Produzent oder Konsument?

2. Mai 2016

Es macht glücklich, so tief in einer Arbeit zu versinken, dass ihre Elemente anfangen mit einem zu tanzen. Goethe liebte das. Er jubelte: »Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen dann, um uns zu helfen.« So geht es mir zuweilen im Filmschnitt.

Auf dem Bildschirm ist der Erziehungswissenschaftler Gerd E. Schäfer. Er beobachtet Kindergartenkinder, die in einer Schlucht emsig tätig sind. Zwischendurch ziehen sie sich in ihr Basislager zurück, brechen erneut zu Expeditionen auf, zeigen stolz Dinge, die sie gerade entdeckt haben, und teilen begeistert poetische und auch abenteuerliche Theorien mit. Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen. Besonders interessiert sind sie an Werkzeugen, Geräten, Instrumenten. Manchmal bauen sie sich welche.

Schäfer sagt: »Die Kinder lernen, indem sie denken. Nicht, weil sie etwas lernen sollen oder wollen, sondern sie lernen dadurch, dass sie in Gedanken bei ihrer Tätigkeit sind und dort weiter denken. Sie sind also in erster Linie Denker. Und indem sie denken, lernen sie.« Man sieht sie eine Falle für einen imaginären Wolf bauen. Wasser umleiten. Eine Matte aus Gestrüpp flechten, auf der er einbrechen soll. Sie benutzen alle möglichen Werkzeuge. Auch so gefährliche wie Sägen. Erzieherinnen werden blass, aber es ist noch nie was passiert. Die Werkzeuge sind wichtig. Oder sind es doch nur Spielzeuge? Ist es Spiel oder Ernst? Das Entweder – Oder greift nicht.

Denken

Schäfer denkt weiter über das Denken nach: »Um etwas neu zu denken, für sich selbst zu denken, braucht man Werkzeuge. Das geht nicht von alleine. Wir haben die sinnlichen Mittel und die sind irgendwann zu Ende. Dann braucht man Instrumente, mit denen man weiter untersucht. Das macht unsere Kultur aus.« Ja, das ist die Art, wie das unvollkommene Tier »Mensch« sich seine Welt erschafft.

Der Film geht mit dem »Musikkindergarten Berlin« weiter. Auch dort haben wir beobachtet, wie sich die Kinder für Instrumente interessieren, erst mal mehr als für die Musik. Sie haben das Glück, dass Musiker aus Barenboims Staatsoper einmal die Woche mit Geigen, Celli, Flöten oder dem majestätischen Kontrabass kommen. Die Kinder bestaunen diese geheimnisvollen Werkzeuge der Musiker und wollen sie ausprobieren. Das dürfen sie auch. Auch mal die Gitarre mit einem Bogen traktieren, als wäre es ein Cello. So lernt man unterscheiden.

Die Szenen in der Schlucht und im Musikkindergarten tanzen in meinem Kopf weiter. Es denkt in mir, so wie der geniale Experimentalphysiker und Aphorismenschreiber Lichtenberg gern das Denken sah: »Es denkt, wie es regnet.« In mir denkt es: Warum erhalten Werkzeuge und Instrumente in den pädagogischen Einrichtungen so wenig Aufmerksamkeit? Vom Kindergarten an abwärts?

Werkzeuge

Ich hätte gern an einem anderen Film weiter geschnitten. Einer über Werkzeuge und Instrumente. Aber für den hatten wir ja ansonsten nicht gedreht. Es wäre ein Film darüber, wie Meister ihre Instrumente beherrschen und wie Kinder sie entdecken. Das können sie nur selbst, aber eben nur dann, wenn die Erwachsenen dafür Gelegenheiten bieten. Der Film wäre ein Lob des Vorbilds und schließlich darüber, was passiert, wenn aus der Welt der Kinder und Jugendlichen die Werkzeuge verschwinden. Wenn mit industriellem Spielzeug die fertige Welt inszeniert wird, wenn Kinder Spielsachen nur noch zu bedienen brauchen und wenn diese auch gar nicht mehr hergeben. Geizige Dinge als Miterzieher.

Und immer wieder diese Frage: Wa­rum finden wir ähnliche Szenen, wie die in der Schlucht und im Musikkindergarten später nicht mehr in Schulen? Wa­rum werden sie nicht »altersgemäß« weiter entwickelt? Warum werden Tätigkeiten, bei denen Kinder und Jugendliche begeistert ins Denken kommen, dort so selten? Durchinszenierten Experimenten und streng definierten Aufgaben fehlt die Offenheit, durch die es erst etwas zu tun gibt. Es wird selten, Schüler »in Gedanken bei ihrer Tätigkeit« zu beobachten, weil Tätigkeiten, die diesen Namen verdienen, im durchgeplanten Setting selten geworden sind. Warum soll jemand überlegen, was für Instrumente er braucht, wenn es doch ein Besteck gibt, das man halt einsetzt und anwendet.

Kultur?

Ist es nicht traurig, wenn man in ein Klassenzimmer blickt und keine Werkzeuge außer dem Schreibzeug sieht? Warum nur bricht der Werkzeuggebrauch, von dem Schäfer sagt, »das macht unsere Kultur aus«, in der Schule so abrupt ab?

Die April-Kolumne ging über »Digitalisierung«. Warum wird der Computer weniger als Werkzeug und überwiegend als Konsumzeug genutzt? Warum gelingt es uns nicht, dank dieser Universalmaschine im Mensch-Maschine-Tandem die Führung zu übernehmen? Was passiert, wenn aus Produzenten Konsumenten und User werden? Damit geht es im Juni weiter.

P. S.

Aber: Nur tätige Produzenten loben? Lernen mit Denken gleichsetzen? Das ist doch nicht alles! Stimmt. Neben dem Entdecken gibt es auch das Wiederholen, das Üben. Noch mal zu den Kindern in der Schlucht und Gerd E. Schäfer: »Schöpfen und Gießen wird von den Kindern über Tage ausprobiert. Es ist nicht so, dass es mit einmal Schöpfen und Gießen getan ist. Es muss in hundert Varianten ausprobiert werden. Mit Sieb, ohne Sieb, mit Sand im Sieb, mit Erde im Sieb, mit Blättern und Tieren im Sieb. Die Kinder haben dabei ungeheure Ausdauer. Konzentrationsschwäche können wir nicht feststellen.«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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