Bildungspolitik?

4. Oktober 2016

Sollte ich Jüngeren erklären, was das ist, fiele es mir nicht leicht. Denn irgendwann in den letzten Jahren hat sie sich verabschiedet, die Bildungspolitik. Was ist Politik im Unterschied zu routinierter Systemadministration, die immer so tut, als gäbe es keine Alternativen? Die Verneinung von Alternativen ist Antipolitik. Der Verdruss über sie wird verwirrenderweise Politikverdrossenheit genannt. Die verheerenden Folgen, Trump und AFD, erschrecken uns, aber weiter gibt die Antipolitik den Ton an. Politik hingegen ist letztlich die Auseinandersetzung darüber, wie wir leben wollen. Vor allem, wie wir zusammenleben wollen. In der Politik gibt es immer Alternativen.

Bildungspolitik in Deutschland war lange Zeit Kulturkampf, sogar Krieg, der letzte Religionskrieg der Deutschen. Aber darin regte sich noch, wenn manchmal auch unkenntlich, ein Diskurs über das gute Leben. Es ging nicht nur um Systemoutput, wie um Leistungen einer Maschinerie, es ging auch um Beschämung, um Würde und Zugehörigkeit. Der Bildungskrieg hat sich beruhigt. Allerdings ist die Politik aus der Bildung gleich mit verschwunden. In Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen wurde ein »Schulfrieden« geschlossen. Frieden? Oder haben Erschöpfte die Waffen gestreckt? Nur noch Ruhe auf dem Schlachtfeld?

Ermüdung

In allen Bundesländern dominiert Pseudopolitik. Schulen werden umgetauft. Aus Haupt- und Realschulen sind »Oberschulen« geworden, oder »Realschulen plus«, Stadtteilschulen, Werkrealschulen und neuerdings wieder Mittelschulen. In Österreich ist die Heraldik üppiger, da heißt es »Neue Mittelschule«. Sie soll eine Gesamtschule sein, die sie natürlich inmitten der zerklüfteten Landschaft gar nicht sein kann, so wenig wie die vereinzelten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Nur das Gymnasium heißt immer noch genauso. Selbst seine G8-Episode ist bald vorüber. Es ist inzwischen überall die Schule der Mehrheit. In den noblen Stadtteilen ist es die Schule von 90 Prozent.

Aber es ermüdet, immer wieder darauf hinzuweisen, dass in den deutschsprachigen Ländern aus einer »Schule für alle« partout nichts wird, es sei denn alle gingen aufs Gymnasium. Was soll man tun? Auf solche Schritte wie einzelne Gemeinschaftsschulen oder die Hamburger Stadtteilschulen verzichten, weil der große Wurf nicht gelingt? Es liegt schon genug Resigna­tion in der Luft. Auch die ermüdet. Ermüdend aber ist vor allem ein System, das diejenigen, die darin arbeiten, zu vertreten haben, ob sie es wollen oder nicht, obwohl sie sich mit ihm nicht identifizieren können. Die meisten verlieren dabei schon aus Selbstschutz die Phantasie, dass es anders sein könnte. Es zehrt einfach an den Kräften und an der Würde, ein Spiel mitspielen zu müssen, das man für falsch hält.

Aufbruch

Nun sind vor einigen Wochen 51 von 53 Schulleitern der Hamburger Stadtteilschulen mit ihrem Frust und guten Argumenten an die Öffentlichkeit getreten. Stadtteilschulen wurden als zweite Säule neben Gymnasien installiert. Das Leitbild ist hervorragend: »Jede Schülerin und jeder Schüler kann etwas … jeder will lernen … jeder bedarf der Würdigung … jeder braucht seine Zeit.« Aber das Leitbild wird schon länger von Leidbildern im Alltag überlagert. Stadtteilschulen werden zu Schulen mit dem Wasserzeichen eines »Nur«. Das zeichnet immer stärker durch. Sie werden zu jener Restschule, zu der erst die alte Volksschule wurde, die dann Hauptschule hieß und schließlich ihrerseits Restschule wurde.

Als die Schulleiter ihr Papier mit dem Schulsenator diskutieren wollten, gab es keine Antwort. Wieder jene Entwertung und Entwürdigung, die sie mehr und mehr in ihren Schulen verkörpert sehen. Allerdings gibt es auch große Erfolge, etwa die große Zahl von Kindern, die ohne gymnasiale Empfehlung dort Abitur machen. Aber auch das kann zur Falle werden, wenn die Schulen vor allem daran gemessen werden, wie gut sie als Abiturmaschinen funktionieren. Dann stigmatisieren sie vollends die Restschüler, die von sich sagen »ich habe nur Stadtteil«.

Würde

Aber etwas ist an der ganzen Sache hervorragend. Diese Schulleiter haben die Bildungsdebatte zurückgeholt. Und sie haben ihre Würde (wieder) hergestellt. Mit der Verteidigung der Würde beginnt Politik. Und vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob nicht auch viele AFD-Wähler und selbst irre Trump-Anhänger der Wunsch nach Würde auf verquere Weise in die Hände von Demagogen treibt. Aus der Behörde wurde den Schulleitern bedeutet, sie seien Nestbeschmutzer. Das ist seit Adenauer das Verdikt gegen jede Kritik. Das Gegenteil ist der Fall. Sie bauen, um im Bilde zu bleiben, ein Nest. Bei Schulleitern, die so auftreten, möchte man doch mitmachen. Deren Schule möchte man sein Kind anvertrauen, auch wenn es eine Gym-Empfehlung hat. Gut, dass die Schulleiter verlangen, diese Empfehlungen abzuschaffen und natürlich, dass die Gymnasien nicht ein Viertel ihrer Schüler, die sie doch aufgenommen haben, wieder rausschmeißen.

P. S.

Auch in Gymnasien beginnt wieder die Debatte. Denn wenn sie de facto zu Gesamtschulen werden, dann bitte auch pädagogisch! Und so könnte genau dieses das Licht am Ende des Tunnels der Politikverfinsterung sein: Dass Schulen selbstbewusste Akteure werden, Individuen, durch Debatten und Diskurse verbunden.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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