Die deutsche Sprache nutzt Worte wie »begreifen« und »ergreifen« für kognitive Vorgänge. Sie bedeuten etymologisch, etwas in die Hand zu nehmen. Da ertönt der Dreiklang Pestalozzis vom Lernen mit Kopf, Hand und Herz. Die Hand erfüllt ihrer Funktion für den menschlichen Körper eine ganze Fülle an Aufgaben, die ihm helfen, die Welt zu begreifen. Seit jeher dient sie der menschlichen Entwicklung, seinem Fortschritt und der Kommunikation. Jener Fortschritt hat es geschafft, dass zwei Finger auf einer gläsernen Oberfläche ausreichen, um darauf zu tippen, zu wischen und zu schieben (vgl. Groß 2015).

Die Arbeit mit der Kreidetafel erfordert handwerkliches Geschick. Ihre puristische Art macht sie einzigartig, obwohl interaktive Boards ihre originäre Aufgabe übernehmen können: Anschreiben. Das Betriebssystem ist die Kreide, den Support (Wischen) übernehmen Lernende meist freiwillig, Updates (z. B. neue Klebefolien) sind ohne Administrator möglich. Es entstehen keine Kosten für Software, Lizenzen oder neue Glühlampen. Die Begeisterung zum Beschreiben oder Vollkritzeln der meistens sechs Quadratmeter bereitet (Grundschul-)Kindern unglaubliche Freude. Dem motivierenden Aufforderungscharakter eines Whiteboards steht die Tafel in nichts nach. Mit der Zeit legt sich der Reiz jedes Mediums. Nur können hier gleich mehrere Kinder gleichzeitig Buchstaben nachspuren oder stumme Schreibgespräche führen als auf den kleinen Boards oder Tablets, den Seitenflügeln sei Dank.

Kritiker haben Recht, einmal ausgewischt ist das Tafelbild unwiederbringlich gelöscht, man kann es nicht digital speichern. Sein Inhalt aber ist idealerweise ins Heft zu übertragen und im Kopf abgespeichert. Tafelbilder zu übertragen und Diagramme im Heft zu erstellen fördert Konzentration und Lernen, es breitet sich eine meditative Stille in der Klasse aus, die entschleunigend wirkt. Beim Erstellen von Grafiken müssen sich Schüler Gedanken machen über Maßstab, gleichmäßige Einteilung, gegebenenfalls Verzerrungen; Dinge, die zu deren Interpretation essentiell sind. Das ist anstrengend, und das ist gut so, denn Lernen bedeutet (Heraus-)Fordern und Anstrengen. Schreiben lernt man nur durch Schreiben (auch Rechtschreibung) und Konstruieren nur durch Konstruieren. Die damit einhergehenden Lernchancen sind für Lernende gewinnbringender, als dies alles per Klick oder Kopie bereitzustellen. Erledigt das eine Maschine, werden Chancen vertan. Gleiches gilt für die Förderung der Feinmotorik.

Bildung braucht Muße

Bildung braucht Muße und keine Ökonomisierung des Präsentationstempos, um noch mehr Inhalte darzubieten und noch mehr Kompetenzen anzubahnen (vgl. Liessmann 2017). Die Größe der Kreidetafel ermöglicht es, größere Sachzusammenhänge zu präsentieren als auf einem Whiteboard. Auf einer Seite das Schrägbild der Pyramide, daneben ihr Netz, die Berechnung von Volumen und Oberfläche: alles gemeinsam entwickelt und auf einen Blick verfügbar.

Verbannen wir die grüne Tafel und ersetzen sie durch interaktive Whiteboards, dann begeben sich Lehrende und Lernende in die Hand der Technik: von Hardware, Software, Updates und Ideen der Programmierer; eine »Selbstversklavung des Menschen« (Groß 2015, S. 14). Der Philosoph Günther Anders sah den technischen Fortschritt als Entwertung des Menschen, da die Maschine diesen überflüssig macht. Sie wird vom Objekt zum Subjekt, das den Menschen zum Unfreien degradiert, der sich ihr unterwirft (vgl. Liessmann 2003).

Wer fordert, die Kreidetafel abzuschaffen und durch interaktive Whiteboards zu ersetzen, gibt unweigerlich einen Teil seiner Freiheit auf. Er verkennt die Stärken dieses zeitlosen Mediums. Es darf nicht heißen: Whiteboard oder Kreidetafel, sondern Kreidetafel und Whiteboard, so erweitern wir unsere Freiheit in der Wahl des Mediums für einen besseren Unterricht. Lang lebe die grüne Kreidetafel!

Klaus Proost ist Lehrer an der RS+FOS Konz.
Adresse: RS+FOS Konz, Hermann-Reinholz-Str. 2, 54329 Konz
E-Mail: k_proost@rsp-konz.de

Literatur

Groß, H. P. (2015): Vorwort des Herausgebers. In: K. P. Liessmann u. a. (Hg.): Vom Kopf zur Hand, … und dazwischen eine ganze Welt. Klagenfurt, S. 13 – 15
Liessmann, K. P. (2003): Die großen Philosophen und ihre Probleme. Wien
Liessmann, K. P. (2017): Bildung als Provokation. Wien
Mugge-Dinn, A. (2017): Ein Relikt aus alten Zeiten: Die Kreidetafel. In: PÄDA­GOGIK H. 11/2017, S. 48 – 49
https://www.duden.de/rechtschreibung/begreifen. Abruf 12.11.2017.

