Auf dem Prüfstand

30. Oktober 2017

Auf dem Prüfstand erbringen schmutzige Autos saubere Werte. Der Bordcomputer ist schlau. Er erkennt den Zustand und schaltet die Schummelsoftware ein. Seit dem Abgasskandal sind Prüfstand und Schummelsoftware Wörter für eine höchst raffinierte, tief ins System eingebrannte und dort versteckte Fälschung. Die ist gewöhnlich unauffindbar. Prüfstand bedeutet nun das Gegenteil von Prüfung. Schummelsoftware ist die Signatur für eine »alternative Grammatik« – so wie »alternative Fakten«. Kommunikatives Falschgeld. Es gilt nicht mehr die Maxime, es muss stimmen, sondern: Du musst ein Ziel erreichen und durchkommen! Irgendwie.

Man muss sich wohl die Kommunikation der Bosse mit dem Management und den Ingenieuren so vorstellen: »Bekommt die Testwerte hin, egal wie!« Und dann wird ihnen nachgerufen: »Wir wollen gar nicht so genau wissen, wie!«

Wer sich mit den Einzelheiten des Abgasskandals beschäftigt, sieht einen Zeitlupenfilm über die Durchsetzung von Falschgeld. Konstitutiv ist dabei, dass die Instanz der Prüfung verselbständigt wird, also aus dem Alltag, aus der Praxis, aus dem Leben gelöst und damit manipulierbar gemacht worden ist. Man könnte ja einfach Stichproben im Straßenverkehr machen. Aber nein, nur das saubere Labor mit überprüfbaren und replizierbaren Bedingungen verdient Vertrauen.

Sokrates

Ursprünglich sollten Prüfungen verlässliche Aussagen über die Wirklichkeit machen. Dazu gehört auch die Initiation, wenn die Jungen auf die nächste Strecke ihres Weges entlassen werden. Prüfungen sind auch ein Mittel, um über deren Fähigkeiten und eventuell nötige Verbesserungen nachzudenken. Der Nachhall von Sokrates’ Worten ist noch nicht ganz verklungen: Nur das geprüfte Leben ist lebenswert. Er wollte natürlich nicht mit der Todesstrafe drohen, aber doch eine Grenze ziehen: Das gute Leben ist etwas anderes, als bloß zu funktionieren, egal nach welchem Parameter. Prüfung ist Reflexion und Selbstreflexion. Zu ihr gehört der Blick von innen ebenso wie der von außen. Prüfung ist nötig, weil das Leben immer etwas wackelig ist. Wer das weiß, prüft gnädig und freundlich, aber hat kein Interesse daran, sich oder andere zu betrügen.

Aber was hat Sokrates denn mit den Autos und ihren Nebenfolgen, den Gasen und Rußpartikeln zu tun? Prüfstand und Schummelsoftware bei den Autokonzernen sind keine technischen Systeme, sondern kulturelle. Das wird an den Reaktionen in der Öffentlichkeit deutlich. Erst mal waren Entrüstung, Verwunderung und Enttäuschung. Dann aber Achselzucken und häufig hörte man: »Das machen doch alle so« oder »wer nicht mitmacht, ist dann der Dumme«. Das sagen die angeblich von der Wirklichkeit gestählten Durchblicker. Sie triumphieren, weil sie sich damit im Einklang mit der schlechten Welt fühlen. Oder sind diese harten Realisten eigentlich die windelweichen Mitmacher?

Falschgeld

Der Kollateralnutzen des Abgasskandals könnte sein, dass die Entzifferung und Ächtung von Falschgeld vorankommt. Was macht denn diese Währung aus? Unter der absoluten Priorität der Ziele werden die Wege egal und verwüstet. Die abstrakten Belohnungssysteme Geld, Karriere und Noten sind weit von der Lebenswelt entrückt und entfernen, also entfremden die Menschen damit von sich selbst. Die Folgen, die gewöhnlich als Nebenfolgen der »eigentlichen Ziele« gesehen werden, werden externalisiert und dabei allmählich zu den Hauptfolgen, die niemand so richtig im Blick haben will. Jetzt könnte man das große Buch über die Umwelt und das Klima öffnen, auch über das soziale Klima, und sich erneut darüber wundern, dass diese Bücher im Alltag verschlossen bleiben. Die Reflexionen über sich selbst, über das Handeln und die Welt werden abgespalten. Manche sagen, das wäre eine Überforderung. Aber was dann?

Und natürlich, das muss jetzt ja kommen, könnte – sollte – ja, müsste die Schule in diesen Fragen nicht den Selbstversuch wagen? Denn Prüfungen sind dort, wie inzwischen auch im Studium, so sehr verselbständigt, dass vor allem die Prüfungsvorbereitung und die Ausrichtung des ganzen Lernens auf sie geprüft wird. »Wir lernen, was geprüft wird« ist nicht nur das heimliche, sondern das völlig offene Credo, das ich in Gesprächen mit Schülern und Studenten höre. Bei Grundschülern noch nicht.

Haltungen

Unübersehbar ist der Nebeneffekt von Gleichgültigkeit, der zum Haupteffekt zu werden droht. Und empörend, wirklich empörend ist das Maß der Abspaltung, wenn man über diese Lebenslüge nicht spricht, weil man ja doch nichts machen kann. Also weiter im Hauptfach »Durchkommen«?

Der Frage nach der »Grammatik«, also nach den tatsächlich wirksamen Regeln eines Systems entspricht auf individueller Ebene der nach der Haltung. Heute gewinnt die Frage nach der Haltung an Schärfe. Denn gut zu funktionieren, ist die Moral des Maschinensystems. Aber Tätigkeiten, für die das bloße Funktionieren reicht, wandern aus dem sozialen ins technische Maschinensystem aus, sie werden mehr von computerisierten Systemen erledigt. Menschen, die vor allem nur funktionieren, werden weniger und weniger gebraucht – außer als Konsumenten, aber das ist ein neues Thema.

P. S.

Am ersten Märzwochenende 2018 lädt das Netzwerk Archiv der Zukunft in den neuen Libeskindbau der Leuphana Universität Lüneburg zum Kongress: »Funktionieren? Funktioniert nicht! – Abschied vom Weiter-so. Wie Zukunft entsteht.«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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