Weiter – so?!?

5. März 2018

»Die drei Parteivorsitzenden haben deutlich gemacht«, sagte der Generalssekretär der SPD Lars Klingbeil am 7. Januar zu Beginn der Koalitionssondierungen, »ein Weiter-so kann es nicht geben« und setzte noch eins drauf: »Wir befinden uns in einer neuen Zeit und diese Zeit braucht eine neue Politik.« Auch die Bundeskanzlerin konstatierte: »Deutschland befindet sich in einer der dramatischsten Umbrüche der Menschheit.«

»Kein Weiter-so!« Diese drei Wörter ziehen sich wie ein Wasserzeichen durch Medien und Gespräche. Nicht nur bei Politikern. Sie gehören zu den häufigsten Wörtern in den letzten Monaten. Und dann? Dann macht man so weiter. In Berlin steigert sich die Politikerpolitik sogar mit quälend selbstbezüglichen Inszenierungen, als ginge es darum vergessen zu machen, worum es doch ging mit einer »neuen Politik« angesichts von »dramatischen Umbrüchen«. Der Klimawandel wurde in den Koalitionsverhandelungen vertagt. In Schulen, so steht es in der Vereinbarung, soll »eine digitale Umgebung« geschaffen werden. Aber Fragen, in welche Richtung sich die Gesellschaft mit der Computerisierung und Digitalisierung verändert, und die Einsicht, dass sich das Mensch-Maschine-Verhältnis nicht einfach naturgesetzmäßig selbst verändert, sondern unter dem Primat der Wirtschaft verändert wird, und dass es also durch politische Entscheidungen gestaltet werden sollte, diese und ähnliche Fragen werden nicht gestellt. Und was das für die Bildung heißt, schon gar nicht.

Rhetorik?

Ein anderes Lieblingswort der Politiker steht nun wieder ganz oben: Alternativlos. Das sei ihr Handeln. Aber triumphieren wir nicht zu schnell. Gewiss, der proklamierte Abschied vom Weiter-so ist Rhetorik. Aber es ist nicht nur in der Politik übermächtig. Das Weiter-so regiert unausgesprochen das Handeln – und Nichthandeln – im Alltag, in den Betrieben und Büros und auch in den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.

Was für eine Kluft! Denn dass es so nicht weiter geht, ist zugleich die tiefe Überzeugung der Allermeisten. Allerdings wissen sie – wissen wir – überwiegend nicht, wie es anders gehen soll, oder wagen einfach keine Alternativen. Wir vermeiden selbst erste Schritte und haben dafür den plausiblen Grund, es seien doch nur kleine Schritte und es ginge eben ums Ganze.

Also konkret: Worin üben sich eigentlich Schülerinnen und Schüler, wenn wie kürzlich in Hamburg alle Neuntklässler, die einen mittleren Abschluss oder den Eintritt ins Gymnasium bekommen wollen, über dasselbe Theaterstück geprüft werden und es eigentlich nur deshalb lesen? Alle das gleiche! Es gehe um die Vergleichbarkeit, sagt die Behörde und erntet mehr Gleichgültigkeit. Das kann doch niemand wollen!

Verabreden!

Es muss doch was passieren, wenn Lehrer in der Oberstufe mehr Zeit zum Vorbereiten und Korrigieren von Klausuren brauchen als zum Entwerfen guten Unterrichts. Warum sich nicht dazu verabreden, das, was man begründet für falsch hält, nicht mehr mitzumachen? Sollten wir nicht zugleich pragmatischer und radikaler werden? Und mutiger! (Vorbild!!)

Was passiert eigentlich, wenn gelernt wird, um Prüfungen zu bestehen und wenn nicht geprüft wird, was aus guten Gründen gelernt worden ist? Sollte eine sinnvolle Prüfung nicht erst in einem größeren Abstand kommen, um nicht nur die Schüler oder Studierenden, sondern auch um die Wirksamkeit des Unterrichts und des Studiums zu überprüfen? Damit könnte man doch mal anfangen. Der langjährige Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes, der Hirnforscher Gerhard Roth, fasst Studien zusammen: Nach ein paar Jahren ist Schulwissen, das nicht weiter im Gebrauch ist, verflogen. Menschen lernen nicht auf Vorrat, sondern fürs Leben. Wo bleibt das Leben? Bei Schülern und Studierenden hat sich das Wort vom Bulimielernen durchgesetzt. Schnell rein und dann gleich wieder raus. Ist doch eklig. Und wie aufwändig für so geringen Ertrag.

Schluss mit Bulimielernen!

Kürzlich bei einer Veranstaltung im voll besetzen Audimax der Leuphana-Uni in Lüneburg fragte eine Studentin ihre Kommilitonen »Wer kennt denn von sich selbst Bulimielernen?«. Alle Hände gingen hoch. Alle. Dann fragte sie, wer ist mit dem deutschen Bildungssystem einverstanden? Zwei von 1 000 zeigten auf und vielleicht waren das Ironiker. Und dennoch. Im Alltag machen alle weiter so. Und es scheint im Alltag ja das allgemeine Funktionieren doch (noch) zu funktionieren. Aber die meisten glauben nicht dran. Das macht Angst und lähmt. Trotz großen Überdrusses und wachsenden Unmuts laufen die meisten Diskussionen mit Schülern und Lehrern, mit Studierenden und Dozenten irgendwann darauf hinaus, dass sie halt funktionieren müssten, sagen sie, und nichts machen könnten. Wirklich? Ist es nicht eine Frage der Würde, was man für falsch hält, nicht mehr einfach so mitzumachen? Aber wie gelingt es, das Weiter-so zu unterbrechen, innezuhalten, mit dem Jammern aufzuhören und sich zur Erneuerung der »Bildung« zu verabreden?

Die Kluft zwischen dem gewünschten Abschied vom Weiter-so und dem tatsächlichen Weitermachen vergrößert sich, zerrt und droht uns zu zerreißen. Es ist völlig unklar, worauf das hinausläuft. Offensichtlich ist zum Beispiel, dass die Welt der Kids noch mehr ins Smartphone abwandert, das dann nicht nur ein nützliches Mittel ist, sondern zum vermeintlichen Lebenselixier wird.

P. S.

Remember: »Wir befinden uns in einer neuen Zeit und diese Zeit braucht eine neue Politik.« – »Deutschland befindet sich in einer der dramatischsten Umbrüche der Menschheit.«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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