4´16Flüchtlinge in der Schule

Cover PÄDAGOGIK 4/16
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Was können wir von denen lernen, die bereits Erfahrungen in der Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten haben? Materialien, Praxishilfen und eine pragmatisch-engagierte Haltung sollen helfen, die Herausforderung anzunehmen.

Was wissen wir? Was brauchen wir? Was können wir tun? Die konkreten Herausforderungen sind derzeit so groß, dass die letzte Frage meist an die erste Stelle tritt. Deshalb haben wir die Jahresplanung umgestellt und erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen gefragt, welche Hilfen sie für die Arbeit mit jungen Flüchtlingen anbieten können, was sie für diese Arbeit brauchen und was sie auf Grund ihrer Erfahrungen wissen. Denn: Notwendig ist vor allem ein gezielter Erfahrungsaustausch und dazu wollen wir mit diesem Heft einen Beitrag leisten – u. a. mit Antworten auf diese Fragen:

  • Wie kann ich als Neuling einen Spezialkurs für Deutsch als Zweitsprache gestalten?
  • Wie können wir als Schule mit Flüchtlingskindern in der Warteschleife arbeiten?
  • Was können wir von langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Flüchtlingen lernen?
  • Wie können geflüchtete und nicht geflüchtete Jugendliche einander begegnen – und das im Feld der Naturwissenschaften?
  • Wie gelingt Schülern die Initiierung und Unterstützung von Flüchtlingsprojekten?
  • Was können wir von einer Schule lernen, in der ausschließlich mit jugendlichen Flüchtlingen gearbeitet wird?

Die gute Nachricht: Schulische Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten ist nicht neu; es gibt also vielfältige Erfahrungen, Materialien und Fortbildungsmöglichkeiten. Gleichwohl ist diese Aufgabe für viele Schulen und Lehrkräfte neu. Deshalb haben wir schon Anfang dieses Jahres mit einer kleinen Serie im Magazinteil den Erfahrungsaustausch zur Arbeit mit Flüchtlingen begonnen. Wir wünschen uns und ihnen, dass dieses Heft dabei helfen kann, diese Herausforderung anzunehmen und zu bewältigen.

Johannes Bastian

Flüchtlinge in der Schule

Was wissen wir? Was brauchen wir? Was können wir tun?

Peter Daschner

Wenn 300 000 Kinder und Jugendliche auf der Flucht aus Krisengebieten innerhalb kurzer Zeit zu uns kommen, wird von ihnen viel verlangt, aber auch von den Schulen, die sie aufnehmen. Wie ist bei der gegenwärtigen Zuwanderung die Datenlage? Was wissen wir über die neuen Schülerinnen und Schüler? Gibt es Unterschiede bei der Schulpflicht und der Form der Beschulung?

Welches sind die Erfolgsindikatoren, die uns in 20 Jahren sagen lassen können: »Ja, wir haben es geschafft«? Auf diese Frage des Philosophischen Magazins Nr. 02/2016 antwortete der Flensburger Soziologe Harald Welzer:

»Für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen gibt es eigentlich keinen anderen Indikator als erfolgreiche Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen. Das heißt: Im Erfolgsfall merkt man gar nichts. Schließlich ist es ein Merkmal von funktionierenden Einwanderungsgesellschaften, dass die Herkunft und Migrationsgeschichte der Gesellschaftsmitglieder im Alltag keine Rolle spielt – im Unterschied zu Gesellschaften, deren Selbstbild stark an eine (vermeintliche) biologische Identität gekoppelt ist.

Um es einfach zu sagen: Auf die Idee, dass jemand, der aus Anatolien eingewandert ist, kein Amerikaner sei, würde ein Amerikaner nicht kommen. In Deutschland, das sich lange geweigert hat, das Selbstbild eines Einwanderungslandes anzunehmen, gilt dagegen noch dessen Enkelin als eine Person ›mit Migrationshintergrund‹.«

Bei allen Belastungen und Problemen, die Flüchtlingskinder aufweisen – sie sind in erster Linie Kinder.

Für diesen »Erfolgsfall« – also wenn man in 20 Jahren von der ca. eine Million Zuwanderer des Jahres 2015 »nichts mehr merkt«, weil sie im Arbeitsleben, an den Hochschulen, im Kulturbetrieb angekommen sind und »wir« uns insgesamt verändert und gemeinsam entwickelt haben – ist noch viel zu tun. Ein Blick zurück zeigt: Viele Zuwanderungen gab es auch Anfang der 1990er Jahre, vor allem im Gefolge des Balkankrieges. Aktuelle Ausschreitungen gegen Flüchtlingsheime wie die in Heidenau vom letzten Jahr weckten schlimme Erinnerungen an die pogromartigen Überfälle in Hoyerswerda (September 1991) und Rostock-Lichtenhagen (August 1992). Diese Thematik hatte damals auch Eingang in diese Zeitschrift gefunden: Das Schwerpunktthema von Heft 3/1992 hieß »Ausländerfeindlichkeit. Handeln gegen den Hass«.

Heute sind Flucht und Zuwanderung in noch größerem Ausmaß die Megathemen, die die Politik in Berlin, Brüssel und ganz Europa bewegen und spalten wie die Familien und Freundeskreise. Im Unterschied zu den 1990er Jahren ist aber heute ein Anwachsen zivilgesellschaftlicher Kräfte und Initiativen zu verzeichnen, wie sich das nicht voraussehen ließ. »Willkommenskultur« steht als inzwischen international gebrauchte Chiffre dafür. Dieses Heft beschäftigt sich mit den konkreten Anforderungen und Fragen, die Lehrerinnen, Lehrern und Schulen gestellt sind, wenn sie Kinder aus Flüchtlingsfamilien oder minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in speziellen Kursen oder in Regelklassen unterrichten.

In dieser Einführung geht es hauptsächlich um die Rahmenbedingungen: aktuelle Daten zur Zuwanderung, Befindlichkeit der Kinder und Jugendlichen, Regelungen zum Schulbesuch und Hindernisse, Formen der Beschulung in den Bundesländern.

Daten und Fakten zur Zuwanderung

Derzeit sind rund 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht (UNHCR). Das sind die höchsten Flüchtlingszahlen seit Ende des 2. Weltkrieges. Davon flüchteten ca. 38 Millionen innerhalb ihres Heimatlandes, ca. 20 Millionen haben es verlassen. Hauptaufnahmeländer der Flüchtlinge aus den gegenwärtigen Bürgerkriegsgebieten in Syrien, dem Irak und Afghanistan sind die Nachbarländer Türkei, Pakistan, Jordanien und Libanon. In Deutschland war die bisher höchste Zahl von Asylanträgen 1992 im Gefolge des Balkankrieges mit 438 191 erreicht worden. Die europäischen Hauptzielländer der Asylbewerber im Jahr 2014 zeigt Abb.1. Die Asylbewerber pro 1 000 der jeweiligen Bevölkerung in 2013/2014 sind in Abb. 2 dargestellt. Sie ergibt, dass der ›Belastungsgrad‹ in mehreren europäischen Ländern deutlich größer ist als in Deutschland. Diese Daten aus dem Migrationsbericht 2014 (veröffentlicht im Januar 2016) bilden die Entwicklungen in 2015 noch nicht ab. Flüchtlingsverteilung in Europa

Im Jahr 2015 ist die bisherige Höchstzahl mit 476 649 Asylanträgen in Deutschland übertroffen worden. In Wirklichkeit waren es mehr als doppelt so viele Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, laut Bundesinnenministerium genau 1 091 894. Diese Zahl misst all jene, die im System zur Verteilung von Asylsuchenden (EASY) registriert wurden. Die große Differenz zwischen den beiden Zahlen für das Jahr 2015 hat mehrere Gründe: Ein Teil der Registrierten kann in andere Länder weiter gezogen sein, es kann in der ­EASY-Statistik zu Mehrfachzählungen gekommen sein (weil es bisher keine von allen Bundesländern abrufbare Datenbank gibt!), und schließlich hatten viele der Neuankömmlinge noch gar nicht die Möglichkeit, ihren Asylantrag einzureichen (vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Newsletter vom 18. 1.2016). Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass es nicht nur Flüchtlinge sind, die zuwandern, und dass es auch Menschen gibt, die Deutschland verlassen. So weist der jährliche Migrationsbericht der Bundesregierung für 2014 einen Zuzug von insgesamt 1,46 Mio Menschen aus, dem 914 000 Abwanderer gegenüber stehen, so dass der Wanderungsgewinn ca. 550 000 Menschen beträgt.

