Hungrig bleiben! Selbst denken! Handeln!

2. Mai 2017

Einen Tag lang reden, Filme zeigen und mit 100 Schuleitern denken. Natürlich auch mit Schulleiterinnen. Plötzlich, inmitten einer etwas allgemeinen Debatte, spricht eine Schulleiterin von ihrem Sohn. Sie sagt, worüber sie öffentlich noch nie gesprochen hatte. Er geht ins Gymnasium. Schon seit zwei Jahren kämpft sie mit ihm, ihn in die Schule zu bekommen. »Da erwartet mich überhaupt nichts«, zitiert sie ihn, »da nehme ich nichts mit.« Er interessiert sich offenbar für vieles, »aber in der Schule leidet er unter Langeweile. Er leidet richtig«, sagt sie, »er sagt das nicht nur so.« Kein Depri, der morgens nicht aus dem Bett will, was aber auch eine gesunde Reaktion sein könne, zumal wenn man sie überwinde, knüpft eine andere Schulleiterin an und erzählt von ihren Kindern, die offen sagen, dass sie die Schule hassen. Es gibt keine Widerrede. Nur Schweigen. Allerhöchste Aufmerksamkeit. Da kann man eine Nadel fallen hören, sagte man früher. Was spielt sich in den Köpfen ab? Sicher mehr als in manchen wortreichen Debatten.

Eine dritte Schulleiterin und Mutter bricht das Schweigen und spricht über ihre Kinder, Zwillinge, die so vieles wollten, »wirklich wollen!« Aber nicht in der Schule. Keine Gelegenheit? Oder wollen sie ihr Ding nicht infizieren? Was ist der Schulinfekt? Jeder merkt, wenn diese Debatte losginge, würde etwas losgetreten. Aber man schreckt davor zurück. Schließlich ist man Schulleiter. Niemand sagt, nun übertreibt mal nicht, es ist doch alles in allem gut.

Wollen

Die Mutter erzählt von ihren Töchtern, den Zwillingen. Die eine hat sich zur staatlich anerkannten Schulverweigerin entwickelt. Da gibt es Geschichten mit dem Jugendamt, mit denen die Seite gleich voll wäre. Die andere hat sich beim United World College beworben, obwohl sie es unwahrscheinlich fand, genommen zu werden. Sie wurde genommen. Sie kam in ein College, an das sie eigentlich nicht wollte. Machte aber nichts. Seitdem schwärmt sie von den Jugendlichen aus aller Welt, »die alle was wollen«.

Ich konnte nun eine Geschichte beitragen, die wie die vom United World College in der Runde der schulischen Alltagspragmatiker als einzelne exotisch klingen könnte. Es ist die Geschichte der Deutschen SchülerAkademie.

An einem »Theater träumt Schule«-Wochenende in den Münchner Kammerspielen sprach Hartmut Rosa über Resonanz.¹ Er hatte Jugendliche mitgebracht, die an einer der dreiwöchigen Deutschen SchülerAkademien (DSA) in den Sommerferien teilgenommen hatten. Selten war so viel Begeisterung auf der Bühne. Der Tenor: Wir haben in drei Wochen mehr gelernt als während der ganzen Oberstufe. Übertreibungen, dachte da wohl manch einer im Parkett; na ja, die idealistischen jungen Leute.

Nein, das war keine Euphorie. Die hält nicht über Jahre. Die Schüler, einige studieren inzwischen, sind infiziert worden. Sie haben etwas erlebt, das sie aus der Schule nur ausnahmsweise kannten: Intensität.

Resonanz

Sie erzählen, wie nachts um zwei die Polizeistreife vor der Tür stand, weil noch Licht im Internat brannte, das die Akademie in dessen Ferien belegt. »Diese Wochen werden wir nicht vergessen.« Man möchte das eine positive Traumatisierung nennen. Ein Lebenstraum entsteht. Wie wird er wirken?

»Vielleicht muss man eine Akademie erlebt haben«, schreibt Hartmut Rosa »um zu begreifen, was in so einem geschützten Raum geschieht.« Also fahre ich hin. Hartmut Rosa leitet sie in Braunschweig – eine von sieben im Land – zum 19. Mal. »Das sind für mich die wichtigsten Wochen im Jahr«, sagt er, »und die schönsten«. Ein Teilnehmer, der von Rosas Buch »Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehungen«² gehört hat, meint, nun sei ihm endlich klar, warum die Akademie so gut laufe. Im Buch seien wohl das Konzept und die ganze Theorie. »Nein«, antwortete Rosa lachend, »es ist genau anders herum. Nur weil ich seit bald 20 Jahren jeden Sommer eine Akademie leite, konnte ich das Buch schreiben.«

Das erste, was ich von einer Jugendlichen dort höre: »Ich würde die am liebsten alle mit nach Hause nehmen«. Der Blick in die Gesichter der Jugendlichen und Dozenten ist eine Evaluation. Dabei waren die vorangegangenen Nächte lang. Zuletzt war es schon hell.³

Denken

Was den Schulleitern am meisten zu denken gibt: In jeder der Schülerakademien werden sechs Kurse angeboten, aber man nimmt die drei Wochen an nur einer teil. Allerdings berichten sich die Jugendlichen gegenseitig in Foren, was sie machen, was sie lernen, was sie erkennen, was sie denken und was sie nicht verstehen. Das ist wohl das Geheimnis. Das andere Geheimnis: Warum trauen sich die Schulen nicht, an solche Erfolge anzuknüpfen und drücken stattdessen bis zu 13 Fächer in einen Stundenplan? Schweigen. Ratlosigkeit. Aber es gärt.

P. S.

Wilhelm von Humboldt schrieb 1804 an Goethe: »Sagen Sie mir einmal selbst, was aus dem Menschengeschlecht werden würde, wenn alle Kinder nun dreißig Jahre hintereinander nachbeteten: Das Auge liegt unter der Stirn, zweimal zwei ist vier, ein Quadrat hat vier gleiche Seiten und so fort. Ich fürchte, indem man besonders die Schüler verbessern will, räumt man als Unrat gerade das mit weg, das allein Heil brachte.«

Anmerkungen

¹ www.adz-netzwerk.de/Resonanzen-Intensitaet-Lernen.php.
² Hartmut Rosa (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin.
³ Ich schildere diese und andere Geschichten im Nachwort zu Hartmut Rosa, Resonanzpädagogik. Weinheim, 2. Aufl. 2016.

P. P. S.

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