Wir bauen eine neue Stadt

5. September 2016

Erster Ferientag in München, aber 2 500 Kinder sind morgens unterwegs. Seit 30 Jahren gehen alle zwei Jahre Kinder zwischen 7 und 15 zu Mini-München, einem großen Fest des eigenwilligen Lernens. Sie spielen Stadt. Eintritt ist frei.

Zum Beispiel ein Architekturbüro. Eben noch haben Kinder draußen Flächen vermessen, auf denen sie in den nächsten drei Wochen kleine Häuser bauen werden. Nun sind sie übers Papier gebeugt, übertragen die Maße und basteln Modelle. Es könnte ein Schrank neben ihnen umfallen und sie blieben unbeeindruckt. Weder das Treiben im Büro noch mein Kameramann, der nah an sie heran geht, lässt sie aufblicken.

Oder die Gärtnerei. Die Kinder tragen Pflanzen ins Freie, begießen sie, erklären uns, welche mit der Tülle, die jungen nämlich, und welche ohne, aber mit sanftem Strahl begossen werden. So ein Stolz. In der Küche werden Kartoffeln püriert. Butter, Quark und viel Schnittlauch werden zugesetzt. Das wird ein Brotaufstrich. Kellner probieren bodenlange, rote Schürzen an, nehmen sich Notizblöcke und werden gleich bedienen und kassieren. Die Währung ist der MiMü. In ihr werden Löhne ausgezahlt und Waren bezahlt. Es gibt auch ein Finanzamt, eine Bank und eine Börse. Und natürlich das Rathaus, Handwerksbetriebe, Gasthaus, Universität, Müllabfuhr, Theater, Kino und Fernsehen. 68 Einrichtungen. Die Kinder sind Bürgermeister und Taxifahrer, Gärtner und Hochschullehrer. Es gibt Märkte und Wahlen, Müllsammelaktionen und Feste. Im Botschaftsgebäude residieren in diesem Jahr Kinder aus Indien, Japan und europäischen Städten. Dort hat die in München kreierte Idee gezündet.

Flow

  Erstaunlich ist die Hingabe der Kinder. Sie finden ihren Platz, bleiben für ein paar Stunden, dann kann gewechselt werden. Die meisten in der Küche des Restaurants »Zur fetten Sau« wollen allerdings nicht weg. Aber auch andere wollen in der Küche arbeiten. Vielleicht ein Thema für die Bürgerversammlung am Nachmittag? Da dürfen nur Vollbürger abstimmen. Die Vollbürgerschaft kann nach vier Stunden Arbeit, vier Stunden Studieren und einem »Zoff-Kurs« beantragt werden. Der Zoff-Kurs? Da geht es um Streit, Schlichtung und das Zusammenleben.

Studieren zum Beispiel bei der 88-jährigen Ellen Fritsche. Sie weiß viel über Hände. Wie jung kann doch eine alte Frau sein! Auch Kinder halten Vorträge und selbstverständlich gibt es Experten. Zentral ist in diesem Jahr der Klimaschutz mit einem Wertstoffhof und einem Forschungsinstitut. 200 Erwachsene sind die Mentoren: Pädagogen, Künstler, Handwerker, Wissenschaftler. Die Kinder sind wirklich da. Mit Leib und Seele. Der empfindsame, gleichsam mitdenkende Leib ist doch etwas ganz anderes als der sonst zumeist nur sitzende Körper. Der ist ja Kinderalltag. Nicht einmal hört man in den Mini-München Hallen den Ruf »Ruhe!«. Die Kinder sind hier ganz gegenwärtig. Sie sind in der Welt. Sie wird erfahren, indem sie tätig sind.

Schöne Aussichten

Mini-München ist ein Labor des Lernens, Denkens und Handelns. Weil sie handeln wollen, denken die Kinder und dabei lernen sie. Mini-München ist nicht, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, Freizeit. Es ist jene konzentrierte Tätigkeit, bei der man nicht mehr unterscheiden kann, ob es nun Spiel oder Ernst ist. Spiel und Ernst sind zwei Pole dieses Globus, der sich beständig dreht. Hier scheint die Grammatik einer nachindustriellen Tätigkeitsgesellschaft auf, wie sie Ralf Dahrendorf und Hannah Arendt skizzierten. Die Schule ein Campus aus Werkstätten, Ateliers, Übungsräumen, auch Cafés und Räumen der Stille. Das ist bereits eine Inspiration für manche Schule. Sie selbst wird Basislager der ganzen Gesellschaft, ein generativer Ort, an dem die Generationen zusammenkommen und Neues generieren. Und wie wertvoll sind doch die Lebendigkeit und die Neugier von Kindern für uns Erwachsene! Ein Geben und Nehmen.

Verwandlungen

Diese enorme Gravitation kommt in Mini-München auf, weil etwas Folgenreiches gemacht wird. Tätig sind Menschen in ihrem Element. Und sie wollen zusammen tätig sein. Die Kinder wollen wissen, wie etwas geht, sie wollen gebraucht werden, jeder will sein Ding und seinen Platz finden. Sie sehnen sich geradezu nach Erwachsenen, die etwas gut können und das erklären. Wie respektvoll und stolz die Kinder dann sind!

Sie verwandeln die Dinge. Das ist Arbeit. Und Lernen ist, wenn sich Kinder die Dinge und die Erfahrungen und das Wissen anverwandeln. Dabei werden sie nach ein paar Tagen einen Kopf größer. Diesen Satz habe ich mehrfach gehört, zum Beispiel von einer Redakteurin des Bayrischen Rundfunks. Sie macht mit den Kindern eine tägliche Radiosendung und hat ihren Sohn mitgebracht, der in die erste Klasse geht. In der Schule, sagt sie, begann er sich mehr und mehr zu langweilen und war frustriert, weil er sich nicht mehr wie im Kindergarten frei bewegen und seine Sache machen konnte. Hier ist er glücklich, emsig, hier ist ihm nicht langweilig und nach ein paar Tagen »einen Kopf größer«.

P. S.

Und was passiert, wenn Kinder ihre Sachen machen, ihr Ding finden und weiter und weiter machen? Die Redakteurin selbst war als achtjähriges Kind erstmals bei Mini-München dabei. Da wollte sie nichts anderes als in der Küche der »Zur fetten Sau« arbeiten. In den folgenden Mini-München Jahren kam für sie anderes hinzu. Sein Ding zu finden ist keine lineare oder einmalige Angelegenheit. Es braucht viele solcher Gelegenheiten.

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>