Zur Altersstruktur der bei uns Asylsuchenden:

  • 81,7 % der Antragsteller sind jünger als 35 Jahre
  • 71,1 % sind jünger als 30 Jahre, davon sind 75,6 % männlich
  • 31,1 % sind jünger als 18 Jahre, davon sind 79,4 % männlich
  • ca. 29 % der unter 18-Jährigen sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Was ergibt sich aus dieser Betrachtung ausgewählter Daten zur Flüchtlingsfrage?
Flucht und Vertreibung sind weltweite Phänomene riesigen Ausmaßes, deren Lasten – neben den Flüchtenden selbst – hauptsächlich die Nachbarländer der Krisenregion tragen. Zunehmend sind auch europäische Aufnahmeländer betroffen, in unterschiedlichem Ausmaß, und Deutschland (bisher) lange nicht am meisten.

Die altermäßige Zusammensetzung der bei uns Ankommenden macht einerseits die Chancen für den Arbeitsmarkt deutlich und weist andererseits auf die bevorstehenden Aufgaben für das Bildungs- und Ausbildungssystem hin.

Bildungsstand, Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Was den Bildungs- und Ausbildungsstand der Flüchtlinge angeht – der auch ein Indikator für den Schulbesuch der Kinder und Jugendlichen ist – gibt es sehr unterschiedliche Meldungen bei einer insgesamt eher schwachen Datenbasis (Sachverständigenrat 2016, S. 4, 45 ff.). Laut freiwilligen Angaben der Asylbewerber beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seien dabei die syrischen Flüchtlinge besonders gut ausgebildet, jeder Fünfte habe eine Universität oder Fachhochschule besucht, 22 % seien auf einem Gymnasium gewesen. Das IfO-Institut dagegen beruft sich auf Erhebungen türkischer Behörden in den dortigen Flüchtlingslagern, wonach ein Viertel als unqualifiziert (Analphabeten oder ohne Schulabschluss) einzustufen sei, ein Fünftel als gut qualifiziert gelte (Abitur, Hochschulabschluss) und der große Rest nur über einen Grund- oder Hauptschulabschluss verfüge.

Auch bei der Bewertung der Frage, ob und wie die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt gelingen könne und wann der wirtschaftliche Nutzen die gesellschaftlichen Kosten übersteige, gehen die Einschätzungen weit auseinander. Während Dieter Zetsche von Daimler in der Zuwanderung junger, motivierter Männer eine »Grundlage für das nächste Wirtschaftswunder« sieht, verweisen andere auf den Unterschied zwischen Fluchtbewegungen und gesteuerter Einwanderung, wie sie z. B. die USA und Kanada betreiben. Insgesamt seien die Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und dem östlichen Afrika deutlich schlechter ausgebildet als der Durchschnitt hier. Und dabei seien bei uns schon 1,2 Mio Arbeitslose auf der Suche nach einfachen Jobs, für die es aber nur 110 000 offene Stellen gäbe, so dass Verdrängungswettbewerbe auf niedrigem Niveau voraussehbar seien.

Was wissen wir über die Kinder und Jugendlichen?

Bereits im Oktober letzten Jahres umriss die Kultusministerkonferenz (KMK) die Quantitäten: Von den damals prognostizierten 800 000 Flüchtlingen für 2015 (inzwischen 1,1 Mio) seien 20 bis 30 Prozent schulpflichtig. Das ergäbe insgesamt (für über 20 000 zusätzliche Lehrer, Baumaßnahmen etc.) einen Mehrbedarf von mindestens 2,3 Milliarden Euro für den Schulbereich. Die GEW rechnet für ca. 300 000 zusätzliche Kinder in Kitas und Schulen einen Bedarf von 24 000 Lehrkräften und 14 000 Erziehern mit jährlichen Kosten von drei Mrd. Euro. Da es bisher wenig datenbasiertes Überblickswissen zur konkreten schulischen Situation der geflüchteten Kinder und Jugendlichen gibt, werden im Folgenden einige besonders für Kinder aus Kriegsgebieten relevante und charakteristische Aspekte genannt. Sie stammen aus vier aktuellen Veröffentlichungen und basieren auf Erfahrungen von Lehrkräften und Beobachtungen wissenschaftlicher Experten: Potsdamer Zentrum für empirische Inklusionsforschung (2015), Sha(2015); Vogel/Karakasoglu (2015); Berthold (2014).

Wie ist nun die Situation der Flüchtlingskinder in den Klassenzimmern? Worauf haben sich Lehrerinnen und Lehrer einzustellen?

Sprachlosigkeit

Das Leben in einer Umgebung, in der man die Sprache nicht oder unzureichend versteht, ist extrem anstrengend und kräftezehrend, die Angst vor Missverständnissen groß. Hinzu kommt die »doppelte Sprachlosigkeit«: Geflüchtete Kinder und Jugendliche können das, was sie erlebt haben, oft nicht in Worte fassen, da es so grauenvoll ist. »Nicht selten schweigen sie, weil ihre Geschichte eine zu große Belastung für den anderen scheint oder sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird« (Shah, S. 12).

Alles fremd

Neu Angekommenen fehlen in der Regel Kenntnisse über das, was bei uns kulturelle Selbstverständlichkeit und im Zuge der Sozialisation verinnerlicht worden ist. Dies gilt für alle Lebensbereiche, insbesondere aber auch für die schulische Sozialisation. Selbstständiges Lernen, erwartete Eigenaktivität und Verantwortlichkeit, Mitbestimmungsrechte im schulischen Alltag sind für viele Flüchtlinge fremd und wirken überfordernd in einer Situation, in der sie große Unterstützung und Anleitung brauchen. Manche Eltern sind es nicht gewohnt und nicht in der Lage, ihre Kinder in schulischen Fragen zu unterstützen.

Extrem heterogen

Einige der jungen Flüchtlinge sind nicht alphabetisiert, andere nur wenige Jahre zur Schule gegangen, manche haben Jahre auf der Flucht verbracht, andere wiederum mussten kurz vor einem höherwertigen Abschluss ihr Land verlassen. Die Curricula in den Herkunftsländern sind unterschiedlich usw. Die Flüchtlingsklassen sowie die Gruppe der Flüchtlinge insgesamt sind also extrem heterogen. Ihnen allen gerecht zu werden und sie sinnvoll zu beschulen, bleibt eine herausragende Aufgabe. Dabei gilt: Je früher sie in Regelklassen eingeschult werden können, umso größer der Integrations- und Bildungserfolg. Lehrkräfte müssen sich darauf einstellen, ihren Unterricht noch stärker zu individualisieren und Deutsch als Fremdsprache in den Fachunterricht zu integrieren.

Traumata

Es spricht vieles dafür, Kinder in Vorbereitungsklassen nicht zu lange von ihren Mitschülern im Regelunterricht zu trennen.

Viele Flüchtlingskinder und -jugendliche sind durch Kriegserlebnisse und Fluchterfahrungen traumatisiert. Der Marburger Traumaexperte Georg Pieper schätzt, dass rund zwei Drittel der Kinder aus Kriegsgebieten an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Erst wenn die akute Notlage vorbei ist, können sich manche mit dem Erlebten auseinandersetzen und erst mittel- und langfristig zeigt sich, wie gut die Bewältigung gelingt. Die wichtigste Ressource für die seelische Gesundung von Kindern sind zuverlässige Bezugspersonen, vor allem Eltern. Oft allerdings sind in Flüchtlingsfamilien auch die Erwachsenen traumatisiert, so dass sie kaum in der Lage sind, die Kinder angemessen zu unterstützen. Das ganze System der Familie kann zusammen gebrochen sein, wenn Teile im Herkunftsland zurückgeblieben sind.

Die Schule steht auch hier vor der immensen Aufgabe, Bewältigungsprozesse zu ermöglichen, solange noch keine therapeutische Unterstützung möglich ist. Psychologische Betreuungsangebote an allen Schulen und Unterstützung der Lehrkräfte ist eine der dringendsten Forderungen.

Isolation

Flüchtlinge in Deutschland leben in relativer Sicherheit, aber oftmals in Isolation und materieller Enge. Besonders in den Übergangseinrichtungen leben sie in stark beengten Verhältnissen. Dies nimmt auch Einfluss auf den Bildungserfolg: Große Gemeinschaftsunterkünfte sind kein gutes Lernumfeld, es fehlen Rückzugsmöglichkeiten. Leben in Armut erzeugt Scham, die soziale Integration ist gleichermaßen schwierig wie die Teilhabe am kulturellen Leben. Flüchtlinge müssen daher so schnell wie möglich aus den Sammelunterkünften ausziehen dürfen und z. B. über Mentoren oder Kulturmittler Zugang zu ihren hier ansässigen Nachbarn finden.

