Woher der Hass? – Und woher kommt Demokratie?

5. Dezember 2016

2016 war das Jahr des Hasses. Man muss die Ausbrüche nicht aufzählen, die neuen Dauertöne nicht wiederholen. Und dann die Nacht zum 9. November (sic). Die Stimmen in den USA sind ausgezählt. Gewinner ist ein Mann, den unser Außenminister »Hassprediger« genannt hatte. An der Spitze der »freien Welt« steht nun einer, der seine Prominenz einer Reality-Show verdankt, die über zwölf Jahre Szene für Szene mit diesem Verdikt endete: »You are fired«. Die Show bestand aus Bewerbungsgesprächen. Jedes Mal diese Häme vom Chef Donald, wenn er den schwächsten der Bewerber rauskickte. Diese kleine Hinrichtung und dieser böse Triumph von Zuschauern, die in ihrem Leben nie etwas anderes als Zuschauer sein durften. Diese Genugtuung, wenn es jemanden trifft, der unter ihnen steht. Der sich bewirbt, weil er rein will in den Job, und zum Schluss am Boden liegt. So wie bei Dieter Bohlen. Bohlen als Bundeskanzler? Ein schlechter Witz! Aber genau das dachten wir doch auch über Trump.

Und 2017? Geht die Spirale des Hasses weiter? Neuer Hass, wenn die USA dem Antiamerikanismus Nahrung geben? Die Achse Putin, Trump zu Marine Le Pen erweitert? Sie hat Chancen, Präsidentin zu werden – wie Trump. Sie war die erste, die ihm gratulierte, und ist darin bestätigt, in Frankreich weiter die Ressentiments zu schüren, die sie nach oben tragen sollen. Auch die Propaganda für den Brexit kam nicht ohne das Stimmungsmachen gegen die Fremden aus und ähnliche Stimmen gegen die Anderen, die nicht dazu gehören sollen, werden lauter – überall in Europa. So wird ein imaginäres Innen gebildet. Das Außen, die Anderen werden dämonisiert.

Woher der Hass?

Aus der Erfahrung von sozialem Abstieg, aus Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, aus der Vergeblichkeit zu schuften und es dennoch zu nichts zu bringen. Und dann der Verlust von Fortschrittshoffnungen und auf eine allgemeine Reichtumsvermehrung, die auch dem kleinen Mann Renditen bringt. All das, so scheint es, geht dahin. Weit und breit ist keine Bewegung in Sicht, die diese Erfahrungen aufklärt und die Visionen artikuliert, an deren Verwirklichung mitzuwirken sich lohnt.

So guckt man in den Rückspiegel. Man will nicht nach vorne blicken, weil man nichts Gutes erwartet, und will auch nicht das rasende Auto bremsen und aussteigen. Also Rollos runter, nostalgische Filme von der großen Nation oder vom Volk abspielen und auf Autopilot schalten?

Zygmunt Bauman, der greise und weise polnische Sozialwissenschaftler, der in England lebt, sagt, die Krise der Demokratie resultiere in den Augen der Bürger aus ihrer tatsächlichen und vermeintlichen Unfähigkeit zu liefern. »Die Hilflosigkeit der Politiker, ihr Verweis darauf, es gebe keine Alternative, sie könnten also gar nicht anders, wird als Kapitulation empfunden. Die Attraktivität des starken Mannes oder der starken Frau gründet auf der Behauptung und dem ungeprüften Versprechen, sie könnten anders handeln, sie seien in ihrer Person selbst die Alternative.«

Rückwärts?

Und dann sagt er im Spiegel-Interview (www.spiegel.de/spiegel/zygmunt-bauman-spiegel-gespraech-zu-fluechtlingen-globalisierung-terror-a-1111032-druck.html): »Ich verrate Ihnen mein neues Projekt: ›Retrotopia‹ wird der Titel meines nächsten Buches sein. Vor 500 Jahren schrieb Thomas Morus sein Werk ›Utopia‹, den Entwurf eines Nirgendwolandes, eines Nochnichtlandes, eines besseren Platzes, der noch nicht Wirklichkeit geworden ist. Retrotopia ist ebenfalls ein Ort, den es nicht gibt, aber nicht, weil er noch nicht existiert, sondern bereits existiert hat.«

Die Retrotopia-Träume werden zu noch größerer Enttäuschung und dann zu noch stärkerem Hass führen. Aber wie können wir den Hass unterbrechen? Was können wir ihm entgegensetzen? Demokratie und Liebe! Liebe? Sagen wir es auf Englisch, Love, so wie zum Beispiel die große Bildungsdenkschrift im kanadischen Ontario hieß: »For the Love of Learning«. Oder wie Augustinus Liebe definierte: »Ich will, dass du seiest«. Hass hingegen ist das Statement: »Ich will dich vernichten«. Es wird Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass es tatsächlich wieder eine angekündigte Vernichtung gibt.

Und Demokratie? Oskar Negt, auch ein Greiser und Weiser, wiederholte kürzlich vor einem Treffen rot-rot-grüner Parlamentarier in Berlin sein Credo: Demokratie ist die einzige Staatsform, die man erlernen muss, die alle erlernen müssen, immer wieder. Also noch mal: »For the Love of Learning«!

Orte!

Es wird Zeit jenseits von Utopien, also den Nichtorten, und den Retrotopien, den in der Vergangenheit liegenden imaginären Orten, reale, schöne Topoi, also Orte zu schaffen. Und das sollten vor allem die Schulen sein. Orte, die Zugehörigkeit versprechen – und Sein. Orte von Schönheit und Generosität. Keine Veranstaltungen nur fürs spätere Leben. Orte nicht nur für Kinder und Jugendliche. Auch für Erwachsene. Für Musiker oder Handwerker. Mit einem Repair-Café und Schriftstellern in Residence oder Ate­liers für Künstler, an deren Glaswänden sich Kinder die Nase platt drücken. Lebens- und Denk- und Lernorte. Manche erinnern sich vielleicht noch an die »Republikanischen Clubs« in der 68er-Zeit. Das waren Orte für Debatten oder ganz einfach Gelegenheiten, sich zu treffen. Das war die Zeit, wo Politik erotisiert, also mit Schönheit und Leidenschaft aufgeladen wurde.

P. S.

So etwas brauchen wir wieder. Eine Art Town Hall oder ein Jour-fixe. Warum nicht in Schulen? Aber öffentlich! Schulen als demokratische Zentren! Polder schaffen, wie bei der holländischen Landgewinnung. Das sollten Themen für 2017 sein! Wir müssen radikaler und dabei pragmatischer, wir müssen vor allem politischer werden!

P. P. S.

P. P. S.

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