Im Netz – Die große Entmündigung?

30. Mai 2016

Ist es nicht ermüdend, immerzu darauf hingewiesen zu werden, wie sehr unser Raumschiff ins Schlingern gerät, und dann folgen nur ganz allgemeine Überlegungen zur Kurskorrektur? Konkret sind lediglich die Angaben darüber, was zu vermeiden sei. Dabei tut sich eine große Negativität auf, was alles nicht geht. Aber was sollen, können und wollen wir denn tun? »Der Mensch«, so G. E. Lessing, »ist nicht zum Vernünfteln auf der Welt.« Sondern zum Handeln. Tätig sein, das ist es!

Es gehört zu unserer Situation, global und lokal, dass Alternativen viel zu abstrakt und deshalb auch so schwach sind. Nur so kann eine populistische Ressentimentagentur diesen wichtigen Begriff okkupieren: Alternative (für D.land). Es ist ja nicht das erste Mal in einer Krise des Kapitalismus, dass die Linke abstrakt bleibt und die Rechte sich pseudokonkret bis zur Pöbelei und zum körperlichen Übergriff aufspielt, wie Herr Trump aus Amerika, der Milliardär, der die arbeitslosen Emotionen einsammelt.

Aber da müssen wir durch. Vom Ab­strakten zum Konkreten, um gleichermaßen das Selbst und die Welt verwirklichen. Und nicht das Pseudokonkrete vorziehen!

Hyperkonsumismus

Es gibt eine Schieflage, die dem Raumschiff gefährlich wird. Das ist der Hyperkonsum. Durch die sogenannte Digitalisierung wird dessen Siegeszug enorm beschleunigt. Es droht die große Entmündigung durch das Netz, durch exakt jenes Netz, auf dem die Hoffnung lag, ein demokratisches Medium der Produzenten zu werden. Diese Möglichkeit bleibt das Ziel, aber derzeit knüpfen wir überwiegend kein Netz, wir gehen dem Hyperkonsum ins Netz. Das Netz ist gekapert.

Harald Welzer hat darüber ein Buch geschrieben, das zu Recht von der FAZ genauso begeistert aufgenommen wird wie von der taz Harald Welzer: Die smarte Diktatur – Der Angriff auf die Freiheit. Frankfurt/M. 2016, 320 S., 19,99 €).

Wächst unmerklich inmitten der Demokratie eine Diktatur? Kennt uns das Netz bald besser als wir uns selbst? Macht uns der Hyperkonsum, der schmeichelt und ständig bestätigt, dumm und alternativlos? Denn Algorithmen sind so programmiert, dass uns angeboten wird, was wir kennen. Fremdes und Irritierendes wird vermieden. Und wir knüpfen fröhlich mit an diesem Netz, in dem wir unsere Freiheit verlieren.

Welzer ist Sozialpsychologe. Er erinnert daran, dass Freiheit kein passiver Zustand ist. Auch keine bloße Wahlfreiheit. Freiheit ist eine Tätigkeit. In die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts haben sich mehr Menschen willig begeben als dagegen Widerstand geleistet. Ihnen wurde versprochen, sie von der Verantwortung für das eigene Leben und von Entscheidungen zu entlasten.

Der Frosch

Etwas Ähnliches, fürchtet er, ist im Gange. Geht es uns wie dem Frosch, der sich im immer wärmer werdenden Wasser wohl fühlt, bis er völlig erschlafft abgekocht wird? Unmerklich nämlich verschieben sich die »shifting baselines« und kaum jemand kommt auf die Idee zu springen. Oder doch? Was hieße es, heute zu springen? Zuschauen jedenfalls, so Welzer, ist keine Haltung. Das Fatale ist, dass je mehr das Selbst geschwächt wird, weil der Hyperkonsum es davon erleichtert, tätig zu werden, dieses Selbst wie ein Süchtiger von diesem All-Inclusive-Konsum abhängig wird. »Das Selbst ist allein wie nie zuvor in der Moderne,« schreibt er. »Es weiß, dass ihm niemand helfen wird, wenn es nicht funktioniert, was seine Abhängigkeit von digitalen Beziehungsprothesen im Netz erhöht.«

Der schöne Fehler

Wie unmenschlich diese Enteignung ist, macht uns der italienische, in Oxford lehrende, Philosoph Luciano Floridi deutlich (Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Berlin 2015. 314 S., 29,95 €). Floridi befasst sich seit Jahren mit dem Mensch-Maschine-Verhältnis. Seine Arbeiten machen deutlich, dass wir heute in der Konsumsphäre zu Anhängseln der Maschinen werden. Das gilt auch für weite soziale Bereiche, in denen wir nur funktionieren sollen. Macht dabei die »Bildung« eine Ausnahme?

Das Menschliche an uns Menschen bedeutet etwas ganz anderes, sagt Floridi: »Eigentlich ist der Mensch ein Ausrutscher, ein Fehler. Womöglich der schönste Fehler, den die Natur je gemacht hat. Eigentlich dürfte es uns gar nicht geben. Wir sind eine Anomalität.« Sie unterscheidet uns von den anderen Tieren und unserem Megaprodukt, den Maschinen. Das Unvollkommene und Fehlerhafte ermöglicht und zwingt uns zu lernen. Aber nicht Lernen im passiven Status, in dem Lernen die andere Seite der Belehrung ist, sondern Lernen als eine Art, uns neu zu erfinden. Immer wieder. Im Spiel.

Angesichts des Hyperkonsums wird es unvermeidlich zu fragen, was denn den Unterschied macht. Worauf kommt es an, wenn wir das Raumschiff mit der Superschlagseite zum Konsum nicht zum Absturz bringen wollen? All das, Floridi macht es klar, was im Industriezeitalter kaum geachtet wurde: Gefühl, Intuition, Scheitern- und Irrenkönnen.

P. S.

Floridis Rat: »Ich würde niemandem dringend empfehlen, Programmiersprachen zu lernen. Ich würde empfehlen, echte Sprachen zu lernen. Sprache erschafft die Welt. Es kann die Sprache der Musik sein, der Kunst, der Architektur. Sprache ist die Grundlage, die wir nutzen, um Dinge zu kreieren. Wenn Sie Sprachen beherrschen, gehört die Zukunft Ihnen. Jedes Kind sollte seine Muttersprache perfekt lernen. So entwickelt man seine Gedanken. Dann sollte es Englisch lernen, denn das ist das ultimative Instrument, um mit allen anderen zu kommunizieren. Als Drittes kommt die Mathematik, denn dadurch spricht die Natur. Alles andere? Ist Zugabe.«

P. P. S.

Kahls Kolumne im Archiv

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