Unbegleitete Minderjährige

Die jüngste Schätzung vom Januar 2016 geht von 59 000 unbegleiteten Jugendlichen aus. Ihre Situation ist besonders dramatisch. Oft traumatisiert, von ihren Familien getrennt, über deren Schicksal sie häufig nichts wissen, müssen sie sich in der fremden Umgebung allein zurechtfinden. Die Jugendämter, die sie in Obhut nehmen, sind unterfinanziert und überlastet, oft fehlt es an ausgebildeten Vormündern.

Bundesfamilienministerin Schwesig hat im Januar ein ZehnmillionenProgramm vorgestellt, das Abhilfe schaffen soll: »Menschen stärken Menschen«. Es soll helfen, mehr Paten, Gasteltern und Vormünder für Flüchtlinge zu gewinnen.

Nicht mehr Schulpflichtige

Am schwierigsten ist es für junge Flüchtlinge, die nicht mehr regelschulpflichtig sind – je nach Bundesland sind das Personen, die 16 bzw. 18 Jahre und älter sind. Etwa 25 % aller Flüchtlinge fallen in diese Personengruppe. Für viele dieser jungen Menschen besteht gar keine Beschulungsmöglichkeit. Ohne Spracherwerb und deutschen Schulabschluss ist es für sie kaum möglich, ihren Bildungsweg fortzusetzen bzw. eine Ausbildung aufzunehmen, obwohl zehntausende Lehrstellen unbesetzt sind. Hamburg stellt gerade das berufliche System für Migranten und Flüchtlinge um zu einem ganztägigen Schulangebot, das neben intensiver Sprachförderung auch ein umfangreiches Betriebspraktikum an zwei Tagen in der Woche enthält. In einzelnen Bundesländern (z. B. Bayern) gibt es Beschulungsmöglichkeiten für junge Erwachsene. Die Anzahl der Plätze reicht jedoch nicht aus. In den meisten Bundesländern sind Flüchtlinge, die älter als 21 Jahre sind, von Beschulungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Bei allen unterschiedlichen Belastungen, Besonderheiten und Problemen, die Flüchtlingskinder aufweisen – allem voran sind sie »in erster Linie Kinder »(Berthold, S. 10), d. h. eigenständige Persönlichkeiten und Träger eigener Rechte, mit ganz besonderen, kinderspezifischen Bedürfnissen und großem Entwicklungspotenzial. Deshalb wäre es grundfalsch, sie allein unter der Perspektive des Defizits zu betrachten. Ganz im Gegenteil: Viele zeigen sich nach einer Eingewöhnungszeit als sehr neugierig, wach und lernmotiviert. Dies gilt insbesondere auch für Jugendliche, die sehr wohl die Chance sehen, die ihnen für ihr Leben und ihre Entwicklung in Deutschland geboten wird und deren Lebensgefühl von Optimismus geprägt ist.

Zugang zum Schulbesuch für Flüchtlinge

Grundgesetz, UN-Kinderrechtskonvention und EU-Recht garantieren für alle Minderjährigen, auch für asylsuchende Kinder, das Recht auf Bildung. Die Konkretisierung ist in den Schulgesetzen der Bundesländer geregelt: In Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es lediglich ein Schulbesuchsrecht für Flüchtlinge, jedoch keine Schulpflicht. Diese gibt es in allen anderen 14 Bundesländern, allerdings mit deutlichen Unterschieden. In Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen gilt eine Warteregelung (drei bzw. sechs Monate nach Zuzug). Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, NRW und Rheinland-Pfalz haben eine De-facto-Warteregelung, weil dort die Schulpflicht erst einsetzt, wenn die Asylbewerber einer Gemeinde zugewiesen worden sind. Eine Schulpflicht, die sofort nach der Registrierung einsetzt, gibt es nur in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sowie im Saarland und in Schleswig-Holstein (vgl. Massumi/von Dewitz 2015, S. 38 f.).

Neben diesen gesetzlichen Unterschieden bei der Schulpflicht gibt es noch andere Hindernisse beim möglichst frühzeitigen Schulzugang eines gerade angekommenen Kindes. »Dürfen Kinder, die keine Aufenthaltspapiere haben, in Deutschland zur Schule gehen?« Eine im Oktober 2015 von der Universität Bremen (Funck/Karakasoglu/Vogel) vorgelegte Studie belegt nach Abfrage von 100 Grundschulen im Bundesgebiet: Bei 62 Prozent der Schulen wurde eine Aufnahme abgelehnt. In einigen Schulen und Behörden wurde sogar angenommen, dass die Polizei informiert werden müsse. Dabei wurde bereits 2011 vom Bundestag beschlossen, dass Schulen und andere Bildungs- und Erziehungseinrichtungen keine Daten mehr an Ausländerbehörden weitergeben müssen (Art. 87, Abs. 1 Aufenthaltsgesetz). Was damals als großer humanitärer Erfolg zugunsten des Kindeswohls und des Rechtes auf Bildung gefeiert wurde, ist offensichtlich bei der Mehrheit der Schulsekretariate und Schulleitungen noch nicht angekommen. Mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche können davon betroffen sein – kein guter Start in die gewünschte Integration.

Formen der Beschulung

In allen Bundesländern gibt es Vorbereitungsklassen o. Ä. (Unterschiedlichste Bezeichnungen in den verschiedenen Ländern sorgen auch hierbei für die gewohnte föderale Intransparenz) für Flüchtlingskinder, in denen diese vor allem eine intensive Sprachförderung erfahren, um später erfolgreich am Regelunterricht teilnehmen zu können. Modelle dieser Art bilden den ›Normalfall‹ und werden insbesondere in der Sekundarstufe und in städtischen Schulen praktiziert, wo es genügend zugezogene Kinder und Jugendliche gibt, um Klassen bilden zu können. Daneben gibt es aber auch die Verschränkung mit dem Regelunterricht von Anfang an in sogenannten integrativen oder teilintegrativen Modellen (vgl. Abb. 4) wie etwa in Rheinland-Pfalz oder Bremen. Dem Inklusionsgedanken folgend haben z. B. im Kreis Unna elf Schulen ein sogennanntes Go-in-Konzept entwickelt, nach dem geflüchtete Kinder und Jugendliche von der ersten Stunde an am Regelunterricht teilnehmen. In maximal acht Stunden wöchentlich erhalten sie parallel zum normalen Unterricht eine besondere Sprachförderung.

Insgesamt spricht vieles dafür, die Kinder in den Vorbereitungsklassen nicht zu lange von ihren Mitschülern im Regelunterricht zu trennen. Weniger sprachintensive Fächer wie Sport, Musik, Kunst, zum Teil auch Mathematik, bieten sich für einen gemeinsamen Unterricht an.

Vereinheitlichte curriculare Vorgaben und Kompetenzziele gibt es in den meisten Bundesländern nicht, die Schulen haben weitgehende Gestaltungsfreiheit und viele nutzen sie mit gutem Erfolg. Das zeigen auch die Erfahrungsberichte in diesem Heft.

Um auf die Eingangsfrage nach den Erfolgsindikatoren zurückzukommen: Dass Herkunft und Mi­grationsgeschichte keine diskriminierende Rolle mehr spielen, lässt sich an vielen Schulen in Deutschland heute schon beobachten. Unterschiedlichkeit und Vielfalt sind zum Normalfall geworden. Das lässt auch für die Zukunft hoffen.

Literatur

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2016): Newsletter vom 18.01 2016
Berthold, Thomas (2014): In erster Linie Kinder. Flüchtlingskinder in Deutschland. Berlin
Funck, Barbara/Karakasoglu, Yasemin/Vogel, Dita (2015): »Es darf nicht an Papieren scheitern«. Theorie und Praxis der Einschulung von papierlosen Kindern in Grundschulen. Bremen
Juang, Linda/Vietze, Jana/Schachner, Maja (2015): Flüchtlingskinder im Klassenzimmer. Was wir wissen und was wir tun können. Potsdam
Massumi, Mona/von Dewitz, Nora et al. (2015): Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem. Bestandsaufnahme und Empfehlungen. Mercator-Institut, Köln
Migrationsbericht 2014 (2016): Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Nürnberg
Philosophie Magazin (2016): Heft 2/2016 enthält prägnante Antworten von 27 Philosophen zu wichtigen Fragen zum Thema Flüchtlinge in Deutschland, empfehlenswert auch für den Unterricht in der Sek II
Robert Bosch Expertenkommission zur Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik (2015): Zugang zu Bildungseinrichtungen für Flüchtlinge: Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen. Berlin
Sha, Hanne (2015): Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge in Schulen, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen. Zentrum für Trauma- und Konfliktmanagement, Köln (Diese Broschüre wird auch von der Unfallkasse Nord und dem Kultusministerium Baden-Württemberg als Handreichung vertrieben.)
Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (2016): Was wir über Flüchtlinge (nicht) wissen. Berlin. Internet: www.svr-migration.de/publikationen
Statistisches Bundesamt (2015): Pressemitteilung Nr. 353 vom 24.9.2015. Wiesbaden
Vogel, Dita/Karakasoglu, Yasemin (2015): Geflüchtete Kinder in Deutschland. In: Lernende Schule, H. 71/2015, S. 4 – 7

