Ermüdung

3. April 2017

Die didacta, die größte »Bildungsmesse« der Welt, ist für mich vorüber. Endlich. Ich sitze im Zug. Eigentlich fahre ich gern Zug, sogar längere Strecken, wie jetzt von Stuttgart nach Hamburg. Da kann ich mich gut konzentrieren. Schreiben, lesen, denken, Leute beobachten. Und zwischendurch dösen. Anstrengend finde ich Zugfahrten eigentlich nur, wenn ich müde und erschöpft bin. Dann wird die Fahrt zur Qual. Zum Beispiel im letzten ICE nachts von Berlin nach Hamburg. Jetzt ist es Nachmittag und ich bin wie erschlagen. Missmutig. Unglücklich. Die Fahrt eine Tortur. Nach nicht mal zwei Tagen auf der Messe.

Auf die didacata bin ich geraten, weil ich leichtsinnig Moderationen zugesagt habe. Ich bin etwas früher hin gefahren, um mich umzusehen. Flaneur sein ist für mich fast so schön wie Zug fahren. Aber warum nur kommt in diesen Hallen bald Überdruss auf und eine unbestimmte Traurigkeit, schließlich Ekel und schlechte Laune?

Traurigkeit

Mir geht ein Satz des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Geoffrey Hartman durch den Kopf, dass ihn Traurigkeit überkomme, wenn er länger nur im aufnehmenden Zustand sei, ohne tätig werden zu können. Das kenne ich vom ausgiebigen Zeitunglesen. Es ist anders als die Lektüre eines Buches oder eines Zeitschriftenartikels. Warum? Wohl weil ich, wenn ich in der Zeitung von Artikel zu Artikel springe und blättere und manches anfange und abbreche und gleich wieder vergesse und mit neuen Lektüren beginne, mich also durch die Zeitung treiben lasse, eigentlich von der Zeitung gelesen werde und selbst gar nicht der Leser bin. Lesen kommt ja vom lateinischen legere, das pflücken (Beerenlese) und auswählen heißt. Gegen das wahllose Lesen bzw. Gelesenwerden und den anschließenden Kater hilft nur: Selbst wählen. Immerhin liegen morgens mehrere Tageszeitungen vor der Tür. Wenn ich nicht meiner Disziplin folge und nicht in einem schnellen Durchgang aus den Zeitungen die wichtigen Seiten ausreiße, um später zu lesen, was ich brauche, und häufig auch nichts davon zu lesen, dann gerate ich auf die zunächst süßliche und am Ende schale und leicht depressive Bahn.

So ähnlich, nur noch viel stärker, ging es mir in den Messehallen. Dort quält nicht nur die eigene Passivität, es nervt auch die Passivität all der anderen und – wie soll ich sagen: die Passivität der Dinge, die als Prothesen für alles Mögliche angeboten werden. Weit und breit keine Tätigkeit. Keiner stellt etwas her, keiner baut einen Stuhl, keiner druckt ein Buch oder schreibt einen Text, keiner verwandelt Dinge. Selten wirkliche Gespräche. Niemand ist im menschlichen »Aggregatzustand« des Tätigseins. In den Hallen die fertige Welt des Marketings mit seinen beleidigend blöden Sprüchen: »Unser Ziel ist es, Schulen fit zu machen für die Zukunft«. Das steht über dem Riesenstand eines im Übrigen phantasielosen Möbelherstellers. Es gibt auch andere, wie meine Freunde von KuKuk, Kameleon und den Lernlandschaften von Karin Doberer. Doch die Messezombies kapern die Sprache der Reformer und entwerten sie. Die normale kapitalistische Sauerei durch Verwerten von allem und jedem, dieses zu entwerten.

Man guckt bald nur noch weg. Man fühlt sich wie ein Findelkind auf dem Bahnhof. Züge kommen und Züge fahren ab. Ständig Stations- und Verspätungsansagen. Aber keine Peilung. Keine eigenen Entscheidungen. Und wenn ich tatsächlich jemanden treffe, mit dem ich reden möchte, sagt er oder sie oder ich nach drei Sätzen, wir sehen uns noch. Quatsch. Man sieht sich eben nicht und wenn, dann wird auch wieder keine Zeit sein.

Vorlust

Dabei ist die Erwartung vieler Besucher auf die Messe so groß. Nicht wenige kommen mit Rollkoffern für Pro­spekte und Freiexemplare. Erzieherinnen, mit Bussen aus der baden-württembergischen Provinz angekarrt, haben häufig die übergroßen, blauen Plastiktaschen von IKEA dabei. Und dann wird eingepackt und eingepackt und noch was drauf. Das meiste wird wohl nach ein paar Monaten ungelesen weggeschmissen. Lange hält die Vorlust der gierigen Sammler nicht. Sie sammeln ein, statt auszuwählen. Dann wird aus der schon beschädigten Vorlust bald finaler Frust.

Frust

Jetzt im Zug meditiere ich: Ähnelt meine Messeerfahrung nicht der von Schülern, die zum Beispiel in der neunten Klasse in Hamburger Gymnasien 13 Fächer haben? Die Fahrplänen folgen müssen und nicht die Chance haben, an den ständigen Bifurkationen, also Abzweigungen und Weggabelungen der Welterkundung, auszuwählen, eigenen Gedanken zu folgen, Zeitlupe oder Zeitraffer einzuschalten und dann eigene Wege zu gehen, sie zu unterbrechen, in Gedanken innezuhalten oder sich zu einem Gespräch zu setzen und alles andere vorbeiziehen zu lassen? Was passiert, wenn man sich nicht entscheiden darf? Wenn man nicht tätig werden kann? Wenn man nicht die Chance hat, sein Selbst zu werden. Dann läuft und trottet man mit, wie Schüler eben so mittrotten und sich von einem langweiligen Ausflug zum Schluss mit der Fresserei bei irgendeinem McDonalds gütlich halten.

P. S.

Diese Messe inszeniert die Liturgie unserer konsumistisch idiotischen Lebenswelt. Der Idiot war in der Antike der hoffnungslose Fall des am öffentlichen Leben in der Polis desinteressierten Privatmenschen. Und diese Idiotie wird auf der »Bildungsmesse« (ha, ha) gefeiert. Wir brauchen andere Messen! Hochämter für eine »Tätigkeitsgesellschaft« (Dahrendorf). Feste mit Freude an der Welt und mit einem Requiem auf den traurigen Konsum.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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