2´13Individualisierung im Fachunterricht

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Vorgestellt werden Anregungen zur Individualisierung und zur Differenzierung im Deutsch-, Biologie/Chemie-, Geschichts-, Latein- und Philosophieunterrichts. Außerdem ein Beitrag zur Klärung von Missverständnissen im Individualisierungsdiskurs.

Wie kann Fachunterricht so gestaltet werden, dass er bei der gemeinsamen Arbeit an einem Thema unterschiedliche Aneignungsformen ermöglicht – und zwar so, dass diese auf die individuellen Fähigkeiten und Interessen abgestimmt sind?

Das klingt anspruchsvoll. Deshalb zeigen die Beiträge dieses Schwerpunkts, wie das im Unterricht handwerklich-pragmatisch und inhaltlich angemessen gelingen kann.

Vorgestellt werden

  • Beispiele und Argumente dafür, Unterricht mit den Augen der Lernenden zu sehen;
  • Erfahrungen mit individualisiertem Lernen im Biologie/Chemie-Wahlpflichtkurs;
  • Versuche, ein Gedicht durch individuelle Zugänge mit Leben zu füllen;
  • eine Synthese von systematischem und individualisiertem Lernen im Lateinunterricht;
  • Ideen zur Anregung individueller Denk- und Lernwege am Beispiel von Platons Symposion;
  • Anregungen zur Differenzierung beim historischen Lernen.

Abgerundet werden die Erfahrungsberichte durch einen Beitrag von Andreas Helmke zur Klärung von Missverständnissen im Individualisierungsdiskurs, zur Einordnung in die Forschung und zu Möglichkeiten einer konstruktiven Unterrichtsentwicklung.

Ein Fazit aller Beiträge könnte lauten: Nach dem Stand des Wissens und nach vorliegenden Erfahrungen ist die Frage nicht mehr, ob und wie Individualisierung im Fachunterricht möglich ist. Die Frage ist vielmehr, was es uns bedeutet, dass alle Schülerinnen und Schüler eine für sie passende Anforderung finden und zu individuell guten Leistungen gelangen. Und: Ob Lehrerinnen und Lehrer bereit sind darauf zu verzichten, das Lernen in gewohnter Weise zu steuern und zu kontrollieren.

Johannes Bastian

Mit den Augen der Lernenden sehen

Individualisierung als didaktische Herausforderung

Annemarie von der Groeben

Lernen ist ein aktiver, konstruktiver Prozess, der nicht erzwungen werden kann. Er vollzieht sich individuell sehr unterschiedlich. Fachunterricht aber setzt darauf, dass alle »gleich weit« sind. Standardisierte Prüfungsverfahren und heutige Erkenntnisse über Lernen scheinen sich schlecht zu vertragen. Ist Individualisierung die Lösung? Oder eine Leerformel? Oder ein falsches Heilsversprechen?

Experten unterwegs – ein Unterrichtsbeispiel

Nach der Fütterung der Wölfe nimmt der Tierpfleger sich Zeit für die Fragen der Fünftklässler. Sie haben im Rahmen eines Projekts »Wir und unsere Haustiere« die Aufgabe übernommen, Wölfe als Vorfahren unserer Hunde vorzustellen, haben sich kundig gemacht, die Wölfe im Tierpark beobachtet, ein Interview vorbereitet und können nun ihre vielen Fragen stellen. Etwa: Was und wie viel fressen die Wölfe? Was muss beachtet werden, damit es keinen Streit im Rudel gibt? Wie regeln die Wölfe das unterein­ander? Wer ist der »Bestimmer«? Was musste bei der Anlage des Geheges beachtet werden? …

Zur gleichen Zeit ist eine andere Expertengruppe im Tierheim, um die Schicksale von verlassenen oder verstoßenen Haustieren zu erkunden, eine dritte besucht einen Bio-Bauernhof und lässt sich über artgerechte Tierhaltung informieren.

Tiere sind nicht »süß« und Menschen sind nicht »lieb« zu ihnen. Tiere haben ein Recht auf artgerechtes Leben. Verantwortlicher Umgang mit Tieren ist das leitende Bildungsziel dieses Projekts. Die Fächer Biologie, Gesellschaftslehre und Deutsch wirken dabei zusammen. Wie hängen Körperbau, Lebensweise und Lebensraum zusammen? Was ergibt sich daraus für eine artgerechte Tierhaltung? Wie gehen Menschen mit Tieren um? Sind die Tierschutzbestimmungen ausreichend? Was können wir tun, um »Freunde« der Tiere zu sein?

Alle Schülerinnen und Schüler haben sich Expertengruppen zugeordnet. Am heutigen Exkursionstag sind alle mit Beobachtungsaufgaben unterwegs. In der Schule haben sie Zeit, ihr Expertenwissen zu vertiefen und ihre Präsentation vorzubereiten. Eine Gruppe schreibt einen Flyer für Hunde- und Katzenfreunde, eine andere ein Mini-Theaterstück »Aufstand im Tierheim«. Zum Thema »Sprache der Tiere« stellen Experten Fotos und Abbildungen zusammen.

Ein Teil der in das Projekt eingehenden Stunden steht für diese Angebotsdifferenzierung zur Verfügung, der Rest für Fachunterricht. Die Wissensgrundlagen müssen gelegt, die Aufträge für Expertengruppen vorbereitet, die Kinder angeleitet, die Ergebnisse ausgewertet werden.

Kein Zweifel, dass solche Projekte beste Voraussetzungen für individuelles und gemeinsames, interessegeleitetes und verantwortliches Lernen bieten. Dieser »Klassiker« unter den Unterrichtsformen ist in der Tradition seit langem verankert, es gibt eine Fülle von Literatur und guten Beispielen.

In der Praxis der meisten Schulen spielen solche Projekte jedoch nur eine marginale Rolle. Sie kosten viel Zeit. Diese Ressource ist knapp bemessen. Hinzu kommt der Stoff- und Prüfungsdruck: Wir müssen das und das bis da und dahin schaffen. Projekte können wir uns nicht leisten. Leider. Aber wir machen vor den Sommerferien eine Projektwoche, da kann so etwas stattfinden.

Individuelles, interessegeleitetes Lernen wird nach dieser Logik zu einem Luxus überher, einer Art Freizeitprogramm, das man sich leisten kann, wenn die eigentliche Arbeit, der systematische Kompetenzaufbau im Fachunterricht, getan ist. Aber gerade das funktioniert nicht nach dem 7G-Prinzip, wie Andreas Helmke in diesem Heft einen solchen Unterricht beschreibt: »Alle gleichaltrigen Schüler haben zum gleichen Zeitpunkt beim gleichen Lehrer im gleichen Raum mit den gleichen Mitteln das gleiche Ziel gut zu erreichen« (S. 32). Tausende von Schülerinnen und Schüler kommen in unseren Schulen nicht mit, eben weil das nicht funktioniert, weil die individuelle Passung für sie nicht gegeben ist; sie bleiben sitzen oder wechseln in die nächst niedrige Schulform. Die Fragwürdigkeit solcher selektiven Maßnahmen ist bekannt. Die Durchlässigkeit unseres Schulsystems stellt sich in den meisten Fällen als »Fahrstuhl nach unten« dar. Sitzenbleiben ist teuer und löst die damit verbundenen Hoffnungen nicht ein (Krohne/Meier/Tillmann 2004). Die Alternative zu solchen Maßnahmen ist ein adap­tiver Unterricht, in dem die individuelle Passung jeweils neu austariert wird. »Passung ist aus meiner Sicht das Schlüsselmerkmal. Es stellt die Grundlage für Konzepte der Differenzierung und Individualisierung dar. Man kann Passung auch als Metaprinzip bezeichnen, denn es handelt sich um ein Gütekriterium, das in erweitertem Sinne für alle Lehr-Lern-Prozesse gültig ist. Aus bildungspolitischer Sicht stellt das Gebot der Passung – nichts anderes meint der Umgang mit Heterogenität – die zentrale Herausforderung dieses Jahrzehnts dar« (Helmke 2006, S. 45).

Tausende von Schülerinnen und Schüler kommen nicht mit, weil die individuelle Passung nicht gegeben ist.

So gesehen erweist sich Individualisierung als ein höchst anspruchsvolles Programm: pädagogisch, didaktisch und methodisch. Es ist nicht damit getan, dass Schülerinnen und Schüler manchmal, sozusagen außer der Reihe, etwas Besonderes tun, erkunden, erfinden dürfen. Vielmehr soll jeder Fachunterricht, streng genommen jede Unterrichtsstunde, in diesem Sinne »besonders« sein, Freiräume für eigene Lernwege bieten, alle Schülerinnen und Schüler erreichen durch herausfordernde, motivierende Anforderungen, unter denen sie wählen dürfen. So wiederholt sich auf der Mikro-Ebene der Aufgabenstellung für eine Unterrichtsstunde das Prinzip der Angebotsdifferenzierung, das auf der Makro-Ebene der Planung, beispielsweise eines Vorhabens oder Projekts, strukturbildend ist.