Dr. h. c. Peter Daschner war Direktor des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI). Er ist Redaktionsmitglied von PÄDAGOGIK und Mitherausgeber des Journal für Schulentwicklung.
Adresse: Am Pfeilshof 35, 22393 Hamburg
E-Mail: peter.daschner@hamburg.de

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Von wegen Wikipedia

Forschende Schüler kritisieren Gutachten von Wissenschaftlern des Bundestags

Wikipedia: Vielen Lehrern graut es vor dem Online-Lexikon, sie warnen ihre Schüler vor dessen Nutzung. Sie zweifeln die Qualität der Beiträge an, da praktisch jeder dort mitschreiben kann, ob qualifiziert oder nicht. Auch wenn viele Wikipedia-Texte exzellent sind, gibt es natürlich auch schwächere, fehlerhafte unter den mittlerweile rund 1,8 Millionen Artikeln der deutschen Wikipedia-Seite. Was passiert aber, wenn sich die politischen Repräsentanten einer Kleinstadt und sogar der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags in einem seiner Gutachten auf das Online-Lexikon beziehen und ihre Thesen damit belegen?

Adolf Hitler: Ehrenbürger oder nicht?

Im beschaulichen Uetersen ist genau dies jüngst passiert. Es ging um die lokalhistorisch brisante Frage, ob Adolf Hitler noch Ehrenbürger dieser Kleinstadt in Schleswig-Holstein ist. Jahrelang wurde dort kolportiert, dass diese Ehrenbürgerschaft unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der Stadt aberkannt worden sei. Eine Gruppe von Neunt- und Zwölftklässler fragte für einen Beitrag für das Schülerfernsehen Uetersen TV zu diesem Thema nach, wollte Belege, Quellen für diese Aberkennung einsehen. Die Stadt konnte aber keine vorlegen. Stattdessen schrieb die Bürgermeisterin nach einigen Rückfragen der Schüler, dass sie mit dem Bürgervorsteher gesprochen, und er ihr »folgende Info« gegeben habe: »Wikipedia schreibt wörtlich […] bezüglich Ehrenbürgerschaft zu Uetersen folgendes: […] Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Ehrenbürgerschaft von dem provisorischen Stadtrat wieder aberkannt.«

Der Wikipedia-Eintrag reichte den Kommunalpolitikern offensichtlich aus. Immerhin, die Bürgermeisterin stellte eine Anfrage bezüglich der rechtlichen Situation in der Ehrenbürgerfrage von Hitler an den Deutschen Bundestag. Der wissenschaftliche Dienst des Parlaments verfasste daraufhin ein Gutachten und meint darin, dass Hitler in Uetersen die Ehrenbürgerschaft 1945 aberkannt worden sei. Eine Fußnote oder ein Beleg fehlt aber an dieser Stelle. Die Schüler fragten nach, mehrfach. Irgendwann empfahl der Autor den Schülern, dass sie »sich hinsichtlich des Aberkennungsbeschlusses […] an das Stadtarchiv Uetersen« wenden sollten. Das Problem ist nur: Ein Stadtarchiv im eigentlichen Sinne hat die Stadt Uetersen gar nicht. Es gibt schriftlich nur einen Ort, an dem die angebliche Aberkennung fixiert ist: Wikipedia. Ganz offensichtlich hatte also der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags von Wikipedia abgeschrieben, ohne Beleg.

Ergebnisoffenes Lernen

Die Schüler setzten bei ihrer Recherche nach und machten den Wikipedia-Autor ausfindig: ein Mann aus der eigenen Kleinstadt, der mit großem Aufwand an verschiedenen Wikipedia-Beiträgen schreibt. Hier hat er sicher auch Verdienste, aber eines hat er nicht: einen Beleg für die These, dass die Ehrenbürgerschaft Hitlers in Uetersen aberkannt wurde. Damit fielen die Aussagen der Kleinstadt-Repräsentanten sowie der Wissenschaftler des Deutschen Bundestags wie ein Kartenhaus zusammen. All das recherchierten die Schüler und stellten es in ihrem Beitrag für das Schülerfernsehen dar (zu sehen unter: https://www.youtube.com/watch?v=Grz7ilClLd0).

Wie blicken die Schüler auf dieses anderthalb Jahre andauernde Projekt zurück, bei dem sie forschend lernten und für das sie im Januar 2016 mit dem Hamburger Bertini-Preis ausgezeichnet wurden? Für sie waren nicht nur die anschließend recht breite mediale Berichterstattung über das Projekt und die Medienarbeit interessant, sondern natürlich auch die eigene Recherche, der eigene Forschungsprozess. Der Dreizehntklässler Julian betont genau dies: »Das Forschen und Entdecken gehörte zu den interessantesten Bereichen während des gesamten Projektes. In Zusammenhang damit fand ich vor allem das kritische Hinterfragen der Handlungen der beteiligten Politiker und Wissenschaftler sehr interessant.« Florian, heute 10. Klasse, sieht es ähnlich: »Die im Raum stehenden Unklarheiten und offenen Fragen waren für mich die ausschlaggebenden Punkte zur Realisierung des Projektes.«

Unterricht ist meist durch den Lehrer vorstrukturiert, das angestrebte Ergebnis steht im Vorhinein fest. Das Forschende Lernen läuft gerade in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern anders, hier ist es ergebnisoffen, auch für die Lehrkraft. Der Aspekt des Neuen, des zu Entdeckenden spielt dabei für alle Beteiligten eine Rolle. Genau diesen Reiz betont auch der Zehntklässler Batuhan: »Ohne etwas Unbekanntes zu entdecken, hätte mir persönlich der Reiz am Film gefehlt, wenn ich sowieso schon wissen würde, worauf es hinaus laufen würde.« Sein Mitschüler Arvid betont entsprechend: »Wer möchte denn schon nicht etwas Neues entdecken oder ein Geheimnis aufdecken?« Dabei war für ihn »der Gedanke, dass wir möglicherweise etwas an die Öffentlichkeit bringen könnten, was zuvor so direkt noch nicht geschehen ist«, zusätzlich motivierend.

Ein Lehrstück zum Thema Politik und Medien

Genau das passierte nach der Veröffentlichung des Films im Dezember 2015, anderthalb Jahre nach dem Beginn des Projekts. Die regionalen Medien berichteten recht breit über den Film der Schüler. Das Pinneberger Tageblatt titelte beispielsweise: »Schüler enthüllen historischen Skandal. Adolf Hitler ist anscheinend immer noch Ehrenbürger der Stadt Uetersen«.

Die mediale Wirkung der Schülerforschung war so groß, dass die Kommunalpolitiker plötzlich ganz schnell reagierten, obwohl vorher jahrelang in Sachen Ehrenbürger Adolf Hitler nichts unternommen wurde: Am 15. Dezember 2015 beschloss die Ratsversammlung einstimmig die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde. Damit konnten die Schüler zugleich die Bedeutung der Medien im demokratischen Staat beobachten: Ihr eigener Film und in der Folge die regionalen Medien sorgten für eine politische Entscheidung. Entsprechend betont auch Florian, dass er gelernt habe, »inwiefern Medien Einfluss auf die Politik nehmen können, und sei es nur ein YouTube-Kanal wie unserer mit geringem Publikum.«

Eines konnte der Film aber nicht erreichen: Dass Uetersen ein Stadtarchiv bekommt. Dabei verstößt die Kleinstadt damit gegen geltendes Recht, denn laut Landesarchivgesetz ist sie dazu verpflichtet. Oder glaubt man dort dem Wikipedia-Beitrag über die Rosensorte Uetersen, bei dem als Quelle das Stadtarchiv Uetersen genannt wird? [https://de.wikipedia.org/wiki/Uetersen_%28Rose%29, abgerufen: 8.1.2016]

Dr. Sönke Zankel unterrichtet am Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen und ist Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg und in der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern tätig.
Adresse: Ludwig-Meyn-Gymnasium, Seminarstraße 10, 25436 Uetersen
E-Mail: s.zankel(at)lms-sh.de

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Inklusion als Problem?