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Unicef stellt digitale Kluft fest

In seinem Jahresbericht 2017 hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef die Folgen der Digitalisierung für Kinder und Jugendliche weltweit analysiert. Dabei heben die Autoren zunächst ausdrücklich den Nutzen digitaler Technologien für benachteiligte Kinder hervor. Durch die Verfügbarkeit von digitalen Medien erhielten Mädchen und Jungen, die in Armut, in entlegenen Regionen der Entwicklungsländer oder in Krisengebieten aufwachsen, deutlich verbesserte Chancen für Lernen und Bildung. Denn über das Internet hätten Lehrer und Schüler Zugang zu Büchern und Arbeitsmaterialien, die ihnen ansonsten nicht zur Verfügung stünden. So könnten beispielsweise in Afghanistan Mädchen, die das Haus nicht verlassen dürfen, zu Hause online lernen.

Allerdings weisen die Autoren des Berichts auch darauf hin, dass einige Regierungen mit den Auswirkungen des technologischen Wandels bislang nicht mitgehalten hätten. Dies führe dazu, dass Millionen ohnehin benachteiligter Kinder und Jugendlicher noch weiter zurückgelassen werden.

Laut Unicef ist heute jeder dritte Internetnutzer jünger als 18 Jahre alt. Zugleich hätten aber weltweit geschätzt 29 Prozent der jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren keinen Internetzugang. Dies bedeute, dass etwa 346 Millionen Heranwachsende in den Entwicklungs- und Schwellenländern von der digitalen Welt ausgeschlossen seien. Vor allem in Afrika und in arabischen Staaten seien viele junge Leute unfreiwillig offline.

Dem Bericht zufolge nutzen in den Industrieländern rund 81 Prozent der Menschen das Internet, in den ärmsten Ländern der Erde beträgt der Anteil lediglich 15 Prozent. Da weit mehr als die Hälfte aller Webseiten in der englischen Sprach verfasst seien, könnten viele Heranwachsende deren Inhalte nicht verstehen.

Kinderpornographie als besonderes Problem

Ein besonderes Problem besteht dem Bericht zufolge darin, dass das Internet sexuellen Missbrauch von Jungen und Mädchen erleichtere und neue Wege des Kinderhandels eröffnet habe. Allein 2016 seien fast 57 350 Internetseiten mit kinderpornografischen Inhalten registriert worden. Rund 90 Prozent der einschlägigen Webseiten waren in Frankreich, Kanada, den Niederlanden, Russland und den USA ansässig. Zudem seien Kinder oft mit gewalttätigen und rassistischen Inhalten sowie mit Hass-Propaganda konfrontiert, oder sie könnten potenziell gefährliche Kontakte zu Unbekannten schließen. Die fortschreitende Vernetzung verschlimmere auch Phänomene wie Mobbing. Viele Eltern in Industrieländern fürchteten, dass intensive Internetnutzung ihrer Kinder zu Isolation und Depressionen führen könne. Vor diesem Hintergrund fordern die Autoren des Berichts, dass Politik und Wirtschaft größere Anstrengungen als bisher unternehmen, um die Jugendlichen zu schützen und zu stärken. Unicef-Direktor Anthony Lake forderte, dass Kinder konsequent ins Zentrum der Digitalpolitik gerückt würden. »In einer digitalen Welt besteht die doppelte Herausforderung, die Gefahren zu vermindern und den Nutzen des Internets für jedes Kind zu vergrößern.«

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Bildungsausgaben steigen weiter

Auch im Jahr 2016 sind die Ausgaben für Bildung weiter gewachsen. Insgesamt gaben Bund, Länder sowie Kommunen 128,4 Milliarden Euro aus. Das sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 3,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Pro Kopf wurden 1 576 Euro ausgegeben (2015: 1 510 Euro). Je Einwohner unter 30 Jahren lagen die Ausgaben bei 5 300 Euro. Fast genau die Hälfte aller Ausgaben (49,9 Prozent) entfiel auf die Schulen, ein knappes Viertel (23,2 Prozent) floss in die Hochschulen und 19,2 Prozent in Kindertageseinrichtungen. Für die restlichen Bereiche wie Bildungsförderung, Volkshochschulen oder die Jugendarbeit wurden 7,7 aufgewendet. Den mit Abstand größten Teil der Bildungsausgaben mit 90,6 Milliarden Euro finanzierten die Länder. Die Kommunen stellten 28,0 Milliarden Euro bereit, der Bund 9,8 Milliarden Euro.

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EU strebt bis 2025 einheitliche Bildungsstandards an

  Die EU-Kommission tritt für eine stärkere Angleichung der Bildungssysteme in allen Mitgliedsstaaten bis 2025 ein. Dazu hat sie einen Plan für eine sogenannte »Europäische Bildungszone« entwickelt. Er beinhaltet die gegenseitige Anerkennung von Schul- und Studienabschlüssen, eine Zusammenarbeit bei Lehrplänen, die Verbesserung von Computer- und Sprachkenntnissen und die Förderung des lebenslangen Lernens. Kommissions-Vizepräsident Jyrki Katainen betonte die Bedeutung von Bildung in einer sich wandelnden Arbeitswelt mit immer mehr Computern. In vielen Mitgliedsstaaten sei Bildung noch nicht Priorität, und die Standards seien nicht überall gleich. Der Kommissar räumte allerdings ein, dass für das Thema nicht die EU, sondern die Mitgliedsstaaten zuständig seien.