Ein Beispiel. Im Kontext des Projekts »Wir und unsere Haustiere« wird das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten gelesen. Dabei geht es nicht um Merkmale der Textsorte oder andere instrumentelle Lernziele, sondern um die Kernfrage des Projekts, den Umgang von Menschen mit Tieren. Im Märchen kehren sich die Verhältnisse um: Die Schwachen, nutzlos Gewordenen, Verstoßenen solidarisieren sich und vertreiben die Starken. Von diesem Kerngedanken ist das Aufgaben-Angebot an die Schülerinnen und Schüler abgeleitet. Sie können frei entscheiden, was sie wählen (Abb. 1).

Das Beispiel soll zeigen, wie ein Kernthema (Solidarisierung der Schwachen) in Aufgaben umgesetzt werden kann. Ziel: Alle Schülerinnen und Schüler sollen ein für sie passendes Angebot wählen und zu individuell guten Leistungen gelangen können. Eigene Vorschläge sind erlaubt und erwünscht. Eine vom Lehrer vorgenommene Differenzierung nach Niveaugruppen gibt es nicht.

Unter Individualisierung soll in diesem handwerklich-pragmatischen Sinne der Versuch verstanden werden, die gemeinsame Arbeit an einem Thema mit unterschiedlichen, auf die Fähigkeiten und Interessen der Schülerinnen und Schüler verbundenen Aneignungsformen zu verbinden.

Wie das im Unterricht verschiedener Fächer aussehen kann, ist Thema dieses Hefts.

»Lehrseits« und »lernseits« – ein didaktischer Streifzug

»Die Schule hat als wichtigste Aufgabe, Lust auf die Begegnung mit der Welt zu machen, ihre kognitiv-instrumentelle Seite kennen lernen zu wollen: die Mathematik, die Philosophie, die Naturwissenschaften, die Technik; ihre ästhetisch-expressive Seite …, ihre evaluativ-normative: Recht, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft; aber auch die letzten Fragen nach Leben und Tod, Ethik und Werten, Glauben und Religion. Mit den unterschiedlichen Zugangswegen eröffnen sich unterschiedliche Formen, die Welt, ihren Wandel zu verstehen, von ihr zu wissen, sich mit diesem Wissen auseinander zu setzen, es bewerten zu können.« So beschreiben führende Wissenschaftler den Bildungsauftrag von Schule. (Baumert/Fried/Joas/Mittelstraß/Singer 2002, S. 195).

Kennen lernen, verstehen, sich auseinandersetzen, bewerten … das vollzieht sich je subjektiv in solchen »Begegnungen«. Erzwingen oder »beibringen« lassen sie sich nach heutiger Erkenntnis nicht. Lehren heißt demnach: Lernen möglich machen, anregen, herausfordern, begleiten. Die Professionalität der Lehrenden erweist sich gerade darin, dass sie den Blick vor allem auf das Lernen der Lernenden richten. Das ist keineswegs neu. Schon Comenius stellte der Didaktik als Theorie des Lehrens die Mathetik als Theorie des Lernens gegenüber. Dieser Begriff wurde in der neueren Literatur vor allem von Hartmut von Hentig aufgegriffen: Die Schule müsse sich bemühen, die Didaktik in den Dienst der Mathetik zu stellen und nicht umgekehrt (Hentig 1993, S. 211). Von gleichen Grundgedanken geht die kons­truktivistische Didaktik aus. Dass Lernen ein aktiver, konstruktiver, individueller Vorgang ist, gilt heute als Konsens. Was das aber für den Fachunterricht heißt und wie dieser sich folglich verändern müsste, ist umstritten. Martin Wagenschein hat mit seinem Konzept des genetischen Lernens ein »klassisches« Beispiel für naturwissenschaftliches Verstehen gegeben (Wagenschein 1999). Eine heutige Auslegung dieses Prinzip ist das Konzept des Dialogischen Lernens von Urs Ruf und Peter Gallin. Der irrigen Vorstellung, Lernen funktioniere nach dem Prinzip der Einbahnstraße als schnellster Weg von A nach B, stellen sie ein Modell gegenüber, das Lernen als angeleitete, sich im Dialog vollziehende individuelle Suchbewegung beschreibt (Ruf 2008). Diese und vergleichbare Ansätze werden in der aktuellen Diskussion häufig mit dem Begriff »Neue Lernkultur« zusammengefasst, die notwendig einhergehen muss mit einem veränderten Umgang mit Schülerleistungen (Winter 2008). »Neu« daran ist, wie schon gesagt, weniger der Ansatz selbst als vielmehr die Konsequenz, mit der seine Vertreter, gestützt auf Forschungsergebnisse, ihn einfordern. Wir müssen den Unterricht nicht, wie bisher, einseitig »lehrseits«, sondern »lernseits« denken, wie Michael Schratz das nennt (2009). Dazu gehört zu erst und vor allem der Blick auf die individuellen Prozesse der Aneignung. Andreas Helmke versucht in seinem Hintergrundbeitrag für dieses Heft, die unter dem Begriff »Individualisierung« zusammengefassten Ansätze in den Kontext aktueller empirischer Ergebnisse zu stellen. Er räumt mit Unklarheiten und überzogenen Erwartungen auf und stellt heraus, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass adaptiver Unterricht gelingt. Individualisierung ist, so ein Ergebnis der Hattie-Studie, ein unverzichtbarer, aber nur ein Faktor unter anderen. Individualisierung ist also weder die alleinige Lösung für das Problem der Heterogenität noch ein Heilsversprechen noch eine Leerformel. Der Begriff könnte für den Beginn einer konsequenten Wende im Unterricht stehen.

»Begegnung mit der Welt« – individuell und gemeinsam

Die Beiträge in diesem Heft bilden einen Teil des üblichen Fächerspek­trums ab. Sie stammen aus verschiedenen Schulen und sind so unterschiedlich wie diese und wie die Autorinnen und Autoren selbst. Individualisierung ist kein Einheitsprogramm, sondern stellt sich im Kontext der Fachdidaktiken und der Themen jeweils unterschiedlich dar.

Naturwissenschaft: Ein fachspezifischer Wahlkurs reißt pubertierende Jugendliche selten vom Hocker. Sandra Doth berichtet von einem Unterrichts-Experiment zum Thema Aids, das einen erstaunlichen Motivationsschub zur Folge hatte. Individualisierung heißt hier: Die Jugendlichen können eigene Zugänge zum Thema wählen, es darum anders, als »ihr Ding« wahrnehmen und das notwendige Grundlagenwissen von sich aus einfordern (und nicht, wie häufig, als »eingetrichtert« ablehnen).

Latein: Eine »tote« Sprache in heterogenen Lerngruppen einer Gesamtschule unterrichten – wie das aussehen kann, schildert Rainer Lohmann. Das historische Perfekt müssen alle lernen. Die erzählte Historie (Varusschlacht) hat sichtbare Spuren hinterlassen, denen die Jugendlichen nachgehen. Individualisierung heißt hier: Auf unterschiedlichen Wegen unsere Kultur zu ihren (römischen) Wurzeln zurückverfolgen. Im Kontext dieser historischen Forschung gewinnt auch das historische Perfekt neue Bedeutung.

Deutsch: Ein Lehrer will seinen »Stoff«, ein Gedicht, vor dem »Durchgenommen-Werden« bewahren. Martin Gehrigk beschreibt, wie seine Schülerinnen und Schüler sich auf sehr unübliche Weise an dem Gedicht »Stufen« von Hesse abgearbeitet haben. Individualisierung heißt hier: Ein Kunstwerk ernst nehmen, anstatt es zu verschulen, individuelle Annäherungen und Begegnungen ermöglichen und herausfordern.

Philosophie: Was interessiert heutige Jugendliche an Gesprächen der Alten Griechen? Über Liebe würden sie untereinander viel reden, aber doch nicht mit Sokrates & Co! Holger Braune sieht das anders. Er verstrickt seine Schülerinnen und Schüler mit frei wählbaren Rollen in Platons »Symposion«, spielt es mit ihnen neu durch. Individualisierung heißt hier: genetisch lernen im Sinne von Martin Wagenschein, den Unterrichtsgegenstand denkend und handelnd neu »erfinden«.

Geschichte: Unsere Gesellschaft orientiert sich an geteilten Erinnerungen (»shared Memories«). Aber wer ist »unsere Gesellschaft«? Dieses Wir besteht aus Individuen mit je eigenen Identitäten und aus Gruppen mit je eigenen Orientierungen, also auch aus »divided Memories«. Wie kann Geschichtsunterricht dem Rechnung tragen? Dieser Frage geht Johannes Meyer-Hamme nach. Individualisierung heißt hier: Das Leben in einer pluralen Gesellschaft fachlich aufgreifen, die subjektiv unterschiedlichen Identitäten ernst nehmen.

