Gefühle, Musik und die Welt dazwischen

4. Dezember 2017

Zunächst dieses: »Eine der reichsten Nationen lässt es zu, dass bis zu 80 Prozent des Musikunterrichts an den Grundschulen ausfallen.«. Daran erinnert der Generalsekretär des deutschen Musikrates, Christian Höppner. Für Kinder seien musische Erfahrungen prägend. Deshalb fordert er, Musik sollte ein Hauptfach in allen Schularten und allen Jahrgangsstufen sein – wie Rechnen, Schreiben und Lesen. Aber mit was für einem Unterricht? Ich werde nie vergessen, was Jürgen Baumert vor Jahren auf eine »Mehr Unterricht« Forderung antwortete. Nach der Tims-Studie, die noch vor Pisa dem mathematischen Denken deutscher Schüler ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hatte, forderte der damalige Bildungsminister Jürgen Rüttgers eine Stunde Mathe mehr für alle. Jürgen Baumert, Leiter der ersten Pisastudien: Lieber eine schlechte Mathestunde weniger als eine schlechte Mathestunde mehr. Dass dieses Argument erst recht für Musik gilt, davon können viele ein Lied singen – wenn sie denn nicht musikalisch verstummt sind. Also folgen wir der aufregenden Spur: Musik so wichtig wie Rechnen, Schreiben und Lesen! Wenn nicht sogar noch wichtiger. Aber wie?

Musik

Daniel Barenboim hilft weiter. Der Pianist und Dirigent, den viele für den größten lebenden Musiker halten, hat vor zwölf Jahren den Musikkindergarten Berlin initiiert. Sein Ziel: »Eine radikale Veränderung der Bildung.«. Nun will der 75-Jährige eine Schule gründen. Für sie soll dieselbe Maxime gelten wie für den Kindergarten: Nicht Musikerziehung, sondern Bildung durch Musik. Was für ein Riesenunterschied! Im Musikkindergarten ist überall Musik. Sie umgibt die Kinder wie die Sprache. Einmal die Woche kommen Musiker aus der Staatsoper, deren Chef Barenboim ist. Musik gehört zum Alltag und erblüht zum Fest. Sie ist einfach da. Völlig absichtslos.

Kürzlich hat Barenboim in Berlin über das Thema hinter dem Thema mit dem Neurobiologen Antonio Damasio diskutiert. Damasio wurde dafür berühmt, die Emotionen gegenüber der Ratio rehabilitiert zu haben. Denn, so heißt sein neues Buch, »Am Anfang war das Gefühl« (320 S., München 2017). Vor der Sprache waren die Töne. Und vor der Ratio war die Emotion: Leiden und Leidenschaft, Begehren und Freude, auch der Sinn für Schönheit. All das stellen wir gewöhnlich hinter der Ratio zurück. Im Theoriegebäude wie im Alltag. Man sagt, das ist halt »nur ein Gefühl«. Zumal in Bildungseinrichtungen soll die Welt immer noch auf möglichst direktem Weg als erwachsenes Wissen und souveränes Urteil in die Köpfe. Aber die Ratio und das Urteil bringen nichts hervor. Sie ordnen. Also muss erst mal etwas zu ordnen sein.

Gefühle

Damasio geht weit in die Evolution zurück. Den ersten Zellen attestiert er bereits einen universellen Lebensdrang und sogar Kooperation. Vom üblichen instrumentellen Bewusstsein sind Lebendigkeit und der »Lebensdrang« so weit weggeschoben, dass sie hinter lauter Zielen und deren Um-zu-Strategien zu verschwinden drohen. Damasio erinnert auch daran, dass die Gefühle vor den Ideen kommen. Sie entstehen im Wechselspiel von Körper und Gehirn. Die Spuren dieses Spiels lassen sich heute naturwissenschaftlich exakt verfolgen und können deshalb auch von Skeptikern, die schon beim Wort »Gefühle« das Gesicht verziehen, nicht mehr übergangen werden.

Ich konnte über mehr als zehn Jahre den Musikkindergarten beobachten.(Der gerade fertig gewordene Film »Eine radikale Veränderung der Bildung« mit Beobachtungen über zehn Jahre im Musikkindergarten wird im kommenden Jahr als DVD-Buch veröffentlicht.) Die Instrumente stehen immer bereit. Die Kinder benutzen und entdecken sie. Da wird die Gitarre erst mal wie ein Cello gestrichen. Kinder hängen an den Lippen der Erzieherin, die Flöte spielt. Man sieht, dass ein Kern allen Lernens mimetisch ist. Freude an der Nachahmung. Dann folgt die Anverwandlung. So entsteht Resonanz. Es kommt darauf an, dass ihr nicht der Zwang nach dem fehlerfreien Echo im Weg steht. Der Raum ist voller Gelegenheiten. Kein leerer Container. Musik ist tatsächlich in den Wänden. Aber was ist Musik? Kürzlich wurde im Musikkindergarten ein »Öperchen« aufgeführt. Nach der Parole »die Besten für die Kinder« schrieb Daniel Kehlmann das Libretto. »Egal wie viel Musiktheorie man liest«, sagt er »es gibt niemand, der weiß, warum Musik uns berührt und bewegt. Diese schöne Ratlosigkeit, die man als Erwachsener hat, dass Musik ein Wunder ist, den Kindern mitzuteilen, ist eine Freude.«

Welt

Dass das Geheimnis zum Leben gehört, dass die Musik wie auch die Gefühle nicht leicht in Worte zu bringen sind, ist eine Provokation in einer Welt des schnellen, abschließenden Wissens. Gefühle, das Nichtwissen, ja, das Geheimnis sind eine Quelle von Kreativität und Lebendigkeit. Sie vertrocknen zu lassen, käme teuer. »Ich möchte, dass wir die Kinder nicht nur zur Musik bringen, sondern mit der Musik zum Leben bringen, um ihnen das Leben zu zeigen«, sagt Daniel Barenboim. Aber was ist das Leben? »In der Musik erfährt man etwas über den Tod«, erklärt der Meister. »Jeder Ton, wenn er zu Ende kommt, stirbt und kommt nicht mehr – das nächste Mal, wenn der gleiche Ton kommt, ist er anders.« Die Kinder verstehen das.

Musik ist das Medium des Indirekten, des Zwischen. Das erinnert mich an einen der für mich größten Sätze von Hannah Arendt. Sie sagte in ihrer berühmten Lessingrede: »Die Welt ist zwischen Menschen« und dieses Zwischen, das war ihre größte Sorge »ist heute das am stärksten Bedrohte.«.

P. S.

Noch mal Daniel Barenboim: »Wenn die Kinder dann in die Schule kommen, sollen sie fragen: Und wo ist die Musik?«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>