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Bafög-Förderung sinkt

Nach Angaben der Bundesregierung ist die Zahl der mit Bafög geförderten Studierenden und Schüler in den letzten vier Jahren um 16,7 Prozent gesunken. Der Rückgang sei vor allem auf die gute Wirtschaftslage in Deutschland zurückzuführen, denn wegen steigender Einkommen und Erwerbstätigenquote müssten weniger junge Menschen gefördert werden. Die Bundesregierung vertrat die Auffassung, dass der Rückgang durch die jüngste Bafög-Reform abgeschwächt worden sei. 

Bei Schülern stiegen die Förderbeträge in der Zeit von 2012 bis 2016 um 8,5 Prozent von 401 Euro auf 435 Euro. Bei Studierenden legten sie um 3,6 Prozent zu – von 448 Euro auf 464 Euro. 2016 wurden im Jahresdurchschnitt 377 000 Studenten und 147 500 Schüler gefördert.

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Feste Muster bei der Berufswahl

Wenn es um die Berufswahl geht, halten sich die althergebrachten Stereotype hartnäckig: Technische Berufe sind also noch immer eher Männersache und pädagogische sowie pflegerische Berufe werden eher von Frauen gewählt. Dies zeigen u. a. Daten des Statistischen Landesamts in Rheinland-Pfalz. Nur bei den kaufmännischen Ausbildungen zeigt sich hier keine klare Geschlechteraufteilung, diese Berufe werden von beiden Geschlechtern gern angewählt. 

In Zahlen bedeutet das für Rheinland-Pfalz, dass an berufsbildenden Schulen zu Beginn des laufenden Schuljahres bei jungen Frauen die Berufe Erzieherin (4 700), Gesund-heits- und Krankenpflegerin (3 000) und Kauffrau für Büromanagement (2800) dominierten. Viele der Schüler bevorzugten dagegen technische Berufe wie Elektroniker (4 600), Kraftfahrzeugmechatroniker (3 700) und Anlagenmechaniker (2 700). Diese Zahlen haben sich gegenüber dem Schuljahr 2016/17 kaum verändert. Insgesamt besuchten in Rheinland-Pfalz zu Beginn des aktuellen Schuljahres etwa 120 100 Jugendliche eine berufsbildende Schule, darunter waren 50 300 Schülerinnen.

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Kostenloses Kita-Jahr in Thüringen

In Thüringen ist das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung ist in Thüringen ab 2018/19 kostenlos. Der Landtag stimmte einem entsprechenden Gesetzentwurf der Landesregierung mit der Mehr heit von Linken, SPD und Grünen zu. Damit setzt die rot-rot-grüne Regierung drei Jahre nach dem Regierungswechsel eines ihrer großen Versprechen um. Nach Angaben des Bildungsministeriums sparen Eltern dadurch im Schnitt 1440 Euro pro Jahr pro Kind.

Um die Qualität in der Kinderbetreuung weiter zu verbessern, sollen auch mehr Betreuerinnen und Betreuer in den Kitas eingestellt werden. Das Gesetz sieht deshalb vor, die Betreuungsquote der Drei- bis Vierjährigen schrittweise zu senken. Derzeit kommt ein Erzieher auf 16 Kinder, bis August 2019 sollen es 12 Kinder sein.

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Ausbildung: Wenig Chancen für Ausländer und Hauptschüler 

Wer in Deutschland einen ausländischen Pass oder nur einen Hauptschulabschluss hat, hat kaum Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Dies zeigt eine vor kurzem veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zur beruflichen Bildung. Demnach kommt bundesweit gut die Hälfte aller Jugendlichen ohne deutschen Pass nicht an eine Ausbildungsstelle im dualen System oder Schulberufssystem. Ebenso schwer ist dies für Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss. In der Erhebung sind die seit 2015 nach Deutschland zugezogenen Schutz- und Asylsuchenden nicht berücksichtigt worden. 

Der »Ländermonitor berufliche Bildung 2017« untersucht die Ausbildungssituation in Deutschland sowie in jedem einzelnen Bundesland zwischen 2007 und 2015/2016. Insgesamt wurden 2016 demnach bundesweit von den Betrieben 80 000 duale Ausbildungsplätze weniger angeboten als noch 2007. Die Zahl der Bewerber ging in diesem Zeitraum noch viel stärker, nämlich um 155 000 zurück. Als »besonders dramatisch« bewerten die Autoren der Studie den Rückgang der dualen Ausbildung in den östlichen Bundesländern, in denen zwischen 2007 und 2016 die Zahl der Ausbildungsplätze um 40 Prozent und der Bewerber um 46 Prozent gefallen sei. 

Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2017 leicht auf 523 300 gestiegen. Dies waren etwa 3 000 Verträge mehr als im Vorjahr.