Alle diese Ansätze haben drei Merkmale gemeinsam: (1) Die Lehrerinnen und Lehrer sind »besessen« von ihrem Fach, wollen die eigene Begeisterung an ihre Schülerinnen und Schüler weitergeben. (2) Das tun sie konsequent mit Blick auf diese Gruppe und diese Jugendlichen. (3) Sie denken zuerst »lernwärts«, dann erst »lehr(plan)wärts« und zu allerletzt »testwärts«. Sie wissen, dass gemeinsames systematisches Fortschreiten nur gelingen kann, wenn die Lernangebote individuell möglichst gut genutzt werden können.

Was lernen alle, wenn nicht alle alles lernen?

Für viele Lehrerinnen und Lehrer ist das Abweichen vom 7G-Unterricht mit Unsicherheit und Angst verbunden. Zentrale Lernstandserhebungen, Prüfungen und Tests sind ja ebenfalls nach dem 7G-Prinzip konstruiert, und diese Systemvorgaben wirken machtvoll in den Unterricht hinein. Da hilft es wenig, auf die Entmischung von Lern- und Prüfungssituationen hinzuweisen, wenn Stoff- und Prüfungsdruck im Unterricht regieren. Viele Lehrerinnen und Lehrer reagieren darum mit pauschaler Abwehr, wenn es um Individualisierung geht. Sie »wissen« vorab, dass so etwas nicht geht, um die Zumutung abzuwehren, es zu versuchen. So werden berechtigte Fragen und Einwände zu Totschlag-Argumenten (siehe Abb. 2).

Die Hattie-Studie könnte als Startzeichen zu einer »mathetischen Wende« verstanden werden.

Auf die Frage nach dem systematischen Aufbau von Kompetenzen würden die in diesem Heft zu Wort kommenden Lehrerinnen und Lehrer unterschiedliche, fachlich begründete Antworten geben. In dem eingangs geschilderten Deutschunterricht führt die Aufgabendifferenzierung dazu, dass unterschiedliche Textsorten parallel vorkommen. Nach und nach werden sie als solche bewusst, werden Qualitätskriterien gemeinsam entwickelt. Die Kinder tragen sie im Gespräch zusammen. Wie müssen wir Interview-Fragen stellen, um möglichst viele Informationen zu erhalten? Wie stellt eine Geschichte sich aus unterschiedlichen Perspektiven dar und was muss man beachten, wenn man sie umschreibt? Wie können wir in einer Debatte unsere Position durch gute Argumente stark machen? Woran erkennt man einen gut geschriebenen Bericht? Solche Kriterien werden als Plakate sichtbar gemacht. Die Kinder orientieren sich an ihnen, wenn sie ihre Texte überarbeiten, im Austausch miteinander begutachten und bewerten oder im Unterricht Feedback geben, und selbstverständlich sind sie auch Grundlage für die Rückmeldung der Lehrerin. So werden Kompetenzen sehr wohl systematisch reflektiert und sichtbar gemacht, aber individuell aufgebaut und nicht »im Gleichschritt«.

Die Frage ist nicht, ob und wie Individualisierung möglich ist. Das zeigen die Unterrichtsbeispiele in diesem Heft. Die Frage ist, was es uns wert ist, wenn Schülerinnen und Schüler so motiviert, kreativ und eigenständig arbeiten, dass Lehrerinnen und Lehrer diese Prozesse nicht mehr in gewohnter Allmachtposition vorschreiben, steuern und kontrollieren.

Ausblick

Die Hattie-Studie ist noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen, wird aber offenbar schon vorab in den Rang eines »Klassikers« erhoben. Das könnte zu der bekannten Folge führen, dass jeder daraus entnimmt, was zur eigenen Position passt. Vielleicht aber geht von der Studie eine Sig­nalwirkung aus. Das nachfolgende Zitat könnte als Startzeichen zu einer »mathetischen Wende«, zu einer konsequenten Individualisierung verstanden werden.

»If the teacher’s lens can be changed to seeing learning through the eyes of students, this would be an excellent beginning.«

Literatur

Baumert, Jürgen/Fried, Johannes/Joas, Hans/Mittelstraß, Jürgen/Singer, Wolf (2002): Manifest. In: N. Killius/J. Kluge/L. Reisch(Hg.): Die Zukunft der Bildung. Frankfurt
von der Groeben, Annemarie/Kaiser, Ingrid (2012): Werkstatt Individualisierung. Hamburg
Helmke, Andreas (2006): Was wissen wir über guten Unterricht? In: PÄDA­GOGIK H. 2/2006, S. 42 – 45
v. Hentig, Hartmut (1993): Die Schule neu denken. München
Hattie, John A. C. (2008): Visible Learning – A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London
Krohne, Julia Ann/Meier, Ulrich/Tillmann, Klaus-Jürgen (2004): Sitzenbleiben, Geschlecht und Migration. Klassenwiederholungen im Spiegel der PISA-Daten. In: Zeitschrift für Pädagogik H. 3/2004, S. 393 – 391
Ruf, Urs (2008): Das Dialogische Lernmodell. In: Urs Ruf/Stefan Keller/Felix Winter (Hg.): Besser lernen im Dialog. Seelze
Schratz, Michael (2009): »Lernseits« von Unterricht. 
Alte Muster, neue Lebenswelten – was für Schulen? In: Lernende Schule 46 – 47/2009, S. 16 – 21
www.kreativinnovativ09.at/fachtagung
Wagenschein, Martin (1999): Verstehen lehren. Weinheim und Basel
Winter, Felix (2011): Leistungsbewertung. Eine neue Lernkultur braucht einen anderen Umgang mit Schülerleistungen. Baltmannsweiler Dr. Annemarie von der Groeben war bis 2006 didaktische Leiterin der Bielefelder Laborschule. Sie ist Mitglied der Redaktion von PÄDAGOGIK und unter anderem für den Bildungsverein Tabula e. V. tätig.
Adresse: Ellerstr. 29, 33615 Bielefeld
E-Mail: annemarie(at)v-d-groeben.de

Inhalt Magazin

 

»Ein gutes Gefühl, die Bewohner glücklich zu machen.«

Ein Zeitungsprojekt führt Generationen zusammen

Die Folgen des demographischen Wandels und der zunehmenden Vereinzelung scheinen vor allem für die Alten und Hilfsbedürftigen fatal zu sein. Von politischer Seite und von Seiten der Sozialverbände gibt es immer mehr Versuche, dem Problem zu begegnen. Daneben sind jedoch auch Wege möglich, die noch zu selten gegangen werden: Ein Weg wäre, die Generationen zusammenzuführen und dies am besten institutionell begleitet.

Eine Kooperation von Seniorenheim und Schule liegt da nahe. Jedoch: Es sind die Arbeitsbelastungen auf beiden Seiten zu sehen. Aus diesem Grund schreckt eine solche Zusammenarbeit manche Lehrkräfte ab. Dabei sind Projektformen möglich, die den zusätzlichen Arbeitsaufwand in engen Grenzen halten und trotzdem erfolgreich sind. Eben dies haben das Seniorenheim »Haus Am Rosarium« und das Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen (Schleswig-Holstein) im Rahmen eines Zeitungsprojektes versucht.

Das Projekt

Zuerst ein kurzer Überblick: Nach der ersten Kontaktaufnahme der Verantwortlichen und Planungsgesprächen startete das Projekt. Achtklässler des Wahlpflichtkurses »Medien – Wirtschaft – Soziales« haben nach einer »Grundausbildung« im journalistischen Schreiben nach Themen gesucht, die spannend für sie und zugleich auch für die ältere Generation sein könnten. Sie erhielten die Aufgabe, Artikel für die Zeitung des Seniorenheims zu schreiben. Nach der Themenwahl suchten sie das Uetersener Seniorenheim auf, trafen dort die Bewohner, die ihre Groß- oder Urgroßeltern sein könnten. Die Teenager führten mehrere Interviews, werteten diese aus und verfassten ihre Artikel. Anschließend redigierten sie gegenseitig ihre Texte nach vorgegebenen Kriterien. Auch die Lehrkraft machte noch Verbesserungsvorschläge. Im letzten Schritt wurden dann die Artikel in der Heimzeitung »Rosenblatt« ebenso veröffentlicht wie in der Online-Schülerzeitung (zum Nachlesen: www.meyne-allgemeine.de). Inzwischen ist das Projekt ins zweite Jahr und damit in die nächste Generation übergegangen.

Senioren und Teenager profitieren gleichermaßen

Wer beim Besuch der Jugendlichen im September 2012 im Seniorenheim dabei war, konnte sich überzeugen: Hier waren ältere Menschen, die strahlten und glücklich waren, dass die Jugendlichen zu ihnen kamen und von ihrem Leben etwas erfahren wollten. Die Schülerinnen und Schüler zeigten deutlich ihre Wertschätzung. Die Achtklässlerin Janina schreibt dazu: »Ich fand es total schön, die Freude in den Gesichtern der Altenheimbewohner zu sehen.« Ähnlich drückt sich ihre Klassenkameradin Vivien aus: »Das Schönste für mich bei dem Besuch im Altenheim war, dass man gesehen hat, dass die Menschen sich wirklich gefreut haben, dass wir da waren.« Hier zeigt sich bereits, was zahlreiche Untersuchungen zum Glücklichsein nachweisen konnten: Menschen zu helfen ist ein bedeutender Faktor, auch das eigene Glück zu steigern.

