Wollen – Können – Dürfen! Oder immer noch Leistung?

2. Januar 2017

Neulich in Berlin. Der erste Kongress der Deutschen Schulakademie. Die Vorträge der Pädagogen sind wenig überraschend. Überwiegend jene Rhetorik, die Antonius Soest, langjähriger Schulleiter einer Gesamtschule in Wedel bei Hamburg, pädagogische Folklore nennt. (Antonius Soest (2016): Lernen heißt, aus seinem eigenen Schatten zu treten. Kritische Meditationen über die Schule. Hannover.) Es geht um Schulklima, Unterrichtsqualität und den Umgang mit Vielfalt. An erster Stelle aber um Leistung.

Und dann spricht jemand, bei dem viele erst mal die Stirn runzeln. Der Personalchef von Google Deutschland, Frank Kohl-Boas, die Überraschung des Tages. Nicht einmal fiel bei ihm das sonst so viel zitierte Wort. Statt Leistung zu beschwören zeichnete er ein Dreieck, das es zu füllen gilt. An der Spitze steht »Können«. Unten »Wollen« und daneben »Dürfen«. Die Grundidee: Niemand muss Mitarbeiter motivieren. Es steht außer Frage, dass sie selbst etwas wollen und gute Ideen haben. Jeder ist anders und hat einmalige Gedanken. Das Unternehmen sollte sie befähigen, das tun zu können, was sie wollen. Sie bilden Gruppen, um sich zu korrigieren, ihre Ziele zu diskutieren und einen Konsens zu finden. Er nennt das »Ermöglichung«.

Kein Mensch müsste solche Überzeugungen ausführlich vortragen, wenn unsere Tradition nicht eine so ganz andere wäre. Vor allem in den Betrieben, aber auch in den Schulen. Der Mensch zählt im Zweifel als Maschine oder nur als Modul einer großen Maschinerie. Die wird programmiert. Führung bedeutet dann Ziele von oben nach unten durchzusetzen. Kohl-Boas hingegen spricht davon »Führungskräfte zu befähigen, damit sie Mitarbeiter befähigen«. Auch nur Rhetorik? Diesmal halt die Folklore der Personaler?

Keine Maschine

Da deutet sich etwas Neues an, das eigentlich nur die Entdeckung des Selbstverständlichen ist. Dass der Mensch keine Maschine ist. Dass jeder tätig sein will. Dass man dafür eine gute Atmosphäre und eine anerkennende Umgebung braucht. Dass keiner allein handelt. Und dass kein Mensch speziell motiviert werden muss. Eigentlich.

Aber wir haben die Sozialisation der Industriegesellschaft hinter uns. Ihr sind schon Einpassungen in die Zwangsjacken von Arbeits- und Zuchthäusern vorangegangen. Das alles immer wieder hervorragend nachzulesen bei Michel Foucault in »Überwachen und Strafen«. Wenn Menschen erst mal gedemütigt, beschämt und gar von ihrem je Eigenen entkernt worden sind, kann man sie mit beliebigem Wissen füllen, träge Körper motivieren und sie mit externen Belohnungen zu allen möglichen Leistungen lenken. Die Währungen dafür: Geld und auch Zensuren, diese beiden großen Gleichgültig- und Gierigmacher.

Leistung ist ja kein Begriff aus der Humanitas, sondern der von Ingenieuren, erfunden für Maschinen. Die haben eine Leistung. Sie ist das Maß für den Output einer Blackbox. Leistung ist der Inbegriff für den Blick von außen. Wenn man Menschen wie Maschinen sieht, passt kein Begriff besser. Es ist nun interessant, dass sich schon seit einiger Zeit Unternehmen nicht mehr mit den Ideen der Unternehmer und den Erfindungen weniger beschränken können. »Learning organizations« zu werden steht nun in ihren Leitbildern.

Verwertung

Aber das ist bestenfalls die halbe Wahrheit, denn der Kapitalismus ist nicht überwunden. Im Gegenteil, er wird radikalisiert. Jedes Unternehmen unterliegt dem externen Gesetz: Wachstum! Gewinn machen! Die Welt mit all ihren Stoffen und auch den menschlichen Handlungen in Waren verwandeln. Aber der Kapitalismus ist kein Monolith. Er ist der große Widerspruch. Die Unternehmer verlangen intelligente Mitarbeiter und idiotische Konsumenten, die abhängig von Prothesen sind. Vor allem von der Generalprothese in unseren Jackentaschen mit all den Apps für jedes und alles.

Die Gier nach allseitiger Verwertung beschränkt sich nicht auf die Konditionierung von Menschen zu Konsumenten. Ohne Wachstum in dieser endlichen Welt und ohne ständige Anleihen auf die Zukunft, würde er kollabieren. Unternehmen kolonisieren unsere Phantasien, das Wissen und die Gedanken. Im Nu verkehren sich die eben noch begrüßten Netzwerke in Überwachungs- und Manipulationsnetze. Yvonne Hofstetter hat diese zweite Metamorphose von Menschen in Maschinen beschrieben. Der Mensch, schreibt sie in ihrem Buch »Das Ende der Demokratie« (Yvonne Hofstetter (2016): Das Ende der Demokratie – Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt. München.), gilt im Silicon Valley als ultimative Maschine. Menschen gelten als Auslaufmodell, als Ding unter Dingen im Internet of Everything. Aber auch das ist nicht das letzte Wort.

Der englische Autor Paul Mason verfolgt den Widerspruch weiter: »Wikipedia ist ein Raum, der nicht kommerziell genutzt werden kann. Informationsnetzwerke, Wörterbücher, Betriebssysteme, Wissensbanken aller Art ermöglichen den Aufstieg von nicht-marktwirtschaftlichen Produktionsformen. In solchen Pionierunternehmen entstehen Räume, in denen wir uns der ökonomischen Rationalität widersetzen und verweigern können.«(www.deutschlandfunk.de/re-das-kapital-4-6-der-niedergang-des-kapitalismus.1184.de.html?dram:article_id=370390.)

P. S.

Und wo, fragt man sich, stehen in diesem Gezerre der Kräfte die Schulen? Bei jenen Mitarbeitern, die können, wollen und dürfen? Oder bei den Marionetten, die etwas leisten, und idiotischen Konsumenten, die beide – das kommt hinzu – mehr und mehr erschöpft sind? Was wäre, wenn Schulen das Bündnis mit Leuten wie dem Google-Mann suchen? Wenn man nicht mehr pauschal von der Wirtschaft spricht, sondern guckt, wo jemand in dem Widerspruchsgeflecht steht, und dann selbst in diesem Spiel der Kräfte mitspielt?

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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