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30. April 2018

Die Schülerin Emma Gonzales aus Parkland in Florida verlas vor 800 000 meist jungen Menschen, die dem Ruf zum Marsch auf Washington gefolgt waren, die Namen der 14 Schüler und drei Lehrer, die von einem ihrer Mitschüler getötet worden waren. Kurz vor der Demo wurden in den USA wieder zwei Schüler von einem Jugendlichen erschossen. In den fünf Wochen zwischen den Morden in Parkland und der Demo waren es 70.

Als Emma Gonzales die Namen verlesen hatte und weinte, schwieg sie sechseinhalb Minuten. So lange hatte der Mörder mit einem Schnellfeuergewehr gewütet, das auch Minderjährige an jeder Straßenecke ganz regulär selbst bei Campingausstattern kaufen können.

Leben

Beobachter bezeugen, sie hätten noch nie eine solche Kraft gespürt, wie in diesen sechseinhalb Minuten. Die Ratlosigkeit, die eingestanden und ausgehalten wurde, ging bei den Jugendlichen in die Zuversicht über, dass sie jetzt nicht mehr einfach zusehen werden. Jetzt wird es auf sie ankommen. Sie wollen auf die aktive Seite wechseln. Überall im Land gingen sie und mit ihnen viele Lehrer und andere Erwachsene auf die Straße. In mehr als 800 Städten gab es Demos. In New York kamen 150 000 Menschen.

Nun ist es nicht das erste »Schulmassaker« in den USA. Es wird auch nicht zum ersten Mal die Waffengesetzgebung angeprangert. Aber noch nie war die Resonanz so stark. Und noch nie traten Jugendliche so auf wie Emma Gonzales. In ihnen hätte man Wochen zuvor ganz normale Jugendliche gesehen. Eher dem Konsum und vor allem ihren Smartphones und den sogenannten sozialen Medien verfallen. Eine narzisstische Generation. Nun sagt Cameron Kasky aus Parkland vor den 800 000 Anwesenden und Millionen in den Medien: »Die Revolution heißt euch willkommen. Seit diese Bewegung angefangen hat, haben viele mich gefragt: Glaubst du, dass sich daraus irgendeine Veränderung ergeben wird? Schaut euch um. Wir sind die Veränderung.«

Sie riefen zum »Marsch für unserer Leben« auf. Es geht ihnen nicht nur da­rum, den Verkauf von Schnellfeuergewehren zu regulieren. Sie wollen ihr Leben ergreifen und es sich nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Hören wir noch einmal Emma, wie sie Trump antwortet. Der hatte sich nicht für weniger, sondern für mehr Waffen eingesetzt. Er wollte, sagte er unter dem Beifall der mächtigen Waffenlobby, die Lehrer mit Pistolen und Gewehren ausstatten. Daraufhin fragte Emma in einem Interview, ob sich denn die Lehrer ihre Waffen selbst kaufen müssten? Oder ob die Schulen Waffenlager haben würden? Müssten Lehrer die Waffen im Unterricht tragen oder würden sie gesichert aufbewahrt? Könnte ein Schüler dem Lehrer die Waffe entwenden, wenn er neben ihm steht? Und wenn die Pistolen und Gewehre weggeschlossen seien, wie kämen Lehrer an sie heran, wenn ein Attentäter das Klassenzimmer betritt?

Worte

So entwaffnend waren pragmatische Fragen selten. Und vielleicht wird das ja eine Signatur dieser Jugendlichen, einer Generation, von der wir noch hören werden: pragmatisch und radikal. Nicht ideologisch. Ideologien finden heute ihr Endlager rechts. Da ist derzeit Gedrängel. Emma Gonzales und ihre Freunde entdecken die Lust am Handeln. Sie ergreifen das Wort. Und wenn sie einmal die Erfahrung von Intensität gemacht haben, wollen sie aus der Arena des Lebens nicht mehr zurück auf die Zuschauerbank.

Zu diesem »Empowerment« passt ein anderes Ereignis, das zur gleichen Zeit die USA erschüttert und ebenfalls global wahrgenommen wird. Facebook verliert seine Unschuld. Es ist viel von den 50 Millionen Profilen berichtet worden, die an eine windige Company verkauft wurden, um dem Monsterkandidaten Stimmen nach allen Regeln der Verführungskunst zu bringen.

»Facebook ist und bleibt kostenlos.« Das ist das erste, was man auf dessen Internetseite liest. Langsam werden die Kosten für jedermann sichtbar und als Grammatik des am weitesten entwickelten Kapitalismus erkennbar: Die Verwertung unserer Aufmerksamkeit, ja unseres Lebens, auch der Wünsche und Gefühle, all dessen, was wir selbst nicht so genau kennen – und manchmal auch gar nicht wissen wollen. Es ist nicht der sogenannte Datenmissbrauch der 50 Millionen Profile. Das ganze Geschäftsmodell beruht auf Missbrauch. Noch nie wurde so deutlich, dass das Verwerten des Lebens zur Ware unweigerlich zu seiner Entwertung führt.

Um möglichst viel vom knappen Gut Aufmerksamkeit zu gewinnen, müssen die geheim gehaltenen Algorithmen von Facebook, Google, Amazon & Co die Belohnungssysteme unseres Gehirns, an denen auch die Konzerne forschen, so ansprechen, dass wir süchtig werden. Sucht gehört zu den menschlichen Möglichkeiten, klar, aber dass unsere Alltagskommunikation zielstrebig in die Sucht getrieben wird, das wird heute zu einer der ersten Fragen des Datenkapitalismus. Also von Politik. Aber was macht die Politikerpolitik? Sie will nicht vom Kapitalismus reden.

Technik

Nun wird es interessant zu beobachten, was passiert, wenn Jugendliche, die dem süßen Gift von Smartphone, YouTube, WhatsApp verfallen sind, den Spieß umdrehen? Wenn sie, wie es beim »Marsch für unser Leben« der Fall war, das Internet als Instrument und Medium genial nutzen, wenn sie es als produktives Instrument und Medium – es ist ja beides – in die Hand nehmen. Wenn sie aus der dürftigen Welt von Funktionieren und Konsumieren ausbrechen und die Vita Activa, das Handeln und Gestalten entdecken – mit der Technik, nicht ohne oder gegen sie.

P. S.

Müsste dafür nicht die Schule ein Ort werden?

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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