Auch der vierzehnjährige Nils denkt gerne an den Besuch zurück: »Mein schönstes Erlebnis im Haus Am Rosarium war, dass ich mich mit den älteren Herrschaften so wunderbar austauschen konnte und sie viel Verständnis für einen aufgebracht haben.« Insofern waren die Jugendlichen zugleich diejenigen, die nicht nur Aufmerksamkeit und damit Wertschätzung gaben, sondern auch viel erhalten haben. So konnten anfängliche Begegnungsängste der Jugendlichen abgebaut werden. Nach den Besuchen war davon jedenfalls keine Spur mehr, im Gegenteil. Die Schülerin Gesa schreibt dazu: »Ich finde es wichtig, dass dieser Kontakt zwischen Senioren und Jugendlichen wirklich weiterhin besteht, dass niemand Angst hat, sich mit ihnen zu unterhalten.« Die Freude der Senioren wird vielleicht ebenso groß sein, wenn in den nächsten Monaten abermals Artikel aus der Feder der jungen Schreiber in der Heimzeitung erscheinen werden.

Es war aber nicht nur das Persönliche, das die jungen Menschen positiv erinnern, sondern auch das Inhaltliche, das, was sie über ihre zu recherchierenden Themen erfahren haben. Dabei befassten sich die Jungredakteure mit Themen wie Mode in den 1950er Jahren, Jugendträume der Senioren sowie z. B. deren Hobbys. Vivien, die sich u. a. mit dem Thema Kommunikation in früheren Zeiten auseinandergesetzt hat, schreibt dazu: »Ich finde es wichtig, dass man mal ein Gefühl dafür bekommt, wie sich die Zeit und die Kommunikation verändert hat.«

Nachhaltigkeit der Arbeit

Im besten Fall regen Projekte Schülerinnen und Schülern zum Nachdenken an und wirken dadurch nachhaltig. Die Achtklässlerin Sabrina berichtet beispielsweise über ihre Erfahrungen: »Ich habe mir vor unserem Besuch im Altenheim nicht viele Gedanken zu Altenheimen gemacht, aber seit unserem Besuch interessiere ich mich sehr für die ältere Generation.« Dies deutet daraufhin, dass die hier gemachten Erfahrungen bei den beteiligten Teenagern weiterwirken. Dass dies eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben kann, wenn es um deren spätere Perspektive auf die ältere Generation geht, steht außer Frage.

Dies betrifft zugleich die Sichtweise auf die im Seniorenheim arbeitenden Pflegekräfte. Über sie schreibt Janina nach ihrem Besuch im »Haus Am Rosarium«: »Vor diesem Altenheimbesuch war ich erst in einem Altenheim und dort fand ich es nicht so schön, weil man gesehen hat, dass die Pfleger sehr im Stress waren. Bei diesem Altenheim hat man auch die Freude in den Gesichtern der Pfleger gesehen.« Bei einem solchen Projekt geht es nicht nur um einmalige Erfahrungen, sondern auch um die Nachhaltigkeit in der Projektgestaltung. Zurzeit ist der zweite Wahlpflichtkurs in diesem Rahmen aktiv, in den kommenden Schuljahren sollen weitere die Arbeit fortsetzen. Für die organisatorischen Kontinuitäten sorgen letztlich die verantwortlichen Institutionen.

In diesem Projekt ist es gelungen, in einem kleinen und überschaubaren Rahmen Begegnungsängste abzubauen und die Generationen zumindest ein Stück weit zusammenzuführen. Die Mehrarbeit für die Lehrkraft hielt sich dabei in engen Grenzen. Insofern ist ein solches Projekt leicht realisierbar, nicht nur in Uetersen.

Dr. Sönke Zankel ist Studienrat am Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen.
Seminarstraße 10, 25436 Uetersen.
E-Mail: s.zankel(at)lms-sh.de

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Vergeudete Talente

Viele Abiturenten aus bildungsfernen Familien entscheiden sich gegen ein Studium

Kinder aus bildungsfernen Familien schaffen es in Deutschland viel seltener ans Gymnasium und ins Studium als Mitschüler aus dem Bildungsbürgertum. Dies zeigt die vor kurzem erschienene Studie der Vodafone-Stiftung, die unter dem Titel »Aufstiegs­angst« erschienen ist. Bedenklich ist, dass viele Jugendliche aus bildungsfernen Familien, die das Abitur erreicht haben, lieber auf eine Berufsausbildung setzen. In dieser Gruppe entwickelt sich die Studierquote sogar rückläufig; das heißt: Es sinkt der Anteil derer, die mit ihrem Abi tatsächlich an eine Hochschule gehen. Wollten Mitte der siebziger Jahre rund 80 Prozent der Studienberechtigten aus bildungsfernen Familien an eine Hochschule, sind es heute weniger als 50 Prozent. Der Wert sank zwar auch bei Familien aus dem Bildungsbürgertum, allerdings nur von 90 auf 80 Prozent.

Ursache für diese Entwicklung sind Schindler zufolge das soziale Umfeld der jungen Erwachsenen und die gestiegenen Anforderungen an Auszubildende: Bildungsferne Familien streben eher nach Sicherheit, und ein Studium ist für sie oft ein unüberschaubares Unterfangen, weil sie die Kosten und die beruflichen Chancen nicht richtig einschätzen können.

Außerdem gilt inzwischen das Abi­tur für immer mehr Ausbildungsberufe als Standardvoraussetzung. Dies ist ein Grund dafür, dass sich auch Kinder aus bildungsfernen Familien für ein Abitur entscheiden, auch wenn sie gar kein Studium anstreben.

Nach Ansicht des Autors der Studie, Steffen Schindler, sind die Zugangswege zum Studium immer noch hoch selektiv. Die Ungerechtigkeit beim Hochschulzugang beginne bereits beim gymnasialen Abitur und zeige sich dort auch besonders drastisch, denn Kinder gebildeter Eltern haben eine siebenmal höhere Chance, die allgemeine Hochschulreife zu erlangen, als Kinder aus bildungsfernen Familien. Fast jedes zweite Kind aus bildungsfernen Familien erreicht die Hochschulzugangsberechtigung über das Fachabitur oder den zweiten Bildungsweg.

Die Studie ist als ePub innerhalb der App der Vodafone Stiftung Deutschland im Apple-Store und Android-Market sowie unter www.vodafone-stiftung.de abrufbar.

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Berlin richtet ein Zentrum für frühkindliche Bildung ein

In Berlin wollen die Freie Universität (FU) Berlin und die Robert Bosch Stiftung gemeinsam ein »Zentrum für frühkindliche Bildung« gründen. Die Stiftung stellt dafür in den nächsten fünf Jahren rund eine Million Euro bereit. Die Uni steuert 430 000 Euro und die Räumlichkeiten für das neue Forschungszentrum bei.

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Informationen für Referendare

In dem neuen Online-Portal ForRefs (www.forrefs.de) finden Referendarinnen und Referendare umfangreiche Informationen zu allen möglichen Themen, die sie während ihrer Ausbildung betreffen. Überdies bietet die Internetseite, die von einem Team aus Referendaren, jungen sowie erfahrenen Lehrern, Redakteuren und Fachexperten gestaltet wird, umfassende Praxishilfen. Damit schafft ForRefs die Nähe zum Nutzer und garantiert gleichzeitig fachlich fundierte und verlässliche Informationen. Die Besucher der Site finden auf der Startseite zunächst eine Übersicht aktueller Artikel rund um das Referendariat. Von hier aus gelangen sie auf die Rubriken ihrer Schulformen »Grundschule« und »Sekundarstufe«, die tiefgehende Informationen bieten. Erfahrene Lehrer und Fachexperten geben in den einzelnen Beiträgen wertvolle Ratschläge und verweisen auf zusätzliches Material sowie Fachliteratur aus verschiedenen Fachverlagen.

Dabei bleibt kein Themenkomplex unberührt: Auf der Seite finden sich Hinweise und Informationen zu Themen von Aufsichtspflicht bis Zeugniskonferenz. Neben fundiertem Basiswissen für Referendare erfahren die Nutzer hier alles über unterrichts- und schulpraktische Themen und bekommen Antworten auf alle wichtigen Fragen zum Referendariat und Lehrer sein. Hier finden sie nicht nur Antworten auf Fragen zur theoretischen Ausbildung. Sie erhalten die für sie wichtigen Tipps und viele Anregungen, sich in ihrer Schule zu engagieren und mit Aktionen wie Schülerzeitung, Pausenradio oder Exkursionen positiv aufzufallen.