Viele Bildungsforscher und -politiker halten Inklusion für eine notwendige Modernisierung unseres Bildungssystems, doch für die betroffenen Lehrkräfte bedeutet sie oftmals eine große Herausforderung. Nicht wenige fragen sich, ob dieses Umkrempeln des Bildungswesens überhaupt nötig und sinnvoll ist oder ob es nicht in mancherlei Hinsicht sogar schädlich sein kann. Um diesen Kritikern ein Forum zu geben, hat der Kölner Lehrer und Autor Michael Felten zusammen mit einigen Experten aus verschiedenen Bereiche vor kurzem die Website http://inklusion-als-problem.de/eingerichtet. Sie vertreten und untermauern dort die Position, dass mehr schulische Integration zwar möglich und sinnvoll ist – jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie anständig finanziert wird. Aber sie sehen auch Grenzen des gemeinsamen Lernens. Radikale Inklusion sei nicht nur unbezahlbar, sie würde zudem vielen Schülern schlechtere Entwicklungsbedingungen bescheren, argumentieren sie. Die Website will Forschungsbefunden und Praxiserfahrungen ein Forum bieten, die in der Inklusionsdebatte bislang unterrepräsentiert sind. Sie ist eine wichtige Ergänzung der bisherigen Debatte.

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Stiftung fordert Schulpflicht für Flüchtlingskinder

Nach Einschätzung einer prominent besetzten Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung könnte eine Schulpflicht für Flüchtlingskinder in allen 16 Bundesländern zu einer schnelleren Bildungsintegration führen. Das Gremium unter der Leitung von Armin Laschet (CDU) empfiehlt, dass der Schulbesuch spätestens drei Monate nach dem Asylantrag startet. Dazu sollten flächendeckend Vorbereitungsklassen eingerichtet werden. Die Kommission sieht vielversprechende Ansätze etwa in Schleswig Holstein, wo solche Willkommensklassen »eine vorbildliche Brückenfunktion zum Übergang in die Regelklasse« übernähmen.

Die Kommission geht in ihrem Bericht davon aus, dass unter den Flüchtlingen dieses Jahr rund 155 000 Kinder im schulpflichtigen Alter und 94 000 im Krippen- und Kindergartenalter sind – das entspräche einem Zuwachs von 1,4 beziehungsweise 3,5 Prozent. Das Gremium schlägt vor, Eltern schon in Erstaufnahmeeinrichtungen systematisch über Möglichkeiten frühkindlicher Bildung zu informieren. Ferner solle vor dem Wechsel in die Grundschule künftig eine Sprachstands-Feststellung nach bundesweit gemeinsamen Standards eingeführt werden.

Bezogen auf die beruflichen Schulen warnte die Kommission vor strukturellen Hürden. Derzeit erhielten jugendliche Flüchtlinge, die nicht mehr schulpflichtig sind, nur selten einen Platz an einer beruflichen Schule. Dadurch blieben ihnen der Ausbildungsmarkt und eine anschließende berufliche Perspektive versperrt, warnte die Stiftung.

Weitere Informationen zum Bericht der Expertenkommission sind unter www.bosch-stiftung.de zu finden.

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Noch Luft nach oben

Was junge Erwachsene vom deutschen Bildungssystem halten

Aus vielen nationalen und internationalen Studien wissen wir, dass es um die Bildungsgerechtigkeit hierzulande nicht gut bestellt ist, wenngleich es in den letzten Jahren deutliche Verbesserungen gegeben habe. Doch welche Meinungen haben junge Menschen dazu? Zu dieser Frage hatten der Stifterverband, die SOS-Kinderdörfer und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im vergangenen Jahr eine repräsentative Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben. Sie wollten mehr darüber erfahren, wie 14- bis 21-Jährige ihren Bildungsalltag bewerten.

Das Bildungssystem schafft soziale Unterschiede

Mehr als die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland hat den Eindruck, dass hierzulande nicht alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft die gleichen Chancen auf Bildung haben (55 Prozent). Je mehr persönliche Erfahrung die Befragten in Sachen Bildung mitbringen, desto weniger Chancengerechtigkeit sehen sie (19- bis 21-Jährige: 63 Prozent, 14- bis 16-Jährige: 45 Prozent). Dabei halten die meisten Befragten es für die wichtigste Aufgabe des deutschen Schulsystems, auch Schülern aus sozial benachteiligten Familien in Deutschland den Weg zu einem guten Abschluss zu eröffnen (50 Prozent). Dass Schüler mit Migrationshintergrund ebenfalls Bildungserfolg haben können, hat für fast ebenso viele Priorität (42 Prozent).

Keine Vorbereitung auf den Alltag

Auf ein eigenständiges Alltagsleben außerhalb der Schule fühlen sich die meisten 14- bis 21-Jährigen durch die Schule ziemlich schlecht vorbereitet. Insgesamt 81 Prozent geben dem System diesbezüglich schlechte Noten. Jüngere Befragte von 14 bis 16 Jahren sagen hier häufiger als die anderen Befragten, dass sie sich durch die Schule gut oder sehr gut auf ein eigenständiges Alltagsleben vorbereitet fühlen. Dagegen glauben die Befragten zwischen 19 und 21 nicht, dass die Schule gut auf die Erfordernisse des täglichen Lebens vorbereitet. In dieser Altersgruppe sind viele bereits zu Hause ausgezogen – was sie in der Schule lernten, hilft ihnen im Alltag auf eigenen Füßen offenbar nur wenig.

Berufsvorbereitung: Schüler zuversichtlich, Ältere skeptisch

Auch bei der Frage, ob die Schule gut auf das Berufsleben vorbereitet, zeigt sich: Wenn die Realität junge Erwachsene einholt, wandelt sich ihre Sicht. Wer bereits zwischen 19 und 21 Jahre alt oder im Studentenleben angekommen ist, sieht den Nutzen der schulischen Bildung für die spätere Berufslaufbahn kritischer als jüngere Menschen. 46 Prozent der Älteren bezweifeln, dass die Schulbildung eine gute Grundlage für die Karriere bietet – unter den 14- bis 16-Jährigen tun dies nur 26 Prozent. Insgesamt aber ist mit zwei Dritteln aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen (66 Prozent) die Mehrheit der Ansicht, die Schulzeit bereite gut oder sehr gut aufs Berufsleben vor. 32 Prozent widersprechen.

Digitalisierung soll stärker thematisiert werden

Selbstorganisation (97 Prozent), Teamfähigkeit (96 Prozent) und Kenntnisse der deutschen Sprache (96 Prozent) – das sind aus Sicht junger Menschen die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Berufstätigkeit. Auch digitales Wissen spielt heute eine große Rolle, daher halten 73 Prozent Kenntnisse im Bereich Computer und Software für wichtig oder sehr wichtig. Vom deutschen Schulsystem erwarten die Befragten dementsprechend, dass es Schülerinnen und Schüler auf die digitale Zukunft vorbereitet (67 Prozent). Zudem sollte nach Ansicht von 87 Prozent der Befragten die Gesamtqualifikation der Lehrer in diesem Bereich verbessert werden.

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Migranten erhalten weniger Lohn

Nach Erkenntnissen von Arbeitsmarktexperten erhalten Zuwanderer bei ihrem Jobstart in Deutschland häufig deutlich weniger Lohn als ihre deutschen Kollegen. In den ersten beiden Jahren erhalten sie im Vergleich nur zwischen 55 und 61 Prozent. Selbst nach sechs bis zehn Jahren erreichen Migranten nur zwischen 71 und 78 Prozent des Niveaus von Deutschen.

Als wichtige Gründe für den Lohnunterschied führen die Experten die oftmals mangelnden Sprachkenntnisse sowie die oft unzureichende Qualifikation an. Häufig fehle ein Berufsabschluss, oder im Ausland gewonnene Berufserfahrungen und Abschlüsse ließen sich nur eingeschränkt auf Deutschland übertragen. Wie schnell das Einkommen der Zuwanderer steigt, hängt nach Einschätzung der Arbeitsmarktforscher wesentlich von ihrer Bereitschaft ab, sich fort- und weiterzubilden.

Bei der Fortbildungsbereitschaft spielt offenbar das private Netzwerk eine wichtige Rolle. Zuwanderer mit Kontakten zu besser gebildeten Landsleuten seien eher bereit sich fortzubilden. Umgekehrt können ethnische Netzwerke mit einem geringen Bildungsniveau für Zuwanderer zur Falle werden. Nach Erkenntnissen der Experten investieren nur 19 Prozent der Zuwanderer aus dieser Gruppe in den ersten beiden Jahren in ihre Weiterbildung. Dagegen liege der Anteil bei jenen mit Kontakten zu besser gebildeten Landsleuten bei 35 Prozent.

