Freiheit setzt Energie frei

4. September 2017

Hartmut Rosa gehört zu den renommiertesten Soziologen im Land. Bekannt wurde der Professor in Jena mit seiner Kritik der Beschleunigung und einer Theorie der Resonanz. Beschleunigung, so Rosa, zerreißt Weltbeziehungen. Resonanz ist ein Begriff für ihr Gelingen. Er ist weltweit gefragt, aber im Sommer leitet er seit 20 Jahren drei Wochen eine Schülerakademie. Das seien für ihn die schönsten Wochen im Jahr.

In diesem Sommer hatte ich Gelegenheit, die knapp dreiwöchige Akademie vom ersten bis zum letzten Tag mit einem Kamerateam zu begleiten. Wir wollten ihrem Geheimnis auf die Spur kommen. Weshalb sagen Teilnehmer regelmäßig, sie hätten in dieser Zeit mehr gelernt als in der ganzen Oberstufe?

Schülerakademien finden in Internaten statt, die während der Ferien unbewohnt sind. Die Idee kommt aus der Hochbegabtenförderung. Bundesregierung und Stifterverband ermöglichen jeden Sommer sechs Akademien mit je 110 Teilnehmern. Aber mehr und mehr wird Begabung als Begeisterung verstanden – oder wie Hartmut Rosa sagen würde, als Resonanzfähigkeit und Öffnung in die Welt.

Verblüffend ist, dass sich Teilnehmer vorab für einen von sechs Kursen entscheiden. Über die ganze Zeit. Die Kurse gehen täglich – auch am Wochenende – sechs Stunden. Man stutzt: Die ganze Zeit nur in einem Kurs?

Nur ein Kurs

Jeder Kurs hat ein Projekt. Zum Beispiel Ecken und Kanten. Das ist ziemlich avancierte Mathematik, in der es um Wege und Beziehungen zwischen Punkten geht. Oder die politik- und sozialwissenschaftliche Frage »Wo ist die Mitte«. Oder Theater, das mit einem Stück beginnt, auf das sich die Teilnehmer zuvor vorbereitet haben. Der Kurs endete mit einem selbst geschriebenen Dinnerkrimi. Kursleiter sind junge Wissenschaftler. Einige von ihnen waren früher selbst Teilnehmer einer Schülerakademie. So bildet sich Tradition. Eine Kultur. Ethnologisch könnte man sagen: Eine Stammeskultur.

Die Kurse gleiten von den Inputs der Kursleiter mehr und mehr in die Regie der Jugendlichen. Sie wollen etwas he­rausfinden, ihren Horizont erweitern und ganz nah an die Gewebemuster der Welt heranzoomen.

Daneben gibt es andere Angebote. Viele kommen von den Teilnehmern. Sie sind aufeinander neugierig und wollen den anderen zeigen, was sie können. Chinesisch, »Hunger in der Welt« oder »Progressive Rock«. Manches dieser Angebote gibt es erst nach Mitternacht, weil die Zeit am Tag einfach nicht reicht.

Die Freude am Tätigsein, die Freiheit, den Gang der Dinge zu beeinflussen, um dann Ahas zu zünden und Erfolge zu erleben, das macht nicht satt, das steigert vielmehr den Hunger auf die Welt. Freiheit setzt Energie frei.

Dann die Rotation

Der Tag beginnt um 7.30 Uhr mit dem Frühstück und endet nie vor Mitternacht. Manchmal dämmert schon der Morgen. Interessant sind die Gespräche am Rand. Zum Beispiel spät am Abend, wenn Tele­skope auf den Sternenhimmel gerichtet werden. Was bedeutet es, dass dort oben vor allem nichts ist und dass alle Teilchen im Kosmos miteinander in Kontakt sind? Das Wissen aus einem der Kurse, in dem es um Quantenphysik geht, wird lebendig. Gespräche über Wissen und Nichtwissen kommen auf, über Demut, Materie und Religion, so als führte Albert Einstein Regie. Seine Maxime war, dass hinter einer neuen Erkenntnis zumeist ein noch größeres, häufig noch wunderbareres Rätsel steht.

Etwas Besonderes ist die »Rotation«. Da erklären Teilnehmer eines Kurses den anderen möglichst in Umgangssprache, was sie herausgefunden haben. Die Konzentration auf nur ein Thema ermöglicht einen Zugang, den der Physiker Hans-Peter Dürr einmal als »T« umschrieben hat. Die Vertikale des T geht in die Tiefe und wächst hoch. Auf dieser Säule ruht ein weites Dach mit Aussicht, das ebenso wichtig ist wie die tiefe Bohrung.

Ließe sich diese Form nicht auf Schulen übertragen? Vielleicht erstmal eine Woche mit Klassen, die das wollen: Die Schüler wählen nur einen »Kurs«. Wie in der Schülerakademie sollten die Jugendlichen Kontakt mit Erwachsenen aus der Praxis oder der Forschung bekommen. Also suchen sich die Lehrer einen Tandempartner. Das wäre bei einem literarischen Projekt vielleicht ein Schriftsteller oder Übersetzer. Ein Arzt bei einem medizinischen, ein Filmemacher bei einem medialen Thema. Also neben dem Lehrer ein Botschafter aus der tätigen Welt.

Die Ernte

Mit dem Präsentieren der Ergebnisse werden die Dinge den Teilnehmern aus anderen Kursen verständlich. Manche wollen nun mehr erfahren. Den größten Gewinn haben diejenigen, die präsentieren, selbst. Was sie gelernt haben, wurde in der Vorbereitung und dann beim Auftritt in einem zweiten und dritten Magen ihres Hirns verdaut und angeeignet. In solchen Tätigkeits- und Aneignungsketten bildet sich die geistige Nahrung, das Wissen. Ein Wissen, das ständig mit Nichtwissen konfrontiert ist und dadurch lebendig bleibt. Mit dieser Schwingung entsteht Begeisterung. Beim Abschied flossen dann Tränen und die Teilnehmer versicherten sich, das war die schönste Zeit in ihrem Leben.

P. S.

Vielleicht kommen wir in der etwas versandeten Schulentwicklung weiter, wenn Schulen nicht mehr den Modellen und Blaupausen, die auf den Märkten angeboten werden, nacheifern, um nach Kopierversuchen dann wieder enttäuscht zu werden, wenn stattdessen die einzigartigen Geschichten des Gelingens erzählt werden und zugleich deren Grammatiken und Muster herausdestilliert werden, um andere anzustecken ihre je einzigartige Geschichte zu schreiben.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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