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Thüringen: Gehaltserhöhung für viele Lehrer

Seit Beginn des Jahres erhalten Regel- und Förderschullehrer im Rahmen einer Besoldungserhöhung zwischen 200 bis 500 Euro zusätzlich. Das Bundesland wendet nach Angaben von Finanzministerin Heike Taubert (SPD) etwa 10 Millionen Euro zusätzlich auf, um den Lehrerberuf in Thüringen attraktiver zu machen. Um dies zu erreichen, werden die verbeamteten Regel- und Förderschullehrer in höhere Besoldungsgruppen eingeordnet. Das Amt des Fachlehrers an allgemein- und berufsbildenden Schulen wird neu bewertet. Für Gymnasial- und Berufsschullehrer bliebe die bisherige Besoldungsgruppe bestehen. Es werden jedoch zusätzliche, höher dotierte Funktionsstellen wie Leiter einer Oberstufe oder Leiter einer Abteilung geschaffen.

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I bims

Noch nie gehört? Es handelt sich um das Jugendwort des Jahres 2017. Es bedeutet »Ich bin«, gilt aber auch als Synonym für »Ich bin‘s«. »I bims« ist eine unter Jugendlichen beliebte Wendung aus der sogenannten »vong«-Sprache, in der die Nutzer von sozialen Netzwerken im Internet Sätze verkürzen und mit Worten spielen. Dabei werden die Begriffe häufig absichtlich falsch geschrieben. In der Vorauswahl hatte die vom Langenscheidt-Verlag eingesetzte 20-köpfige Jury 30 Begriffe geprüft. Zuvor war »I bims« in einer unverbindlichen Online-Abstimmung auf dem letzten Platz gelandet. Spitzenreiter war der Ausdruck »geht fit« als Bezeichnung für etwas, das klar geht. Dahinter lag »napflixen« für ein Nickerchen während eines Films.
Die Jury entschied sich jedoch gegen das Online-Votum, weil die Wendung »I bims« eine deutliche größere überregionale Bedeutung habe.

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Mehr befristete Jobs trotz Boom

Trotz des Wirtschaftsbooms gibt es in Deutschland immer mehr prekäre Jobs, denn die Zahl der befristet Beschäftigten hat stark zugenommen. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre wuchs sie um mehr als eine Million auf rund 2,8 Millionen im Jahr 2016. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die in der Antwort auf eine Anfrage der Linken im Bundestag veröffentlicht worden sind. Damit stieg der Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten von 6,4 im Jahr 1996 auf 8,5 Prozent. Es sind besonders die Berufseinsteiger, die befristet beschäftigt sind. Bei den 24- bis 35-Jährigen stieg der Anteil von 9,6 Prozent vor 20 Jahren über 16,6 Prozent 2006 bis 18,1 Prozent im Jahr 2016. 

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeitet mehr als jeder dritte Betroffene unfreiwillig befristet. 36,5 Prozent gaben über alle Altersgruppen hinweg an, mangels Dauerstelle ein befristetes Arbeitsverhältnis eingegangen zu sein. 31,6 Prozent nannten einen Probevertrag als Grund. 25,7 Prozent befanden sich in Ausbildung. 6,2 Prozent hatten bewusst die Befristung gewählt.

Der Anteil an befristeten Arbeitsverhältnissen hängt auch von der Arbeitsmarktsituation ab. Der Anteil war bei den Hilfskräften mit 50,4 Prozent im Jahr 2016 am höchsten. Dies deutet darauf hin, dass Unternehmen knappe Arbeitskräfte eher mit dauerhaften Verträgen an sich binden und in Berufen mit hohem Reservoir Arbeitskräfte eher befristet beschäftigt werden. 

Der Bund Deutscher Arbeitgeber (BDA) wies angesichts dieser Zahlen darauf hin, dass mehr als zwei Drittel der befristet Beschäftigten eine Anschlussbeschäftigung erhielten und bezeichnete befristete Arbeitsverhältnisse als »Beschäftigungsmotor«.

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Hamburg: 300 neue Lehrer für Inklusion

Der Hamburger Senat und die Regierungsfraktionen im Hamburger Landesparlament, der Bürgerschaft, haben sich mit der Volksinitiative »Gute Inklusion für Hamburgs SchülerInnen« darauf verständigt, dass bis 2023 knapp 300 neue Lehrerstellen geschaffen werden, um die Bedingungen für den inklusiven Unterricht in der Hansestadt zu verbessern. Durch diese Einigung nach monatelangen Verhandlungen wurde ein möglicher Volksentscheid zu diesem Thema abgewendet. Nach der Vereinbarung werden vom kommenden Schuljahr an jährlich zusätzlich fünf Millionen Euro investiert, so dass im Schuljahr 2022/23 rund 25 Millionen jährlich für die neuen Stellen zur Verfügung stehen. Einige davon sollen Erzieherstellen sein, so dass insgesamt mehr als 300 zusätzliche Personen an den Hamburger Schulen arbeiten werden. Zudem sei vereinbart worden, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre 100 Millionen Euro für den Neubau barrierefreier Schulen und 35 Millionen Euro für Herstellung der Barrierefreiheit in bestehenden Schulen bis 2023 ausgegeben werden sollen. 