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Empfehlungen der OECD zur Integration von Flüchtlingen

Die große Zahl an Flüchtlingen, die derzeit nach Europa kommen, stellt auch die Bildungssysteme vor große Herausforderungen. Wie kann das Schulsystem möglichst effektiv zu einer schnellen Integration der Migranten beitragen? Welche Konzepte haben in der Vergangenheit Integration erleichtert, welche Ansätze haben sich als Fehlschlag erwiesen? Diesen Fragen geht eine neue OECD-Studie nach, die verfügbare Informationen zum Bildungserfolg von Migration zusammenträgt und Handlungsempfehlungen zur erfolgreichen Integration durch Bildung gibt.

Die Studie »Immigrant Students at School: Easing the Journey towards Integration« kommt auf Basis von ­PISA-Daten zum Ergebnis, dass vor allem eine Konzentration von Migranten in Schulen, die bereits mit sozialen Problemen zu kämpfen haben, einer erfolgreichen Integration im Wege stehen kann. So hat die Konzentration von Schülerinnen und Schülern aus schwierigen sozialen und ökonomischen Verhältnissen einen stärkeren Einfluss auf die Leistungen aller Schüler an solchen Schulen als ein hoher Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund.

Junge Migranten sind meist sehr motiviert (in vielen Fällen sogar stärker motiviert als Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund), wenn es um gute Bildung geht. Die Schulsysteme sind allerdings nicht immer erfolgreich, diese hohe Motivation in Bildungserfolg umzumünzen. So fühlen sich Migranten erster Generation in Belgien, Luxemburg oder Portugal weit schlechter in der Schule aufgehoben als etwa in Kanada oder Finnland. Auch bei den Bildungsergebnissen sind die Unterschiede zwischen den Schulsystemen groß und das auch, wenn man den Erfolg von Migranten aus einzelnen Herkunftsregionen (z. B. Türkei oder arabische Länder) vergleicht.

Am Beispiel Deutschland zeigt die Studie, dass sich gute Reformen im Bildungssystem auch bei der Inte­gration von Migranten auszahlen. So hat sich in Deutschland in weniger als einem Jahrzehnt die Leistung von Migranten zweiter Generation um 46 PISA Punkte verbessert, ein Leistungssprung von mehr als einer Klassenstufe. Der Bericht gibt eine Reihe von Handlungsempfehlungen, um Migrantenkindern die Integration zu erleichtern:

Kurzfristige Maßnahmen:
  • Gezielte Sprachförderung parallel zur schnellen Integration in reguläre Klassen. Unterricht von Migranten in separaten Klassen sollte nach Möglichkeit vermieden werden.
  • Migranten sollten dazu ermuntert werden, ihre Kinder möglichst rasch in qualitativ hochwertige Einrichtungen der frühkindlichen Bildung anzumelden.
  • Alle Schulen sollten in die Lage versetzt werden, Migranten aufzunehmen.
Mittelfristige Maßnahmen mit großem Effekt:
  • Schüler mit Migrationshintergrund sollten nicht an benachteiligten Schulen konzentriert werden.
  • Schüler sollten gemischt und nicht nach Leistungsniveau getrennt unterrichtet werden. Frühe Aufteilung auf verschiedene Schulzweige und Klassenwiederholung sollte vermieden werden.
  • Eltern vom Migrantenkindern sollten zusätzlich unterstützt werden.
Maßnahmen zur Stärkung von Integration:
  • Innovation unterstützen und evaluieren. Finanzielle Mittel auf erfolgreiche Projekte konzentrieren.
  • Den Wert kultureller Vielfalt anerkennen.

Weitere Politikempfehlungen und allgemeine Informationen zum Bericht sind unter www.oecd.org/berlin/publikationen/immigrant-students-at-school.htm zu finden.

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B. I. G. Welcome

Eine Website von Flüchtlingen für Flüchtlinge

Was mache ich, wenn ich krank bin? Wie kaufe ich ein »Rheinland-Pfalz-Ticket?« Wie finde ich Ärzte, Supermärkte, das Jugendzentrum und die Gemeindeverwaltung? Diese und viele weitere lebenspraktische Informationen für neu angekommene Flüchtlinge in der pfälzischen Gemeinde Böhl-Iggelheim haben die beiden dort lebenden Syrer Mahmoud Sheghri (20) und Sameh Ahmed (33) in die Website »B. I. G. Welcome« gepackt, und zwar in deutscher, englischer und arabischer Sprache (http://bildungsblogs.net/wp/big-welcome/de/). Während ihres sechswöchigen Praktikums bei der Firma »medien+bildung.com gGmbH« in Ludwigshafen haben sie nicht nur umfangreiche Informationen über ihre neue Heimatgemeinde gesammelt, sondern damit auch die dreisprachige Website gestaltet und zusätzlich erklärende Videos gedreht. Seit ihrer Veröffentlichung wird die Seite weiter aktualisiert.

Mit der Unterstützung des medienpädagogischen Teams von medien+bildung.com ist ein lebenspraktisches Informationsangebot im Internet entstanden, das bereits von vielen Flüchtlingen in Böhl-Iggelheim genutzt wird. Die Tipps und Hinweise auf der Website decken die Bereiche Mobilität, Ämter, Bildung, Freizeit, Sport, Gesundheit und vieles mehr ab und orientieren sich an den Erfahrungen, die Mahmoud Sheghri und Sameh Ahmed selbst in der Zeit seit ihrer Ankunft gemacht haben. Auf B. I. G. WELCOME »finden Flüchtlinge Informationen zu Hilfs- und Freizeitangeboten. Wir möchten aber auch die Einheimischen dazu einladen, die Menschen, die nach Böhl-Iggelheim kommen, besser kennen zu lernen«, schreiben die beiden jungen Syrer in der Einleitung. Deshalb haben sie auch ihren Film »Neue Szene – Ankunft im neuen Leben« auf der Homepage veröffentlicht, der bereits bei mehreren Veranstaltungen mit großem Erfolg gezeigt wurde. Darin schildern Flüchtlinge aus unterschiedlichen Herkunftsländern, auf welchen Wegen sie nach Böhl-Iggelheim kamen und was sie auf der Flucht und nach der Ankunft in der Vorderpfalz erlebten.

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Deutsche Studenten zieht es ins Ausland

Immer mehr junge Deutsche streben einen Studienabschluss im Ausland an. Sie wechseln also nicht nur für ein Semester in ein anderes Land, sondern sie sind dort regulär eingeschrieben. Im Studienjahr 2013/14 waren es 135 000 Deutsche, die im Ausland einen Bachelor oder Master erwerben wollten. Diese Zahl war mehr als doppelt so hoch wie im Jahr 2002. Das meldet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unter Verweis auf das Statistische Bundesamt.

Die Gaststudenten aus Deutschland verbuchten Österreich (gut jeder Fünfte), die Niederlande (17 Prozent), Großbritannien sowie die Schweiz (je zwölf Prozent). Damit studierten in den vier Ländern fast 60 Prozent der im Ausland immatrikulierten Deutschen.

Die Annahme, dass Österreich vor allem Deutsche anzieht, die vor dem Numerus clausus in Medizin flüchten, trifft nur bedingt zu. Lediglich jeder zehnte Deutsche an den österreichischen Universitäten studiert Medizin. Auf die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entfallen dagegen 44 Prozent aller Gäste. Dagegen waren von den fast 3 000 in Ungarn Studierenden und von 500 Deutschen in Tschechien bis zu zwei Drittel der Hochschüler angehende Mediziner. Auch die Universitäten in Übersee sind beliebt. Gut neun Prozent der deutschen Studenten im Ausland gingen in die USA, auch Studiengänge in China und Australien werden durchaus nachgefragt.

Dem DAAD zufolge ist der gemeinsame Studienraum durch Bologna ein wichtiger Grund für das wachsende Interesse an ausländischen Universitäten: So könnten Deutsche mit Bachelor leichter ins Ausland gehen, um den Master anzuschließen.

Bei temporären Aufenthalten wie dem klassischen Semester in der Ferne scheinen sich die Hoffnungen nur langsam zu erfüllen. Ziel des Bundes ist, dass 2020 die Hälfte aller Absolventen im Studium Auslandserfahrungen machen soll. Die DAAD nennt dagegen eine Quote von 37 Prozent für 2013/14 – und die ist trügerisch, sie bezieht u. a. selbst Kurz-Sprachkurse mit ein.

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Droht Lehrermangel?

Nach Einschätzung von Lehrerverbänden haben etliche Bundesländer derzeit große Mühe, angesichts von gut 300 000 Flüchtlingskindern in Deutschland die notwendigen zusätzlichen Lehrer bereitzustellen. Der Deutsche Philologenverband schätzt, dass derzeit rund 7 500 neue Stellen geschaffen werden – das ist etwa ein Drittel des Bedarfs von gut 20 000 Lehrern, den die Kultusministerkonferenz (KMK) allein für den Andrang von Flüchtlingskindern 2014/15 errechnet hat. Betroffen von den vielen Flüchtlingsschülern sind vor allem Grund- und Realschulen sowie Berufsschulen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht ebenfalls einen großen Bedarf, da ein Großteil der Flüchtlingskinder bislang noch gar nicht in den Schulen angekommen sei.