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Warum sollten spanische Jugendliche Deutschland besuchen?

Sprachenwettbewerb Spanisch

In der nunmehr dritten Auflage des Schülerwettbewerbs Español-móvil sind die über 420 000 deutschen Spanischlerner sowie deren 9 000 Lehrkräfte aufgerufen, ihre kreativen Antworten auf die oben gestellte Frage in einem Handyfilm festzuhalten. Der Wettbewerb wird gemeinsam von der Bildungsabteilung der Spanischen Botschaft und dem Cornelsen Verlag ausgeschrieben. Die Kurzfilme sollen zeigen, was den eigenen Heimatort zu etwas Besonderem macht: Warum sollten spanische Jugendliche die Stadt besuchen kommen? Welche Gebäude, Bauwerke, Denkmäler oder welches Kulturereignis könnte man vorstellen? Gedreht werden sollte auf Spanisch – oder gegebenenfalls entsprechend untertitelt. Die Kurzfilmbeiträge sollten maximal drei Minuten Länge haben. Sie können noch bis zum 28. Februar 2013 bei der Bildungsabteilung der Botschaft von Spanien, Lichtensteinallee 1, 10787 Berlin eingereicht werden. Insgesamt werden drei Geldpreise in Höhe von 1 000, 600 und 400 Euro verliehen. Zudem reisen vier Teilnehmer der Gewinnergruppen mit ihrer Lehrkraft zur feierlichen Preisverleihung am 14. Juni 2013 in die Spanische Botschaft nach Berlin. Die prämierten Arbeiten werden auf den Webseiten der Bildungsabteilung der spanischen Botschaft und des Cornelsen Verlags veröffentlicht. Bei der Beurteilung der eingereichten Filmbeiträge stehen Kriterien wie Originalität, audiovisuelle Qualität der Einsendungen, Vermittlung der Intention sowie sprachliche Angemessenheit im Vordergrund. Ausführliche Informationen zum Wettbewerb gibt es unter: www.cornelsen.de/spanisch

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Zentrum für islamische Theologie startet

In Münster und Osnabrück hat vor kurzem ein neues Zentrum für islamische Theologie offiziell seine Arbeit aufgenommen. Dort werden etwa 300 Studierende ausgebildet; viele von ihnen streben das Lehramt für islamische Religion an einer allgemeinbildenden Schule an. Das Institut für Islamische Theologie (IIT) in Osnabrück und das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) in Münster bilden zusammen eines von bundesweit vier Zentren für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen. Die anderen Standorte sind Tübingen, Frankfurt/Gießen und Erlangen/Nürnberg. Die Zentren werden von den jeweiligen Landesregierungen unterstützt, die Bundesregierung steuert in den nächsten fünf Jahre rund 20 Millionen Euro bei.

Die Kooperation zwischen den beiden Universitäten in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sieht einen Austausch bei Forschung und Lehre vor. Leistungsnachweise der Studenten werden gegenseitig anerkannt, Doktoranden gemeinsam betreut. Kongresse und große Veranstaltungen sollen zusammen geplant werden. In Osnabrück sind 140 Studenten eingeschrieben. Davon werden 35 Imame, 40 studieren Theologie und 65 Pädagogik. In Münster haben sich für das Wintersemester 80 Studierende für das Lehramt eingeschrieben und 70 für Theologie. Für die 150 Plätze gab es über 400 Bewerbungen. 50 Studierende waren bereits eingeschrieben.

An den nordrhein-westfälischen Schulen gibt seit Sommer 2012 erstmals islamischen Religionsunterricht. Das neue Regelfach ist »bekenntnisorientiert«; es wird also aus der Perspektive des muslimischen Glaubens unterrichtet und ist damit dem katholischen und evangelischen Religionsunterricht gleichgestellt. Bislang gibt es den islamischen Religionsunterricht an 33 Grundschulen für rund 2000 Schüler. Rund 40 Lehrkräfte haben eine Unterrichtserlaubnis. Sie müssen Muslime sein und stehen unter deutscher Schulaufsicht. Ein Lehrplan für das neue Fach wird derzeit erarbeitet. In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt rund 320 000 Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens.

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Weniger Kinderarmut

In Deutschland sinkt die Zahl der Kleinkinder, die in Armut aufwachsen. Einer vor kurzem veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge fiel die Armutsquote der unter Dreijährigen im Jahr 2011 im Vergleich zu 2010 von 19,8 auf 18,2 Prozent. Am geringsten ist das Risiko wie schon 2008 in Bayern (8,7 Prozent), am höchsten in den Stadtstaaten Berlin (34,3) und Bremen (33,6). Die Studie zeigt auch, dass die ostdeutschen Flächenländer stark aufgeholt haben. Seit 2008 hat sich dort die Kinderarmutsquote bei unter Dreijährigen von 33,4 auf 25,5 Prozent reduziert. Allerdings ist dort das Armutsrisiko noch durchweg höher als in westlichen Flächenstaaten, wo sich der Anteil von 18 auf 15,8 Prozent verringerte. Die bundesweit geringsten Fortschritte machte Nordrhein-Westfalen, die größten Thüringen. Der Abstand zwischen den Quoten dieser beiden Länder beträgt nur noch 1,1 Prozentpunkte.

Als arm gelten Kinder in Familien, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Das Ergebnis der Studie bestätigt einen Trend, der nach Angaben der Stiftung seit 2008 zu beobachten sei. Damals wuchsen 21,2 Prozent der unter Dreijährigen in Familien auf, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen waren. Die absolute Zahl der betroffenen Kinder sank in diesem Zeitraum von 435 000 auf 367 000. Anette Stein von der Bertelsmann-Stiftung sieht in dem größeren Angebot an Kita-Plätzen einen Hauptgrund für die bundesweite Verringerung der Armutsquote. Dadurch könnten mehr Mütter von Kleinkindern arbeiten. Sie sieht allerings immer noch Handlungsbedarf, vor allem in den Kommunen. So wächst in München nur jedes zehnte Kind unter drei Jahren in Familien mit Grundsicherung auf, in Berlin dagegen mehr als jedes dritte Kind (34,3 Prozent). Bundesweites Schlusslicht der Städte ist Gelsenkirchen (40,5 Prozent).

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NRW: Viele türkischstämmige Migranten ohne Ausbildung

In Nordrhein-Westfalen macht knapp ein Drittel der türkischstämmigen Migranten keine Berufsausbildung, obwohl die meisten von ihnen über einen deutschen Schulabschlusses verfügen. Dies zeigt eine Studie, die das Zen­trum für Türkeistudien im Auftrag des nordrhein-westfälischen Integrationsministeriums durchgeführt hat. Demnach haben 31,9 Prozent der Türkischstämmigen aus der zweiten Generation einschließlich derjenigen ohne deutschen Schulabschluss keine Ausbildung absolviert. In der dritten Generation sind es sogar 46,3 Prozent. Den Anstieg erklärte Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) mit der Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Außerdem stellten viele Unternehmen immer noch lieber junge Menschen ohne Migrationshintergrund ein. Schneider sprach sich für anonymisierte Bewerbungen aus. Menschen mit ausländischen Wurzeln müssten es zumindest bis zum Bewerbungsgespräch schaffen.

Für die Studie hatte das Zentrum für Türkeistudien mehr als 1 000 türkischstämmige Migranten ab 18 Jahren befragt. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass türkischstämmige Frauen selten eine Ausbildung machen. Nur knapp ein Fünftel habe eine Lehre absolviert – 58 Prozent hätten keinerlei Berufsausbildung. Der Leiter des Zentrums, Haci-Halil Usluçan, wies darauf hin, dass Frauen mit Kopftuch wenig Chancen auf eine Lehrstelle hätten. Insgesamt sprachen aber sowohl Schneider als auch Usluçan von Fortschritten bei der Integration – vor allem was den Generationenvergleich angehe. Mehr als die Hälfte aus der Nachfolgegeneration erziele bessere Bildungsabschlüsse als die Elterngeneration, so Usluçan.

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NRW: Große Landtagsmehrheit für kleine Grundschulen

Die Politik in Nordrhein-Westfalen ist sich einig: Möglichst viele Gemeinden sollen eine eigene Grundschule behalten. Der Landtag hat daher mit großer Mehrheit die Mindestgröße für Grundschulen gesenkt. Musste eine Grundschule bislang mindestens 114 Schülerinnen und Schüler haben, reichen künftig 92 aus, um die Existenz zu sichern. Einen besonderen Schutz gibt es für die einzige Grundschule in einer Gemeinde: Für sie gilt eine Mindestzahl von 46 Schülerinnen und Schülern als Voraussetzung für die Fortführung. Alle Parteien mit Ausnahme der FDP stimmten einer entsprechenden Änderung des Schulgesetzes zu. Die FDP befürchtet, dass die neue Regelung jahrgangsübergreifenden Unterricht verstärkt und damit möglicherweise zu sinkenden Leistungen der Schüler führt.

