Am wichtigsten sind die anderen

2. Oktober 2017

Eine Kolumne ist keine Fortsetzungsgeschichte. Aber diesmal will ich am P. S. aus dem Septemberheft anknüpfen. Es ging um eine Schülerakademie und den Soziologen Hartmut Rosa, der diese seit vielen Jahren leitet. Es ging um die für Außenstehende schwer nachvollziehbare Begeisterung der Jugendlichen. »Was denn in den Sommerferien?« werden sie gefragt, »freiwillig«?. »Sind wohl alles Nerds und Streber« meinen zunächst auch die meisten, denen ich davon erzähle. Für Freiheit und Begeisterung, zumal beim Lernen, ist zwischen unseren Koordinaten wenig Platz. Vollends irritierend ist das Bekenntnis der Jugendlichen, in dieser Zeit mehr gelernt zu haben als irgendwann sonst. Als ich die Kolumne für das Septemberheft schrieb, war die Sommerakademie noch im Gang. Dann kam der Abschied. Ich habe noch nie so viele Tränen gesehen wie an dem Samstagvormittag Ende Juli. Verheulte Gesichter nicht nur bei den 110 Jugendlichen, von Tränen rote Augen auch bei den Kursleitern, allesamt jüngere Wissenschaftler.

Mit dem Resonanzsturm …

Am Wochenende darauf ging in der WhatsApp-Gruppe ein Sturm mit mehr als 1 000 Nachrichten los. Winde kommen immer wieder auf, jedes Mal mit zahllosen Tränen-Emojis. Schon haben die Jugendlichen in Eigenregie ein Treffen an einem Oktoberwochenende organisiert. Ein Thema im Chat ist die Schwierigkeit aller Beteiligten, inklusive des mit seinen 800 Seiten über Resonanz ausgewiesenen Sozialphilosophen Hartmut Rosa das Phänomen zu erklären. Und nun will ich das erklären? Ich sitze im Studio mit mehr als 80 Stunden Filmmaterial, das wir auf der Schülerakademie gedreht haben. Auf den Bildern kann man es sehen, wie entspannt sie sind und wie konzentriert und wie so unglaublich freundschaftlich. Aber die Wörter stehen im Nu unter Kitschverdacht oder verklumpen. Ich versuche es trotzdem. Erstmal ist zu konstatieren, dass zum Beispiel die Akademie zum Schluss von den meisten nur noch von 2, 3, höchstens 4 Stunden Schlaf unterbrochen wurde. Jeder nahm 50 Stunden an einem Kurs mit nur einem Thema teil. Immer wichtiger wurden mit der Zeit die sogenannten KÜAS, »kursübergreifende Angebote« zumeist von den Jugendlichen, aber auch von den Erwachsenen. Da gibt es Einführungen in Fremdsprachen – häufig die Muttersprache – Tanz, Kochen auch nach Mitternacht, die blaue Stunde um Mitternacht, in der sie sich eigene oder gefundene Texte vorlasen. Oder auch schon mal, ebenfalls in der Dunkelheit, ein Experiment mit Trockeneis und einem Luft- und Alkoholbehälter, womit sich die spezielle Relativitätstheorie nachweisen lässt. Ein Chor, dabei auch einige, die bis dahin meinten, nicht singen zu können, trat zum Schluss in einer Kirche auf. Ein Flashmob hatte das Publikum in der Stadt geworben.

… die Welt …

Viele, vielleicht die meisten der Jugendlichen, kamen mit der Befürchtung, in ein Lager von abgedrehten Einzelgängern zu geraten, und merkten bald, dass dem nicht so war. Sie trafen auf lauter an der Welt Interessierte. Die Welt, das war zunächst vielleicht der physikalische Kurs über Strahlen. Oder der sozialwissenschaftliche Kurs mit der Frage nach der »Mitte der Gesellschaft«. Der Theaterkurs mit hohen Anteilen von Improvisationen. Oder 50 Stunden über die (mathematische) Theorie der Graphen. In all den Kursen ging es nicht einfach um Wissen, sondern darum zu denken, wie es Miriam aus Hamburg ausdrückte. Dominik aus dem Chiemgau formulierte es so: »Die meisten von uns sind in der Schule gut und versuchen sich eher zu verstecken, damit uns niemand für Streber hält.« Aber hier, fährt Dominik fort, »hier sind lauter andere, die irgendetwas viel besser können als man selbst und das ist wunderbar.«.

So wurde die Akademie zur Lerngemeinschaft. Jeder lernte von jedem. Auch Kursleiter nahmen sich davon nicht aus. Im Gegenteil, sie sprachen von den interessanten »und irgendwie erotischen« Grenzen zum Nichtwissen, sowohl dem klärungsbedürftigen Nochnichtwissen, aber auch von dem, was man mit guten Gründen gar nicht wissen kann. Dann ging es um Raum und Zeit und der sechzehnjährige David aus München zitierte Max Planck: »Der erste Schluck aus dem Glas der Wissenschaft macht uns zu Atheisten und dann finden wir am Boden des Glases irgendwann Gott.« Nur, was für ein Gott könnte das sein? David, der auch wunderbar Klavier spielt, meinte, es sei das immer einmalige Momentum. Wie der Ton, der klingt, stirbt und nie wieder derselbe sein wird, wenn er Chopin spielt.

… entdinglichen!

Es war faszinierend zu erleben, wie das Wissen, ich möchte sagen »das sogenannte Wissen« entdinglicht wurde und – gemäß der Quantenphysik, zu der es auch einen Kurs gab – in Relationen von Beziehungen verflüssigt wurde. »Wenn von einem Naturbild der exakten Naturwissenschaft in unserer Zeit gesprochen werden kann«, schrieb der Nobelpreisträger Werner Heisenberg, »so handelt es sich eigentlich nicht mehr um ein Bild der Natur, sondern um ein Bild unserer Beziehungen zur Natur.«

P. S.

Es sind diese Beziehungen, die das intellektuelle Interesse der Teilnehmer erregten. Es sind die Beziehungen innerhalb der Textur der Welt, die Beziehungen zur ihr, aber vor allem sind es die Beziehungen zwischen den Teilnehmern. Auf dieses Zwischen kommt es an. So entsteht Welt. Und es ist dieses Zwischen, das die Akademieteilnehmer in ihrem Alltag, vor allem in der Schule, so vermissen. Und jetzt vermissen sie dieses Sommerfest und weinen.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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