Die große Umcodierung

5. Februar 2018

Eine Politikerin spitzte die Bildungspolitik ihrer Partei ganz auf die Verkürzung des Gymnasiums zu. G8! Ihr Argument: Deutsche Schulabgänger seien zu alt. Das benachteilige sie in Zeiten der Globalisierung. Sie prophezeite den jungen Leuten schlechte Aussichten und befürchtete Nachteile für die Wirtschaft. Von den Schnelleren aus anderen Ländern würden die Deutschen abgehängt. In der 13. Klasse sei ohnehin viel Leerlauf. Wenn alle Arbeiten geschrieben sind, werde gegammelt und nur noch auf die Zensuren gewartet. So argumentierte Karin Prien von der CDU in Hamburg. Sie brachte Ängste und Hoffnungen in Fasson und kam damit bei den Wählern gut an. So wurde sie vor einem Jahr als Kandidatin für das Kultusministerium vor der Landtagswahl nach Schleswig-Holstein abgeworben.

Inzwischen war in NRW gewählt worden. Dort hatten CDU und FDP (beide ehedem fürs »Turbo-Abi«) den Unmut über das bereits eingeführte G8 eingesammelt und mit G9, als wär´s eine neue Erfindung, in einen Wahlsieg umgemünzt. Sie versprachen mehr Zeit zum Lernen und weniger Stress. Also zogen auch Frau Prien und die CDU in Kiel die G8-Fahnen ein und flaggten jetzt das »neue G13«. Und gewannen. Die neue Ministerin sagte: »Ich bin der festen Überzeugung, dass die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit brauchen den Stoff zu vertiefen, dass sie mehr Zeit brauchen für gesellschaftliches Engagement oder um ein Instrument zu lernen und dass sie mehr Zeit zum Reifen brauchen.« Nun gleich dreimal »mehr Zeit« und gar keine Angst mehr davor, von den Schnellen abgehängt zu werden. Das alles wie immer mit »fester Überzeugung«.

Fake News

Wie funktioniert so was? Warum schämt sich da niemand? Und warum gibt es keinen Aufschrei? Ist es normal geworden, dass das gebrochene Wort gilt? Für Sondierungen und Koalitionsverhandlungen zum Beispiel, die eben noch von der SPD mit starken Worten ausgeschlossen wurden, finden sich flugs andere starke Worte. Bei so viel kommunikativem Falschgeld hört man schon nicht mehr genau hin. Häufig überwiegt der Ekel. Und täglich schreit ein hoch gestörter Störer und Fälscher in den USA nach dem bekannten Trick von Kleinkriminellen »haltet den Dieb«: Fake News, Fake News.

Hinter dem Lärm auf den Vorderbühnen läuft eher geräuschlos ein Strukturwandel der Öffentlichkeit. Nicht die platte, plakative Lüge, sondern ein Umcodieren von Erfahrungen und von Interpretationsmustern der Wirklichkeit. Also nicht die Fälschung einzelner Sätze, sondern Eingriffe gewissermaßen in die Grammatik. Das weite Feld der »Bildung« ist dafür besonders anfällig. Denn es geht ja nie nur um die Bildung der Kinder und Jugendlichen. Es geht immer auch um die Bildung, also Formung der Gesellschaft.

Stress und Langeweile

Blicken wir noch mal auf das Kunststück von G9 zu G8 und wieder zurück. Die in Dienst genommenen Argumente sind ja nie völlig falsch. Ihre bedenkenlose Instrumentalisierung ist das Gift. Der Leerlauf in Schulen ist groß, zumal wenn die Arbeiten geschrieben worden sind. Aber zu fragen wäre doch, warum entweicht die Energie, sobald das große Müssen vorbei ist? Was fehlt, sind Intensität und Nachhaltigkeit. Debatten darüber kommen nur am Rande auf und kaum auf die politische Tagesordnung. Sie werden vermieden, denn dann müsste man auf das ganze System und auch auf die Lebenswelt blicken und vieles in Frage stellen. Frau Prien hingegen, will »Ruhe in die Schulen bringen«, sagte sie nach Verabschiedung des Schulgesetzes. Ist ja auch nicht falsch. Aber bitte kein Verstummen und nicht dieses Donnern der Schlagworte, dieses krude Entweder -Oder. Statt auf Strukturen und Lebensweisen zu blicken müssen dann Schuldige her, sei es für den Stress oder die Langweile, für Ängste vor der Zukunft und für geschwächte Persönlichkeiten, die nun wieder ein Jahr mehr Zeit bekommen. Wofür eigentlich? Am Ende doch wieder nur für Stress und Langweile? Die Grobheit und Dummheit zeigt sich zuerst an der Eindeutigkeit. Keine Ambivalenz. Kaum Tiefe. Schon gar keine Selbstreflexion. Stattdessen Ressentiments.

Ressentiments oder zweite Aufklärung?

Je stärker sich das diffuse Krisengefühl verbreitet und die Überzeugung wächst, dass es so nicht weitergeht, aber eine zweite Aufklärung ausbleibt, desto leichter haben es die verschiedenen Populismen. Desto stärker wird die Drift nach rechts. Der Sog ist weltweit und seit der nicht mehr zu leugnenden Klimakatastrophe planetarisch. Aber halt! »Klimakatastrophe«? Sollten wir nicht lieber darüber sprechen, dass in Deutschland der ökologische Fußabdruck eines jeden, auch wenn er privat nichts verbraucht, allein als Teilnehmer unserer Infrastruktur schon sein planetarisches Budget überschreitet? Aber weiter schwadronieren die Agendasetter über Wachstum als Garant des guten Lebens. Nötig wäre ein Akt des Recodierens von Falschgeld, eine Währungsreform. Nehmen wir die Rede über »die Digitalisierung«, die doch die entscheidende Unterscheidung überspielt: In wessen Hand sind die Algorithmen? Vernetzen sich im Word Wide Net die Teilnehmer – das war die große Demokratiehoffnung und sie ist ja weiterhin eine Möglichkeit – oder wird aus dem horizontalen Netz ein Spinnennetz, in das wir gehen sollen? »Die Gesellschaft lebt in der Lüge«, sagte kürzlich Harald Welzer. »Wir führen ein total verlogenes Leben. Nicht nur individuell, sondern kollektiv.«

P. S.

Ein anderer Freund, Richard David Precht, bringt das auf diese Formel: »Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um.«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

2 Kommentare

  1. Mathias Maurer schreibt:
    9. Februar 2018 um 11:31 Uhr

    Lieber Herr Kahl,
    besten Dank für die Kolumne “Die große Umcodierung” – das beste “P.S.”, das ich bisher von Ihnen gelesen habe. Wetzen Sie weiter Ihr journalistisches Schwert! Das ist bitter nötig!
    Mit kollegialen Grüßen
    Mathias Maurer
    Schriftleitung Erziehungskunst

    • Günther Andergassen schreibt:
      18. Februar 2018 um 12:31 Uhr

      Das wollte ich schon lange sagen: Allein Reinhard Kahls Kolumne ist das Abonnement für Ihre Zeitschrift wert.
      Danke sehr Herr Kahl!

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