Die Neuregelungen sollen ab 2013/2014 schrittweise eingeführt werden. Künftig kann eine Grundschule dann auch mit nur einer Klasse pro Jahrgangsstufe geführt werden. Bis 2015/2016 sollen die Klassengrößen stufenweise auf einen Richtwert von 22,5 Kinder sinken – aktuell sind es 24 Schüler. Dafür sollen die Grundschulen zusätzlich 1 700 Lehrer erhalten.

Hintergrund dieser Entscheidung ist, dass die Zahl der Grundschulen in Nordrhein-Westfalen seit fünfzehn Jahren ständig sinkt. Laut Statistischem Landesamt mussten in den letzten 14 Jahren 362 Schulen schließen. Das entspricht einem Rückgang von mehr als zehn Prozent. Insgesamt gab es im vergangenen Schuljahr noch knapp 3 090 Grundschulen. Noch stärker ist die Zahl der Grundschüler gesunken – um rund 23 Prozent auf gut 652 000.

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Deutsche Lehrer verdienen im europäischen Vergleich gut

Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland haben im europäischen Vergleich ein gutes Einkommen. Dagegen sind in 16 europäischen Ländern die Lehrergehälter infolge der Wirtschaftskrise gekürzt oder eingefroren worden. Dies geht aus aus einem Bericht hervor, den die EU-Kommission vor kurzem veröffentlicht hat. EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou betonte die große Bedeutung von angemessenen Gehältern und guten Arbeitsbedingungen für Lehrer, damit der Beruf attraktiv bleibt. Ihrer Auffassung nach mache aber nicht nur das Gehalt den Beruf für die besten Lehrerinnen und Lehrer attraktiv. Sehr wichtig sei auch, dass die Klassenräume gut ausgestattet sind und dass die Lehrer mitreden dürfen, wenn es um die Modernisierung der Lehrpläne und Bildungsreformen geht.

Dem Bericht zufolge werden die höchsten Lehrergehälter in Luxemburg und Liechtenstein sowie in der Gruppe der maximalen Dienstbezüge in Zypern gezahlt. Die Gehälter der deutschen Lehrer liegen im oberen Mittelfeld. Lehrer in Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und Slowenien sind demgegenüber von den Haushaltskürzungen und Sparmaßnahmen stark betroffen. In Griechenland wurden die Grundgehälter der Lehrkräfte um 30 Prozent gekürzt und Sonderzahlungen zu Weihnachten und Ostern ganz abgeschafft. In Irland beliefen sich die Kürzungen bei neu eingestellten Lehrkräften im Jahr 2011 auf 13 Prozent, bei den nach dem 31. Januar 2012 eingestellten Junglehrern sogar auf weitere 20 Prozent, weil die Qualifikationszulagen gestrichen wurden. In Spanien wurden die Gehälter von Lehrkräften und anderen öffentlichen Bediensteten im Jahr 2010 um etwa fünf Prozent gekürzt und seitdem nicht mehr an die Inflation angepasst; ähnliche Maßnahmen wurden in Portugal getroffen. In diesen Ländern befürchten die Lehrerverbände, dass die Kürzungen junge Menschen von der Wahl des Lehrerberufs abhalten könnten.

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NRW: Landesregierung hält an Förderschule fest

Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat vor kurzem ihren Aktionsplan »Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv« vorgestellt, der ressortübergreifend mit mehr als 100 Maßnahmen die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen vorantreiben soll. Bei der Vorstellung des Planes betonte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), dass ihre Regierung nicht beabsichtige, die Förderschulen abzuschaffen. Sie sagte, dass Eltern auch weiterhin die Förderschule wählen können, sofern sie diese für ihr Kind vorziehen und auf dieser Grundlage ein entsprechender Bedarf an Förderschulen vorhanden sei. Allerdings dürften künftig die Kommunen selbst entscheiden, ob sie auf Förderschulen mit den Schwerpunkten Lerne, Emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache verzichten wollen.

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Mehr Absteiger als Aufsteiger

Jedes Jahr müssen mehr als 50 000 Schüler ihre Schule verlassen

Die Zahl der Absteiger an den deutschen Schulen ist mehr als doppelt so hoch wie die der Aufsteiger: Im Schuljahr 2010/11 sind rund 50 000 Schüler der Klassen fünf bis zehn auf eine Schulform mit einem niedrigeren Abschluss umgesetzt worden. Gleichzeitig schafften nur rund 23 000 einen Wechsel auf eine Schulform mit einem höheren Abschluss. Dies zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die vor kurzem veröffentlicht worden ist.

Das zentrale Problem des Abstiegs besteht nach Auffassung des Bildungsexperten der Stiftung, Jörg Dräger, in der Demotivation. Außerdem zählten Herabstufungen oft zur üblichen Praxis, während viel zu selten geprüft werde, ob ein Schüler den Aufstieg schaffen kann. Dräger forderte eine Verbesserung der individuellen Förderung, um Abstiege und Klassenwiederholungen zu verhindern. Zwar sei die Schulstruktur nicht der entscheidende Faktor für mehr Chancengerechtigkeit. Allerdings wäre es besser, wenn das Schulsystem die Kinder nicht sortieren würde.

Betrachtet man die einzelnen Bundesländer, so ist der Anteil der Absteiger in Niedersachsen am höchsten: Hier kommt nur ein Aufsteiger auf zehn Absteiger. In Hessen sind es neun Ab- auf einen Aufsteiger, in Berlin sieben, in Nordrhein-Westfalen knapp sechs. Die anderen Länder liegen bei dieser Quote besser. Eine Sonderposition nimmt Bayern ein: Nur hier gibt es etwas mehr Auf- als Absteiger. Dies liegt der Studie zufolge aber auch daran, dass die bayerischen Kinder nach der Grundschule aber auch oft verhältnismäßig niedrig eingestuft werden. Als Aufsteiger von der Hauptschule wiederholten sie dann Klasse fünf in der Regel in der Realschule.

Auch bei den Klassenwiederholungen unterscheiden sich die Länder. Hier weist Bayern eine Quote von 2,8 Prozent auf, wohingegen es in NRW nur 1,4 Prozent sind. NRW bietet bundesweit auch die besten Chancen für Studienwillige. Wie im Bundesdurchschnitt wechselten in NRW rund 37 Prozent eines Schülerjahrgangs nach der Klasse 4 auf das Gymnasium. Am Ende erlangten aber 56,6 Prozent eine Studienberechtigung. Dies geschieht der Studie zufolge unter anderem durch die Fachhochschulreife, über Kollegs und Abendschulen. Damit sei NordrheinWestfalen bundesweit an der Spitze, gefolgt von Baden-Württemberg, wo 53,5 Prozent eine Studienberechtigung erwerben.

Die Studie zeigt auch, dass im Saarland die meisten Schüler vor der zehnten Klasse das Gymnasium abbrechen. Demnach wechselten im Schuljahr 2010/2011 im Durchschnitt 1,3 Schüler pro Klasse aus einem saarländischen Gymnasium auf eine niedrigere Schulform.

Die Studie kann unter http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_113951.htm bezogen werden.

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Baden-Württemberg: Pädagogische Assistenten bleiben

Die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg will die Verträge der rund 480 Pädagogischen Assistenten an Grundschulen verlängern. Nach Auffassung von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) leisten die Pädagogischen Assistenten einen wichtigen Beitrag zur individuellen Förderung an den Grundschulen. Die Pädagogischen Assistenten waren von der schwarz-gelben Vorgängerregierung zum Schuljahr 2010/11 in einem Modellprojekt befristet eingestellt worden. Die Ministerin ist überzeugt, dass die Weiterbeschäftigung der Pädagogischen Assistenten ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Grundschulen ist. Die Leistung vieler Kinder sei dank der Assistenten, die die Lehrer im Unterricht unterstützen, gestiegen. Auch die Lernatmosphäre, das soziale Miteinander in den Klassen, die Motivation, die Ausdauer, die Konzentration sowie die Lern- und Leistungsbereitschaft der Schüler hätten sich verbessert.

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Pflegeberufe für Männer attraktiver

Die Zahl der Männer in Pflegeberufen ist gestiegen, aber noch ist dieser Beruf fest in weiblicher Hand. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der männlichen Ausbildungsanfänger in Pflegeberufen in den vergangenen zehn Jahren um 69 Prozent erhöht. Dennoch waren im Jahr 2011 nur 21 Prozent der Berufsanfänger männlich. Insgesamt haben in dem Jahr rund 52 500 Jugendliche eine Berufsausbildung in einem Pflegeberuf begonnen. Von ihnen waren 41 300 Frauen, aber nur 11 300 Männer. Zu den Pflegeberufen gehören Ausbildungen als Kranken-, und Altenpfleger sowie die kürzeren Ausbildungen zum Pflegehelfer.

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“Schul-Wesen”: Der Dienstwagenfahrer

Schule lebt – mal gut, mal schlecht – von Typen, Originalen, Eigenbrötlern, Querdenkern, Idealisten, Helden, Sonderlingen, Käuzen, Enthusiasten … Einige besondere Exemplare präsentiert Christoph Wohlmann in seiner Sammlung »Schul-Wesen«.