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Baden-Württemberg: Mehr Geld für Schulleiter

Die baden-württembergische Landesregierung will die Bezahlung der Schulleiterinnen und -leiter im Land verbessern. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erhofft sich davon nach dem schlechten Abschneiden baden-württembergischer Schüler in den jüngsten Bildungsstudien unter anderem eine Qualitätsverbesserung an den Schulen. Mit der Ankündigung kommt er außerdem einer langjährigen Forderung von Lehrerverbänden und Kommunen entgegen, die wegen der geringen Zahl von Bewerbern auf Schulleiterposten eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie der Bezahlung gefordert hatten. Nach Angaben des Kultusministeriums bewerben sich auf die Führungspositionen bei Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen im Schnitt 1,4 Kandidaten, bei Gymnasien 1,7 und bei beruflichen Schulen 1,4. 

Nun soll Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ein Konzept erarbeiten, das eine Verbesserung vor allem für die Grundschulen und die weiterführenden Schulen außer der Gymnasien vorsieht. Die Schulleitungen an Gymnasien würden bereits auf einer hohen Besoldungsstufe entlohnt. Nach Kretschmanns Vorstellungen soll sich ein Schulleiter vor allem um die Personalführung, die pädagogische Grundstimmung an der Schule und die Einheit des Kollegiums kümmern. Von den kommunalen Schulträgern bezahlte Verwaltungsassistenten könnten den Schulleiter von Bürokratie entlasten.

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In Brandenburg und Thüringen fällt viel Unterricht aus

Der Lehrermangel führt in manchen Bundesländern zu wachsendem Unterrichtsausfall. So erreichte die Zahl der ersatzlos ausgefallenen Stunden in Brandenburg im Schuljahr 2016/2017 mit 2,1 Prozent den höchsten Wert seit zehn Jahren. Das politisch ausgerufene Ziel, den Unterrichtsausfall in Brandenburg zu verringern, liegt damit in weiter Ferne. Um den durch steigende Schülerzahlen, Pensionierungen und Krankmeldungen verursachten Lehrermangel zu mildern, stellt das Kultusministerium immer mehr Seiteneinsteiger ein und schickt sie nach kurzer Einarbeitung in die Klassen. 

Nach Angaben des Bildungsministeriums sind in Brandenburg im vergangenen Schuljahr auf 255 127 Stunden Unterricht ausgefallen. Außerdem konnten mehr als zehn Prozent der rund 12,2 Millionen Pflichtstunden nicht von fachlich dafür qualifizierten Kolleginnen und Kollegen erteilt werden.

In dem ostdeutschen Bundesland sind bereits knapp 10 Prozent der rund 19 000 Lehrkräfte Seiteneinsteiger. Diese Zahl wird nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in den kommenden Jahren zunehmen, da der Markt leergefegt sei. Um die Qualität zu heben, will das Bildungsministerium spätestens ab 2019 die bisherige berufsbegleitende 200-Stunden-Schnellausbildung der Seiteneinsteiger durch ein dreimonatiges Qualifizierungsseminar ersetzen. 

Auch an den Schulen des Nachbarlandes Thüringen fällt weiterhin viel Unterricht aus. Nach Angaben des Bildungsministeriums waren bis November 2017 an allgemeinbildenden Schulen 5,5 Prozent des Unterrichts ausgefallen, das sind knapp 17 000 Schulstunden. Im Herbst 2016 hatte die Quote bei 5,0 Prozent gelegen. Weitere 6,2 Prozent des Unterrichts (19 000 Stunden) wurden bis zu diesem Zeitpunkt fachfremd oder fachgerecht vertreten. Auch Thüringen setzt zur Lösung des Problems auf Quereinsteiger. Nach Angaben eines Sprechers von Bildungsminister Helmut Holter (Die Linke) müssten jedoch auch Schulgrößen diskutiert werden. Je kleiner eine Schule sei, desto schwieriger lasse sich fachgerechte Vertretung organisieren. Kleine Schulen sollten jedoch nicht schließen, sondern mitein­ander kooperieren. 

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Sachsen-Anhalt: Mehr Geld für Schulsanierung

Die Landesregierung in Sachsen-Anhalt will den Kommunen künftig doppelt so viel Zuschüsse wie bisher für Schulsanierungen zur Verfügung stellen. Bisher können sich Kommunen zehn Prozent der Kosten für allgemeine Sanierungsarbeiten vom Land erstatten lassen, für den Rest der Haushaltsperiode sollen es 20 Prozent sein. Die Zuschüsse werden über ein Schulsanierungsprogramm mit dem Namen »Stark III« ausgezahlt, bei dem der Fokus auf der energetischen Sanierung der Gebäude liegt. Diese wird auch von der Europäischen Union (EU) gefördert. Mit der Aufstockung der Mittel reagiert das Land unter anderem auf die gestiegenen Baupreise.

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Niedersachsen: Gymnasiallehrer helfen an Grundschulen aus

Der neue niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) will den Unterrichtsausfall an den Grundschulen des Landes damit bekämpfen, dass Gymnasiallehrer zu Beginn ihrer Anstellung zunächst an Grundschulen arbeiten sollen. Damit soll zugleich eine Lehrerreserve aufgebaut werden, die dann bei der bereits beschlossenen Rückkehr zum G8 genutzt werden kann.

