Alexa kommt

3. April 2018

Alexa steht im Wohnzimmer. Sie kann hören und sprechen. So scheint es wenigstens. Kleine Kinder müssen sie für die mächtigste Mitbewohnerin halten. Im Grundberuf ist Alexa Lautsprecher. Als solcher stand sie im Mediamarkt zunächst bei den anderen Boxen. Inzwischen steigt sie zum High­end der Computer auf. Wird sie bald als Königin herrschen?

Alexa ist auch Mikrofon. Sie hat nicht nur ein Mikrofon, sie ist eines! Sie drängelt sich gewissermaßen ins Sein, das häufig zur Brache geworden ist. Darüber müssen wir nachdenken. Aber erst mal konkret: Alexa kann Wünsche erfüllen. Zum Beispiel Musikwünsche. Statt auf die Tasten der Fernbedienung zu drücken, spricht man einfach in den Raum, nennt das Stück oder verlangt eine Rundfunksendung. Sie sagt »Ja bitte«, und schon ist der Wunsch erfüllt.

Alexa, so das Ziel ihrer Hersteller, soll alle Geräte im Haushalt von der Jalousie, über den Kühlschrank bis hin zu unseren Smartphones und Laptops ansprechen. Sie soll ein Knoten sein, der verbindet und über den wir die Geräte steuern. Die Software steckt nicht in diesem Lautsprecher- bzw. Mikrofonkörper. Er ist nur eine Repräsentanz des Netzes, das wiederum mit den Daten der ganzen Welt verbindet. Oder vielleicht nur an sie bindet? Welche Digitalisierung? Die grenzenlose Verbindung von allem mit allem. Aber wie verbunden? Wer bestimmt die Grammatik dieser Hypersprache? Wer programmiert die Knoten im Netz, die Algorithmen?

Waren

Alexa weiß Wünsche aus den Datenprofilen ihrer Wirte auszulesen: Wer diese Rundfunksendung hört, sollte sich auch für jenes interessieren. Alexa kennt das Buch zum Thema, die DVD zum Buch und den Kurs zum persönlichen Problem. Das Feld der Waren ist endlos. Und langsam dämmert uns, wenn sich Alexa breit macht, wird auch unsere Aufmerksamkeit und Intimität zur Ware. Aber erstmal schleicht sich Alexa als Servicekraft ein: Zugauskünfte und alternative Routen für Autofahrer. Sie kennt ja den schnellsten Weg zum Arbeitsplatz. Wir müssen sie nur fragen und ihr natürlich erzählen, wo wir hin wollen. Alexa gehört übrigens zum Amazon-Clan.

Noch ist Alexa Anfängerin. Sie treibt eine Medienrevolution von der Schriftlichkeit zur Mündlichkeit voran. Schon wird das, was wir bisher über die Tastatur auf dem Bildschirm schrieben, häufig diktiert. Die Software kann Diktate jetzt schon einigermaßen fehlerfrei in Fremdsprachen übersetzen. Und all die Texte, die wir googeln, wird man sich bald auch anhören können. Eine rasante Drift vom Bildschirm und der Schrift zum Lautsprecher und zur Mündlichkeit? Allerdings Mündlichkeit ohne Dialog! Alexa hört auf Befehle, sie versucht sie aus unseren Datenprofilen auszulesen, und dann gibt sie Befehle. Mach das, lies das, höre doch jenes. Es hört sich natürlich ganz soft und fürsorglich an, wenn sie uns sagt, was zu tun ist.

Reale Virtualität

Alexa von Amazon, Siri von Apple, Cortana von Microsoft machen sich daran, die virtuelle Realität durch reale Virtualität abzulösen. Sie führen zu allem, was digitalisierbar ist, und ihr Sog zieht alles nur irgendwie digital Formatierbare in ihr Netz. Sie bieten uns ihre Dienste an. Und dann werden sie uns diese verkaufen. Erst zahlen wir mit unseren Daten. Und wenn wir auf die digitalen Datenträger umgestiegen sind, zahlen wir mit Geld.

Amazon ist mit Alexa inzwischen die größte Lautsprecherfirma der Welt. Aber auch Google stellt jede Sekunde weltweit einen Lautsprecher, der nicht nur Lautsprecher ist, her.

Amazon träumt den Traum des Monopols. Von zu Hause alles bei dem Versand bestellen. Alle inneren Daten preisgeben. Alle äußeren Daten auf ihrem Kanal empfangen. Man kann natürlich auch in einen der Super-Supermärkte gehen, deren erste Amazon in den USA schon eröffnet hat. Dort die Dinge einfach einpacken und mit nach Hause nehmen, ohne das Zeug an der Kasse übers Band laufen zu lassen und zu bezahlen. Was wir uns nehmen, sehen die Sensoren und buchen den Preis gleich vom Konto ab. Falls wir kreditfähig sind. Wer nicht kreditfähig ist, kommt nicht rein.

Man kann, ja man muss, bei dieser Entwicklung auch die positive Idee durchschimmern sehen, dass die ganze menschliche Welt bald mit einem technischen Nervennetz verbunden ist, deren produktive Zellen und Superagglomerate – kurz und pathetisch gesagt –, uns dazu freisetzen könnten, Menschen zu sein.

Tätigkeiten

Maschinen, die uns entlasten, die die Routine, die Fabrik- und auch die meiste Büroarbeit ausmacht, abnehmen. Die tatsächlich zu Tätigkeiten, die wir um ihrer selbst willen tun, freisetzen. Aber da wird es schon schwierig. Eine Tätigkeit um ihrer selbst willen, wie im Spiel der Kinder oder wie in der Kunst und der Musik, auch wie bei manchen Handwerkern, solche Tätigkeiten können sich viele schon gar nicht mehr vorstellen. Alles ist dann irgendwie »um zu«. Eine Funktion. Ein Mittel. Beschleunigter Weg ohne die Aussicht anzukommen.

P. S.

Mit dem Spiel und der Tätigkeit ist zugleich die Kindheit angegriffen. Nun haben sich in den USA ausgestiegene Softwareentwickler und Topmanager von Silicon Valley Giganten wie z. B. Facebook zusammengeschlossen. Sie plaudern aus, wie Algorithmen auf Abhängigkeit, ja auf Sucht hin programmiert werden. Sie berichten, wie Menschen in Passivität und zum Konsum a-sozialisiert werden. Zumal die Kinder. Kindheit werde so zerstört, warnen sie (https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2017/09/has-the-smartphone-destroyed-a-generation/534198/). Diese Spur müssen wir verfolgen und überlegen, wie aus der Schule eine Gegenkraft werden könnte. Ein Tätigkeitsraum durchaus mit Benutzung der Computer und Verbindung ins Netz. Eine andere Digitalisierung.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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