In unregelmäßigen Abständen inspiziert Ministerialrat L. die Realität. Er besucht eine seiner Projektschulen, denen er Zuwendungen gewährt hat, oder eine Schule, von der die Kollegen im Ministerium beim Morgenkaffee oder Nachmittagskaffe geschwärmt haben. Schulen, die um seinen Besuch bitten, beachtet er nicht.

Er lässt der Schule, die er besuchen will, vom Vorzimmer des Abteilungsleiters mitteilen, wann er kommt und wen er zu sprechen wünscht, was er sehen will. Seit er keine eigene Sekretärin mehr hat und alles am Computer erledigen muss, also seit elf Jahren, setzt er das Vorzimmer in solchen Vermittlungsangelegenheiten ein. Es gilt, dem Anliegen und ihm das richtige Gewicht zu geben. Das Vorzimmer bestellt auch immer gleich den Dienstwagen und sorgt für die Dienstreisegenehmigung. Das Haus sieht es gern, wenn Ministerialrat L. unterwegs ist und sich einen Eindruck von der Schulpraxis verschafft, ist er dann doch nicht in der Behörde. L. beginnt seine Dienstreisen immer morgens früh und lässt sich von zu Hause abholen.

Pünktlich geht er an diesem Morgen aus dem Haus – und erschrickt. Statt des schwarzen Mercedes oder Audis steht ein grauer Passat vor der Tür. Blankgeputzt, aber grau. Der Fahrer steigt aus, stellt sich vor. Er ist neu in der Fahrbereitschaft, war früher im Innenministerium. L. schaut ihn entgeistert an. »Mit so einem Wagen fahre ich nicht!« Immerhin hat er B5. Der Fahrer bleibt verlegen stehen, hat keine Erklärung für dieses Missgeschick. Als gäbe sich L. einen Ruck, eilt er zum grauen Dienstwagen, der Fahrer kann ihm nicht einmal die Tür aufhalten, L. kommt ihm zuvor. Auf der Fahrt sagt L. kein Wort. Kurz, bevor sie an der Projektschule ankommen, fordert er den Fahrer auf anzuhalten. Sofort. Er steigt aus, richtet die Anzugjacke, prüft, ob die Krawatte richtig sitzt, und geht los. Als er um die Ecke biegt, kann er die Schule sehen. Er richtet sich auf, Kopf in den Nacken, Schultern nach hinten durchgedrückt.

Am Schultor wartet der Hausmeister, der hat den Schulleiter schon angerufen. Es gibt eine freundliche Begrüßung, der Schulleiter kommt zum Empfang ans Schultor. Dann betritt Herr L. den Schulhof, die Realität. Die Klassen sind frisch geputzt. Kurz nach Mittag verabschiedet sich L. sich im Sekretariat, bittet darum, ihn ausnahmsweise nicht zum Schultor zu begleiten.

Er biegt um die Ecke, bevor er in den Passat steigt, schaut er sich um. Niemand hat ihn gesehen.

»Zum Bahnhof!«, weist er den Fahrer an. »Bloß nicht mit so einem Wagen nach Hause.«

Kontakt:
christoph.wohlmann(at)yahoo.de

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Materialien

Alternativen zum Lehrerberuf

Viele Lehrerinnen und Lehrer leiden an chronischer Überlastung, manche sind gar von Burnout bedroht und fragen sich, ob sie den richtigen Beruf gewählt haben. Wieder andere arbeiten einfach nur seit vielen Jahren im selben Job und träumen von einer Veränderung. Aber die Routinen – und die Sicherheit –  zu verlassen, ist alles andere als leicht. Und doch ist es möglich: Um Mut zu machen und Alternativen aufzuzeigen, stellt Thomas Unruh konkrete Erfahrungsberichte von Aus- und Umsteigern an den Anfang seines vor kurzem erschienenen Ratgebers »Lebenslang Lehrer? Alternativen zum Lehrerberuf«. Zu Wort kommen insgesamt acht ehemalige Lehrerinnen und Lehrer, die jetzt z. B. als Bildungsreferent, Kommunikationstrainerin oder Künstler arbeiten. Ihre Erfahrungsberichte stellen Ausstiegsträume auf eine realistische Grundlage und zeigen, wie anderen das Umsatteln gelungen ist.

Im zweiten Teil des Buchs folgt dann eine ausführliche Liste von Berufsalternativen, in denen Lehrerinnen und Lehrer mit ihren spezifischen Kompetenzen punkten können. Der Ratgeber skizziert neben dem kompletten Ausstieg aber auch gangbare Teilzeitmodelle. Selbsttests helfen dem Leser, die Frage nach dem Gehen oder Bleiben ehrlich für sich zu beantworten. Abschließend widmet sich das Buch explizit den klassischen Ausreden, die jeder beruflichen Veränderung beharrlich im Wege stehen, und zeigt, wie sie sich entkräften lassen. In einem eigenen Kapitel wendet Unruh sich an die Referendare. Diese leiden manchmal besonders stark unter dem noch ungewohnten Berufsalltag und sie zweifeln daran, ob sie in der Schule am richtigen Ort sind. In einem Self-Assessment hilft ihnen das Buch, die Frage für sich zu beantworten. Das Buch ist im Beltz Verlag erschienen und kann zum Preis von 19,95 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-407-62661-5).

Mobbing bei Kindern und Jugendlichen

Hänseleien, Streitigkeiten, Rangeleien sind unter Kindern keine Seltenheit. Immer häufiger tritt jedoch das Phänomen »Bullying«, also Mobbing unter Kindern und Jugendlichen, auf: Von Schikanen im Klassenzimmer bis zum sogenannten Cyberbullying in sozialen Netzwerken reichen die Angriffe auf Gleichaltrige. Im Gegensatz zu normalen Konflikten zwischen Kindern kann Bullying schwere gesundheitliche Folgen für die Opfer haben.

Wie kann man diesen Gefahren begegnen? Das erfahrene Autorenduo Peter Teuschel, Mobbing-Experte und niedergelassener Psychiater, und Klaus Werner Heuschen, Kinder- und Jugendlichenpsychiater in eigener Praxis, gibt in seinem vor kurzem erschienenen Buch »Bullying – Mobbing bei Kindern und Jugendlichen« fundierte und verständliche Antworten. Im Mittelpunkt stehen psychische und psychosomatische Störungen, die infolge von Bullying entstehen können, und deren Therapie. Konkrete Handlungsoptionen und Präventionsstrategien runden das Buch ab. Lehrer, Erzieher und Eltern finden in diesem 373-seitigen Leitfaden wertvolle Informationen zum Umgang mit Mobbing und seinen Folgen. Er ist im Schattauer Verlag erschienen und kann zum Preis von 39,95 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-7945-2843-1).

Jahrbuch Schulleitung

In diesem Jahr ist unter dem Titel »Befunde und Impulse zu den Handlungsfeldern des Schulmanagements« erstmals das Jahrbuch Schulleitung 2012 erschienen. Auf insgesamt 360 Seiten äußern sich renommierte Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Bildungspolitik, Schulverwaltung und Schulaufsicht, dem Unterstützungssystem sowie aus der Schul(leitungs)praxis zu den Themen:

  • Führung und Management,
  • schulische Erziehung,
  • Lernen und Unterricht,
  • Organisation,
  • Personal und Qualitätsmanagement.

In zwei abschließenden Kapiteln werden ausgewählte Befunde aus den aktuellen Bildungsberichten sowie eine Auswahl interessanter Neuerscheinungen der vergangenen Jahre in Kurzrezensionen vorgestellt. Das Buch ist im Verlag Wolter Kluwer erschienen und kann zum Preis von 36,– Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-556-06192-3).

Wie medienpädagogische Projektarbeit gelingt

In dem vor kurzem erschienenen »Medienpädagogik Praxis Handbuch« werden auf mehr als 400 Seiten Grundlagen, Hintergründe, Theorie und Praxis der Aktiven Medienarbeit aus allen Blickwinkeln beleuchtet. Das Institut für Medienpädagogik und der Medienpädagogik (JFF) schlägt mit diesem Buch eine Brücke zwischen engagierten Expertinnen und Experten und allen, die nach Anregungen für die Praxis suchen. So sind knapp 100 erprobte und übertragbare Konzepte aus den Bereichen Foto, Audio, Video, Web, Mo­bile, Games und Quer ausführlich beschrieben und durch Checklisten, Arbeitsmaterialien und Fotos hilfreich ergänzt. Zusätzlich sind theoretische Grundlagen für die Aktive Medienarbeit so aufbereitet, dass sie bei der alltäglichen Projektarbeit helfen. Einen besonderen Einblick in die Vielfalt der medienpädagogischen Praxis geben darüber hinaus die individuellen Tipps von Expertinnen und Experten und das Glossar, das Fachbegriffe verständlich macht und einen zusätzlichen Zugang zu den Projekten ermöglicht. Außerdem wird das Buch online unter http://www.medienpaedagogik-praxis.net laufend ergänzt, kommentiert und weiterentwickelt. Das Buch ist im Kopaed-Verlag erschienen und kann zum Preis von 25,– Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-86736-279-5).

