Digitalisierung?

4. April 2016

Jeder von uns, fast jeder, hat heute eine Universalmaschine dabei. Mit ihr lassen sich Sachen machen, für die es vor 30 Jahren noch eines ganzen Büros samt Bibliothek bedurfte. Man kann damit eine Art Verlag betreiben. Und ein Fotolabor. Das einst teure Filmmaterial ist entmaterialisiert, in reine Information verwandelt und gratis. Man trägt sogar ein potentielles Rundfunk- und Fernsehstudio mit sich herum. Von dem Minisender lässt sich in die ganze Welt funken, nicht nur in ein Sendegebiet, wie einst, soweit die Masten einer Anstalt reichten. In der Hosentasche schlummert eine Rechnerleistung, für die vor zwei Generationen ein Maschinenraum nicht ausgereicht hätte, mal abgesehen davon, dass die damaligen Großcomputer selbst für größere Firmen unbezahlbar waren. Klingt gut. Könnte vielleicht auch sehr gut sein, wenn wir die Computer als Werkzeug nutzen würden. Aber ahnungslos haben wir uns einer Überwachungsanlage angeschlossen und glauben Manipulationsagenturen, ihre Dienste seien gratis. Wir tragen nun einen ständigen Resonanz- und Glücksversprecher bei uns, der uns vielleicht schon in der Hand hat, während wir an dem neuen iPhone oder dem Galaxy S7 Machtgefühle entwickeln. Geht es noch ambivalenter? Werden Roboter bald die Arbeit machen? Werden dann viele Menschen arbeitslos an den Rand gedrängt oder finden wir frei von Routinearbeit endlich unsere Mitte? Werden Maschinen gar intelligenter als wir Menschen sein? Aber was ist dagegen Lebendigkeit? Das Höchste oder prinzipiell verdächtig, weil nicht berechenbar?

Mensch

Wie verändert die Digitalisierung unser Leben? Diese Frage gehört zur täglichen Zeitungslektüre. Lesen wir den Satz noch mal. Wer ist darin das Subjekt? Wer ist denn diese »Digitalisierung«? Und wer sind wir? Ihr Objekt? »Die Digitalisierung gibt es eigentlich gar nicht«, sagt Uli Klotz. Als PCs gerade erfunden wurden, arbeitete er schon an einer CNC-Werkstattprogrammierung, um mit Software monotone, tayloristische Industriearbeit zu Wissensarbeit umzuformen Beim Hauptvorstand der IG Metall forschte er bis vor kurzem über die Unternehmens- und die Arbeitsformen der Zukunft. Wir treffen uns zuweilen und jedes Mal ist er skeptischer. »Die ganze Sache«, sagt er, »läuft mit steigendem Tempo in die falsche Richtung.«

Er klärt erst mal den Unterschied zwischen analog und digital. Analog ist zum Beispiel eine Rutsche. Digital ist die Treppe. Auf der Treppe lassen sich die Stufen diskret unterscheiden, also zählen. Die Rutsche hat unendlich viele Punkte. Die Stufen der Treppe müssen endlich sein, damit man mit ihnen rechnen kann. Diese Digitalisierung ermöglicht die Umwandlung menschlicher Arbeit in maschinelle und schließlich automatisierte Prozesse. Es geht also nicht um »die Digitalisierung«, sondern um das Mensch-Maschine-Verhältnis. Es geht um die Frage, die der Philosoph Walter Zimmerli schon vor Jahren so stellte: Wer sitzt auf dem Mensch-Maschine-Tandem vorn? Uli Klotz meint, die Maschine, das heißt diejenigen, die an Maschinen glauben und die Welt in einen Maschinenpark verwandeln wollen, sitzen fester im Vordersattel denn je und seine Hoffnung auf den Wechsel lässt nach.

Maschine

Ein anderer Freund, der mir auf die Sprünge hilft, ist Marco Wehr. Er ist Physiker und Philosoph, er hat ein wichtiges Buch über Erkenntnistheorie geschrieben und arbeitet an einem über Mathematik. Kürzlich erschien »Kleine Kinder sind große Lehrer« (Beltz). Er tritt aber auch als Tänzer auf und beherrscht verschiedene Trommeln. Er meint, es wird Zeit, den berühmten Turing-Test umzudrehen und nun noch ganz andere Trommeln zu schlagen.

Alan Turing war einer der Erfinder der Computerei und dachte über das Mensch-Maschine-Verhältnis nach. Der Turing-Test, den er 1950 ersann, geht so: Ein Mensch ist per Tastatur und Bildschirm mit einem anderen Menschen und einem Computer verbunden. Beide versuchen, den Fragesteller davon zu überzeugen, dass sie denkende Menschen sind. Wenn sich nicht eindeutig beantworten lässt, wer die Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden, und es wird der Maschine ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen unterstellt. Dem Test, sagt Marco Wehr, liegt die Annahme zugrunde, dass die Menschen klug bleiben und die Maschinen immer klüger werden. Was wäre aber, wenn die Maschinen nach wie vor nicht besonders intelligent wären, die Menschen sich diesem niedrigen Niveau aber bereitwillig anpassten?

Bildung

Denn das befürchten Uli Klotz, Marco Wehr und viele andere, dass wir nicht die Maschinen nutzen, um ein paar Schritte aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Muße und Freiheit zu gehen, sondern dass die Maschinen uns im Alltag konditionieren. Howard Gardner von Harvard, berühmt durch die Theorie der multiplen Intelligenz, fürchtet, dass das Denkvermögen schrumpft, wenn wir dauernd angeschlossen sind, wenn das für die Kontemplation nötige Innehalten, auch die Langeweile, verschwinden, wenn der Spannungsbogen erschlafft und wenn dem Ich, das sich durch Krisen bildet, diese fehlen. Eine verhängnisvolle Alliance von Funktionieren und Narzissmus. In älterer Philosophensprache: Die Not der Notlosigkeit.

P. S.

»Die Jugendlichen heute sind weniger emphatisch«, hat Gardner herausgefunden, »sie sind ängstlicher und unselbständiger, sie vertrauen weniger den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung.« Und Marco Wehr: »Das ist eine radikale Schrumpfkur, da komplexe Persönlichkeiten mit einer individuellen Geschichte in ein digitales Setzkastenformat gepresst werden …«. Und was könnte die Schule tun, außer Handys zu verbieten? Fortsetzung folgt.

P. P. S.

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