Werte? Werte! Werte!?

27. Februar 2017

Der Mensch ist gar nicht gut. Das singen wir gern mit Bert Brecht. Aber der Mensch ist für dieses Leben auch nicht schlecht genug, ergänzt der Dichter. Der Mensch ist eben unvollkommen – in jeder Hinsicht. Aber was heißt das? Menschen müssen aus ihrem Leben was machen. Wir können uns immer wieder neu erfinden, müssen es sogar, weil wir so lückenhaft und ständig ergänzungsbedürftig sind. Aber wie schließen wir die Lücken?

Der Mensch ist auch gar nicht rational. Nicht in einem berechnenden, egoistischen Sinne, wie es etwa die Nutzenmaximierungs-These der Wirtschaftswissenschaften dogmatisch voraussetzt, und erst recht nicht so rational, wie es die Lern- und vor allem Belehrungsmythen im Pädagogenalltag nahe legen. Handlungen folgen nicht einfach Erkenntnissen. Nicht mal die Erkenntnisse folgen gesicherten anderen Erkenntnissen. Die kognitive Psychologie hält dafür inzwischen verblüffende und zuweilen verstörende Untersuchungsergebnisse bereit. Zum Beispiel sollten Menschen ein Glücksrad mit den Zahlen 1 bis 100 drehen und anschließend die Zahl der afrikanischen Staaten schätzen. Je höher zuvor der Treffer auf dem Glückrad ausfiel, desto höher die Zahl der geschätzten afrikanische Staaten. Oder: Eine Probandengruppe las Texte, in denen das Wort Schildkröte vorkam, in der Lektüre der Vergleichsgruppe war es der Gepard. Die aus der ersten Gruppe liefen anschließend langsamer, die aus der zweiten schneller.

Anverwandlungen

Da färbte etwas ab. Noch ein Beispiel mit zwei Texten. In dem einen standen Wörter wie respektieren und höflich, im anderen Wörter wie unfreundlich und aggressiv. Dann war es die Aufgabe, den Text mit einem angeblichen Forschungsleiter zu besprechen, der aber war ständig in andere Gespräche vertieft. Die aus der ersten Gruppe intervenieren eher höflich, die aus der zweiten häufig ruppig.

Die Beispiele habe ich aus den bahnbrechenden Büchern des Psychologen und Nobelpreisträgers Daniel Kahnemann und aus dem gerade erschienenen instruktiven Buch »Politisches Framing« von Elisabeth Wehling (Halem Verlag). Die aus Hamburg stammende, in Berkeley forschende und lehrende Linguistin erklärt zwei Dinge, die alle Pädagogen aufhorchen lassen sollten und weiter bringen könnten. Zum einen, dass sich unser Gehirn, sobald etwa Modi der Bewegung angesprochen werden, in einem Simulationsvorgang diese Bewegungsmuster tatsächlich anverwandelt und anschließend in seinen Gedanken und Bewegungen davon beeinflusst ist.

Die andere Spur ist, dass wir uns, weil die Wahrnehmungen und Erkenntnisse immer lückenhaft sind, Rahmungen und Muster zu Hilfe nehmen. Die Rede ist vom Framing. So hat Wehling kurz vor den Wahlen in den USA Wähler, die in ihrer Präferenz noch schwankten, in Experimente verwickelt. Sie bekamen etwa Ergebnisse einer fiktiven Universität vorgelegt, die düstere Szenarien beim Erfolg von Trump nahelegten. Das hat die Probanden wenig beeindruckt.

Nicht das Programm wirkt

Dann bekamen sie Statements aus dem sogenannten strengen Wertemuster zu lesen. Diese zeichnen sich durch den autoritären Vater sowie sozialdarwinistische Mythen und Ressentiments gegen Fremde aus. Im Anschluss an solche Zitate, die offenbar bei vielen der Schwankenden eine wohlige Déjà-vu-Stimmung aufkommen ließ, schnellte die Neigung, Trump zu wählen, hoch, während die zitierten schlechten Aussichten mit ihm und dessen programmatische Sätze, die häufig sogar von den Probanden nicht geteilt wurden, bei denen, die zu den strengen Werten neigten, eher wirkungslos blieben. Elisabeth Wehlers Schluss: »Programmatische Zustimmung ist relativ irrelevant.« (www.deutschlandfunk.de/musik-und-fragen-zur-person-die-sprachwissen­schaftlerin.1782.de.html?dram:article_id=373556) Wo­rauf es ankomme, argumentiert sie, sind die Werte. Und ebenso wichtig, fügt sie hinzu, ist Authentizität. Die hat Trump offenbar in seiner ganzen Schamlosigkeit stärker ausgestrahlt als die hochtaktische, Expertensprachen sprechende und der Intrigen verdächtigte Hillary. Wehler, keine Sympathisantin von Trump, hat daraufhin prognostiziert, Trump siegt und gewann eine Wette gegen den Rest des Instituts.

Werte, wie sie Elisabeth Wehling versteht, sind eher implizite Muster als explizite Sätze. Sie selbst kommt in ihren Studien nicht weiter, ohne die »embodied cognition« heranzuziehen. Das können Bewegungsmuster sein, die schon durch Wörter wie Schildkröte aktiviert werden. Das ist schon erstaunlich genug, aber nichts gegen die Komplexität dessen, was sie das »ideologische Gehirn« nennt.

Implizite Werte

Wie spannend würde es, wenn man sich mit diesem Blick an den Alltag in Schulen machte? Wo ist dazu das Forschungsprojekt? Bitte melden! Es ginge ja schon damit los, den Körper, nein, nicht nur den physikalischen Körper, den sinnlichen Leib im Blick zu haben. Die Schule auch als ästhetisches Ereignis ernst zu nehmen und zu gestalten – nicht nur da, wo Ästhetik draufsteht und schöne Ideen proklamiert werden. Es geht um die impliziten Werte, nicht um die auch von Philistern beschworenen expliziten. Wenn Ideologen von Werten reden, sprechen sie nie über das Verhalten, schon gar nicht über das eigene. Der Mensch ist nicht nur gut und er ist schon gar nicht nur rational. Er ist das Tier, das, weil es immerzu Komplexität reduzieren muss, sich selbst gern auf den Leim geht und davon zumeist so wenig weiß. Letzteres ließe sich ändern.

P. S.

Noch etwas Empirie: Richter sind ausgeruht am gnädigsten. Und je hungriger sie etwa kurz vor der Mittagspause sind, desto strenger urteilen sie. Und auch das noch: Hat ein Richter vor dem Urteil eine hohe Zahl gewürfelt, erhöht sich die Strafe.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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