Schüler machen eine Ausstellung

Museumleiterinnen und -leiter wünschen sich oft mehr Schulklassen in ihrem Museum. Was aber geschieht, wenn Schülerinnen und Schüler ins Museum kommen und dort eine Ausstellung organisieren und einrichten? Das Projekt mag zu Beginn sowohl für Museumsleitende als auch für Lehrpersonen gewagt erscheinen. Die Vorstellung einer Horde wilder Schülerinnen und Schüler im Museum gefällt nicht allen. Trotzdem gibt es gute Gründe, sich an ein Ausstellungsprojekt zu wagen.

Schulklassen bringen kreative Ideen in die Museen. Sie betrachten die Sache von einem anderen Blickwinkel aus, sind nicht »betriebsblind«. Bei der Arbeit an einer Ausstellung lernen sie, an einem Gesamtprojekt zu arbeiten, und setzen ihr neues Projektwissen sogleich in die Praxis um: »Learning by doing«. Oft entwickeln die Lernenden bei den Arbeiten an der Ausstellung eine Begeisterung, die im Alltag fehlt. Sie werden mit Anforderungen der Projektarbeit konfrontiert wie Planung und Umsetzung von Ideen – gewinnen also Erfahrungen, die auch später im Berufsleben von Relevanz sind.

Um dies zu ermöglichen, haben sich sieben Bündner Schulen und Museen zusammengeschlossen, um jeweils eine gemeinsame Ausstellung in einem Museum zu präsentieren. Aus ihren Erfahrungen ist der Leitfaden »Museum & Schule – Schulklassen realisieren eine Ausstellung« von Laetizia Christoffel und Nicole Sprecher entstanden. Tipps und Lernziele sowie Praxisbeispiele veranschaulichen die Anleitungen. Der 44-seitige Leitfaden ist im Südostschweiz Buchverlag erschienen und zum Preis von 11,30 Euro im Buchhandel zu beziehen (ISBN 978-3-906064-06).

Wohnung, Geld und Haushaltsführung

Niemand, der einem reinredet, stattdessen ganz viel Freiheit: Ihr Leben nach der Schule stellen sich Jugendliche oft völlig unbeschwert vor. Damit die Vorfreude auf Eigenständigkeit nicht Frust und Chaos weicht, versuchen die Autorinnen des vor kurzem erschienenen Buchs »Wohnung, Geld & Haushaltsführung«, Förderschüler fit für einen selbstständigen Alltag zu machen. Von der Haushaltsführung und dem Umgang mit Geld über die Wohnungssuche bis hin zur Freizeitgestaltung: Authentische Arbeitsblätter mit Zeitungsannoncen, Wohnungsgrundrissen oder Verträgen vermitteln den Jugendlichen nachhaltig die für sie relevanten Themen. Dabei lassen sich die Aufgaben leicht in den Fachunterricht integrieren. Ihre Ergebnisse sammeln die Schüler im eigenen Portfolio-Ordner – so können sie später jederzeit wieder nachschlagen. Alle Arbeitsblätter sind zusätzlich noch einmal in veränderbarer Fassung auf der CD.

Das 120-seitige Buch von San­dra Pickhan und Tanja Riebe ist im Verlag an der Ruhr erschienen und kann zum Preis von 24,60 Euro im Buchhandel bezogen werden (ISBN 978-3-8346-0965-6).

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Termine

Schulleitungssymposium 2013

Vom 26. bis 28. September 2013 findet an der Pädagogischen Hochschule Zug das nächste Schulleitungssymposium (SLS) zu Themen der Schulqualität, Schulentwicklung und des Schulmanagements statt, das vom Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie organisiert wird in Zusammenarbeit mit dem Carl Link Verlag und dem Forum Bildung (Schweiz). In diesem Jahr steht das Thema »Herausforderungen und Chancen für Schule und pädagogische Führung« im Mittelpunkt des Symposions. Weitere Informationen zur Tagung (Plenumsprogramm, Einreichung von Beiträgen, Anmeldung, Funding-Möglichkeiten, Übernachtung) können über die Homepage des Schulleitungssymposiums www.Schulleitungssymposium.net bezogen werden.

Deutscher Schulleiterkongress

Der Bundesverband Bildung und Erziehung (VBE) und der Carl Link Verlag, Teil des Informationsdienstleisters Wolters Kluwer Deutschland, veranstalten vom 7. – 9. März 2013 in Düsseldorf zum zweiten Mal den Deutschen Schulleiterkongress (DSLK). Gemeinsam mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft werden die Teilnehmer Konzepte für die Schule von morgen diskutieren. Zu den Referenten aus der Wirtschaft gehören Prof. Dr. Marion Schick, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG und ehemalige Kultusministerin in Baden-Württemberg, und Prof. Götz W. Werner, Gründer und Aufsichtsrat der dm-drogerie markt GmbH. Die Veranstalter des Kongresses wollen Schulleitern den Rücken stärken und ihre Arbeit weiter ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Der Kongress hat fünf Themenschwerpunkte: »Konflikte managen«, »Inklusion«, »Personalführung und Personalentwicklung« sowie »gesunde Schule für alle« und »Schule ein Unternehmen, Schule kooperiert«. Weitere Informationen unter www.deutscher-schulleiterkongress.de.

Weiterbildung am Figurentheater-Kolleg

Das Bochumer Figurentheater-Kolleg bietet auch in diesem Jahr wieder ein umfangreiches Programm an mit Kursen aus den Bereichen Figurenbau und -spiel, Figurentheater in Pädagogik und Therapie, Stimme, Schauspiel, Clown, Märchenerzählen, Malen/Zeichnen, Bildhauerei, Radierung, Instrumentenbau, Zaubern, Schneidern etc. Ein 14-wöchiger Orientierungskurs Figurentheater findet vom 8.4. bis 12.7.2013 statt. Alle Informationen sind unter Telefon (02 34) 28 40 80 und im Internet unter www.figurentheater-kolleg.de zu erhalten.

Lars Schmoll

Mündliche Prüfungen

Gelingensbedingungen für gute Prüfungsgespräche

Von mündlichen Prüfungen hängt – zumindest für die Prüflinge – oft viel ab. Aber auch die Prüfer(innen) freuen sich in der Regel über eine gelungene Prüfung. Selten gibt es genug Zeit, über die Bedingungen für das Gelingen von mündlichen Prüfungen nachzudenken. Nicht immer gelingt es herauszufinden, was ich als Prüfer hätte besser machen können. Der Beitrag gibt einen Einblick in Kriterien für gute Prüfungen, in typische Fehler und in Anregungen für das Gelingen von mündlichen Prüfungen.

Was wissen wir über Jugend? – 2. Folge

Klaus Hurrelmann

Jugend und Werte

Die Wertorientierung der jungen Generation in Deutschland

Die zweite Folge der neuen Serie fragt nach der Wertorientierung der jungen Generation in Deutschland. Was sind die dominierenden Einstellungen und Meinungen? Was ist Jugendlichen wichtig, was wollen sie erreichen? Der Beitrag stellt die wesentlichen Ergebnisse der aktuellen Studien vor und fragt, welche Bedeutung sie für pädagogisches Handeln und für bildungspolitische Strategien haben. Eine Übersicht, die angesichts der Unübersichtlichkeit aktueller Verhältnisse immer wichtiger wird, wenn wir Schülerinnen und Schüler verstehen wollen.

Offenes Lehrerzimmer?

PRO: Cornelia Scherer CONTRA: Christine Schneider Die Frage der Zugänglichkeit des Lehrerzimmers für Schülerinnen und Schüler kann ein Kollegium spalten. Unversöhnlich stehen Argumente für das Recht auf ungestörte Nutzung der Freistunden und auf die Notwendigkeit von Rückzugsmöglichkeiten gegen Argumente, die eine Öffnung des Lehrerzimmers wollen und für die Nutzung von Freistunden und Rückzugsmöglichkeiten an anderen Orten plädieren. Die Transparenz der Beweggründe kann helfen, Gräben zu überwinden.

Udo Käser/Elisabeth Sticker

Lehrergesundheit und Burnout

Das Bemühen um Gesundheit hat inzwischen einen hohen Stellenwert in der Diskussion über den Lehrerberuf. Was wissen wir über die Risiken des Lehrerarbeitsplatzes, die Folgen von Engagement und die Möglichkeiten zur Prävention und Intervention bei drohendem Burnout?

Was kann der Einzelne tun, was die Schule und was die Bildungspolitik? Sechs Publikationen geben einen Einblick in gesundheitliche Gefährdungen des Lehrerberufs und vor allem in Möglichkeiten des Gegensteuerns.

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