»Wir haben vor allem ein Problem im Grund-, Haupt- und Realschulbereich, während ausreichend ausgebildete Gymnasiallehrer zur Verfügung stehen«, sagte Tonne mit Blick auf das aktuelle Problem in vielen Bundesländern, genug Grundschullehrer auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Die Abordnung der Lehrkräfte-Reserve solle bis zu zwei Jahre dauern. Ab 2020 werden die Kolleginnen und Kollegen dann an den Gymnasien und Kooperativen Gesamtschulen des Landes benötigt. 

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Schleswig-Holstein: Rückkehr zu G9 beschlossen

Nach Ländern wie Bayern und Niedersachsen hat nun auch Schleswig-Holstein die flächendeckende Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren an Gymnasien beschlossen. Für eine entsprechende Änderung des Schulgesetzes stimmten im Landtag die Fraktionen der Regierungsparteien CDU, Grüne und FDP sowie die AfD. SPD und SSW votierten dagegen.

Im laufenden Schuljahr bieten 84 von 99 Gymnasien im Land ein Abitur nach acht Jahren an. Dies soll auch künftig möglich sein, aber nur, wenn drei Viertel der Mitglieder der Schulkonferenz dies beschließen. Für alle anderen Schulen wird das G9 zum Schuljahr 2019/20 eingeführt. 

Schulministerin Karin Prien (CDU) sagte anlässlich des Landtagsbeschlusses, es sei der Regierung ein zentrales politisches Anliegen, Schülern wieder mehr Zeit zum Lernen, zum Vertiefen und auch für Sport, Musizieren und gesellschaftliches Engagement zu geben.

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Studie: Zahl der Studienanfänger bleibt langfristig hoch

Die Zahl der Studienanfänger bleibt voraussichtlich bis zum Jahr 2050 mit mehr als 425 000 pro Jahr auf konstant hohem Niveau. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des CHE Centrums für Hochschulentwicklung. Bereits seit Anfang dieses Jahrzehnts liegt die Zahl der Studienanfänger in Deutschland bei rund einer halben Million. Im Jahr 2005 hatten nur 350 000 Menschen ein Studium begonnen. Für die Zeit nach dem Jahr 2050 sagen die Autorinnen und Autoren der Studie einen Rückgang der Zahl der Erstsemester voraus. Unter die Marke von 425 000 werde die Zahl aber auch dann nicht sinken. 

Die der Studie zugrundeliegenden Modellrechnungen basieren auf Annahmen über die demografische Entwicklung und die Zahl ausländischer Studenten. Diese Annahmen führen zu dem Ergebnis, dass auch ohne einen Anstieg der Studienneigung »ein Ende des Hochplateaus der Studiennachfrage in Deutschland nicht in Sicht ist«. 

Die Daten sind bedeutsam für alle westlichen Bundesländer, denn mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz wird dort die Studiennachfrage bis 2050 teilweise erheblich über den jeweiligen Studienanfängerzahlen des Jahres 2005 liegen. Das bedeutet, dass entsprechende Kapazitäten vorgehalten und finanziert werden müssen.

Zwischen 2011 und 2015 hatten Bund und Länder gut 13 Milliarden Euro für neue Studienplätze bereitgestellt. Nach Angaben ihrer Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz konnten mit der zweiten Programmphase des »Hochschulpakts 2020« über 720 000 mehr Erstsemester ein Studium aufnehmen, als dies ohne das Programm möglich gewesen wäre. Über die Gesamtlaufzeit des Hochschulpakts von 2007 bis 2023 will der Bund 20,2 Milliarden Euro bereitstellen, die Länder 18,3 Milliarden Euro. Derzeit studieren in Deutschland rund 2,8 Millionen Menschen.

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Materialien

Lern- und Arbeitstechniken trainieren

Wie kann man das Lernen lernen? Welche Arbeitstechniken erleichtern den Lernprozess? Mithilfe des vor kurzem erschienenen Buches »Methodenkompetenz: Lerntechniken – Arbeitstechniken« lernen Schülerinnen und Schüler der 6. – 9. Klasse, verschiedene Lern- und Arbeitstechniken anzuwenden. Sie setzen sich mit der Bedeutung des Lernens auseinander, erarbeiten Techniken, wie die Arbeit mit der Lernpatience und reflektieren den Einfluss von Motivation, Konzentration und Zeitplanung auf ihren eigenen Lernerfolg. Dabei erarbeiten sie selbstständig wirksame Strategien. Sie setzen sich etwa mit der Bedeutung des Lernens und mit begünstigten Faktoren auseinander, machen sich Techniken vertraut und reflektieren den Einfluss von Motivation, Konzentration und Zeitplanung auf ihren eigenen Lernerfolg. Selbsterkenntnis macht den Unterschied zwischen dem Frontalunterricht und der eigenen Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Dies wird besonders am Beispiel des aktuellen Bandes deutlich. Denn die Klasse beschäftigt sich etwa eingehend mit der Technik »Lernen mit Bildern im Kopf«. Nach einer Entspannungsübung und einer Reflexion der eigenen Erfahrungen spielen die Kinder und Jugendlichen das »Kofferpacken-Spiel«. Dabei gilt es, sich in der richtigen Reihenfolge eine wachsende Anzahl an Gegenständen zu merken. Das klappt zumeist bis zu 20 oder 30 Objekten recht gut. Nun erleben sie, wie sie durch »Bilderlernen« die Anzahl auf beeindruckende 80 bis 100 erhöhen können.

