Eine außerpädagogische Opposition

4. Juli 2016

Kennen Sie Harald Lesch? Ja, der aus dem Fernsehen. Er ist Professor für Physik. Im ZDF erklärt er die Welt. Er beherrscht seinen Einstein genauso wie seinen Kant. Dessen Imperativ, Menschen niemals nur als Mittel zu behandeln, sondern immer auch als Zweck, ist sein wichtigster Kompass. Es darf nie nur darum gehen zu funktionieren. Das Funktionieren allerdings, das beherrscht uns heute. Aber wird das auch funktionieren?

Grenzen

Nun wurde Lesch in einem Interview zur Zukunft befragt. Er zeigt in seinen Antworten, wie sehr Ethik und Physik zusammengehen. Ein Beispiel: Es gehört zu unserer mentalen Folklore, Sonnenergie und andere regenerative Quellen seien grenzenlos. Nein, sagt Lesch. Bei einem Wachstum der Sonnenkollektoren um jährlich vier Prozent dauert es ganze 236 Jahre, bis die ganze Welt mit ihnen zugedeckt ist. Auch für Gezeitenkraftwerke gibt es eine Grenze, von der an unsere Kugel in ihrer Rotation gestört würde. Beeindruckt fragt der Interviewer, dann sollten wir alle, vor allem die Kinder in den Schulen, wohl mehr Naturwissenschaften lernen?

Ja, sagt Lesch, das schon. Aber das sei nicht entscheidend. Es komme nicht auf technologische Fragen an, sondern auf ethische. Das wurde schon an seinem eigentlich simplen Rechenbeispiel deutlich. Man denke an diese uralte Wette: Der Herausforderer eines orientalischen Herrschers wollte mit der Menge von Reiskörnern ausgezahlt werden, die erreicht wird, wenn die Körner auf dem Schachbrett von Feld zu Feld verdoppelt werden. So viel Reis, wie allein auf das letzte Feld anfallen würde, gab es im ganzen Reich nicht. Das Problem der Probleme, so Lesch, ist der Glaube an das Wachstum, nicht die Matheaufgabe. Es ist auch keine nur theoretisch ethische Frage. Es ist eine der Lebens- und Denkweise.

Nun legt Lesch los. »Ich bedaure, dass viel zu wenig Kunst, Sport und Musik unterrichtet werden. Das sind die Fächer, die die Kreativität der Kinder beeinflussen, wie nichts sonst. Kinder, die sportlich sind, die Lust haben, Theater zu spielen, was zu malen, bildende Kunst zu betreiben, die werden Gehirne haben, die auf Fragen, die heute noch keiner weiß, reagieren können. Stattdessen kerkern wir sie ein. Wir kerkern sie in Vokabeln ein, in irgendwelchen mathematischen Übungsaufgaben – die sind teilweise von einer Perversion, das hätte ich gar nicht für möglich gehalten. Wir kerkern sie ein, in allem möglichen Kram, aber wir bereiten sie nicht auf das Leben vor.«

Lesch hat einen Sohn. Er weiß, wovon er spricht. Er kennt ja auch die Uni und er kann eins und eins zusammenzählen. Er macht sich zum Sprecher einer schlummernden außerpädagogischen Opposition.

Eine neue APO!

»Wir unterrichten Mathe nicht als praktisches Fach. Praktisch wäre, dass die Kinder so schnell wie möglich mit Leuten zusammen kommen, die jeden Tag Mathematik um sich herum haben, um zu sehen, wofür braucht man das eigentlich. Mathe ist ein starkes praktisches Fach, nicht so’n total abstraktes Zeug mit irgendwelchen Mengen oder irgendwelcher Algebra, von der man nie mehr was hört.«

Es gibt seit einigen Wochen auf Facebook den Teil des Lesch-Interviews über Bildung. Fünfeinhalb Minuten. (www.facebook.com/PolitikUndZeitgeschehen/videos/vb.816400378475878/1015388048577109/?type=2&theater) Der Clip wurde in kurzer Zeit mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen. An dem Nachmittag, an dem ich diese Kolumne schreibe, kamen fünftausend Klicks dazu. Dabei sagt Lesch ja nur, was für einsichtige Pädagogen nicht so neu ist. Aber er sagt es jenseits des pädagogischen Jargons. Welche Resonanz in der Gesellschaft dann entsteht! Dabei wird auch deutlich, dass die üblichen reformerischen – oder doch nur reförmelnden – Vorschläge nicht zu weit gehen, sondern nicht weit genug. Natürlich bestehen auch weite Wege aus lauter kleinen Schritten, aber lauter Schrittchen ohne erkennbares Ziel, so in der Art, die Pausenklingel nicht alle 45 Minuten, sondern nach 60 Minuten – wer soll sich denn dafür begeistern?

Auch die Naturwissenschaften will Lesch anders, als ein Fach »Natur«. »Naturwissenschaften sind Erfahrungswissenschaften. Nur, was für Erfahrungen machen denn die Kinder mit den Naturwissenschaften? Da werden irgendwelche blödsinnigen Übungsaufgaben gerechnet, es wird eben nicht Natur erfahren. Die Frage, warum kann ein Baum so groß werden? Wie macht er das? Wir gucken mal, wie hoch wir ‘ne Wassersäule pumpen können, gegen die Erdschwerkraft. Zehn Meter? Aber die Bäume sind 26 Meter hoch, wie kriegen sie das Wasser da oben hin?« Da kommt wieder der Kant durch: Vernunft ist Sinnlichkeit und Verstand.

Doch die Inhalte der Fächer sind gar nicht mal das, was Lesch am meisten empört. Es ist die Art, wie Raum und Zeit konstituiert sind. »G 8, Bachelor und Master sind Zeitkompressionsverfahren. Es ist alles total organisiert. Die Kinder gehen in die Kindergärten und die Alten gehen in die Altersheime. Die wichtigen Zeiten des Werdens und Vergehens finden in dieser Gesellschaft nur am Rand statt. Dazwischen ist der große Block des Konsums.«

P. S.

Und noch mal Lesch, diesmal mit Einstein, der das Geheimnis seiner Kreativität ja darin sah, das ewige Kind geblieben zu sein: »Wir haben das Problem, weil wir Erwachsene nicht den Kindern sagen, bleibt Kinder! Wir machen kein G8, wir machen ein G10, wir machen vielleicht ein G11, weil nämlich die 16-Jährigen ein Soziales Jahr machen. Dann wissen sie, wie es in dieser Republik aussieht. Was sie dieser Republik zu verdanken haben. Wem sie helfen wollen …«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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