Einzeln und frei wie ein Baum …

3. Juli 2017

»Leben wie ein Baum, einzeln und frei … das ist unsere Sehnsucht!« Aber Individualität allein bleibt im Überleben stecken, verstrampelt sich im Durchkommen. Gutes Leben verlangt den Gegenpol. »Brüderlich wie ein Wald«. »Geschwisterlich« würden wir heute sagen. Es ist lange her, dass ich die Zeilen des türkischen Dichters Nazim Hikmet auf einem Giebel in Berlin Kreuzberg gesehen habe. Das Gedicht ist zum Wasserzeichen vieler meiner Gedanken und einiger Projekte geworden.

Leben wie ein Baum,
einzeln und frei,
und brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.¹

Hikmets Gedicht fiel mir gleich ein, als ich kürzlich zu einem Statement für eine Kampagne aufgefordert wurde. In Hamburg soll das zergliederte Schulsystem wieder auf die Agenda gesetzt werden. Der sogenannte Schulfrieden, den die Bürgerschaft, das Parlament des Stadtstaates, nach dem missglückten Versuch zur Einführung der sechsjährigen Primarschule geschlossen hat, sichert das Nebeneinander von Stadtteilschule und Gymnasium – mit fatalen Folgen.

Das Gymnasium ist nun Standard für alle, die sich ohne auffällige Makel wähnen. Den anderen droht das Stigma des Rests. Der Rest ist groß, heißt Stadtteilschule und schmilzt. Anderswo nennt man ihn euphemistisch Oberschule. Der Rest ist der Nachfolger der Haupt- und Realschulen, der abgeschafften Gesamtschulen und nun nach der Inklusion auch der Sonderschulen.

Der Rest

Viele Stadtteilschulen sind ambitioniert und einige sind sehr gut. Aber von Kindern hört man: »Ich bin nur Stadteilschule«. Oder: »Ich werde Hartz IV.« Auch auf dem gymnasialen Oberdeck sind viele erschöpft. Häufig kommt ihr Selbstwert erst mit allerbesten Noten in den grünen Bereich. Das läuft auf eine ganz andere Variante von Verlierer hinaus. Betrachten wir das alles mit den Augen eines Ethnologen als Initiation. Sie ermutigt nicht. Sie macht nicht hungrig auf die Welt. Sie hinterlässt miese Stimmungen und verbiegt Haltungen. Zu viele Verlierer. Und zu viele Bluffer. Und noch mehr Gleichgültige.

Wollen wir das? Dass das nicht gut gehen kann, spüren die meisten. Aber es ist wie sonst auch. 80 Prozent der Bevölkerung sind für artgerechte Tierhaltung, schonende Landwirtschaft, Bio und Nachhaltigkeit. Aber nicht mal fünf Prozent kaufen entsprechend ein.² Die Notwendigkeit des Umsteuerns erschließt sich den meisten, sobald sie darüber nachdenken. Nur, was folgt daraus? Immer mehr Eltern und auch Kinder (»Fabian, auf welches Gymnasium gehst du denn?«) wollen der Schmach entgehen, zum Rest zu gehören. Manche Anhänger der Gemeinschaftsschule finden diese Idee nur theoretisch gut und handeln bei ihren Kindern anders.

Praxis

Besseres Wissen, klare Analysen, Studien und Zahlenwerke berühren die Praxis kaum oder nur unter bestimmten Umständen. Das Wissen dringt einfach nicht zum Handeln vor. Solange jeder einzeln und einsam entscheidet, reicht der Horizont nicht weiter als die Arme. Siehe abermals das Buch von Kopatz! Egal ob beim Lebensmitteleinkauf oder bei der Schulentscheidung. Allein ist man eben auch moralisch verratzt. In der Kluft zwischen Wissen und Handeln gedeiht dann ein Gift: die Gleichgültigkeit.

Also die Stimmung ändern! Sie ist die Sphäre, in der sich entscheidet, welchen Menschen man traut und sich zugehörig fühlt und welche Ideen einem stimmig sind.³ Niemand will wirklich allein sein! Arbeit an Stimmungen ist etwas anderes als Stimmungsmache. Es geht darum, das Offensichtliche ins Gespräch zu bringen. In der U-Bahn, beim Familiengeburtstag, auf dem Spielplatz.

Und da bin ich wieder bei Nazim Hikmet. Für die Kampagne habe ich eine Abwandlung seines Gedichts vorgeschlagen: »Lernen, einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald!« Das plakatieren! Eine neue Kampagne muss Wege aus dem noch dominierenden Entweder-Oder von Individualisierung oder Gemeinschaft finden. Als Grundidee für eine gute Schule beides anerkennen, die Individualität, ja das Genie eines jeden Kindes und die Gemeinschaft, die es braucht.

Dazu müssen auch die Reformer ihren Horizont weiten. Es reicht nicht, all die schönen Parolen vom »gemeinsamen Lernen« noch mal aufzusagen. Lernen ist eben höchst individuell. Aber gerade um sein Individuellstes zu wagen, und das ist immer ein Wagnis, braucht man eine Gemeinschaft, die trägt. In der man der sein darf, der man ist, um so der zu werden, der man sein könnte.

Individuum und Gemeinschaft

Es gilt Abschied von jedem pädagogischen Gleichschritt zu nehmen, egal in wie vielen ausdifferenzierten Kolonnen marschiert wird. Der Gleichschritt klappt ja auch nicht mehr. Reformer müssen allerdings sehen, dass Wörter wie Gesamtschule, Gemeinschaftsschule oder Einheitsschule für viele eine graue Einfärbung haben. Gemeinschaft war in der deutschen Tradition häufig übergriffig, sie verdächtigte das Individuum des Individualismus. Die Einzigartigkeit des Individuums und die Sicherheit im Zusammenleben, die Schönheit und Freiheit des Einzelnen sowie die Kraft der Gemeinschaft, sie gehören zusammen. Dass jeder anders ist, das ist überhaupt kein Nachteil. Es ist die Voraussetzung der Kultur.

P. S.

Remo Largo aus der Schweiz hat die größte Langzeitstudie zur Entwicklung der Kinder bis ins Erwachsenenalter gemacht und jetzt sein Vermächtnis veröffentlicht.4 Soll er die Ergebnisse in einem Satz zusammenfassen, sagt er: »Alle Kinder sind verschieden und sie werden im Laufe der Zeit immer verschiedener.« Das zu kultivieren ist die Aufgabe der Schule.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

Anmerkungen

¹ »Yaşamak bir ağaç gibi/tek ve hür ve bir orman gibi/kardeşçesine/bu hasret bizim.«
² Unbedingt lesen: Michael Kopatz (2016): Ökoroutine: Damit wir tun, was wir für richtig halten. München
³ Heinz Bude (2016): Das Gefühl der Welt – Über die Macht von Stimmungen. München
4 Remo Largo (2017): Das passende Leben. Frankfurt

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