Der Autor Matthias Johler gibt auf partnerschaftliche Art wertvolle und motivierende Anregungen, die einem großen Teil der Klasse das Lernen und die Arbeitsorganisation erleichtern werden. Mit Eselsbrücken, Arbeitstipps oder einem Coaching weckt er die Neugier und die Freude daran, sich neue Fertigkeiten und neues Wissen anzueignen. Das Buch ist im Verlag Klippert-Medien erschienen und kann zum Preis von 23,40 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN: 978-3-403-09256-8).

Politische Bildung in der Schule

Junge Menschen zur selbstbestimmten Teilhabe an unserer Gesellschaft, zur aktiven Mitgestaltung unserer Demokratie zu befähigen – das ist wesentliches Ziel schulischer Bildung und deshalb so in allen Schulgesetzen vorgegeben. Jugendliche sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen für sich und andere, für Natur und Umwelt. Insbesondere sollen sie Menschen unterschiedlicher Herkunft und Überzeugen vorurteilsfrei begegnen, die Werte unterschiedlicher Kulturen kennenlernen und für ein friedliches, diskriminierungsfreies Zusammenleben einstehen. Die Schule soll also ein Ort der Offenheit und Toleranz sein, ein Ort, an dem junge Menschen vor allem eines erkennen: Dass die Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft niemals zur Disposition stehen dürfen. So gesehen ist schulische Bildung immer auch politische Bildung, ist politische Bildung Aufgabe aller Fächer. Dies ist die Grundposition der vor kurzem erschienenen von Burkhard Jungkamp und Marei John-Ohnesorg herausgegebenen Broschüre »Politische Bildung in der Schule – Zeitgemäße Ansätze in Zeiten des Populismus«. Die Autoren suchen insbesondere nach Ansätzen, um der seit einiger Zeit grassierenden Angst- und Bedrohungsrhetorik entgegenzutreten. Hinweise dazu wurden im Februar 2017 in einer Konferenz des Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung erörtert. Die Beiträge der Broschüre gehen auf diese Konferenz zurück. Dabei wird deutlich: Wer Populismus entzaubern will, muss zunächst einmal wissen, was Populismus ist – Populismus zu entzaubern, bedeutet auch, zu begreifen, wie er entsteht. Die Broschüre enthält dazu viele interessante und weiterführende Hinweis. Sie ist als PDF unter der folgenden Adresse herunterzuladen: http://library.fes.de/pdf-files/studienfoerderung/13881.pdf.

Digitale Lernplattformen in der Schule

Der Einsatz von Lernplattformen an deutschen Schulen hat immer noch Seltenheitswert an deutschen Schulen – zu groß sind die finanziellen und rechtlichen Hürden. In Sachsen-Anhalt wird seit einigen Jahren damit experimentiert, und in der Broschüre »Moodle@Schule: Arbeiten mit Lernplattformen an Schulen in Sachsen-Anhalt« werden wichtige Erfahrungen zusammengefasst. Sie beruhen auf den Ergebnissen des Modellversuchs KALSA, der mit 37 Schulen der Sekundarstufe I von 2009 bis 2012 durchgeführt wurde, den Erkenntnissen des ESF-Fortbildungsprojektes BeST@Webschule für 40 Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen (2010 bis 2012), den technischen Gegebenheiten und organisatorischen Erfahrungen des aktuell stattfindenden ESF-Fortbildungsprojektes moodle@-schule für über einhundert Lehrkräfte aller Schulformen sowie dem Feedback zahlreicher Schüler.

Die Autoren der einzelnen Beiträge knüpfen an die tägliche Unterrichtspraxis an und zeigen, wie sich eine gute Praxis durch elektronische Tools sinnvoll erweitern lässt. Die Handreichung wird – dem Thema angemessen – durch eine elektronische Lernplattform ergänzt, auf der Audiodateien, Videos, Dokumente und Internetseiten zur Verfügung gestellt werden. Die Handreichung ist unter https://moodle.bildung-lsa.de/lisa/pluginfile.php/7124/mod_resource/content/1/Moodle_CC_BY_SA_web.pdf kostenlos im Internet zu beziehen.

Wie geht eigentlich Demokratie?

Für die Schülerinnen und Schüler spielt das schier unerschöpfliche Videoportal Youtube eine wichtige Rolle bei der Bildung, sie beziehen hier einen großen Teil ihrer Informationen. Wer als »Youtuber« Filme dreht und bei Youtube hochlädt, kann es unter Jugendlichen zum Star bringen. Einer der bekanntesten Youtuber in Deutschland ist Florian Mundt, der sich im Internet LeFloid nennt. Anders als jene, die eher belanglose Schminktipps oder Veranstaltungshinweise hochladen, verfolgt er ein gesellschaftlich engagiertes Programm. Auf seinem Youtube-Kanal bespricht LeFloid auch aktuelle politische Themen mit überdrehtem Witz. Durch sein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor zwei Jahren ist er auch über seine Fangemeinde hinaus bekannt.