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Beschimpfung der Schulleiterin: Gericht bestätigt Ausschluss vom Unterricht

Eine Schulleiterin darf einen Schüler für mehrere Tage vom Unterricht ausschließen, wenn dieser sie wiederholt schwer beschimpft. Dies hat das Verwaltungsgericht Stuttgart in einem Urteil bestätigt. Damit ist ein 14-jähriger Schüler mit seinem Eilantrag gegen den Unterrichtsausschluss gescheitert (Beschl. v. 01.12.2015, Az. 12 K 5587/15).

Der Schüler hatte im Klassenchat beim Kurznachrichtendienst WhatsApp wiederholt die Schulleiterin beleidigt. So hatte er unter anderem geschrieben: »Fr v muss man schlagen ›zuschlagende Faust‹« und »Ich schwör Fr v soll weg die foatze« und »Also du hast ja nur gesagt das fr v scheise ist«, »ja ich weis gebe ich auch zu aber nicht das ich sie umbringen möchte«. Mündlich hatte er gegenüber einem Mitschüler geäußert, »die kleine Hure soll sich abstechen«.

Gegen den daraufhin von der Schulleiterin per Bescheid verfügten sofortigen fünfzehntägigen Unterrichtsausschluss legte der Antragsteller Widerspruch beim Regierungspräsidium Stuttgart ein und beantragte außerdem beim Verwaltungsgericht, den sofortigen Vollzug des Unterrichtsausschlusses auszusetzen. Das Gericht folgte dem Antrag nicht. Es begründete seine Entscheidung damit, dass der Schüler durch die Äußerungen im Chat und mündlich ein schweres und wiederholtes Fehlverhalten gezeigt habe, das zu einer Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Schulleiterin sowie zu einer schweren Störung des schulischen Friedens geführt habe.

Das Fehlverhalten des Antragstellers wiege auch deshalb besonders schwer, weil es sich – dies zeige auch das Studium der vielen Klassentagebucheinträge seit Klasse fünf – an zahlreiche Vorfälle und Erziehungsmaßnahmen anschließe, die offenbar hinsichtlich des schulischen Verhaltens des Antragstellers bislang weitgehend folgenlos geblieben seien. Das offenbar immer wiederkehrende Fehlverhalten des Antragstellers müsse eine Schule nicht dauerhaft hinnehmen. Auch zum Schutze des Schulfriedens dürfe vielmehr konsequent durchgegriffen werden, wie dies im angegriffenen Bescheid getan worden sei. Die gleichzeitig verfügte Androhung des Ausschlusses aus der Schule sei bei dieser Sachlage ebenfalls rechtmäßig und insbesondere verhältnismäßig.

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Hessens Schüler können auch künftig zwischen G8 und G9 wählen

Hessen will den Schülern auf dem Weg zum Abitur auch künftig die Wahl zwischen G8 und G9 geben. Nach Angaben des Kultusministeriums haben die hessischen Gymnasien auch im nächsten Schuljahr die Möglichkeit, das Abitur nach acht und nach neun Jahren parallel anzubieten. Ein ursprünglich auf drei Jahre angelegter Schulversuch endet in diesem Jahr. Das Ministerium hat jedoch die rechtlichen Voraussetzungen für eine Fortsetzung des Parallelangebots geschaffen. Außerdem können auch die bestehenden G9-Schulen das schnellere G8-Abitur anbieten. Das war ihnen bislang nicht erlaubt.

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Materialien

Kostenloser Mathe-Sprachführer für Flüchtlingskinder

Mathematik ist eine internationale Sprache. Viele Flüchtlingskinder können bereits in ihrer Muttersprache zählen und rechnen. Theoretisch ist das Fach damit besonders geeignet, den Weg ins deutsche Schulsystem zu ebnen. In der Praxis aber erschweren Begriffe wie »Hälfte« »Ergebnis«, »Tausch- und Umkehraufgabe« die Beteiligung am Unterricht. Kinder nicht-deutscher Herkunft sind zusätzlich mit Besonderheiten der deutschen Sprache konfrontiert, z. B. bei Zahlwörtern die Einer vor den Zehnern zu nennen. Ein kostenloses Download-Angebot hilft jetzt gezielt weiter. Der »Kleine Mathe-Sprachführer« übersetzt mathematische Begriffe ins Arabische, Russische und Türkische und unterstützt bei der Begriffsbildung von Zahlwörtern, Grundrechenformen, Maßen, Relationen und geometrischen Formen. Mit seiner Hilfe können Flüchtlingskinder in der Grundschule, die sehr unterschiedliche Vorkenntnisse mitbringen, individuell sprachliche Grundlagen der Mathematik vertiefen. Die Materialien sind auf alle Grundschulklassen ausgerichtet, das Begriffslexikon leistet darüber hinaus verlässlich »Erste Hilfe«. Der richtige Fachwortschatz ermöglicht Flüchtlingskindern schneller Erfolgserlebnisse und erleichtert ihnen den Anschluss an den Lernstand der Klasse. Lehrerinnen und Lehrer können die Sprachförderung bei mathematischen Begriffen altersunabhängig und unterrichtsbegleitend einsetzen. Die Übungen zur Begriffsbildung sind als Kopiervorlagen aufbereitet und mit didaktischen Anregungen, Erläuterungen und weiterführenden Hinweisen versehen. Die Bereitstellung als Download ermöglicht Lehrkräften und Lernbegleitern die unkomplizierte Ausstattung auch von wachsenden Klassen und kurzfristig organisierten Lerngruppen. Der »Kleine Mathe-Sprachführer« wird in den Verlagen Cornelsen, Oldenbourg Schulbuch sowie Volk und Wissen angeboten und eignet sich als Begleitmaterial für alle Schulbücher und Lehrwerke. Die Materialsammlung basiert auf langjährigen Erfahrungen der Autorinnen Claudia Drews und Anna Weininger mit dem mathematischen Anfangsunterricht und bei der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache. Der »Kleine Mathe-Sprachführer« ist unter www.cornelsen.de/lehrkraefte/reihe/r-4081/ra/titel/9783060819553 zu finden.

Auf dem Weg zur inklusiven Schule

Seit 2009 ist in Deutschland die UN-Behinderten-Rechtskonvention in Kraft getreten. Dieses internationale Übereinkommen stellt Lehrkräfte und Schulleitungen in Deutschland vor besondere Herausforderungen. Ein zentraler Aspekt bei der Umsetzung von Inklusion ist die institutionelle Entwicklung einer Schule für alle Kinder und Jugendlichen. Wie müssen Schulen, wie muss Unterricht beschaffen sein, damit möglichst alle Kinder und Jugendliche optimal gefördert werden können? Der vor kurzem erschienene, von Rolf Werning und Meltem Avci-Werning herausgegebene Praxisband »Herausforderung Inklusion in Schule und Unterricht: Grundlagen, Erfahrungen, Handlungsperspektiven« setzt sich intensiv mit den Herausforderungen auseinander, die es im Rahmen inklusiver Schulentwicklungen zu meistern gilt. Neben dem aktuellen Forschungsstand vermittelt er konkrete Handlungsperspektiven, die internationale Entwicklungen einbeziehen und praxisnahe Erfahrungen von Lehrkräften und Schulen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Im Fokus stehen dabei:

  • die Entwicklung der Organisation,
  • inklusive Unterrichtsentwicklung,
  • die Implementierung von kooperativen Arbeitsstrukturen in der Schule und im Unterricht,
  • die Einbeziehung von Eltern und die Entwicklung eines Beratungskonzepts.

Das Buch richtet sich an Studierende, Referendare, Lehrkräfte, Fachgruppen und Schulleitungen aller Schulstufen und Schulformen, aber auch an Schulberater(innen), die auf dem Weg zur inklusiven Schule nach tragfähigen und wirksamen Konzepten suchen. Es ist im Verlag Klett-Kallmeyer erschienen und kann zum Preis von 24,95 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-7800-4820-2).

