Spiegel der Gesellschaft und Polder des Neuen

30. Januar 2017

88-mal am Tag zieht der Smartphone-Benutzer sein Gerät. Alle 18 Minuten unterbricht er sich, um nachzusehen, ob jemand an ihn gedacht hat – vergewissert sich, ob es ihn selbst noch gibt. Die potentielle Universalmaschine, zur Generalprothese designed, ist eines der wirksamsten Initiationsmedien zum Passivleben. Ein Erzieher, nicht nur von Kindern.

Derzeit sind etwa 5 000 junge Männer aus Tunesien für den Dschihad unterwegs. Man sieht in ihnen vom Islamismus Verführte. Tiefer geht Gilles Kepe, der Pariser Sozialwissenschaftler und Erforscher des islamistischen Nihilismus: »Unsere Gesellschaften teilen sich heute nicht mehr in Ausbeuter oder Ausgebeutete. Das entscheidende Kriterium ist, ob man sich ausgeschlossen fühlt.«

Was folgern Kinder und Jugendliche aus dieser Information: Deutsche Manager verdienen an dreieinhalb Tagen so viel wie der durchschnittliche Berufstätige im ganzen Jahr, 32 650 Euro. Einige »Top Manager« bringen es in ein paar Stunden auf diese Summe. Für viele Jugendliche ergibt sich daraus: Ich muss ganz oben dabei sein. Und exakt so lautet die Diagnose von immer mehr Kindern und Jugendlichen mit »Erschöpfungsdepression«. Sie müssen immer Spitze sein. Unter 1,0 im Abi beginnt das Versagen. Bronze im großen Wettkampf ist schon eine Herabstufung. Nur Gold zählt.

Welcher Sport?

Dabei gilt Sport immer noch als Gegengift: Fairness, Ausdauer und vor allem Freude an der Sache und da­ran, sich selbst zu bewegen. Als größtes Versprechen winkt die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Ich finde es jedes Mal skandalös, dass ausgeschiedene Olympiateilnehmer am nächsten Tag fliegen. Ab nach Hause. Man wahrt nicht mal den schönen Schein von »Dabei sein ist alles.«. Und nun kommt ein neues Förderkonzept für Olympia. Der Bund »investiert« jährlich 167 Millionen Euro in 4 500 »Top-Athleten«. Künftig werden die Standards angehoben. Die Besten bekommen mehr, Schlechtere scheiden früher aus. »Vier bis acht Jahre zum Podium« heißt die neue Regel. Wer keine Medaille verspricht, in den lohnt sich die Investition nicht. Eine computergesteuerte »Potentialanalyse« errechnet aus 79 »Attributen« die Chancen. »Ein Drittel mehr Medaillen« fordert der Innenminister. Wie viele davon wird man anschließend wegen Doping wieder einkassieren?

Von dieser chemischen Variante des großen Bluffs – gedopt sind inzwischen auch Pferde – möchte man gar nicht mehr reden. Peter Sloterdijk hat es auf den Begriff gebracht: »Korruption und Normalität sind eins geworden.«

Im Midas-Land

Die derzeit aufschlussreichste Inszenierung dieser Symbiose des Grauens bietet die Trump-Familie. Tochter Ivanka betreibt einen Versand für Mode. Am Tag nach einem ihrer Fernsehauftritte kann man das von ihr getragene Kleid in allen Größen bestellen. Alles wird im Reich von König Midas zu Geld. Trump hat selbst seinen Spruch »Make America great again« als US-Markenzeichen schützen lassen. Seriennummer 85717833.

Nun weiß man, dass König Midas drauf und dran war zu verhungern, weil seine Berührungen alles in Gold verwandelten, das man ja nicht essen kann. Im Midasland drohen ganz neue, mentale Hungersnöte inmitten eines satten, nie dagewesenen Reichtums. Vielleicht führt dieser Hunger in eine produktive Krise, wenn wir all die Midas-Kings mit jenen Eselsohren ausstatten, mit denen der sagenhafte König bestraft wurde. Aber derzeit spült die Krise die Goldesel nach oben, die Pechvögel wählen sie sogar und starren gebannt auf die Spiegelbilder in der Kuppel, die sie faszinieren und blenden.

Die Beunruhigung wächst, sie wächst doppelt, weil sich das ja vorhandene Nichteinverständnis mit den Verhältnissen nach rechts orientiert, weil für die Identitätsverluste eine Kompensation versprochenen wird: Die aggressiven Reinheitsgebote der »Identitären«.

Nicht wenige fragen achselzuckend, was kann ich denn tun, und konzentrieren sich darauf, irgendwie durchzukommen. Abdriften ins Private.

Orte schaffen!

In meinen Gesprächen und Selbstgesprächen hat sich wie ein Mantra dieser Satz gebildet: Polder schaffen. Polder wie bei der holländischen Landgewinnung. Festen Boden unter die Füße bekommen. Und diese – ich vermeide das Wort Inseln, denn da droht schon das Sektiererische – diese Weltpolder zu Orten machen, an denen man ankommt und von denen man zu Expeditionen aufbricht. Orte die Sicherheit verschaffen, um Unsicherheit zu wagen. Auch um sich selbst wagen zu können. Orte, an denen man sich nicht schämt, wenn man nicht Spitze ist, und nicht ständig an den kleinen Fluchthelfern, den Smartphones hängt. Vor allem wo kein Midas-Esel fasziniert.

Und natürlich und immer wieder: Zu genau solchen Orten sollten die Schulen werden. In ihnen Kleinpolder schaffen, dass sie zu Großpoldern werden. Der erste Polder ist man halt selbst. Aber allein bist du verratzt.

P. S.

Deshalb ein Vorschlag für Anfänger: Am Sonnabend, den 17. Juni, kurz vor dem längsten Tag, überall in Deutschland Tische und Stühle raus, schön eindecken, so gut kochen, wie man kann, es so gastlich gestalten, wie es nur geht. Kein Jammern! Ein Fest, an dem wir unter dem hoffentlich leuchtenden Himmel uns, unsere Freunde und auch Gleichgültige und wo möglich ein paar Feinde ebenfalls zum Leuchten bringen! Uns zum Leben und Denken und Handeln verabreden! Was anfangen! Der Vorschlag kommt von der Initiative »Offene Gesellschaft«: www.die-offene-gesellschaft.de/guideline.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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