Nun wechselt er das Medium; er hat zusammen mit dem Lehrer Jonas Lanig ein Buch zu politischem Basiswissen veröffentlicht, das sich an Schülerinnen und Schüler richtet, denen der herkömmliche Politikunterricht nicht spannend genug ist. Darin geht es um das politische System der Bundesrepublik, vom Grundgesetz bis zum Vermittlungsausschuss, sowie um die Grundsätze der Parteien und internationale Politik. Die demokratische Auseinandersetzung um das bessere Argument wird beispielhaft in tabellarischen Auflistungen zu Themen wie Auslandseinsätzen der Bundeswehr, staatlichen Leistungen oder Bildungsföderalismus behandelt. Immer wieder streuen die beiden Autoren »Fun Facts«, Interviews mit bekannten Politikern und Tipps zum Umgang mit Fake News ein. Den beiden Autoren ist wichtig, dass sich junge Menschen selbst in das politische Geschehen einmischen. So lautet eine Überschrift »Warum du wählen gehen solltest«, ein anderes Kapitel heißt »Was wir tun können, um etwas zu verändern«. Das Buch »Wie geht eigentlich Demokratie?« ist im Fischer Verlag erschienen und kann zum Preis von 12,– Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-73350-4229).

Die kleine Landfibel

Obwohl wir jeden Tag die Produkte der Landwirtschaft genießen – die frische Milch, einen knackigen Salat oder einen Gemüseauflauf – kommen gerade Menschen, die in Städten leben, viel zu selten mit der Landwirtschaft in Berührung. Dabei wird 45 Prozent der Fläche in Deutschland landwirtschaftlich genutzt, in rund 300 000 landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten nahezu eine Million Menschen. Die Broschüre »Entdecke das Land – die kleine Landfibel«, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft herausgegeben worden ist, enthält viele Informationen, die für den Unterricht in Geografie, Biologie, Politik und Wirtschaft genutzt werden können. Sie ist kostenlos unter http://bit.ly/2m29yeY herunterladbar.

Kristina Osmers

Führungs-Nachwuchs-Förderung (FüNF)

Wie kann die Übernahme von Führungs­aufgaben unterstützt werden?

Zu beobachten ist eine Kluft zwischen der Bedeutung von Führungsaufgaben auf der einen und dem Mangel an Bereitschaft zur Übernahme solcher Ämter auf der anderen Seite. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Und: Wie können Lehrerinnen und Lehrer interessiert, ermutigt und befähigt werden, sich für die Übernahme von Führungsaufgaben zu entscheiden? Im Beitrag werden Erfahrungen eines Pilotprojekts in Niedersachsen vorgestellt, die Lehrkräfte und Administration gleichermaßen interessieren können.

Von 1968 lernen?! – 4. Folge

Rudolf Messner

1968: Universitäts- und Lehrerbildungsreform als Impuls für Schulerneuerung

Schulerneuerung zwischen Totalkritik und schrittweiser Praxis-Reform

Erfahrungen mit selbst gestalteten Seminaren und die Durchsetzung von Möglichkeiten der Mitgestaltung der Institution Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre waren für sehr viele angehende Lehrerinnen und Lehrer erste Erfahrungen der Veränderung von Lehr-Lern-Prozessen und ihrer institutionellen Bedingungen. Wie haben sich diese Erfahrungen auf die Reform der Lehrerbildung und schließlich auf Veränderungen der Schule in den 70er und 80er Jahren ausgewirkt? Und lässt sich aus diesen Erfahrungen für heute etwas lernen?

Tamara Gerth

Auch Lehrkräfte haben ein Recht auf digitale Nichterreichbarkeit!

Dienstliche Kommunikation wird inzwischen häufig und ganz selbstverständlich digital erledigt. Meist werden dazu die eigenen Computer oder Smartphones genutzt. Auch die Erwartung an die Erreichbarkeit in dienstlichen Angelegenheiten hat sich den Gewohnheiten des nicht dienstlichen Alltags angepasst. Deshalb fragen wir hier nach den Grundlagen und Risiken einer solchen Praxis. Gibt es ein Recht auf digitale Nichterreichbarkeit? Welche Risiken sind mit der ungeschützten Übermittlung personenbezogener Daten verbunden? Wie lässt sich eine Balance zwischen Arbeits- und Privatleben bewahren oder wieder herstellen?

Jörg Schlömerkemper

Forschung für Lehren und Lernen

Einmal im Jahr werden aktuelle erziehungswissenschaftliche Publikationen vorgestellt, die einen für Lehrkräfte interessanten und angemessen aufbereiteten Beitrag zu Fragen des Lehrens und Lernens leisten. In diesem Jahr werden Beiträge zur Ganztagsschulforschung, zu subjektiven Theorien von Lehrkräften über außerschulisches Lernen, zur Berücksichtigung von Wissen über die soziale Herkunft von Schülerinnen und Schülern sowie ein Vergleich des Unterrichtsverständnisses in deutschen und chinesischen Lehrwerken und Didaktiken (mit erstaunlichen Ergebnissen) vorgestellt.

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