Angst

1. November 2016

Aus den USA kommen immerzu Nachrichten, die man kaum glauben mag. Zum Beispiel, dass in kalifornischen Parks den Bäumen die unteren Äste abgesägt werden, damit Kinder nicht draufklettern. Die Letztbegründung ist versicherungstechnisch. Die Haftung. Und davor die Rechtsprechung. Und davor diejenigen, die Schadensersatzprozesse führen. Und davor, davor, davor … Da ist die Angst. In diesem Fall heißt ihre Parole: Es könnte was passieren. Ja, natürlich, es könnte was passieren, wenn Kinder auf Bäume klettern. Aber was passiert, wenn nichts passieren darf?

Das macht eine ganz andere Angst. Ausgerechnet ein Ökonom, immerhin der Nobelpreisträger Edmund Phelps aus New York, fürchtet, dass der amerikanische Sicherheitswahn, der die Lebendigkeit aus Schulen und vielleicht mehr noch aus den Familien vertreibt, die Kreativität, den Unternehmer- und Erfindergeist erstickt. Das führe zum wirtschaftlichen Niedergang, nicht erst in der Zukunft, sondern sei schon mitverantwortlich für die von ihm bereits vermessene Stagnation an Erfindungen und Gründungen.

Zeitbombe

Was ist da passiert? Aufsehen erregte die Geschichte vom 14-jährigen ­Ahmed Mohamed im texanischen Irvine. Er wurde von der Polizei aus der Schule geholt und in Handschellen aufs Revier gebracht. Der Sohn sudanesischer Einwanderer hatte eine Uhr gebaut und sie stolz mit in die Schule gebracht. Die Uhr tickte und die Lehrerin hörte eine Zeitbombe.

Ein Beispiel aus Hamburg. Eine junge Mutter hat Angst, ihr kleines Kind im Auto nicht fachgerecht im Maxi-Cosi anzuschnallen. Auch bei einer kurzen Strecke will sie es keinesfalls im Arm halten. Nun muss man es nicht wie die Generation vorher halten, deren Kinder unbesorgt auf der Ladefläche des R 4 spielten, schliefen und in Italien wieder raussprangen. Aber die Frage ist, was lässt die Angstmembrane so anschwellen?

Der Gedanke drängt sich natürlich auf, dass in einer Zivilisation, die auf Zeitbomben sitzt, die Lehrerin in Texas und Millionen von Trump-Wählern diese an den unmöglichsten Stellen hören, um nur nicht die wirkliche Bedrohung wahrnehmen zu müssen und dann zu handeln, was nur ein Zusammenhandeln vieler sein kann: Unser Leben ändern. Fehlleitungen der Angst erleben wir von Le Pen bis zum Brexit, von den Ressentiments der weltweiten neuen Rechten bis hinein in unseren Alltag mit dem Maxi-Cosi. Diese Angst, die die Aufmerksamkeit nicht zu dem führt, was beunruhigt und beunruhigen muss, diese Angst bildet ein böses Gift.

Unbeaufsichtigt

Amerika ist wie so oft etwas weiter. Dort ging die Geschichte des Ehepaars Meitiv aus Silver Springs im Speckgürtel von Washington durch die Medien. Es hatte seine sechs und zehn Jahre alten Kinder unbeaufsichtigt auf die Straße gelassen. Zweimal wurden sie von der Polizei aufgegriffen, zuletzt in einem Park. Ein Anwohner rief die Polizei, weil er die Kinder längere Zeit ohne Erwachsene sah. Es wurde ein Verfahren wegen des Verdachts der Vernachlässigung eingeleitet, wie die Washington Post berichtete. Dabei wollten die Eltern nur das Selbstverständliche, dass ihre Kinder eigene Erfahrungen machen. An Gewaltverbrechen und was alles passieren könnte, dachten sie nicht. Kann man solchen Eltern das Erziehungsrecht lassen? Darum ging es tatsächlich. Verantwortung hieße, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Dabei zeigen die Statistiken: Mord, Vergewaltigungen, Raub sind seltener geworden. Aber das mag der Medienuser nicht glauben.

Der Geografieprofessor Roger Hart hat 1972 in einer Kleinstadt in Vermont den Kinderalltag vermessen und kam 32 Jahre später zurück. Die Reichweite der Kinder ist in dieser Zeit enorm geschrumpft. Sie verlassen die Häuser und Gärten der Eltern nur noch selten. Ähnlich wie die Raumerfahrung hat sich die Zeitstruktur verändert. Die Eltern holen die Kinder von der Schule ab und machen für sie Termine mit durchschnittlichen Zeitfenstern von eineinhalb bis zwei Stunden. Dann kommt der Anschlusstermin. Verschwunden sind kleine Jobs in der Nachbarschaft und Einkäufe. Irgendwas auf eigene Faust. Kein aufgeschlagenes Knie, keine Kreidezeichnungen am Boden, kein »18, 19, 20, ich komme«.

Überbehütet

Andere Messungen unternahm die Forscherin Kyung Hee Kim. Sie stellt ein Absinken der Intelligenz fest und spricht von einer Kreativitätskrise. Die Fähigkeit der Kinder, »einzigartige und ungewöhnliche Ideen hervorzubringen«, habe seit 1990 nachgelassen. Die Kinder seien weniger energiegeladen, weniger gesprächig, weniger humorvoll und weniger phantasievoll. Sie hätten weniger Freude daran, scheinbar irrelevante Dinge zu verknüpfen und so auf Neues zu kommen. Seit einiger Zeit skandalisieren diese Befunde die USA. Im Buch von Hanna Rosin »The overprotected Kid« lesen nun viele, was sie alltäglich sehen könnten. Kinder verbringen mehr und mehr Zeit mit Erwachsenen, reden wie diese und denken wie sie: »Aber sie entwickeln nicht das Selbstvertrauen, unabhängig und selbständig zu sein.« Dazu braucht man vor allem die anderen. Die Sicherheit des – ein schönes amerikanisches Wort: a good enough. Die Sicherheit von Zugehörigkeit. Die Sicherheit nach überstandenen Risiken und Abenteuern. Die Sicherheit aus Zutrauen.

P. S.

Ein etwas anderes Bild bieten in den USA Kinder in den Straßen der armen Stadtteile, vornehmlich von Schwarzen. Und die Kinder von frisch Eingewanderten. Wer weiß, vielleicht kommen auch bei uns aus den heutigen jungen Flüchtlingen Erfinder und Kreative von morgen?

P. P. S.

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