Bildung braucht Gesellschaft

2. Januar 2018

Die Ergebnisse der jüngsten IGLU-Studie über die Lesefähigkeit von Viertklässlern waren wieder mal nicht so gut. Mehr noch irritieren allerdings schwache Interpretationen und dürftige Schlussfolgerungen. Doch erst mal der Befund: Deutsche Grundschüler sind ins untere Mittelfeld abgerutscht. Zwar ist die Punktzahl seit der ersten Lese-Studie von 2001 beinahe gleich geblieben, aber in vergleichbaren Ländern gab es deutliche Verbesserungen. »Fördermaßnahmen«, so die Auswertung, hätten hierzulande nicht viel gebracht. Einen ähnlichen Knick zeigte vor einem Jahr die TIMS-Studie über die Mathematik von Viertklässlern.

Das andere herausstechende Ergebnis der jüngsten Lesestudie ist seit langem bekannt: Die Spreizung der Leistungen in Deutschland. Zur Gruppe am unteren Ende gehören mittlerweile 18,9 Prozent. Vor zehn Jahren waren es 13,3 Prozent. Jedem fünften Grundschüler wird also heute bescheinigt, kaum lesen zu können. Und das liegt nicht an Flüchtlingskindern und auch nicht am »Migrationshintergrund« von vielen. Die Gruppe der schwachen Rechner wächst ebenfalls. In fünf Jahren von 19,3 auf 23,3 Prozent. Diese Kluft korreliert mit der Herkunft der Kinder. »Der Einfluss des Elternhauses wächst«, sagt IGLU-Koautorin Heike Wendt.

Programme

Verlangt werden nun Förderprogramme. Mehr Ressourcen. Mehr Geld. Gut. Aber fehlt da nicht was? Was könnte den Schulen Kraft und Inspiration verleihen? Was macht Ressourcen wirksam?

Erinnern wir uns an das Beben nach TIMMS und Pisa vor mittlerweile 17 bzw. 16 Jahren. In den Fokus kam der Stil des Unterrichts. Man sprach über die Kultur der Schule und darüber, was das schlechte Abschneiden mit der Mentalität der Gesellschaft zu tun hat. Ist Lernen eine Vorfreude auf sich selbst oder ist Lernen der Name für den Gegenwind vom »Ernst des späteren Lebens«, der bereits die Gegenwart der Kinder auskühlt? Sieht man es als Vorteil oder als Nachteil an, dass die Kinder verschieden sind? Sollen alle auf den gleichen Stand gebracht werden? Was könnte die Individualisierung des Lernens bedeuten? Wie viel Sicherheit und Zugehörigkeit braucht Individualisierung, wenn man darunter auch das Wagnis versteht, man selbst zu werden?

Die Gesellschaft machte sich Sorgen um ihre Bildung. Und damit war sowohl die Bildung der Kinder und Jugendlichen gemeint als auch die Bildung, also Formung der Gesellschaft selbst. Ihre Substanz. Ja, ihre Seele. Von diesen Fragen sind die Programme, über die nun im Anschluss an den enttäuschenden Befund der Studien gesprochen wird, weit entfernt. Das ist nicht neu. Schon bald verklumpte die Pisa-Irritation dazu, wie bessere Ergebnisse erreicht werden.

Gleichgültigkeit

Nun leiden Schulen unter forciertem teaching to the test, an einer Vermehrung von Klassenarbeiten und gesteigerter Gleichgültigkeit bei Schülern und wohl auch bei Kollegen. Im Laufe der Schuljahre schrumpft Schule bei vielen Schülern auf das eine Hauptfach: irgendwie durchkommen. Gewiss sind auch echte Förderungen dabei, aber geht die Drift nicht hin zum Funktionieren verbunden mit einem Libidoverlust, also dem Schrumpfen der Freude an den Sachen selbst und der Erfüllung tätig zu sein?

Dafür ist gerade das Lesen exemplarisch. Die Wurzel des Wortes Lesen, das lateinische legere, bedeutet ja sammeln, auswählen und dann auch das Lesen von Buchstaben und Texten. Auch im deutschen Lesen steckt noch etwa die Weinlese, also das Auswählen. Jeder weiß, dass Lesen etwas anderes ist als das Entziffern von Zeichen und das Abscannen und das Wiedergeben von Inhalten. Lesen heißt in einen Text zu versinken, sich Welt anzuverwandeln und sich dabei selbst zu verwandeln, gewissermaßen welthaltiger zu werden. Das Glück des Lesens ist, zugleich ganz bei sich und in der Welt zu sein. Aber wird nach dem Weltverhältnis der Kinder, zumal denen, die schlecht lesen, überhaupt gefragt? Man ist schnurstracks beim Fördern und Üben und vergisst das Ermöglichen. Natürlich muss man üben. Aber richtig! Üben war ursprünglich nahe am Ausüben. Es bedeutet Wiederholen und Variieren.

Strohfeuer des Konsums versprechen den Kältestrom des Funktionierens zu kompensieren. Sie flackern ringsum. Zusammen steigern beide nur eine nachhaltige Bildungserfahrung, die von Entfrem­dung.

Resonanz

Wie könnten Schulen diesem Mangel an resonanter Welt, der gewiss nicht in erster Linie auf ihre Kosten geht, gegenübertreten? Was können sie an Resonanz entgegensetzen? Beide Fragen scheinen mir ebenso wichtig. Die Frage nach dem Wie und die Frage nach dem Was. Was sind Tätigkeiten, die erfüllen? Und wie können solche Tätigkeiten ihren Platz in der Schule bekommen? Gefragt ist die Gesellschaft. Die Gesellschaft nicht als apartes Megasubjekt, das die Fäden zieht und im Zweifel für alles verantwortlich ist. Gefragt ist Gesellschaft wie Freundschaft. Gesellschaft als Umgebung. Als vielfältige, schöne, reichhaltige Umgebung von Gelegenheiten und Menschen. Wie können aus Schulen Resonanzräume werden? Diese Frage, jetzt nur angedeutet, scheint mir immer mehr die wichtigste für die Bildung. Für die Bildung der Kinder und Jugendlichen. Und für die Bildung der Gesellschaft. Für die Bildung von Zukunft.

P. S.

Am ersten Märzwochenende geht es darum beim Kongress: »Funktionieren? Funktioniert nicht.« Dazu lädt das »Netzwerk Archiv der Zukunft« (www.adz-netzwerk.de) in Kooperation mit der Leuphana Universität nach Lüneburg in den schönen, neuen Libeskindbau der Uni ein.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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