Neue Steuerung im Schulsystem

In den deutschsprachigen Schulsystemen werden seit ca. 20 Jahren und in unterschiedlicher Intensität Elemente eines ›neuen Steuerungsmodells‹ − beispielsweise Bildungsstandards, Schulinspektionen oder Selbstevaluation − implementiert. Diese und weitere Innovationen werden in dem vor kurzem durchgehend aktualisierten, von Herbert Altrichter und Katharina Maag Merki herausgegebenen Handbuch »Neue Steuerung im Schulsystem« einer systematischen Analyse unterzogen. Damit bietet das Handbuch einen differenzierten Überblick über Prozesse und Wirkungen einer erneuerten schulischen Governance. Die Ergebnisse machen unterschiedliche theoretische, forschungsstrategische und methodologische Zugänge sichtbar und ermöglichen die Entwicklung von Perspektiven der Systemsteuerung im Schulwesen. In den einzelnen Beiträgen des Handbuchs werden u. a. Aspekte wie Schulautonomie, Finanzierung, Personalauswahl, Schulprogramm, Evaluation, datengestützte Schulentwicklung ausführlich und aktuell erörtert. Das Buch ist im Springer Verlag erschienen und kann zum Preis von 59,99 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-531-17849-3).

Raus aus der Perfektionismus-Falle

Jede Unterrichtsstunde verläuft anders als geplant. Der Perfektionist will sich damit jedoch nicht abfinden. Was wird er tun? Noch länger planen, noch genauer planen? Noch ein paar Stunden draufschlagen, um seinen überzogenen Ansprüchen ja gerecht zu werden? Die PÄDAGOGIK-Autoren Mathias Balliet und Udo Kliebisch beschreiben in ihrem vor kurzem erschienenen Buch »Raus aus der Perfektionismus-Falle – 22 Wege zu einem pragmatischen Schulalltag«, wo die Perfektionismus-Falle überall in der Schule zuschnappen kann – ob bei der Unterrichtsvorbereitung, beim Führen des Klassenbuchs oder beim Einsatz neuer Medien. Ihr Gegenmittel: ein gesunder Pragmatismus und eine fehlertolerante Schulkultur. Ihr Credo lautet: Auf dem Weg zur Perfektion können wir kreativ sein und uns weiterentwickeln, doch bleiben wir gelassen, wenn wir das Ziel nicht erreichen. Am Ende kann in Wirklichkeit niemand Perfektion erreichen, aber die Idee der Perfektion schafft am Ende jeden. Das Buch ist im Beltz Verlag erschienen und kann zum Preis von 19,95 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-407-62981-4).

96 Unterrichtsmethoden

Wer noch keine Idee für den morgigen Unterricht hat, kann künftig auf den »Methodenwürfel RITA« zurückgreifen, der vor kurzem im hep-verlag erschienen ist. Er besteht aus zwölf Leporellos aus Karton, die insgesamt 96 Ideen zur kreativen und gleichzeitig lernwirksamen Unterrichtsgestaltung enthalten. Die Lehr-/Lernmethoden basieren auf dem Lernprozessmodell RITA von Andreas Schubiger, dessen Buch »Lehren und Lernen« ebenfalls im hep-verlag erschienen ist. Sie dienen zur Aktivierung der Ressourcen, zum Verarbeiten neuer Informationen, zur Transferanbahnung und zum Auswerten des Lernprozesses. Ergänzend zum Würfel werden auf der Website www.methodenwuerfel.ch Praxis­tipps, Unterlagen, Fotos, Videos etc. zur Verfügung gestellt. Der Methodenwürfel RITA ist zum Preis von 23,– Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-0355-0359).

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Termine

Anti-Gewalt-Training für die Praxis

Die Landesakademie für Jugendbildung in Weil der Stadt veranstaltet ab Mai die berufsbegleitende Fortbildung »Anti-Gewalt-Training für die Praxis«, mit der Gewaltpräventionsfachkräfte in Schulen, Einrichtungen und Verbänden ausgebildet werden sollen. Neben der Verbindung theoretischer Hintergründe und praktischer Methodenanwendung ist die Fortbildung vor allem praxis- und selbsterfahrungsbezogen angelegt. So werden konfrontative Interventionsstrategien geübt und somit auch selbst erfahren, was den Teilnehmenden Sicherheit im Umgang mit gewalttätigen (jungen) Menschen gibt. Die Fortbildung befähigt zur Durchführung von Anti-Gewalt-Trainings in Schulen, Jugendhilfe- und den entsprechenden Erwachseneneinrichtungen, zum Angebot von Fachberatung, zum Verstehen und Benennen gewaltfördernder Lebenssituationen, Handlungsabläufe und Einstellungen, zur Stärkung der persönlichen Kompetenzen und der Selbstbehauptung.

Sie umfasst sechs dreitägige Kurseinheiten von Mai 2016 bis März 2017 mit insgesamt 115 Unterrichtseinheiten, die Anfertigung einer schriftlichen Hausarbeit, die Entwicklung und Durchführung einer Konzeption eines Trainings und die erfolgreiche Teilnahme an einem Abschlusskolloquium. Sie endet mit dem Erhalt eines Zertifikats.

Weitere Auskünfte und Anmeldung unter der folgenden Adresse: Landesakademie für Jugendbildung, Malersbuckel 8, 71263 Weil der Stadt, Telefon (0 70 33) 52 69-0, E-Mail: info(at)jugendbildung.org, Internet: www.jugendbildung.org

Chancen bieten und ergreifen

Unter diesem Motto veranstaltet das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) von 20. bis 22. Oktober 2016 den 9. Internationalen ÖZBF-Kongress. Im Fokus steht die aktive Gestaltung von begabungsförderlichen Strukturen durch und für jeden Einzelnen: An welchen Bildungsorten findet Begabungs- und Exzellenzförderung aktuell statt bzw. wird sie in Zukunft stattfinden? Wer sind die darin agierenden Personen und wie können sie erfolgreich zusammenarbeiten? Welche Settings sind nötig, um ideale Begabungsentfaltung zu ermöglichen? Die Teilnehmenden können sich im Rahmen der Tagung mit folgenden inhaltlichen Schwerpunkten beschäftigen:

  • Begabungslandschaften gestalten
  • Bildungszusammenarbeit konkret
  • Begabungsfördernde Lernsettings
  • Eigen-Verantwortung stärken
  • Chancengerechtigkeit durch Begabungsförderung?

Information und Anmeldung: www.oezbf.at/kongress2016. Bis zum 31. Mai gibt es einen Frühbucherbonus.

Hans-Günter Rolff

50 Jahre Schulreform

Von der Bildungskatastrophe zur Schulentwicklung

Der Rückblick auf 50 Jahre Schulreform von Hans-Günter Rolff skizziert die Entwicklung von der Bildungskatastrophe bis zu der Phase, in der die Einzelschule als Motor der Entwicklung entdeckt wurde. Diskutiert werden u. a. Fragen nach dem Erfolg staatlicher Gesamtplanungen in den 70er Jahren oder nach dem Ursprung der bis heute andauernden Ideologisierung schulpolitischer Diskussionen. Was hatte Erfolg? Welche Probleme sind bis heute ungelöst? Wie geht es weiter?

Schulentwicklung – Zwischenbilanz und Ausblick – 4. Folge

Katharina Maag Merki

Unterrichtsentwicklung als zentrales Element von Schulentwicklung

Ansätze – Erfahrungen – Gelingens- und Risikofaktoren

Die vierte Folge der Serie zur Bilanz der Schulentwicklung fragt nach der Bedeutung von Unterrichtsentwicklung im Kontext von Schulentwicklung. Warum ist Unterrichtsentwicklung das zentrale Element von Schulentwicklung? Was wissen wir über Schwerpunktsetzungen, Herangehensweisen und Prozesse? Was sollen Schüler(innen) und Lehrkräfte für eine erfolgreiche Gestaltung von Unterrichtsentwicklung können? Eine Bilanz die zeigt, welche Faktoren ineinander spielen müssen, damit Unterrichtsentwicklung ihre Ziele erreichen kann.

Kurt Edler

Gehört der Islam in die Schule?

Die Frage wird vor dem Hintergrund unterschiedlicher Rahmungen diskutiert und sowohl mit Nein als auch mit Ja beantwortet. Zum einen entscheidet nicht die Kirche, sondern der Staat über Bildung und Erziehung. Dem folgt das Gebot religiöser Zurückhaltung in der Schule. Zum anderen ermöglicht das Grundgesetz den Religionsgemeinschaften, in den Staatsschulen Religionsunterricht zu erteilen. Welche Folgen haben diese unterschiedlichen Perspektiven? Welche Bedeutung hat die Auseinandersetzung mit Religion als Gegenstand theologischer Reflexion? Ein Standpunkt – zwei Antworten.

Julia Sotzek

Lernmotivation bei Schülerinnen und Schülern

Das Interesse am Thema Motivation ist ein Dauerbrenner. Einigkeit besteht heute darin, dass Lehrkräfte nur indirekt auf Motivation einwirken können; das heißt, sie können Schülerinnen und Schüler nur dabei unterstützen, sich selbst zu motivieren. Wie dies möglich ist, dazu bieten Forschung und konsequenterweise auch die vorgestellten Publikationen unterschiedliche Zugänge an.

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