Boni sind Mali und Zensuren sind Zensuren

6. Juni 2017

In diesem Frühjahr kam es bei der Generalversammlung der Credit Suisse in Zürich zur Rebellion. Nur wenige Aktionärsstimmen fehlten und dem Management der Bank wären Bonuszahlungen verweigert worden. Während dieser Text entsteht, kündigen Aktionäre den nächsten Aufstand an. Dem Vorstand des deutschen Softwarekonzerns SAP könnte die Entlastung verweigert werden. Bis zu 41 Millionen Euro verdienen die Bosse dort. Im Jahr. Pro Person.

Ausgerechnet im Zentrum der Finanzwirtschaft und bei einem der erfolgreichsten Unternehmen kommen Zweifel auf, ob hohe Boni Leistungsanreize bieten und exorbitante Gehälter auch nur irgendwie angemessen seien.

In Zürich erregte das Thema die Öffentlichkeit. Um den Credit Suisse-Termin herum stellte die Neue Zürcher Zeitung Studien von Verhaltensökonomen über Leistungsanreize vor. Etwa die von Dan Ariely. Er hat Hingabe und Engagement in Abhängigkeit von finanziellen Belohnungen untersucht. Die Teilnehmer seiner Studie bekamen Aufgaben, die über Aufmerksamkeit, Erinnerungsvermögen, Konzentrationsfähigkeit und Kreativität Aufschluss geben. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Der ersten wurde bei guten Lösungen ein Bonus von einem Tageslohn versprochen. Der zweiten ein halber Monatslohn. Der dritten fünf Monatslöhne. 

Das Ergebnis: Die mit dem mittleren Bonus schnitten nicht besser ab als jene mit dem geringsten. Und die Probanden, denen man das größte Versprechen gab? Sie schnitten am schlechtesten ab. Es ist, als ob sie mit ihren Gedanken nicht richtig bei der Sache waren und auch weniger bei sich selbst. Millionen-Boni sind kontraproduktiv, fasst die Neue Zürcher Zeitung zusammen.

Funktionieren

Zu einem ähnlichen Urteil kamen Wirtschaftswissenschaftler nach der Finanzkrise von 2008. Deren Ursache sah der kanadische Managementtheoretiker Henry Mintzberg in der Konditionierung der Banker auf kurzfristige Erfolge durch Bonuszahlungen. Seine Diagnose: Menschen hörten damit auf, selbst etwas zu wollen und schalteten opportunistisch aufs Funktionieren um. Ihr Urteilsvermögen verkümmere. Auch der amerikanische Ökonom Samuel Bowles warnte: Explizite, also äußere Leistungsanreize zerstören gute Absichten.

Diese Ergebnisse irritieren viele. Und doch werden diese Erkenntnisse, die angesichts von Krisen sofort einleuchten, gleich wieder vergessen, sobald es nur noch darum geht, dass es irgendwie weiter geht. Dann gilt wieder Durchkommen. Überleben statt zu leben. Tatsächlich bleibt, solange keine Alternativen greifbar sind, kaum eine Wahl, als nur gut zu funktionieren, wenn man nicht rausfallen will. Außerdem stimmt es ja, dass die eigene Stimme und das Engagement für die Arbeit als Sand im Getriebe der Megamaschine verfolgt werden könnten. Wie wäre es wohl VW-Ingenieuren ergangen, die beim Abgassbetrug nicht mitgespielt hätten?

Verwandlung

In Krisen wird die Grammatik des Systems sichtbar. Die hochtourige Megamaschine setzt auf äußere Leistungsanreize. Die beschränken sich ja nicht auf Boni. Sie führen zu Verwahrlosung und Erschöpfung. Dieses Thema gehört ganz nach oben auf die Tagesordnungen von Wirtschaft und Bildung. Es wäre sogar eine interessante Schnittstelle.

Auf die Verwandlung dieser fatalen Systemgrammatik zielt das bedingungslose Grundeinkommen, zumal wie Götz Werner es begründet (Zuletzt: Götz W. Werner u. a. (2017): Sonst knallt´s! Warum wir Wirtschaft und Politik radikal neu denken müssen. Köln). Seine kürzeste Formel dafür heißt: »Damit Menschen Nein sagen können.« Der Gründer von Europas größtem Drogeriemarkt dm, der auch Bildungsinitiativen unterstützt, plädiert dafür, das Einkommen nicht so sehr als nachträglichen Lohn anzusehen, sondern als eine Investition, als Ermöglichung eines guten Lebens und einer Arbeit, über die Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Das Grundeinkommen sei ein Sockel, der Sicherheit verschafft. Und natürlich gäbe es auch schlechte Arbeit. Für die müsse eine Art Schmerzensgeld gezahlt werden.

Nicht funktionieren

Die Diagnosen der Verhaltensökonomen und die Idee vom Grundeinkommen rücken die Tätigkeiten selbst, die Ziele der Arbeit und die Freude an ihrem Gelingen in die Mitte. Jetzt fehlt noch ein Mitspieler, die Bildung. Welche Rolle könnte sie von der Kita bis zur Hochschule, vor allem natürlich in den Schulen, bei dieser Transformation spielen? Eine Aufgabe wäre klar. Schüler und Studenten nicht weiter dahin treiben, sich überwiegend auf Betriebswirtschaftler ihrer selbst zu reduzieren. »Du sollst nicht funktionieren«, wäre das nicht ein Bildungsziel? Könnte das nicht ein Motto sein, auf das sich die Zivilgesellschaft verständigen sollte? Und nicht nur eine Parole, sondern eine Maxime im Alltag!

Dabei ginge es auch um die Zensuren. Immer mal wieder wird ihre Aussagekraft in Frage gestellt. Aber das Hauptpro­blem ist doch, dass mit ihnen die Konditionierung auf äußere Leistungsanreize beginnt. Sobald deren Abschaffung ins Spiel gebracht wird, tun sich Wellen des Zweifels auf. Würde dann überhaupt noch jemand lernen, fragen viele. Dieser Zweifel ist besonders bei älteren Schülern ausgeprägt. Das sollte eigentlich beunruhigen. Zeigt doch ihre Selbsteinschätzung, wie hoch der Grad an Entfremdung ist.

P. S.

Warum nur gibt es in den Erziehungswissenschaften nichts, was der Verhaltensökonomie in den Wirtschaftswissenschaften vergleichbar wäre? Oder gibt es so etwas doch? Dann bitte melden!

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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